Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Tschernobyl

Bild: shutterstock.com

Die grosse Vertuschung: Streng geheime Tschernobyl-Dokumente veröffentlicht

Dokumente aus den innersten Zirkeln der sowjetischen Machtzentrale geben einen Einblick, wie der Kreml die Reaktorkatastrophe vertuschen wollte – und warum die USA das «PR-Fiasko» nicht ausnutzen wollten.

Jonas Mueller-Töwe / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Als im Mai 1986 nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl die Opferzahlen steigen, steigen offiziell auch die Zahlen jener, die angeblich unversehrt die Krankenhäuser verlassen können.

Wie aus Dokumenten hervorgeht, die das «National Security Archive» nun zugänglich macht, liegt das an einem Trick des sowjetischen Gesundheitsministeriums: Der als kritisch erachtete Grenzwert für radioaktive Strahlung, der eine Person maximal ausgesetzt sein darf, wird schlicht um ein Vielfaches heraufgesetzt. Zehn- bis Fünfzigfach so hoch wie zuvor darf die Dosis fortan sein.

Es ist nur eine von vielen Verschleierungstaktiken.

«Was wird aus meiner Familie werden?»

«Der Kreml unternahm grosse Anstrengungen, das Ausmass das Strahlungsdebakel zu verdecken», schreibt die Journalistin Alla Yaroshinskaya in einem Essay zur Veröffentlichung der Dokumente.

Yaroshinskaya hatte Teile der Dokumente bereits im Jahr 1991 in ihren Besitz gebracht – noch während des schleichenden Zusammenbruchs der Sowjetunion.

Nicht ohne Sorgen. «In diesem Land ist alles so unbeständig», schreibt sie über ihre Gefühle damals. «Und wenn die Kommunisten morgen wieder an die Macht gelangen, was wird aus meiner Familie werden?»

Im Folgenden sei ihr aber klar geworden, dass die Täuschung über die Katastrophe in Tschernobyl ebenso gewaltig wie das Reaktorunglück selbst war. In diesem Bemühen schreckten einige Akteure auch vor der Gefährdung von Menschenleben nicht zurück – beispielsweise indem sie keine zwei Monate nach der Kernschmelze die «Re-Evakuierung» in die Nähe der Gefahrenzone anordnete. Auch von Schwangeren und Kindern.

So sieht es momentan in Tschernobyl aus

Kontaminiertes Fleisch für Würstchen

Ein geheimes Zusatzprotokoll des Politbüros empfahl später sogar die Verarbeitung kontaminierten Fleischs in Würstchen und Konserven.

Laut Yaroshinskaya brachten die 47'500 in den kontaminierten Zonen produzierten Tonnen Fleisch und Milch bis 1989 insgesamt 75 Millionen Menschen in Gefahr. Dabei beruft sie sich auf spätere Angaben der sowjetischen Generalstaatsanwaltschaft von 1991.

Wie rigoros das Regime zu verhindern versuchte, dass Informationen über das wahre Ausmass der Katastrophe Verbreitung finden, zeigt ein Dokument der ukrainischen KGB-Sektion.

Demnach spähte der Dienst verdeckt die Diskussionen internationaler Studenten über die Explosion in Tschernobyl aus. Die Informanten wurden anschliessend angewiesen, diejenigen zu identifizieren und zu lokalisieren, die die vermeintlichen Gerüchte verbreiteten.

USA spricht von «PR-Fiasko»

Stoppen konnten jedoch auch die Geheimdienste nicht, dass immer mehr Informationen ans Licht kamen. Hunderttausende Menschen wurden evakuiert, Zehntausende in Krankenhäusern behandelt. Das blieb nicht verborgen.

Ausländische Nachrichtensender berichteten intensiv über das Unglück – und wurden auch in der Sowjetunion empfangen. Wieso nutzte der Westen nicht das auf der Höhe des Kalten Krieges nicht exzessiv aus?

Soviet Secretary General Mikhail Gorbachev points out during his news conference in Moscow, Wednesday, June 1, 1988 after and U.S. President Ronald Reagan signed the agreement banning intermediate range weapon. (AP Photo/Boris Yurchenko)

Michail Gorbatschow 1988 in Moskau. Bild: AP

Der Sicherheitsberater der US-Regierung, John Matlock, war sich der Möglichkeit bewusst, das «PR-Fiasko» der sowjetischen Führung zu instrumentalisieren, wie aus einem Dokument hervorgeht.

Er fürchtete allerdings um die Meinung in Europa – und darum, dass sich Sowjetführer Michail Gorbatschow durch ein allzu offensives Vorgehen in die Ecke gedrängt fühlen könnte.

Vermutlich lag er richtig. Laut Dokumenten gab es im Politbüro bereits im Juli 1986 hitzige Diskussionen: Das sowjetische System solle durch die Fehler bei der Bewältigung der Katastrophe weder bei der Bevölkerung noch im Westen in Misskredit geraten.

Drei Jahre lang galt deswegen eine Zensur – entgegen der von Gorbatschow in den Dokumenten vertretenen Position, man solle alle Informationen offenlegen. Nun sind die Dokumente erstmals auch auf Englisch verfügbar.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Tschernobyl, Fukushima und Co.: Die 15 teuersten Störfälle in AKWs

Der Tourismus in Tschernobyl floriert

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

35 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
BigDaddy
19.08.2019 19:24registriert June 2018
Ziemlich kurzer Artikel für einen so reisserischen Titel.
Hier kann man wirklich mehr Details erwarten.
4033
Melden
Zum Kommentar
Opa
19.08.2019 21:30registriert January 2019
"Wieso nutzte der Westen nicht das auf der Höhe des Kalten Krieges nicht exzessiv aus?"
Abgesehen von der doch recht abenteuerlichen Grammatik ist der Satz auch inhaltlich falsch: Der kalte Krieg war in den sechzigern auf seiner Höhe und in den achzigern bereits fast abgeklungen.
725
Melden
Zum Kommentar
35

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

Die Verbindungen Zürichs zur Sklavenwirtschaft waren «vorhanden, vielfältig und relevant», wie Frank Schubert, Mitautor einer Studie der Universität Zürich, am Dienstag vor den Medien sagte.

Diese Verbindungen waren Ausdruck einer Tradition einer langen …

Artikel lesen
Link zum Artikel