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Der sogenannte Manhattan Purchase: Der Niederländer Peter Minuit erwarb die Halbinsel 1626 von den Ureinwohnern zum Spottpreis.
Der sogenannte Manhattan Purchase: Der Niederländer Peter Minuit erwarb die Halbinsel 1626 von den Ureinwohnern zum Spottpreis.Bild: Alfred Fredericks - Popular Science Monthly Volume 75/Brittanica, Public Domain

Wie ein Aphrodisiakum zur Gründung New Yorks führte

New York gilt als ur-amerikanisch. Doch so ganz stimmt das nicht, denn die Niederländer waren zuerst da. Auf der Suche nach einem Stoff, der dem Liebesleben auf die Sprünge helfen sollte.
29.11.2021, 13:44
Angelika Franz / t-online
Ein Artikel von
t-online

Der erste Europäer in New York war nur auf der Durchreise. Lediglich eine Nordwestpassage nach Asien wollte der italienische Entdecker Giovanni da Verrazzano finden, wie Christopher Columbus es bereits vor ihm versucht hatte. Er ankerte im Jahr 1524 zwischen Long Island und Staten Island , gab dem Küstenabschnitt den Namen New Angoulême – nach seinem Auftraggeber, dem französischen König Franz I. aus dem Haus Valois-Angoulême – und segelte wieder von dannen.

Die Passage nach Asien sollte er nie finden. Vier Jahre später wurde Verrazzano angeblich auf der Insel Guadeloupe vor den Augen seiner Mannschaft von Kannibalen verspeist. Fast ein Jahrhundert schlummerte New Angoulême friedlich vor sich hin, bis 1609 die Segel des Engländers Henry Hudson am Horizont auftauchten.

Die Engländer verfuhren sich

Eine Nordwestpassage war immer noch nicht gefunden und Hudson suchte sie im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Er schenkte der Landschaft deutlich mehr Aufmerksamkeit als sein Vorgänger und inspizierte die Halbinsel, der die freundlichen Einheimischen Lenni Lenape den Namen Manahatta gegeben hatten, sowie den Fluss, den sie Mohicanituk nannten, Fluss der in beide Richtungen fliesst.

Anfänge einer Millionenstadt: So sah Manhattan im 17. Jahrhundert aus.
Anfänge einer Millionenstadt: So sah Manhattan im 17. Jahrhundert aus.Bild: Jollain, Gérard, Public domain, via Wikimedia Commons

«Ein sehr guter Hafen für alle Winde», notierte Hudson in seinem Logbuch. Die Luft duftete süss und lieblich, die fruchtbare Halbinsel war von über 100 Kilometern verschiedener Flussläufe durchzogen, 21 Süss- und Salzwasserseen sprenkelten die Landschaft. Doch auch Hudson zog weiter auf seiner Suche und erlitt ebenfalls einen unschönen Tod, als ihn seine Mannschaft 1611 während einer Meuterei in einem kleinen Holzboot dem eisigen Wasser überliess. Er starb, ohne zu ahnen, dass sowohl die riesige Bucht, in der sein Leben endete, wie auch der Mohicanituk einst seinen Namen tragen würden.

Hudsons Beschreibung des lieblichen Küstenabschnitts fand im politisch und religiös aufgeheizten Europa aufmerksame Leser. Für eine Gruppe von radikalen Puritanern, die später als die Pilgerväter in die amerikanische Geschichte eingehen sollten, klang die Schilderung so verlockend, dass sie in jenem paradiesischen Landstrich ein neues Leben beginnen wollten. Allerdings verschätzten sie sich um rund 400 Kilometer und ankerten ihr Schiff, die «Mayflower», vor Cape Cod .

Stattdessen kamen die Holländer – angezogen vom Geruch des Castoreums, einem stinkenden Sekret, das der Biber in zwei beutelförmigen Taschen unterhalb des Schambeins produziert. Dem auch Bibergeil genannten Stoff wurden nicht nur medizinische Qualitäten, sondern auch eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt, weshalb seit dem späten Mittelalter die europäischen Biberbestände bereits drastisch reduziert waren.

Ein Eiland zum Spottpreis

Auch die Pelze der Dämme bauenden Tiere waren äusserst beliebt: Die europäische High Society trug im 17. Jahrhundert bevorzugt Kastorhüte aus gefilztem Biberhaar. Ein reger Handel mit Biberpelzen entstand zwischen den Ureinwohnern Manahattans und der Niederländischen Ostindien-Kompanie. 1626 kaufte ihr Vertreter Peter Minuit den Lenni Lenape Manahatta schliesslich ab – für billige Geschenke im lächerlichen Wert von 60 Gulden.

So zumindest erzählen es sich die heutigen New Yorker. Der Vertrag beinhaltete allerdings eher Teilungsabsichten denn Besitz, den die Lenni Lenape gar nicht für sich beanspruchten. Noch heute jedenfalls zeigt das Siegel der Stadt einen holländischen Siedler und einen Lenni Lenape in friedlicher Eintracht – zwischen den beiden prangen Biber, Mehlfässer und die Flügel einer Windmühle.

1936: Von einer kleinen Siedlung entwickelte sich Manhattan zur einer Ansammlung von Wolkenkratzern
1936: Von einer kleinen Siedlung entwickelte sich Manhattan zur einer Ansammlung von Wolkenkratzern

In den folgenden Jahren entwickelte der kleine Handelsposten für Biberfelle ein quirliges Eigenleben. Anders als in den puritanisch geprägten Siedlungen der Engländer konnte hier jeder frei seine Vorstellungen ausleben – was ein entsprechendes Klientel anzog. Als im Jahr 1643 ein Jesuitenpriester zu Besuch kam, hörte er unter den knapp 500 Einwohnern 18 verschiedene Sprachen.

Zu keinem Zeitpunkt waren mehr als die Hälfte der Nieuw Amsterdamer tatsächlich Niederländer. In den Tavernen der Stadt speisten und tranken diese gemeinsam mit Deutschen, Engländern, Afrikanern, Skandinaviern, Franzosen und Juden. Die Nieuw Amsterdamer waren so tolerant, dass sie selbst Paare wie den niederländisch-marokkanischen Piraent Anthony van Salee und seine Geliebte Griet Reyniers, die bekannteste Prostituierte der Stadt, willkommen hiessen.

Piraten wurden ehrbare Bürger

Die beiden heirateten, bekamen vier Kinder und wurden zu angesehenen Bürgern. Bald schon bevölkerte die bunt gemischte Gesellschaft nicht mehr nur das befestigte Fort Amsterdam und die unmittelbare Umgebung, sondern auch Lang Eylant, Breuckelen, Haarlem und Staten Eylant.

Unbemerkt von den Puritanern in den englischen Siedlungen begannen die Holländer, der amerikanischen Kultur ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Sie sorgten dafür, dass Pannekoeken ebenso unverzichtbar auf den Speisekarten Nordamerikas wurden wie Koolsla, Krautsalat in Mayonaise. Und zu Weihnachten war es bald überall der holländische Sinterklaas, der die Geschenke brachte.

New York im September 2021.
New York im September 2021.Bild: keystone

Doch der Frieden sollte nicht lange währen. 1652 brach Krieg zwischen England und den Niederlanden aus. Die Bewohner Nieuw Amsterdams ahnten, was kommen würde. Und machten sich daran, die Stadt zu befestigen. Längst war das kleine Fort an der Spitze Manahattas zu klein geworden, um allen Bürgern Sicherheit zu gewähren. Sie begannen, quer über die schmale Halbinsel einen Wall zu ziehen, der die Stadt gegen Angreifer aus dem Norden schützen sollte.

2.7 Meter hoch und 710 Meter lang zogen sie das Bauwerk aus Erde und Holzplanken von einem Ufer zum anderen. Alle mussten mitarbeiten, Bürger schwitzten neben ihren Sklaven. Am Ende sollte es den Bewohnern der Stadt nichts nützen. Die Engländer kamen nicht über Land aus dem Norden, sondern mit Schiffen aus dem Süden. Nur der Name ist geblieben. Die Strasse, die einst hinter der Verteidigungsanlage verlief, heisst bis heute Wall Street.

Gewürze für die Niederländer

Blut wurde nicht vergossen, als die Engländer die Stadt 1664 einnahmen. Im Gegenzug für die widerstandslose Übergabe verschonten die Engländer ihre Bewohner. Man arrangierte sich. Als beide Mächte 1667 den Friedensvertrag von Breda unterzeichneten und die Niederländer Niuew Amsterdam gegen die Herrschaft über die Molukken eintauschten, war niemand traurig. Die Engländer hatten nun die Kontrolle über die gesamte Ostküste, die Holländer Inseln, auf denen kostbare Muskatnüsse und Gewürznelken wuchsen.

Nur einen neuen Namen brauchte es jetzt noch für die quirlige Stadt am Hudson River. Die Engländer benannten sie nach James II., dem Bruder ihres Königs, der als Zweitgeborener den Titel Duke of York trug. Aus Niuew Amsterdam wurde New York. Die weltoffene, tolerante Atmosphäre aber blieb der Stadt erhalten.

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