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epa08323075 People walk through a nearly empty Times Square in New York, USA, 25 March 2020. A statewide shut down of all non-essential businesses and a ban on all non-solitary outside activities is currently in place to stop the spread of coronavirus and COVID-19.  EPA/JUSTIN LANE

Fast menschenleer: Der sonst so überfüllte Times Square in New York. Bild: EPA

Metropole in stiller Krise: Was macht die Pandemie aus New York?



Dieser Tage nimmt man das Fahrrad nach Manhattan. Die U-Bahn fährt noch, aber das Risiko ist zu hoch. Dutzende Mitarbeiter der New Yorker Verkehrsbetriebe sind schon gestorben. Der Weg führt also über die Queensboro Bridge nach Midtown. Über der Park Avenue erhebt sich das berühmte Met-Life-Gebäude, vor dem über Hunderte Meter weit alle Ampeln rot sind - man kann sie eigentlich ignorieren, Autos fahren eh nicht mehr viele.

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epa08364951 A man in a mask crosses 6th avenue in New York, New York, USA, 15 April 2020. New York Governor announced plans to issue an executive order that will require everyone to wear a mask or face covering while in public. Restrictions requiring the shut down of all non-essential businesses are still in place around the United States to stop the spread of the highly-contagious coronavirus which are having massive economic implications. Politicians and public health officials are begining to suggest plans for lifting some rules in an effort to get parts of the economy going again; many health officials are worried this will lead to another spike in COVID-19 cases.  EPA/JUSTIN LANE

Traffic = 0: Auf der 6th Avenue ist nichts los. Bild: EPA

New York. Sehnsuchtsort und Symbol für so vieles, aber sicher nicht für die Stimmung einer deutschen Kleinstadt am Feiertag. In der Nähe des verwaisten Times Square kann die wild flackernde Leuchtreklame das beklemmende Gefühl im Bauch nicht vertreiben. Man fragt sich: «Wann ist das vorbei?». Und: «Wird New York auch New York bleiben?»

«Danke an die, die für unsere Leben kämpfen», steht auf einer der überdimensionierten Anzeigetafeln, die den Times Square in der Nacht auch jetzt noch taghell erleuchten. Respekt für die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die täglich Hunderte für tot erklären müssen.

Die erschütternden Zahlen verkündet Gouverneur Andrew Cuomo in den morgendlichen Pressekonferenzen mit fester Stimme. Viele New Yorker schauen sie im Fernsehen, auf der Suche nach Halt. «Er ist einer der wenigen Leute, denen ich vertraue, dass alles gut wird, wenn wir die Massnahmen befolgen», sagt die Architektin Catherine Wilmes, die aus ihrem Homeoffice in Brooklyn schaut. Auch der Hipster-Hotspot Williamsburg in Brooklyn ist zurzeit wie ausgestorben.

FILE - In this March 13, 2020, file photo New York Gov. Andrew Cuomo speaks during a news conference at a COVID-19 coronavirus infection testing facility at Glen Island Park, in New Rochelle, N.Y.  (AP Photo/John Minchillo, File)
Andrew Cuomo

Jeden Morgen informiert Gouverneur Andrew Cuomo über die neuen Zahlen. Bild: AP

Cuomo vergleicht die Opferzahlen immer wieder mit dem dunkelsten Tag der neueren New Yorker Geschichte. «Der Staat New York hat am 11. September 2753 Menschen am World Trade Center verloren», steht dann auf einem Bildschirm. Darunter die Opferzahl der gegenwärtigen Katastrophe: bislang mehr als 10 000. Gerade wurde US-weit ein neuer, erschütternder Rekord aufgestellt: Knapp 2500 Tote an nur einem Tag.

Doch der Vergleich mit den Terroranschlägen und die US-Kriegsrhetorik scheinen nicht recht zu passen zur Stimmung in New York. Am 11. September 2001 brachten Dschihadisten den Terror mit einem ungeheuren Schlag auf die Strassen des Zentrums der freien Welt. Dort, wo heute der Radfahrer recht einsam an einer Gedenkstätte vorbeirollt. Im Frühjahr 2020 frass das Virus sich dagegen unbemerkt durch das dicht besiedelte New York. Keine Panik, keine Schreie, keine Trümmer.

ZUM 15. JAHRESTAG DER TERRORANSCHLAEGE AUF DAS WORLD TRADE CENTER UND DAS PENTAGON AM SONNTAG, 11. SEPTEMBER 2016, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – [Serie Bild 13/17] The date of the terrorist attacks on the World Trade Center is shown on a calendar covered in ash on a counter at the Chase Manhattan bank on Broadway Thursday, September 20, 2001, about a block from the World Trade Center site in New York, USA. The bank has not opened since the attack last week. (KEYSTONE/AP Photo/David Karp)

9/11: Eine Tragödie, die die Welt nicht vergessen wird. Bild: AP

Die Dramen der Pandemie spielen sich hinter den Fassaden der Kliniken ab. Es ist eine weitgehend stille Krise, die New York dieser Tage in Atem hält. Vermutlich sind es deshalb Bilder wie die von aufgereihten Kühllastern zum Abtransport der Leichen oder den Massengräbern auf Hart Island vor der Bronx, die Schockwellen in die Welt schicken. Sie machen das Ausmass dessen, was da gerade aus den Fugen geraten ist, für einen Moment greifbar.

epaselect epa08362590 Paramedics bring a patient into the emergency room at Elmhurst Hospital Center in Queens, New York, USA, on 14 April 2020. The number of confirmed COVID-19 patients continues to rise in the United States as countries around the world try to deal with the coronavirus outbreak.  EPA/JUSTIN LANE

Der Kampf im Hintergrund: New Yorks Spitäler sind am Limit. Bild: EPA

Catharina Nickel ist eine von mehr als acht Millionen Menschen in der Stadt, deren Leben sich quasi über Nacht verändert hat. Eigentlich wohnt die Deutsche in Brooklyn, ist aber vor Beginn der Ausgangssperren bei einer Freundin in Harlem eingezogen. Hier, im wirtschaftlich schwächeren Norden Manhattans, zeigt sich auch, wie unterschiedlich die sozialen Schichten mit dem Virus umgehen.

«Hier hat man schon das Gefühl, dass viele Leute eine Verweigerungshaltung haben», erzählt die 34-jährige UN-Angestellte. Noch immer stünden Menschen in Gruppen und ohne Mundschutz zusammen. Demgegenüber haben sich die Wohlhabenden etwa aus der Upper East Side schon lange in ihre Sommerhäuser auf Long Island abgesetzt.

Durch die leereren Strassen in Harlem hat sich nicht zuletzt auch Nickels Sicherheitsgefühl verändert. Im Dunkeln wäre sie jetzt nicht mehr gerne draussen, obwohl New York ihr sonst nie gefährlich erschienen sei. «Das, finde ich, hat sich jetzt ein bisschen geändert.» Sie hatte drüber nachgedacht, zwischenzeitlich nach Köln zu fliegen, aber das macht bei allen Reisebeschränkungen keinen Sinn. Als Deutscher im Ausland merkt man in diesen Tagen das erste Mal wirklich, wie weit man doch von der Heimat weg ist.

Mehr als drei Wochen nach Beginn der «Pause» stabilisieren sich die Zahlen der neu Infizierten in New York langsam. Eine andere Facette der Krise aber wiegt jeden Tag schwerer. Hunderttausende können die astronomischen Mieten ohne Arbeit nicht mehr zahlen, denn das Budget ist bei New Yorkern traditionell auf Kante genäht. Auch Zehntausende Läden und Restaurants kämpfen ums Überleben. Die Tour führt immer wieder an mit Brettern vernagelten Fenstern vorbei.

epa08302281 A man walks by a closed restaurant in New York, New York, USA, 17 March 2020. New York, as with most cities around the United States and the world, are trying to mitigate the spread of the COVID-19 coronavirus by forcing people to not congregate in groups by closing schools, restaurants and bars.  EPA/Alba Vigaray

Die Restaurants in New York sind geschlossen. Bild: EPA

«Geschäft? Von welchem Geschäft redest Du?», fragt die Mitarbeiterin in einem Waschsalon, als man ihr den vollen Wäschesack auf die Waage stellt. Mehr als zehn Kilo, schliesslich soll man so selten in die Läden wie möglich - auch, wenn man wie so viele New Yorker keine Waschmaschine besitzt. Die Frau hinter dem Schalter sagt überraschend gut gelaunt, das mache sich auch bei der Hygiene ihrer Kunden bemerkbar. Die sollten sich nicht nur immer die Hände waschen: «Hände und Arsch, das gehört zusammen!», ruft sie und lacht dreckig.

Die Wirtschaft muss wieder in Gang kommen - wenn auch nur schrittweise -, da sind sich im so tief gespaltenen Amerika ausnahmsweise mal alle einig. Aber kann New York wieder so werden, wie es einmal war? «Nein», befürchten Pessimisten. «Nein, es wird noch viel besser», sagen die Optimisten. Schliesslich ging die stolze Stadt immer wieder gestärkt aus Krisen hervor, ob nun aus der grossen Depression Ende der 1920er Jahre oder dem 11. September.

Hoffnung gibt es entlang des Weges genug. Nicht nur, wenn man von fast überall das Empire State Building sehen kann, das - angestrahlt wie ein schlagendes Herz - den Puls der Metropole aufrechterhält. Sondern auch, wenn nach 19 Uhr der tägliche Applaus für die Arbeiter in der Stadt verstummt ist, Broadway-Star Brian Stokes Mitchell an sein Fenster in der Upper West Side tritt, um «The Impossible Dream» von Andy Williams zu schmettern.

FILE - This Sept. 27, 2016 file photo shows Brian Stokes Mitchell at the Los Angeles Philharmonic's Walt Disney Concert Hall Opening Night Concert and Gala in Los Angeles. Tony Award-winner Brian Stokes Mitchell has tested positive for COVID-19. The actor and chairman of the board of The Actors Fund announced the news of his diagnosis in a Twitter video, reassuring fans that he was already beginning to feel better. He says his wife and son don't have symptoms. (Photo by Chris Pizzello/Invision/AP, File)
Megan Hilty,Brian Stokes Mitchell

Broadway-Star Brian Stokes Mitchell Bild: AP

Auch Mitchell hatte Covid-19, doch er ist wieder gesund geworden. Die Stadt werde wieder auf die Beine kommen, glaubt auch Catharina Nickel: «New York und die New Yorker Seele werden sich davon wieder erholen, da bin ich mir ziemlich sicher.» (cki/sda/dpa)

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 17.04.2020 02:00
    Highlight Highlight Unglaublich, dass es so Spinner gibt, die sich die Zeit vor "Corona" so sehnlich zurückwünschen.

    Es ist Zeit für eine neue Ära. Und Zeit, eine andere Richtung einzuschlagen.

    #wenigeristmehr
    • Ludwig van 17.04.2020 09:21
      Highlight Highlight Und irgendwann ist der Staat pleite und streicht die Sozialhilfe. Es soll ja tatsächlich Leute geben die wieder zur Arbeit wollen und langsam Müde davon sind den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen. Viele haben ein eingeschränktes Sozialleben und würden gerne mal wieder mit Freunden ein Bier trinken.

      Geniess die Krise solange du kannst, denn das normale Leben wird früher oder später zurückkommen und die meisten freuen sich darauf. #mehristmehr
    • MarGo 17.04.2020 11:13
      Highlight Highlight @Ludwig van
      warum so eine lineare Denkweise? Wenn wir unser System anpassen - was zwangsläufig so kommen muss, denn an alle, die es vergessen haben sollten, die Klimakrise ist nicht überstanden, wir haben noch nicht mal angefangen sie zu bekämpfen - werden wir auch die "Sicherheitsnetze" neu spannen müssen... #wenigeristdefinitivmehr
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 17.04.2020 13:14
      Highlight Highlight Wie das die Leute wohl zu Zeiten Beethovens nur überlebt haben, so ganz ohne TV, Internet, Whatsapp und off- wie online Supermärkten. Wahrscheilich gar nicht... 🙄
  • Erklärbart. 16.04.2020 20:57
    Highlight Highlight Ich fliege alle 2 Jahre nach New York - 8 Tage entdecken (meistens zu Fuss oder mit dem Velo) und neue Restaurants probieren. 2 Tage Garderobe erneuern (shoppen).

    Kann es kaum erwarten, wieder nach New York zu fliegen und die Stadt wieder neu entdecken (zum 6. Mal).
    • Lioness 17.04.2020 01:32
      Highlight Highlight New York ist meine liebste Stadt im Ausland. An jeder Ecke entdeckt man eine andere Welt. Es ist wie ein Vergnügungspark. New York rappelt sich immer wieder auf. <3 NYC
    • Ludwig van 17.04.2020 09:24
      Highlight Highlight New York ist absolute spitze. Kaum eine Stadt ist so vielfältig. Hier leben Kulturen aus der ganzen Welt. Das Essen, die Theater, die Clubs sind top. Jeden Tag zahllose Event.

      So und jetzt los mit den Blitzen ihr Neider! :D

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