Frutigen und die giftigen Zündhölzer
Es war eine grosse Erleichterung des Alltags, als in den 1830er-Jahren «chemische» Zündhölzchen in den Handel kamen; das mühsame Hantieren mit Feuerstein und Zunder fand ein Ende. Einer der Pioniere war Jakob Friedrich Kammerer, ein deutscher Flüchtling, der 1839 in Zürich-Riesbach die erste Fabrik für «Phosphorhölzchen» in der Schweiz einrichtete.
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Die Zündhölzchen fanden guten Absatz und ihre Fabrikation verbreitete sich rasch. Es war eine Industrie, die wenig handwerkliches Geschick voraussetzte; allerdings war der Umgang mit giftigen Substanzen heikel und gefährdete die Gesundheit. Zündhölzchenfabriken entstanden deshalb vor allem in armen ländlichen Gebieten, wo es kaum andere Arbeitsmöglichkeiten gab und wo die verdienstlosen Armen zu jeder, auch gefährlicher Arbeit bereit waren. Zum Schwerpunkt der Zündhölzchenfabrikation entwickelte sich die Gegend um Frutigen; hier war die Armut weitverbreitet.
Ende 1850 liessen drei wohlhabende Männer die erste Fabrik in Frutigen errichten, mit dem Ziel, den Armen einen Verdienst zu geben. Dementsprechend fanden sie Unterstützung bei den Armenbehörden. Die Fabrik florierte. Schon nach dem ersten Betriebsjahr berichtete der Regierungsstatthalter von Frutigen: «Es sind bei 80 à 100 Arbeiter, Erwachsene und Kinder der ärmsten Classe darin beschäftigt. Täglich werden 8 bis 12'000 Schächtelchen verfertigt.» Von Anfang an arbeiteten also viele Kinder in der Fabrik.
Die wenigen Arbeitsschritte zur Herstellung der Zündhölzchen waren einfach. Sie begannen mit dem «Einlegen» der rohen Hölzchen in Rahmen. So konnten um die 3000 Hölzchen zusammen weiterverarbeitet werden. Es folgte das Tunken der Spitzen in die Zündmasse, bestehend aus gelbem Phosphor, Kaliumnitrat, Kreide, Leim, einem Farbstoff und Wasser. Dieser Schritt war einem Spezialisten, dem «Tunker» vorbehalten. Nach dem Trocknen wurden die Hölzchen aus den Rahmen genommen und in kleine Spanschachteln verpackt.
Vorbereitende Arbeiten umfassten das Zuschneiden der Hölzchen sowie das Herstellen der Spanschächtelchen (frutigdeutsch das «Trückle»). Hölzchen wie Schächtelchen wurden aus dem einheimischen Tannenholz gefertigt. Diese Arbeiten wurden anfänglich in den Fabriken ausgeführt, dann zunehmend in Heimarbeit.
Für die meisten Arbeiten waren flinke Kinderhände gut geeignet, Kinder als Arbeitskräfte deshalb willkommen. Viele arme Familien schickten ihre Kinder bereits im Alter von vier, fünf oder sechs Jahren in die Fabrik. Im Jahr 1865 verbot der Kanton Bern die Arbeit in den Zündhölzchenfabriken für unter Siebenjährige. 1878 legte das neue schweizerische Fabrikgesetz das Mindestalter für Fabrikarbeit auf 14 Jahre.
Der Erfolg der ersten Frutiger Zündhölzchenfabrik weckte Nachahmer; bis 1881 gab es nicht weniger als 22 Neugründungen im Tal. Nach wenigen Jahre deckten die Frutiger Fabriken rund die Hälfte des gesamtschweizerischen Bedarfs.
Leider zeigte sich im Frutigland eine Fehlentwicklung: Statt wenige grosse gab es viele kleine Fabriken mit 5, 10, höchstens 20 Beschäftigten. Diese neuen Fabriken waren zum grössten Teil unterfinanziert. Die Folgen waren Konkurse, temporäre Schliessungen und ein ruinöser Preiskampf. Noch gravierender war, dass die kleinen Fabriken schlecht eingerichtet und kaum belüftet waren. In russigen, stinkigen, finsteren und schmutzigen Lokalen arbeiteten die Frauen, Männer und Kinder 10, 12 und mehr Stunden pro Tag. Sie nahmen sogar ihre Mahlzeiten in den Fabriken ein, Waschgelegenheiten gab es kaum.
Die Löhne waren tief; die Armen blieben arm. Nach überlieferten Berichten war die Arbeiterschaft in den Zündhölzchenfabriken generell kränklich und schlecht ernährt und die persönliche Hygiene und Reinlichkeit mangelhaft. Wohl versuchten die Behörden mit der Zeit Verbesserungen zu erreichen. Bauliche Vorschriften liessen sich aber nur schwer durchsetzen, weil die meisten Fabrikanten mittellos waren; und Verhaltensvorschriften wurden aus Einsichtslosigkeit kaum befolgt.
Berufskrankheit Nekrose
Eine besonders schlimme Folge der Arbeit in den frühen Zündhölzchenfabriken war die «Phosphornekrose». Den daran Erkrankten vereiterten und verfaulten die Kieferknochen. Es gibt Berichte, wonach sich Kranke abgestorbene Knochenstücke selbst herauszogen. Meistens gingen sie aber ins Spital. Ohne Operation, das heisst Entfernung der zerstörten Knochen, schritt die Nekrose fort, griff auf die Schädelknochen über und führte zum Tod. Im Fall einer Heilung waren Entstellung und Unvermögen zu kauen die bleibenden Folgen der Krankheit.
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Die Ursache der Nekrose wurde schon früh erkannt: Phosphordämpfe drangen durch schadhafte Zähne in den Unter- oder Oberkiefer und lösten die Krankheit aus. Deshalb wurde verlangt, in Zündhölzchenfabriken nur Leute mit guten Zähnen beschäftigen. Diese Vorschrift blieb illusorisch, weil es damals kaum Leute mit intakten Zähnen gab. Jedenfalls nicht unter den Armen – und andere machten diese Arbeit nicht.
Im Auftrag des Bundesrates untersuchte der Berner Professor Theodor Kocher die Nekrose anhand vieler Fälle im Frutigland. Zwischen 1850 und 1900 dokumentierten Kocher und lokale Ärzte mehr als 100 Nekrosefälle. Pro Jahr traten also durchschnittlich mehr als zwei Fälle auf. Bei etwa 200 Leuten, die in den Frutiger Zündhölzchenfabriken arbeiteten, betrug die Wahrscheinlichkeit an Nekrose zu erkranken also über ein Prozent – pro Jahr. Das heisst, in 10 Jahren Fabrikarbeit betrug die Wahrscheinlichkeit zu erkranken über 10 Prozent. Manchmal brach eine Nekrose schon nach wenigen Monaten aus, manchmal erst nach vielen Jahren.
Bei Rudolf Schmid aus Frutigen dauerte es 15 Jahre. Seit seinem neunten Lebensjahr arbeitete er in einer Zündhölzchenfabrik. Mit 24 Jahren wurde er 1876 im Inselspital in Bern operiert. Etwa ein halbes Jahr vorher war ihm unwohl, dann schwoll sein linker Unterkiefer an, Schmerzen traten auf und es gab einen Eiterdurchbruch. Wegen Nekrose musste ihm die linke Hälfte des Unterkiefers entfernt werden. Er erholte sich gut war und war nur leicht entstellt, konnte aber nur noch weiche Speisen zu sich nehmen.
Der Kampf gegen die Nekrose dauerte lang. Die Versuche, die hygienischen Verhältnisse zu verbessern, fruchteten nicht. Unter den Fabrikinspektoren und anderen Fachleuten setzte sich die Einsicht durch, dass nur ein Verbot der Phosphorhölzchen das Problem lösen kann. Dementsprechend verlagerte sich die «Zündhölzchenfrage» in das Bundesparlament. Von etwa 1875 bis gegen 1900 waren die Verhältnisse in Frutigen, dem Zentrum dieser Industrie, immer wiederkehrendes Thema der Ratsdebatten.
Ein erster Beschluss im Jahr 1879 verbot die Phosphorhölzchen auf den 1. Januar 1881. Das Verbot wurde zwei Jahre später wieder aufgehoben – vor allem auf Drängen aus Frutigen. Das Elend ging weiter. Ein staatliches Zündhölzchenmonopol zu errichten, scheiterte 1895 in einer Volksabstimmung.
Nationalrat Bühler aus Frutigen traf die Verhältnisse in der Frutiger Zündholzindustrie mit seinem Votum vom April 1894:
Nun war die Zeit für ein Verbot doch reif. Mit einem Bundesgesetz wurde der gelbe Phosphor auf den 1. Juli 1900 endlich verboten. Von da an gab es keinen einzigen neuen Fall von Phosphornekrose mehr.
In Frutigen nahm nun die Anzahl der Fabriken ab. In einer ersten Welle gaben etliche Fabrikanten auf, weil die Herstellung der neuen «Sicherheitszündhölzchen» komplizierter und teurer war. In den 1920er-Jahren übernahm der schwedische Zündholzriese «Svenska Tändsticks AB» die meisten überlebenden Firmen und legte sie still. Seit Mitte der Dreissigerjahre gab es in Frutigen nur noch zwei grosse Zündhölzchenhersteller. Um 1970 schlossen auch diese; die Nachfrage nach Zündhölzchen war zurückgegangen.
Landesmuseum Zürich
Bereits vor der Industrialisierung mussten Kinder im Haushalt, auf dem Hof oder in Heimarbeit einen Beitrag zur Familienökonomie leisten. Mit dem Aufkommen der Industrie wurden sie in Fabriken als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und konnten oft nicht zur Schule. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung der Kinderrechte und beleuchtet auch das Schicksal von Verding- und Heimkindern.
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