DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Knochenfunde geben Einblick in steinzeitliches Massaker in Kenia

20.01.2016, 19:3821.01.2016, 07:10

Nahe des Turkana-Sees in Kenia haben Forscher Hinweise auf ein steinzeitliches Massaker entdeckt. Unter den Opfern waren eine Hochschwangere und sechs Kinder: Die Knochen weisen auf ein schauerliches Gemetzel hin.

Das Skelet KNM-WT 71255 gehört zu einer Frau, die schwer verletzt wurde..<br data-editable="remove">
Das Skelet KNM-WT 71255 gehört zu einer Frau, die schwer verletzt wurde..
Bild: Marta Mirazon Lahr/Fabio Lahr

Insgesamt seien die rund 10'000 Jahre alten Überreste von mindestens 27 Menschen gefunden worden, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin «Nature». Zwölf Skelette waren demnach recht gut erhalten, zehn davon wiesen klare Zeichen von heftiger, wohl sofort tödlicher Gewalt auf.

Eingeschlagene Schädel und Jochbeine zählten dazu, gebrochene Rippen, zertrümmerte Hand- und Kniegelenke sowie – wohl von steinernen Spitzen herrührende – Verletzungen, berichtet das Team um Marta Mirazón Lahr von der britischen Universität Cambridge.

In einem Schädel und einem Oberkörper steckten insgesamt drei steinerne Spitzen: zwei aus in der Region seltenem, aus Lava entstehendem Obsidian und eine aus Feuerstein. Bei einigen Skeletten – darunter eine Hochschwangere – wies die Lage der Knochen darauf hin, dass die Opfer möglicherweise gefesselt waren.

Keine Bestattung

Die Getöteten seien nicht begraben worden, schreiben die Forscher. Mehrere von ihnen seien damals in eine Lagune des Sees gefallen oder gestossen worden, die inzwischen längst ausgetrocknet sei.

Skelet KNM-WT 71255 nach der Ausgrabung: Die Hände der Frau waren anscheinend vorne zusammengebunden.<br data-editable="remove">
Skelet KNM-WT 71255 nach der Ausgrabung: Die Hände der Frau waren anscheinend vorne zusammengebunden.
bild: Marta Mirazon Lahr

Im Sediment seien die Knochen der 21 Erwachsenen – darunter mindestens acht Frauen – und sechs Kinder bis zu ihrer Entdeckung 2012 konserviert worden. Die Überreste lagen in der Ausgrabungsstätte Nataruk westlich des Turkanasees im Norden Kenias.

Wahrscheinlich sei eine Gruppe des Jäger-und-Sammler-Volkes, vielleicht ein Familienverband, am Ufer der Lagune von einem rivalisierenden Clan angegriffen worden, mutmassen die Wissenschaftler. Ob dies bei einem zufälligen Aufeinandertreffen oder wegen eines Streits um Ressourcen wie Land oder Nahrung geschah, sei unklar.

Die Stelle war demnach wohl ein guter Platz zum Leben – mit Trinkwasser und Fischen direkt am Lager. Gefundenes Töpfergut weise darauf hin, dass Nahrungsmittel gehortet wurden.

Seltene Belege für Gewalt

Funde wie diese sind selten – und besonders rar sind Belege für Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen von Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Sie erlaubten daher wertvolle Rückschlüsse auf die Ursprünge von Kriegen und die Entwicklung der Beziehungen zwischen frühen Menschen.

Kriegerische Auseinandersetzungen habe es wohl nicht erst bei den sesshaften Ackerbau-Gesellschaften gegeben, schreiben die Forscher. Ungewöhnlich sei allerdings, dass auch die Frauen und Kinder getötet wurden. Üblicherweise seien sie in die Gruppe der Sieger integriert worden, nur die unterlegenen Männer wurden getötet.

Zeichnung des Skeletts einer Schwangeren, deren Hände und Füsse zum Todeszeitpunkt wohl zusammengebunden waren.<br data-editable="remove">
Zeichnung des Skeletts einer Schwangeren, deren Hände und Füsse zum Todeszeitpunkt wohl zusammengebunden waren.
bild: Marta Mirazon Lahr

Im vergangenen Jahr hatten Forscher im Fachmagazin «PNAS» über ein Massengrab im hessischen Schöneck-Kilianstädten in der Nähe von Frankfurt am Main berichtet. Überreste von 26 Menschen waren dort entdeckt worden, die während der Jungsteinzeit vor etwa 7000 Jahren gefoltert und erschlagen wurden.

Konflikt zwischen Jäger-Sammler-Gruppen

Die Funde liessen sich allerdings nur bedingt vergleichen, sagt der Anthropologe Christian Meyer, der die Studie damals gemeinsam mit Kollegen an der Universität Mainz durchführte: Während die Überreste aus Schöneck-Kilianstädten von sesshaften Menschen stammten, gehe der nun vorgestellte Fund auf einen Konflikt zwischen Jäger-Sammler-Gruppen zurück.

«Aus der Ethnologie weiss man, dass solche relativ kleinen und mobilen Gruppen einander bei Konflikten eher aus dem Weg gehen», so Meyer. Umso bemerkenswerter sei nun der Fund in Kenia, auch wegen seines Alters. Allerdings lasse sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich um einen Konflikt zwischen zwei Gruppen oder um eine Auseinandersetzung innerhalb einer grösseren Gruppe handele.

Meyer überzeugt die Studie vor allem durch die Pfeilspitze, die in einem der Knochen steckte. «Das ist der sicherste Beleg für gezielte Gewalt oder kriegsähnliche Geschehnisse in diesem Kontext.»

Dass es sich um eine gewaltsame Auseinandersetzung gehandelt habe, sei eine logische Schlussfolgerung. «So lange es Menschen gibt, die Gruppen bilden und eine Gruppenidentität haben, so lange wird es auch Konflikte geben – egal ob vor 10 oder 10'000 Jahren.»

Quiz

(sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Themen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Ein Impfstoff der US-Armee könnte zum Game Changer werden
Die US-Armee forscht an einem «Breitband-Impfstoff», der auch gegen neue Varianten des Coronavirus wirken soll. Erste Studien auch mit Menschen verliefen ermutigend.

Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei. Sie hat mit Omikron eine neue Dimension erreicht. Die neue Virus-Variante ist hochgradig ansteckend. Sie könnte zu einer erneuten Belastung der Gesundheitssysteme und einer «Durchseuchung» der Gesellschaft führen, die viele scharf kritisieren. Auch Geimpfte und Genesene werden sich infizieren.

Zur Story