Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04867693 (FILE) A handout photograph made available by the Hiroshima Peace Memorial Museum of the Hiroshima A-bomb blast photographed by the US military on 06 August 1945. 06 August 2015 marks the 70th anniversary of the atomic bombing on Hiroshima. The US B-29 Superfortress bomber Enola Gay dropped an atomic bomb codenamed 'Little Boy' on Hiroshima on 06 August 1945, killing tens of thousands of people in seconds. By the end of the year, 140,000 people had died from the effects of the bomb. On 09 August 1945 a second atomic bomb was exploded over Nagasaki, killing more than 73,000 people. The 'Little Boy' was the first ever nuclear bomb dropped on a city and a crucial turn that led to Japan's surrender in WWII.  EPA/HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY *** Local Caption *** 02271797

US-Atombombenabwurf über Hiroshima (06.08.1945). Bild: EPA/HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM

70 Jahre Hiroshima und Nagasaki: Waren es wirklich die Atombomben, die Japan in die Knie zwangen?



Hunderttausende Menschenleben hat das nukleare Inferno in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki auf einen Schlag ausgelöscht. Warum geschah das? Heute, 70 Jahre danach, glauben noch immer viele in den USA der offiziellen Lesart.

Diese besagt, dass die Atombombe am 6. August 1945 auf Hiroshima und eine weitere drei Tage später auf Nagasaki eine Invasion Japans überflüssig gemacht habe – und dadurch Hunderttausenden von amerikanischen Soldaten, und Zehntausenden von japanischen Zivilisten, das Leben gerettet habe. Doch stimmt das? Tatsache ist, dass Japan bereits am Boden lag, als die Bomben fielen.

Für namhafte Historiker wie Tsuyoshi Hasegawa von der University of California ist es denn auch nicht Hiroshima gewesen, sondern vielmehr die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan am 8. August 1945, die Kaiser Hirohito und sein Militär am 15. August kapitulieren liess.

Nicht sonderlich beeindruckt

Tatsächlich scheint die japanische Führung von den Zerstörungen in Hiroshima nicht sonderlich beeindruckt gewesen sein. «Es gab keine Krisensitzung (des Obersten Kriegsrats in Japan) nach Hiroshima», erklärt der US-Friedensforscher Ward Wilson der Nachrichtenagentur dpa.

Für Japans Führung sei es bloss eine weitere Zerstörung einer Stadt mit Brandbomben gewesen. Schon in den Wochen vor Hiroshima hatte das US-Militär mehr als 60 Städte, darunter Tokio, mit den heftigsten Bombardements der Kriegsgeschichte überzogen.

Japan war klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Es galt nur noch, ihn zu den bestmöglichen Bedingungen zu beenden. «Für die japanische Regierung war das Beharren auf bedingungsloser Kapitulation das grösste Problem, da der Erhalt der mit der japanischen Nation gleichgesetzten Monarchie dadurch infrage gestellt war», schreibt der Japan-Experte Florian Coulmas.

Tatsächlich habe es auf japanischer Seite Bemühungen um einen Verhandlungsfrieden gegeben. Seit Mai führte Tokio Gespräche mit der neutralen Sowjetunion. Man hoffte auf Moskau als Vermittler.

Hiroshima nach dem Atombombenabwurf Bild: EPA/HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM

Bis zum letzten Blutstropfen

Eine weitere Option war, den Krieg gegen die Alliierten bis zum letzten Blutstropfen weiterzuführen. Auch als die Bombe auf Hiroshima fiel, standen Japan weiter beide Optionen offen.

Erst als sowjetische Truppen in die Mandschurei einmarschierten, wurde der japanischen Führung die Aussichtslosigkeit der Lage klar. Erst jetzt, am Morgen des 9. August, begann Japans Oberster Kriegsrat, die bedingungslose Kapitulation zu diskutieren.

Am selben Tag warfen die Amerikaner eine zweite Atombombe auf Nagasaki. Doch zu dem Zeitpunkt tagte der Kriegsrat bereits. «Der Eintritt der Sowjets in den Krieg spielte in der Tat eine grössere Rolle als die Atombomben dabei, Japan zur Kapitulation zu veranlassen», schlussfolgert denn auch Professor Hasegawa.

Krieg so schnell wie möglich beenden

Für US-Präsident Harry Truman dürfte es die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen sein. Denn es gab genügend Gründe, die gegen einen Abwurf der Atombombe sprachen: Bereits Mitte des Jahres 1944 wurde in den USA deutlich, dass die Kapitulation der Japaner nur noch eine Frage der Zeit war.

Mit der für Oktober 1945 geplanten Operation «Downfall» hofften die Amerikaner, Japan zu überwältigen und letztlich in die Knie zu zwingen. Die Invasion, die mit einem Angriff auf die Insel Kyushu beginnen sollte, blieb bis wenige Wochen vor dem Abwurf über Hiroshima der amerikanische Plan der Wahl.

Doch letztlich hatte für den erst im April 1945 angetretenen Truman vor allem Eines Priorität: dem Krieg so schnell wie möglich, mit so wenigen amerikanischen Opfern und so geringen Kosten wie möglich ein Ende zu bereiten. Dies sei «allumfassender» Zweck gewesen, als die Atombombe fertiggestellt war, schreibt Nathan Donohue beim Center for Strategic and International Studies (CSIS).

Zudem musste Truman die immensen Kosten des Nuklearwaffen-Programms rechtfertigen: Bis Ende 1945 hatte es satte 1,9 Milliarden Dollar verschlungen – was heute knapp 25 Milliarden Dollar entsprechen würde.

Atombombenabwurf über Hiroshima

abspielen

YouTube/British Pathé

Bombardierung von Zivilisten gängige Praxis

Nach Einschätzung von Historiker Samuel Walker entschieden die USA sich auch für den Abwurf, um den Sowjets ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Hiroshima wurde angesichts der sowjetischen Kontrolle Osteuropas und des nahenden Kriegsendes eine wichtige Kampfansage an Moskau.

Zudem hatte sich die Bombardierung von Zivilisten 1945 tragischerweise als gängige Praxis durchgesetzt. Und nicht zuletzt suchte Washington nach einer passenden Antwort auf die japanische Attacke auf Pearl Harbor von 1941.

Als ein General den Einsatz der Atombombe infrage stellte, antwortete ihm Truman: «Wenn Du mit einer Bestie fertig werden musst, musst Du es wie eine Bestie behandeln.»

Kaiser massgeblich beteiligt

In Japan ist die Geschichte der Atombomben unvermeidlich durch die Opferperspektive bestimmt. Dass Hiroshima eine «gerechte Strafe» für Japans Aggressionskrieg gewesen sei, akzeptieren nur wenige. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an unschuldigen Zivilisten gewesen. Hätte Japan sie vermeiden können?

Historiker werfen der von den Militärs dominierten Regierung vor, dass sie der eigenen Bevölkerung den Krieg mit ihrer unnachgiebigen Position, eine bedingungslose Kapitulation nicht zu akzeptieren, so lange zugemutet habe.

Dem Historiker Herbert Blix zufolge war Kaiser Hirohito, den die Japaner als Gott verehrten, daran massgeblich beteiligt. «Gemeinsam mit den militaristischen Falken in seiner Regierung ist er für die Toten von Hiroshima und Nagasaki mitverantwortlich», schlussfolgert denn auch Japan-Experte Coulmas. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel