Ihre Mission sollte eine Woche dauern, doch Sunita Williams und Barry Wilmore befinden sich schon seit zwei Monaten auf der Internationalen Raumstation ISS. Schon der Hinflug, der die NASA-Astronauten am 5. Juni zur ISS gebracht hatte, verlief nicht ohne Probleme, und die Mission musste auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Das Ungemach mit dem Starliner-Raumschiff kommt dem Flugzeug- und Raumfahrtkonzern Boeing, der sich nach einer Pannenserie in der Krise befindet, höchst ungelegen.
Allmählich wird nun die Zeit knapp: Am 18. August soll die Crew-9-Mission der Konkurrenzfirma SpaceX starten, deren Raumschiff Crew Dragon an der ISS andocken soll. Bis dahin muss der Starliner also die Andock-Station freigegeben haben. Nach Angaben der NASA in einem Blog-Beitrag verbleiben die Astronauten jedoch noch vorläufig auf der ISS, während weiterhin Triebwerktests durchgeführt und ausgewertet werden.
Boeing hat den CST-100-Starliner (CST steht für «Crew Space Transportation», deutsch etwa «Besatzungstransport im Weltraum») im Auftrag der NASA für Flüge zur ISS entwickelt. Das wiederverwendbare bemannte Raumschiff, das aus einer Kapsel und einem Servicemodul besteht, hätte nach der ursprünglichen Planung bereits 2017 in Betrieb genommen werden sollen, doch technische Probleme verhinderten dies mehrmals.
Die im vergangenen Juni gestartete aktuelle Mission im Rahmen des Boeing Crew Flight Tests (Boe-CFT) war der erste bemannte Flug des Raumschiffs nach zwei unbemannten Testflügen 2019 und 2022. Schon vor dem Start hatten sich Probleme gezeigt: Ein Überdruckventil an der Oberstufe der Trägerrakete, einer Atlas V N22, flatterte. Zudem wurde ein Heliumleck in einem der Triebwerke der Kapsel entdeckt. Der für den 7. Mai vorgesehene Start wurde deshalb auf den 1. Juni verschoben.
Nach dem wegen eines Computerproblems auf den 5. Juni verschobenen Start traten während des Flugs zur ISS weitere Heliumlecks auf. Mehrere Computer des Raumschiffs wurden während des Flugs abgeschaltet. Überdies fiel eines der 28 RCS-Triebwerke (Reaction Control System) des Raumschiffs unerwartet aus; ein weiteres streikte beim Anflug auf die ISS. Es kam vorübergehend zu einem Schubabfall. Als die Astronauten am 6. Juni die ISS erreichten, führten diese Triebwerksprobleme dazu, dass der Starliner erst beim zweiten Versuch an der Raumstation andocken konnte. Es sind diese Fehlfunktionen, die den Rückflug von Williams und Wilmore bis jetzt verhindert haben.
Die Analyse der Testtriebwerke – sie wurden in White Sands im US-Bundesstaat New Mexico mehr als 1000 Mal gezündet, um Daten zu ihrer Funktion zu sammeln – förderte eine Ausbeulung in einer Teflondichtung an der Oxidationsmittelleitung zutage. Dies verringert den Durchfluss des Oxidationsmittels, was den Schubabfall erklären könnte. Ursache der Ausbeulung an der Teflondichtung sei demnach die Hitze, die sich im Inneren der Triebwerke staut, berichtete CNN.
«Wir werden alle diese Triebwerke für eine Reihe von Impulsen abfeuern, um sicherzustellen, dass das gesamte System vor dem Abdocken so funktioniert, wie wir es erwartet haben und wie es bei der letzten Überprüfung funktioniert hat», erklärte NASA-Manager Steve Stich an einer Pressekonferenz Ende Juli. Und die NASA meldete am Donnerstag, die Teams von NASA und Boeing würden weiterhin die Daten aus den jüngsten Tests auswerten, die sowohl am Boden als auch im Weltraum stattfinden. Boeing gab derweil bekannt, das Starliner-Team am Boden und die beiden Astronauten bereiteten sich auf das Abkoppeln vor, «um für die Rückkehr bereit zu sein, sobald ein Datum feststeht.»
Die NASA betonte in ihrem Blog-Post, die beiden Astronauten würden nicht etwa auf der ISS «festsitzen». Sie würden stattdessen auf der Raumstation bleiben, um aktiv bei der Suche nach den Heliumlecks mitzuhelfen. «Das Fahrzeug ist in gutem Zustand. Ich möchte klarstellen, dass Butch und Suni nicht im Weltraum gestrandet sind», betonte Stich denn auch an der Pressekonferenz. In der Tat hatte etwa die «Washington Post» in einem Titel «stuck indefinitely in space» («auf unbestimmte Zeit im All festsitzend») geschrieben.
Der britische «Guardian» hingegen sieht in dieser verbreiteten Vorstellung, die Astronauten seien im All gestrandet wie etwa Matt Damon im Science-Fiction-Streifen The Martian, eher einen Beleg für eine Krise des Kommunikationsmanagements als ein Versagen des Starliners. Schliesslich handle es sich bei dem Raumschiff um ein experimentelles Fahrzeug, das ähnliche Kinderkrankheiten aufweise wie jede vorangegangene Generation von Raumfahrzeugen. Die NASA habe schlicht die «Kontrolle über das Boeing-Starliner-Narrativ» verloren.
Allerdings bleibt auch nach diversen Pressekonferenzen und Verlautbarungen unklar, wann denn die Rückkehr zur Erde stattfinden kann. Falls die Tests nicht rechtzeitig solide Ergebnisse liefern und der Starliner als Rückkehr-Vehikel weiterhin ausser Betracht fällt, gäbe es als Alternative die Crew Dragon von SpaceX (eine russische Sojus-Rakete gilt hingegen als eher unrealistisch).
Der Technologie-Blog «Ars Technica» sieht Hinweise dafür, dass tatsächlich die von Tech-Milliardär Elon Musk geleitete Konkurrenzfirma den Karren aus dem Dreck ziehen könnte: Mitte Juli habe etwa die NASA eine Studie für Notfalleinsätze an SpaceX vergeben. Darin solle auch untersucht werden, ob Rückflüge der Crew Dragon mit sechs anstatt vier Passagieren möglich wären. Die nächste Crew-Dragon-Mission würde planmässig Ende August mit vier Astronauten zur Erde fliegen.
NASA is considering using SpaceX's Crew Dragon to bring back Butch Wilmore and SUNITA WILLIAMS from the International Space Station due to issues with Boeing's Starliner spacecraft
— ??¹8 ???? (@CricRitwik18) August 2, 2024
The astronauts have been in space for over eight weeks, exceeding their planned mission duration pic.twitter.com/kbLUHdJlFw
Der Boeing-Konzern hat am 31. Juli mit Kelly Ortberg einen neuen Chef vorgestellt, der das Unternehmen aus der Dauerkrise führen soll. Nach den Abstürzen zweier 737-Max-Jets mit 346 Toten vor mehr als fünf Jahren warfen ein mehr als 20-monatiges Startverbot für die Maschinen der Reihe und Probleme mit weiteren Modellen die Firma weit hinter den europäischen Rivalen Airbus zurück.
Die Probleme mit dem Starliner belasten indes nicht nur das Image des Konzerns, sondern auch dessen Finanzen: Boeing musste letzte Woche in einem Quartalsbericht einräumen, dass die Firma weitere 125 Millionen US-Dollar im Starliner-Programm verloren hat. Dies erhöht die bisherigen Gesamtkosten auf 5,8 Milliarden Dollar – wobei die NASA 2014 ursprünglich 4,2 Milliarden Dollar für das Programm gesprochen hatte. Damit beläuft sich der Verlust für Boeing mittlerweile also auf satte 1,6 Milliarden Dollar. Der Starliner, der mit viel mehr technischen Problemen zu kämpfen hatte als Konkurrent Crew Dragon, kostete Boeing im Vergleich zum SpaceX-Raumschiff fast das Doppelte.
Demgegenüber hat die NASA lediglich 3,1 Milliarden Dollar für die Dragon-Kapsel an SpaceX vergeben. Und die Crew Dragon von Elon Musks Firma hat seit Mai 2020 sechs Crew-Transporte für die NASA erfolgreich durchgeführt, während die aktuelle Starliner-Mission der erste bemannte Flug des Programms überhaupt ist. Dabei sollte der Starliner Boeings Trumpf im Wettbewerb mit dem Rivalen SpaceX sein. Doch die technischen Probleme und Verzögerungen haben dazu geführt, dass der für 2017 geplante erste bemannte Flug erst in diesem Juni stattfand.
Reguläre Starliner-Missionen wird es frühestens im Jahr 2025 geben, und sie dürften wohl von erheblichen Mehrkosten begleitet sein. Derweil hat die NASA den Konkurrenten SpaceX mit acht weiteren Flügen bis 2030 beauftragt. Die schweren Zeiten für Boeing scheinen noch nicht vorbei zu sein.