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Schädel, Totenkopf (Symbolbild)

Bild: Unsplash/Lina White

Wäre es schlimm, wenn die Menschheit ausstirbt?

Marko Kovic



2019 dürfte als das Jahr, in dem der Klimawandel endgültig auf die politische Agenda kam, in die Geschichtsbücher eingehen. Teilweise hängt dies mit Wahlkämpfen etwa in den USA oder der Schweiz zusammen, teilweise mit zivilgesellschaftlichen Bewegungen wie den Fridays-for-Future-Protesten, mit denen die politische Elite in Verantwortung gezogen wird. Ein Stück weit ist die erhöhte Besorgnis um den Klimawandel vielleicht aber auch der Einsicht geschuldet, dass es bei Klimawandel um die Wurst aller Würste geht: das Überleben der Menschheit.

Aber warum soll uns das eigentlich kümmern? Warum ist es wichtig, dass die Menschheit nicht ausstirbt? Klar, wir alle wollen ein schönes Leben leben, und wir wollen auch, dass unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder schöne Leben leben. Aber warum soll die Menschheit in einem abstrakten Sinn, zum Beispiel in zweihundert Jahren, noch existieren?

Diese Frage ist heute so bedeutend wie noch nie, denn die Zukunft der Menschheit ist nicht nur wegen des Klimawandels ungewiss.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Er ist Mitgründer von ars cognitionis und von ZIPAR.

Technologische Entwicklung und existenzielle Risiken

Katastrophen sind grundsätzlich nichts Neues. Seit es Menschen gibt, gibt es Gefahren und Risiken, die immer wieder viele Opfer zu beklagen gaben. Auch Risiken, welche die gesamte Menschheit gefährden, sind an sich nichts Neues. Ein riesiger Komet oder Asteroid könnte uns das gleiche Schicksal wie damals den Dinosauriern bescheren; gigantische Vulkanausbrüche und Erdbeben könnten unsere Zivilisation ersticken und zerdrücken; ein neuer Krankheitserreger könnte in der Natur auftauchen und uns in einer weltweiten Pandemie auslöschen.

Risiken, die eine Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen, werden bisweilen «existenzielle Risiken» genannt. Ein Teil dieser Risiken, die natürlichen existenziellen Risiken, bleibt immer gleich gross. Zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Asteroid uns auslöscht, heute grundsätzlich genauso hoch wie vor 100 oder 1000 oder 10’000 Jahren. Es gibt aber auch neue existenzielle Risiken, welche sich die Menschheit selber aufgebürdet hat: die direkten oder indirekten Folgen unserer technologischen Entwicklung.

Klimawandel ist ein Beispiel für ein menschengemachtes existenzielles Risiko. Unsere rasante Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert war nur dank der massiven Nutzung fossiler Brennstoffe möglich. Die Kehrseite dieser technologischen Entwicklung ist nun aber der Klimawandel, der mit nicht-trivialer Wahrscheinlichkeit unseren Planeten für Menschen unbewohnbar machen könnte.

Doch Klimawandel ist nicht das einzige menschengemachte existenzielle Risiko. Atombomben, Antibiotika-resistente Bakterien, Bioterrorismus mit Technologien wie CRISPR, superintelligente künstliche Intelligenz: Die Liste menschengemachter existenzieller Risiken wird immer länger, weil unsere technologische Entwicklung immer weiter voranschreitet. Die Aussicht, dass die Menschheit einem dieser Risiken zum Opfer fällt, ist nicht apokalyptische Science Fiction, sondern unbequeme Realität.

Atombombe Fat Man, Nagasaki

Atombombe über Nagasaki: Nukleare Waffen haben das Potential, unsere Zivilisation auszulöschen. Bild: Pixabay

Was an einer Welt ohne Menschen gut wäre

Dass die Menschheit aussterben kann, klingt auf den ersten Blick hart und krass; eine Art schreckliches Horrorszenario. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass eine Welt ohne Menschen in mindestens dreifacher Hinsicht eine bessere sein könnte.

Erstens könnten wir das Ende der Menschheit mit einem nihilistischen Schulterzucken begrüssen. Dem Universum ist es egal, ob es Menschen gibt oder nicht. Wir sind eine zufällig entstandene Lebensform auf einem kleinen, unwichtigen Planeten. Unsere Existenz ist komplett bedeutungslos, und genauso bedeutungslos wäre auch unser Aussterben. Die grosse Farce des menschlichen Daseins – die Suche nach Sinn, wo keiner ist –, wäre mit dem Aussterben der Menschheit ein für alle Mal beendet.

Zweitens, und vielleicht etwas greifbarer als die nihilistische Sicht, könnte das Aussterben der Menschheit bedeuten, dass wir fast unfassbar viel zukünftigen Schaden, den die Menschheit anrichten würde, verhindern. Die Geschichte der Menschheit ist nämlich eine Geschichte von Massakern und Krieg und Blut – kein anderes Lebewesen auf dem Planeten verursacht auch nur annähernd so viel Leid wie wir. Wenn es die Menschheit nicht mehr gibt, wenn also der Risikofaktor Mensch beseitigt ist, dann wird auch all das Leid, das wir uns gegenseitig sowie anderen Lebewesen antun, vermieden.

Drittens, und vielleicht am wichtigsten, könnte das Aussterben der Menschheit den moralisch grundsätzlich wünschenswerteren Zustand darstellen als unser Vorhandensein. Der Philosoph David Benatar argumentiert in seinem einflussreichen anti-natalistischen Buch «Better Never to Have Been», dass es aus individueller Sicht im Zweifelsfall immer zu bevorzugen wäre, nie geboren worden zu sein, weil das moralische Gefälle des Existierens immer und zwangsläufig nachteilig ist.

Zwar kann unsere Existenz von positiven Dingen gesegnet sein (wir können in unserem Leben Glück empfinden), aber das Negative, so Benatar, überschatte das Positive immer und grundsätzlich. Als biologische Wesen sind wir nämlich sozusagen auf Leid programmiert, und Leid ist immer und kategorisch schlimmer als alles Glück, das wir empfinden können. Ein langes, glückliches Leben ist nichts wert, wenn wir unsere letzten Tage mit Höllenqualen auf dem Sterbebett verbringen.

Nicht zu existieren bedeutet zwar, kein Glück empfinden zu können, aber gleichzeitig auch, kein Leid ertragen zu müssen. Das macht Nicht-Existenz attraktiver als Existenz. Wenn die Menschheit ausstirbt, wäre also dieser fundamentalen Brutalität des Existierens für einmal Rechnung getragen: Das blosse Nicht-Existieren der Menschheit würde enorm viel Leid verhindern.

Paris ohne Menschen
https://www.kuleuven.be/metaforum/viewpic.php?LAN=N&TABLE=DOCS&ID=1086

Das Aussterben der Menschheit könnte fast unfassbar viel zukünftigen Schaden, den die Menschheit anrichten würde, verhindern. Bild: kuleuven.be

Die Probleme mit dem Aussterben der Menschheit

Es gibt also je nach Betrachtungsweise durchaus gute Gründe, warum unser Aussterben begrüssenswert wäre. Es gibt aber im Mindesten auch drei gute Gründe, warum wir das baldige Aussterben der Menschheit abwenden sollten.

Erstens haben potenzielle zukünftige Menschen und Lebensjahre durchaus einen moralischen Wert, obwohl sie noch nicht existieren. Das ist im Grunde nur schon intuitiv klar. Würdest du freiwillig 20 deiner lebenswerten Lebensjahre aufgeben, also 20 Jahre früher sterben? Wohl kaum, denn dein Leben ist dir wichtig.

Wenn wir aber gleichzeitig die Nicht-Existenz zukünftiger Leben und Lebensjahre in Kauf nehmen, begehen wir einen egozentrischen Denkfehler: Es gibt keinen Grund, warum deine 20 Lebensjahre wichtiger sind als 20 Lebensjahre eines Menschen, der im Jahr 2100 auf die Welt kommt. Dieser Denkfehler hat gewichtige Konsequenzen. Wenn die Menschheit ausstirbt, werden auch die Abermilliarden von zukünftigen lebenswerten Leben und Lebensjahren, welche möglich sind, verunmöglicht. Das wäre eine moralische Katastrophe.

Das anti-natalistische Gegenargument, dass Existenz immer mit einem Überhang an Leid einhergeht, greift in dieser Langzeit-Perspektive nicht. Ein Durchschnittsleben heute ist dank wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte um Grössenordnungen leidfreier als noch vor wenigen Jahrzehnten, und wir dürfen annehmen, dass diese Entwicklung noch weitergeht. Wenn die Menschheit ausstirbt, gehen entsprechend nicht nur enorm viele zukünftige Leben verloren, sondern es gehen Leben verloren, die um Grössenordnungen leidfreier und glückerfüllter wären als unsere Leben heute.

Zweitens dürfte der Prozess des Aussterbens in rein praktischer Hinsicht schrecklich sein. Das Aussterben der Menschheit ist für uns eine Art philosophisches Gedankenexperiment; in einem Moment sind wir noch da, im nächsten sind wir weg. In der Realität dürfte das Aussterben der Menschheit aber ein langwieriger, qualvoller Prozess sein, der unvorstellbar viel Leid verursacht.

Klimawandel ist das beste Beispiel dafür. Das Klima wandelt sich nicht ruckartig von heute auf morgen, sondern stetig über die Jahrzehnte und richtet dabei schleichend mehr und tiefgreifenderen Schaden an: Ökosysteme wandeln sich, Landwirtschaft wird zunehmend schwieriger, extreme Wetterphänomene nehmen zu, einst bewohnbare Landfläche wird zunehmend unbewohnbar, Unruhen und Konflikte brechen häufiger aus, unsere Zivilisation gerät ins Wanken. Wenn die Menschheit ausstirbt, dürfte sie also nicht mit einem einzigen grossen Knall ausgelöscht werden, sondern einen schrecklichen Tod durch tausend Stiche sterben.

Klimaprotest

Das Aussterben der Menschheit – beispielsweise durch die Klimaerwärmung – wäre wohl ein langwieriger, qualvoller Prozess. Bild: Unsplash/Bob Blob

Drittens müssen wir uns fragen, wie schlimm wir Menschen wirklich sind. Ja, unsere Geschichte ist zweifellos getränkt in Blut. Aber gleichzeitig ist unsere Geschichte eine Geschichte des Fortschritts und der Verbesserung. Einst glaubten wir, die Welt bestehe aus unsichtbaren und übernatürlichen Geistern und Kräften; heute verstehen wir die Realität dank kritischem Denken und der wissenschaftlichen Methode viel besser.

Einst pflegten wir ohne grosse Hemmungen systematisch zu morden und zu vergewaltigen; heute ist unsere kollektive Moral viel umfassender und der moralische Kreis der Lebewesen, um die wir uns kümmern, viel grösser. Wir haben in unserer Geschichte unglaublich viel Leid verursacht, aber wir werden immer besser darin, Leid zu verhindern und Gutes zu tun. Wenn wir aussterben, berauben wir uns der Möglichkeit, uns noch weiter zu entwickeln und noch mehr positiven Einfluss auf die Welt zu nehmen.

Können wir unsere Überlebenswahrscheinlichkeit steuern?

Angenommen, wir sind uns einig, dass die Menschheit nicht so bald aussterben sollte. Bringt es überhaupt etwas, über diese Herausforderung nachzudenken? Können wir die Zukunft überhaupt in einem nicht-trivialen Masse positiv beeinflussen?

Auf eine Zukunft hinzuarbeiten, die wir selber nicht erleben werden, ist in der Tat eine Herkulesaufgabe, und zwar in erster Linie eine emotionale. Nach dem Motto «Was kümmert mich die Welt, wenn ich weg bin?» fällt es uns emotional nicht immer leicht, den Wert der längerfristigen Zukunft zu sehen. Im Grunde geht es aber um ein recht einfaches Ansinnen: Die grossen Probleme von morgen, welche wir heute verursachen, sollten wir tunlichst auch heute zu lösen versuchen. All die zukünftigen Generationen, denen wir damit eine lebenswerte Existenz ermöglichen, werden es uns danken.

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