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Frau Flückiger, vielleicht haben Sie Muslime als Vorfahren?

Allalinhorn: Arabisches Toponym mitten in den Walliser Alpen?
Allalinhorn: Arabisches Toponym mitten in den Walliser Alpen?
Bild: KEYSTONE

Liebe Frau Flückiger: In den Alpen gab es schon Muslime, als noch keine Eidgenossen existierten

Für Sylvia Flückiger verraten tanzende Derwische an der Eröffnungsfeier des Gotthard-Basistunnels «unsere Grundwerte». Was sagt die SVP-Nationalrätin wohl zu der Tatsache, dass Muslime – damals «Sarazenen» genannt – schon vor über 1000 Jahren über unsere Alpenpässe zogen?
11.06.2016, 06:5513.06.2016, 02:50

Derwische am Gotthard? Für die SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger ist das ein Unding. Dass tanzende Derwische – für ihre ekstatischen Drehungen bekannte Angehörige eines muslimischen Ordens – in der Inszenierung «Sacre del Gottardo» zu sehen waren, veranlasste die Aargauer Politikerin sogar zu einer Anfrage an den Bundesrat. Flückiger wittert einen Verrat unserer Grundwerte.

Ein Derwisch.
Ein Derwisch.
Bild: KEYSTONE

Theaterregisseur Volker Hesse wiederum ist darüber irritiert, dass «eine wild gewordene SVP-Nationalrätin sich über islamistische Propaganda» äussere. Und watson nahm die Befürchtungen der Nationalrätin auf die Schippe. 

Arabisches Allalinhorn?

Es war aber watson-User «banda69» vorbehalten, einen völlig vernachlässigten Aspekt in der ganzen leidigen Derwisch-Debatte in Erinnerung zu rufen: 

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Leser-Kommentar von deleted_256659126
08.06.2016 05:51
Wenn das die SVP - und vorallem der Oski - wüsste: Es gibt Ortschaften und Berge die aus dem arabischen stammen. Das Allalinhorn beispielsweise, mitten in einem Gletschermassiv der Walliser Alpen, führt seine Namensgebung zurück auf das arabische „Ala’i-ain", was nichts anderes bedeutet als die Quelle. Unterhalb des Allalinhorns liegt Saas Almagell. Auch das ist arabisch, „Al-Mahall" heisst Ort oder Aufenthalt. Es gibt auch eine Ortschaft, welche sich „Les Sarrasins" (die Sarazenen) nennt. Das Dorf Gaby, südlich vom Simplon, abgeleitet aus dem arabischen „Al-Gaby" (die Gebühr, Wegzoll).
Zu: «Schweizer Werte» fehlten nicht nur am Gotthard – 8 weitere Beispiele für die Islamisierung unseres Landes
Wie das? Araber in den Alpen?

In der Tat ist historisch belegt, dass muslimische Krieger im 10. Jahrhundert zeitweise Schweizer Alpenpässe kontrollierten. Diese sogenannten Sarazenen – diese Sammelbezeichnung verwendeten die christlichen Europäer im Mittelalter für die islamischen Völker im Mittelmeerraum – waren von ihrer Basis in Südfrankreich in das Gebiet der heutigen Schweiz vorgestossen. 

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Nach Südfrankreich waren muslimische Heere aus dem kurz zuvor eroberten Spanien bereits um etwa 730 gelangt. Später waren es Seefahrer und Piraten aus Spanien und Nordafrika, die feste Stützpunkte an der provenzalischen Küste errichteten. Um das Jahr 890 herum liessen sie sich in Fraxinetum (heute La Garde-Freinet bei St.Tropez) nieder, das sie arabisch Farahsanit nannten. 

Mittelalterliche Darstellung von Sarazenen aus Fraxinetum.
Mittelalterliche Darstellung von Sarazenen aus Fraxinetum.

Raubzüge bis Chur

Von dort aus unternahmen die zum grösseren Teil wohl aus Berbern bestehenden Krieger auf der Suche nach Sklaven und Beute Raubzüge ins Hinterland, die sie bis Lyon, ins Piemont und ab 920 auch in die Schweiz führten. In den 930er-Jahren eroberten sie Genf, drangen über das Wallis bis nach Churrätien vor und überfielen den Bischofssitz in Chur. Die Mönche des Klosters Disentis flohen vor ihnen nach Zürich. 940 plünderten sie das Kloster St.Maurice im Wallis. 

Die politische Lage im westlichen Alpenraum zur Zeit der Sarazenen-Einfälle. 
Die politische Lage im westlichen Alpenraum zur Zeit der Sarazenen-Einfälle.
Karte: Wikimedia

Kurz nach der Mitte des 10. Jahrhunderts beherrschten die Sarazenen Savoyen und grosse Gebiete im Süden und Westen der Schweiz. Im Osten stiessen sie bis Pontresina und St.Gallen vor. Sie kontrollierten wichtige Alpenübergänge wie den Simplon und den Grossen St.Bernhard. Diese Stellung nutzten sie aus, um Pilger und Kaufleute zu überfallen, aber auch um Handel zu treiben – in dieser Hinsicht nicht unähnlich den Wikingern, die zur selben Zeit die Küsten Westeuropas heimsuchten. 

Sarazenen, Wikinger, Ungarn: Europa in der Zeit der Invasionen im 9. und 10. Jahrhundert. 
Sarazenen, Wikinger, Ungarn: Europa in der Zeit der Invasionen im 9. und 10. Jahrhundert. Karte: Bibliothèque Numérique de l'Université d'Artois

Zu Beginn agierten die Sarazenen aus Fraxinetum weitgehend autonom, doch ab 940 wuchs der Einfluss des umayyadischen Kalifats von Córdoba. Gleichwohl würde es entschieden zu weit gehen, die sarazenischen Gebiete im heutigen Frankreich und der Schweizer Alpenregion als Filiale dieses andalusischen Kalifats zu bezeichnen, wie es mitunter gemacht wird. 

Entscheidende Niederlage: Schlacht von Tourtour, 973.
Entscheidende Niederlage: Schlacht von Tourtour, 973.

Die falsche Geisel

Das Ende der sarazenischen Herrschaft begann 972. In diesem Jahr entführten die Sarazenen bei Orsières im Wallis Abt Maiolus von Cluny. Der wichtigste Abt der westlichen Christenheit kam zwar gegen ein Lösegeld von 1000 Pfund Silber frei, doch die Empörung über diesen Übergriff war enorm. Graf Wilhelm I. von Provence sammelte ein Heer und schlug die Sarazenen in mehreren Schlachten. Entscheidend war der Sieg in der Schlacht von Tourtour. Danach griff er Fraxinetum an, das um 975 fiel. Die überlebenden Sarazenen wurden getauft und versklavt. 

Versklavte Sarazenen, Pfeilerfigur in der Kirche Sainte-Marie von Oloron. 
Versklavte Sarazenen, Pfeilerfigur in der Kirche Sainte-Marie von Oloron. Bild: Wikimedia/Myrabella

Obwohl sich die Präsenz der Sarazenen im schweizerischen Alpenraum über mehrere Jahrzehnte erstreckte, gibt es bis dato keine archäologischen Belege für sarazenische Siedlungen. Auch ist nicht sicher belegt, dass es die Sarazenen waren, die im Wallis als erste Wasserführungen (Suonen) anlegten, wie manchmal behauptet wird. 

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Kaum Ortsnamen – aber Gene?

Was nun die Walliser Ortsnamen betrifft, die User «banda69» in seinem Kommentar anführt, so wird immer wieder behauptet, diese seien aus arabischen Bezeichnungen abgeleitet. Die linguistische Forschung lehnt diese Sarazenen-Hypothese jedoch ab. Pontresina dagegen ist ein Toponym, das zwar nicht aus dem Arabischen stammt, aber den Begriff «sarazenisch» enthält: Es taucht im 12. Jahrhundert als «pons sarasina» (sarazenische Brücke) auf. 

Dennoch ist Vorsicht angebracht: Möglich ist nämlich auch, dass der Erbauer der Brücke Sarrazin oder ähnlich hiess – ohne dass es sich bei ihm um einen Sarazenen handelte. Dieser vornehmlich in der Schweiz und Frankreich verbreitete Familienname muss nicht zwangsläufig auf eine sarazenische Herkunft des Benannten hinweisen. Manchmal erhielten auch auffällig dunkle Menschen oder Roma diesen Namen. 

Einer der derzeit prominentesten Träger des Familiennamens: Der umstrittene deutsche Autor Thilo Sarrazin. 
Einer der derzeit prominentesten Träger des Familiennamens: Der umstrittene deutsche Autor Thilo Sarrazin. Bild: EPA

Alles in allem ist es aber kaum denkbar, dass all diese sarazenischen Krieger, die während Jahren durch den Schweizer Alpenraum zogen, keine genetischen Spuren in der Bevölkerung hinterlassen haben sollen. Wer weiss: Vielleicht tummelt sich auch in der Ahnenreihe von Frau Flückiger der eine oder andere stolze muslimische Krieger. 

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