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Die Turrettini – Genfs italie­ni­sche Seite

In Genf ist der Einfluss der Familie Turrettini allgegenwärtig. Blick über das Quai Turrettini, um 1940.
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In Genf ist der Einfluss der Familie Turrettini allgegenwärtig. Blick über das Quai Turrettini, um 1940.Bild: Bibliothèque de Genève

Die Turrettini – Genfs italie­ni­sche Seite

Der Aufstieg Genfs hat auch mit der Familie Turrettini zu tun. Sie brachte im 16. Jahrhundert Geld und ein internationales Beziehungsnetz aus der Toskana mit und hatte einen grossen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Calvinstadt.
08.12.2024, 18:30
Christophe Vuilleumier / Schweizerisches Nationalmuseum
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Die Turrettinis gehören seit vier Jahrhunderten zu den einflussreichsten Genfer Familien. Ursprünglich aus dem toskanischen Lucca stammend, hatten sie der Calvinstadt im 16. Jahrhundert Reichtum und ein internationales Handelsnetz beschert. Natürlich nicht ohne selbst davon zu profitieren.

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Der Protestant Francesco Turrettini (1547–1628) musste 1574 vor der Inquisition aus Lucca fliehen. Über Lyon und mehrere weitere Städte in Deutschland, Belgien und der Schweiz kam er schliesslich nach Genf, wo er sich 1592 endgültig niederliess. Von hier aus betrieb der italienische Seidenhändler seine Geschäfte weiter und häufte in wenigen Jahren ein beträchtliches Vermögen an. 1628 gehörte Turrettini sogar dem Rat der 200, der Legislative Genfs an, war also in die Politik der Calvinstadt eingebunden und endgültig in seiner neuen Heimat angekommen.

Sein Sohn Jean liess 1631 das imposante Château des Bois in der Nähe von Genf bauen. Das Schloss bildete fortan das Zentrum der Herrschaft Turrettin, in welcher die Familie bis 1794 die hohe, mittlere und niedere Gerichtsbarkeit besass.

Das Château des Bois der Familie Turrettini. Lithografie von 1877.
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Das Château des Bois der Familie Turrettini. Lithografie von 1877.Bild: Bibliothèque de Genève

Bankiers, Notare, Textilhändler, Theologen, Wissenschaftler, Staatsmänner – die Mitglieder der Familie Turrettini stiegen Generation für Generation in die höchsten Ämter der Genfer Republik auf und erwarben sich dabei Achtung, Ansehen und Reichtum. Und dann, Anfang des 18. Jahrhunderts, betrat Françoise Turrettini die Bühne. Die Cousine des berühmten Theologen Jean-Alphonse Turrettini (1671–1737), der in ganz Europa für seinen aufgeklärten Protestantismus bekannt war, wurde schnell zu einer der einflussreichsten Frauen von Genf.

1715 heiratete die 22-jährige Françoise Turrettini den reichen holländischen Bankier David Vasserot (1690–1727). Dieser hatte sich in der Calvinstadt niedergelassen. Vasserot stammte aus einer reichen und einflussreichen Hugenottenfamilie und kaufte 1719 ein Stück Land in der Nähe von Genf. Das Gebiet, die Domaine de la Bâtie-Beauregard, gehörte damals zum Königreich Frankreich. Das Schloss de la Bâtie war 1278 erbaut worden und ging 1353 in den Besitz der Savoyer über, welche daraus eine Kastelanei machten. Knapp 200 Jahre später musste Savoyen den anrückenden Bernern weichen und mit ihnen wurde aus der Domaine eine Baronie.

Nach einigen Besitzerwechseln wurde das Anwesen Anfang des 17. Jahrhunderts schliesslich französisches Gebiet und ging gut 100 Jahre später in die Hände der Familie Turrettini über: Da David Vasserot häufig auf Geschäftsreisen war, wurde seine Frau Françoise die eigentliche Besitzerin und Herrin des adligen Lehens. Dessen Ländereien erstreckten sich von den Dörfern Collex und Bossy bis hin zum Weiler Bellevue und umfassten ein grosses Gebiet vor den Toren der Calvinstadt.

Porträt der Baronin Françoise Turrettini, gemalt von Nicolas de Largillière, 1721.
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Porträt der Baronin Françoise Turrettini, gemalt von Nicolas de Largillière, 1721.Bild: Wikimedia / MAH Genève

1724 erwarb David Vasserot auch das Lehen Vincy im waadtländischen Gilly. Dort liess das Ehepaar ein weiteres Schloss bauen. Drei Jahre später starb der Bankier, was die Baronin Françoise Turrettini zur unbestrittenen Herrin über das gesamte Land machte. Entschlossen und unnachgiebig kümmerte sich die Witwe um ihr Anwesen und wenn es sein musste, legte sie sich auch mit mächtigen Männern an. Etwa mit dem Architekten David Jeanrenaud, der dachte, er brauche keine Genehmigung von Françoise Turrettini, um einen Weg umzulegen. Da hatte er die Rechnung allerdings ohne die Baronin gemacht!

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1747 heiratete Françoise Turrettini erneut. Ihr neuer Mann war Baron Auguste Maurice de Donop, Staats- und Aussenminister von Hessen-Kassel und Ritter des schwedischen Seraphinenordens. Wegen der konfessionellen Verbindungen zwischen Genf und Hessen-Kassel, die Landgrafschaft war seit Ende des 16. Jahrhunderts calvinistisch, kannte er die Stadt gut.

1735 waren August Maurice de Donop und Prinz Friedrich II. von Hessen-Kassel von den Genfer Pfarrern sehr freundlich empfangen worden, wofür die beiden Deutschen vor allem Jean-Alphonse Turrettini, dem Cousin der Baronin, dankbar waren. Die spätere Heirat zwischen Françoise Turrettini und dem deutschen Adligen war somit ein eher politisches als ein emotionales Bündnis: Es sollte Genf und Hessen-Kassel noch enger aneinanderbinden.

Der neue Ehemann: Baron Auguste Maurice de Donop, entstanden im Atelier de Louis Tocqué, um 1748.
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Der neue Ehemann: Baron Auguste Maurice de Donop, entstanden im Atelier de Louis Tocqué, um 1748.Bild: MAH Musée d'art et d'histoire, Genève

Françoise Turrettini wurde fortan auch «Frau General von Donop» genannt. Und irgendwie passte dieser Name zu ihr, denn milder wurde sie auch in ihren reiferen Jahren nicht. Jahrzehnte lang hatte sich die Baronin alleine behauptet und sie hatte nicht die Absicht, dies zu ändern. Auch nicht für einen Freund der Familie, der ausserdem eine enge Beziehung zu ihrem Sohn Horace-Jean Vasserot pflegte und in ganz Europa bekannt war: Voltaire.

Geschlagene acht Jahre, von 1760 bis 1768, stritt sich Françoise Turrettini mit dem Dichter ums liebe Geld. Die Baronin hatte Voltaire ein Stück Land bei Collex überlassen. Dieser wollte jedoch die Steuern dafür nicht bezahlen. Leider ist nicht bekannt, wie der Konflikt ausging. Es ist aber davon auszugehen, dass Frau General von Donop nicht nachgegeben hatte.

1771 starb die Baronin im Alter von 78 Jahren. Sie hatte über 50 Jahre lang eine riesiges Anwesen geleitet und war an den europäischen Königshöfen ein gern gesehener Gast gewesen. Françoise Turrettini hatte Genf genauso mitgeprägt wie ihre männliche Verwandtschaft und als Teil dieser wichtigen Familie ihre Spuren in der Calvinstadt hinterlassen.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Genfs italie­ni­sche Seite» erschien am 26. November.
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