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Im 18. Jahrhundert wurde der Genfersee von einem Seeräuber beherrscht.
Im 18. Jahrhundert wurde der Genfersee von einem Seeräuber beherrscht.

Der Süsswas­ser­pi­rat vom Genfersee

Im 18. Jahrhundert trieb ein Pirat sein Unwesen auf dem Genfersee. Sein grösster Coup: Er klaute die Kriegskasse der Franzosen.
29.08.2021, 17:0530.08.2021, 15:10
Christophe Vuilleumier / Schweizerisches Nationalmuseum

Die Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV im Jahr 1685 trieb 200'000 Hugenotten in die Flucht und führte zu Widerstandsbewegungen und Revolten, deren gewaltsamste als «Cevennenkrieg» von 1702 in die Geschichte einging. Den Aufständischen, die sich wegen ihrer bescheidenen Waffen selbst als «Kamisarden» (etwa «Hemdenträger») bezeichneten, standen Tausende Füsiliere und Dragoner des Königs gegenüber. Der Religionskrieg brachte Tod, Zerstörung und die üblichen mit Partisanenkämpfen einhergehenden Schrecken.

Frankreich geriet dadurch in eine heikle Instabilität. Erschwerend kam hinzu, dass das Land aussenpolitisch erneut in einen Konflikt um die Thronfolge in Spanien verwickelt war. Der von 1701 bis 1714 dauernde Spanische Erbfolgekrieg betraf weite Teile Europas. Die französischen Truppen kämpften vor allem gegen die Regimenter des Herzogs von Savoyen. Kein Wunder, dass Savoyen 1703 zu der Überzeugung gelangte, eine Unterstützung der Kamisarden gegen König Ludwig könne zweckdienlich sein – trotz des reformierten Glaubens der Kämpfer.

Protestantische Darstellung des Konflikts zwischen dem Truppen des Königs und den Hugenotten, 1686.
Protestantische Darstellung des Konflikts zwischen dem Truppen des Königs und den Hugenotten, 1686.
Bild: Wikimedia
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Als das französische Heer 1704 das savoyische Besitztum Chablais erreichte, war Genf nahezu vom Krieg eingekesselt. Schon seit Monaten hatte die Seigneurie eine ganze Reihe von Massnahmen ergriffen, um sich besser zu schützen und ihre diplomatischen Bemühungen zu intensivieren. Zwar hatte man die Stadt gut im Griff, doch der See liess sich nicht so leicht bewachen. Die Behörden untersagten den Schiffern ab 1703, in der Schweiz Deserteure – besonders französische – zu befördern.

Ab April 1703 durften nur noch die eigenen Seeleute Barken und Brigantinen der Stadt mit Waren beladen und entladen, was in erster Linie die Schiffer aus dem Waadtland hart traf. Da die Zahl der vornehmlich aus Orange stammenden Flüchtlinge innerhalb der Stadtmauern rasant zunahm, sahen die Genfer Behörden dringenden Handlungsbedarf.

Der Genfer Hafen in einer Darstellung Ende des 18. Jahrhunderts.
Der Genfer Hafen in einer Darstellung Ende des 18. Jahrhunderts.
Bild: Wikimedia

Ausserhalb der eigenen Grenzen hatte Genf keinen Einfluss und so blieb der Stadt nichts anderes übrig, als die französischen Militäroperationen zuzulassen, die Marschall Tessé ab dem Herbst des Jahres 1703 durchführte. Vor allem vom Frühjahr 1704 an fanden auf dem See unzählige Überfahrten statt. Häufig verkehrten mit Militärkontingenten besetzte Schiffe, beladen mit Getreide und Futtermitteln, vom damals französischen Versoix nach Thonon.

1704 war ein schwieriges Jahr. Nicht nur die wachsenden Spannungen zwischen dem Genfer Bürgertum und dem Patriziat, sondern vor allem die vielen Kamisarden bereiteten der Regierung Kopfzerbrechen: «Die aus Frankreich Vertriebenen, die nun in der Stadt sind, haben ein aufrührerisches Temperament, machen ständig Ärger und handeln uns Beschwerden ein.» Überdies unternahmen die Kamisarden unter dem berühmt berüchtigten Anführer Jean Cavalier Reiterangriffe unweit des Waadtlandes.

Porträt von René de Froulay de Tessé, um 1700.
Porträt von René de Froulay de Tessé, um 1700.
Bild: Wikimedia

Ausserdem stand es mit den Beziehungen zwischen Genf und Bern wieder einmal alles andere als gut, nachdem die Verwaltung in Morges gerade die Zölle, insbesondere auf Genfer Waren, erhöht hatte. In diesem destruktiven Umfeld beschloss ein savoyischer Abenteurer namens Dantal, Freibeuter zu werden. Sein Vater, ein Schiffsbauer aus Nizza, fertigte für den Herzog von Savoyen 1671 zwei Schiffe an, die sich sowohl für Warentransporte als auch für etwaige Militärmanöver auf dem Genfersee eigneten. Das erste der beiden in Thonon gebauten Schiffe, die Saint-Charles, wurde im August 1671 zu Wasser gelassen, das zweite, die Saint-Jean Baptiste, im darauffolgenden November.

Dantal kannte sich seit frühester Kindheit mit dem Segeln aus. Da er als Patriot mit den Kamisarden sympathisierte, fasste er im Frühjahr 1704 den Entschluss, sich am Krieg gegen Frankreich zu beteiligen. Er scharte ein paar Männer um sich und stattete sie, so gut es ging, mit Waffen aus. Seine erste Schlacht dürfte er mit nicht viel mehr als einem bescheidenen Fischerboot geführt haben. Hätte er eines der Segelschiffe seines Vaters genutzt, wären Hinweise darauf in den Archiven zu finden.

Rekonstruktion der «Saint-Charles».
Rekonstruktion der «Saint-Charles».
Zeichnung: P. Blœsch

Im April kaperte der Freibeuter vor Collonge-Bellerive ein von einem französischen Hauptmann befehligtes Schiff, indem er sich auf die Erlaubnis des Herzogs von Savoyen berief. Der brutale Angriff ging rasch und ohne jeglichen Widerstand vonstatten. Es dauerte nicht lange, bis die Kunde dieses Abenteuers von den hintersten Gässchen der Stadt bis zum Ratssaal vorgedrungen war und die Herren Syndics in eine Zwickmühle brachten. Sollte man die Person, die bekanntermassen dem Herzog von Savoyen die Treue hielt, verfolgen und damit riskieren, den Zorn des Prinzen auf sich zu ziehen, oder vielleicht besser die Augen vor dieser Tat verschliessen und damit unweigerlich den Vertreter des französischen Königs vor den Kopf stossen?

Die Magistrate wählten eine massvolle diplomatische Reaktion, da sie befürchteten, der Kaperangriff könne den gewöhnlichen Warenhandel über den See gefährden. Deshalb hüteten sich die Genfer Behörden davor, Partei zu ergreifen und sich dadurch die Hände binden zu lassen. Besser noch: Die Magistrate weigerten sich, ein «öffentliches Verfahren» einzuleiten, und zogen es vor, «jenen Dantal die Konsequenzen dieser Angelegenheit auf besonderem Wege spüren zu lassen». Eine typisch calvinistische Finesse, die sogar ein Jesuit gebilligt hätte!

Die Ruhe vor dem Sturm

Der Plan blieb jedoch erfolglos, denn die Genfer Abgesandten konnten den Freibeuter nicht aufspüren. Dieser hatte es sich in den Kopf gesetzt, den gefangenen französischen Offizier beim savoyischen Führungsstab in Chambéry abzuliefern.

Während der folgenden Monate verhielt sich der Korsar ruhig. Erst 1705 machte er wieder von sich reden, nachdem die französischen Truppen des Herzogs von Vendôme im August die Schlacht von Cassano gegen Savoyen gewonnen und die Lombardei besetzt hatten. Dafür mussten die Soldaten natürlich entlohnt werden. Der Transport der Goldmünzen für die Truppen von Vendôme in Norditalien wurde von Genfer Bankiers organisiert. Er sollte zunächst am Ufer des Genfersees entlang und dann über die Alpen verlaufen. Eine ebenso anspruchsvolle wie aussergewöhnliche Aufgabe.

Im Oktober 1705 machte sich ein Konvoi mit einer eher dürftigen Eskorte auf den Weg. Die Kutschen mussten entlang des schweizerischen Seeufers fahren, da es als sicherer galt als die andere Seite, wo das Risiko, in einen Hinterhalt savoyischer Partisanen zu geraten, hoch war. Doch irgendwas war offenbar durchgesickert, denn Dantal erhielt Wind von dem Sondertransport und plante einen weiteren Angriff. Den französischen Truppen Gold abzuknöpfen, war für ihn in mehrfacher Hinsicht lohnenswert: einerseits für seine persönliche Bereicherung, andererseits für die Sache Savoyens.

Gemälde der Schlacht bei Cassano von Jean Baptiste Martin.
Gemälde der Schlacht bei Cassano von Jean Baptiste Martin.
Bild: Wikimedia

Wie in Piratengeschichten üblich, versammelte der Bandit seine Männer in einer Taverne. Sie trafen sich am 19. Oktober in der «Couronne» in Morges, damals noch Berner Boden. Am Abend bestiegen einige von ihnen das Fischerboot, mit dem sie den See überquert hatten. Die Nacht brach schnell herein, und das unbeständige Wetter sorgte dafür, dass die Operation unbeobachtet blieb.

Das kleine Segelboot legte nur eine kurze Strecke bis zu einem nahegelegenen Wald zurück, wo bereits Dantals übrige Anhänger mit Waffen warteten. Mit voller Besatzung steuerte das Boot schliesslich in der Dunkelheit nach Westen, vorbei an den Landorten der Waadt Allaman, Rolle und Nyon. Im Licht der Morgendämmerung legten die Freibeuter gleich hinter dem Hafen von Coppet an. Ihr Ziel war ein verlassener Strand in der Nähe der Konvoiroute.

Nun hiess es abwarten. Die Piraten harrten mehrere Stunden geduldig versteckt im feuchten Gras aus. Gegen Mittag des 20. Oktober aber hatten sie das Warten satt und glaubten nicht mehr daran, dass das Gold des Herzogs auf diesem Weg transportiert werden würde. Sie traten den Rückzug an. So leicht wollte Dantal jedoch nicht aufgeben. Er beschloss, den See zu überqueren und das Dorf Hermance einzunehmen, das sich in französischer Hand befand, um sich davon zu überzeugen, dass die Wagen von Vendôme nicht am anderen Ufer entlanggefahren waren.

Das Dorf Hermance diente den Piraten als Rückzugsort.
Das Dorf Hermance diente den Piraten als Rückzugsort.
Bild: Wikimedia

Den verdutzten Dorfbewohnern blieb nichts anderes übrig, als den bewaffneten Männern beim Anlegen zu helfen, sich Dantals Befehlen zu fügen und seine Fragen zu beantworten. Allem Anschein nach liessen die Seeräuber die Bevölkerung ungeschoren davonkommen, schnappten sich allerdings die Kasse des königlichen Steuereintreibers. Sie erfuhren, dass auch hier kein Konvoi vorbeigekommen war. Im Glauben, dass der Goldtransport von Vendôme doch erst am nächsten Tag und am schweizerischen Ufer stattfinden würde, entfernten sich Dantal und seine Gefolgsleute vom Ort des Geschehens, um sich in die Nähe der begehrten Beute zu begeben.

Also setzten sie Segel in Richtung des savoyischen Dörfchens Yvoire, wo die Ruinen des mittelalterlichen Schlosses Schutz gegen allfällige Angriffe boten. Der dortige Herr von Cinquantod, dessen Sympathie für die Franzosen bekannt war, musste den Platz für die Nacht räumen.

Fette Beute

Am Morgen des 21. Oktober machten sich die Freibeuter erneut auf nach Coppet, wo sie sich in Erwartung des Konvois auf die Lauer legten. Gegen acht Uhr in der Früh kreuzte tatsächlich ein von vier Reitern eskortierter Planwagen auf. Im Nu war die Truppe von bedrohlichen Säbeln, Bajonetten und Gewehren umzingelt. In einem Schusswechsel wurde eines der Pferde getötet, sodass an Flucht nicht zu denken war. Völlig überrumpelt liessen sich die Wachen von den Piraten entwaffnen. Die Männer um Dantal leerten in aller Ruhe die Kisten und luden sie auf ihr Boot. Sie hatten zwanzigtausend Louis d’Or erbeutet! Geschockt, aber lebendig sahen die Opfer die Freibeuter davonsegeln. Diese steuerten in aller Seelenruhe ihr Lager in Yvoire an, wo Dantal einen Teil seiner Kameraden absetzte, bevor er noch am selben Abend ans schweizerische Ufer zurückkehrte.

Was mit dem Gold geschehen ist, weiss man bis heute nicht. Haben die Piraten die Beute unter sich aufgeteilt? Oder hat Dantal die Münzen dem Kamisardenanführer Jean Cavalier übergeben, der sich mit seinen Männern gerade in den Dienst des Herzogs von Savoyen gestellt hatte? Auf jeden Fall wurden Dantal und seine Seeräuber einige Tage später in Bern gesehen, wo sie ihren Sieg in der Herberge «La Cigogne» und im Hotel «Croix-Blanche» feierten, ohne sich von den Berner Bogenschützen verunsichern zu lassen – allen Protesten der französischen Diplomaten zum Trotz. Danach verschwand der Pirat von der Bildfläche. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört ...

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Der Süsswas­ser­pi­rat vom Genfersee» erschien am 25. August.
blog.nationalmuseum.ch/2021/08/pirat-vom-genfersee
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Was ist denn da am Genfersee los?

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Was ist denn da am Genfersee los?
quelle: keystone / laurent gillieron
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