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Das friedliche Geschlecht: Warum Amokläufer selten weiblich sind

Frauen laufen seltener Amok als Männer. Und dies nicht nur wegen der Erziehung. Eine wichtige Rolle spielen Hormone und Vorbilder.
27.07.2016, 09:4927.07.2016, 10:00
Noemi Lea Landolt / Nordwestschweiz
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Mädchen werden zu sozialen, empathischen Menschen erzogen. Gewalt passt nicht ins Rollenbild.
Bild: Keystone

Schon wieder ein Attentat. Schon wieder ein Massaker. Schon wieder ein Amoklauf. Und schon wieder ein Mann, der tötet. Kann das ein Zufall sein?

Weltweit sind Amokläufe selten. Nur sehr wenig Männer und Frauen werden in ihrem Leben zu Amoktätern. Das Gefühl, dass es nie Frauen und immer Männer sind, ist trotzdem nicht ganz falsch. Weniger als zehn Prozent aller Amokläufe an Schulen werden von einer Täterin begangen. Für den Gerichtspsychiater und Amok-Experten Thomas Knecht ist klar: «Der Amoklauf ist ein männliches Phänomen.»

«Der Gipfel der Amokläufe und der Gipfel des Testosteron-Spiegels fallen zusammen.»

Es gibt nicht den einen Grund, weshalb viel mehr Männer in scheinbar ausweglosen Situationen zur Waffe greifen, andere Menschen und meistens auch sich selber töten. Wissenschaftler untersuchten die Biografien von Amokläufern und fanden Gemeinsamkeiten: Es sind oft Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich oft als Mobbing-Opfer und von der Gesellschaft weder anerkannt noch ernst genommen. Solche Krisensituationen kennen Frauen und Männer. Aber sie gehen unterschiedlich damit um.

Sind Frauen das friedlichere Geschlecht?

Frauen internalisieren Konflikte. Das heisst, sie tragen ihre Probleme eher mit sich selbst aus, anstatt anderen Menschen gegenüber gewalttätig zu werden: «Es gibt Frauen, die kompensieren ihre Probleme mit einer Ess- oder Angststörung», sagt Rebecca Bondü. Sie ist Psychologin an der Universität Potsdam und forscht zum Thema Amok.

Das Testosteron ist mitschuldig

Männer hingegen tragen ihre Probleme nach aussen. Aggression und Gewalt werden zum Ventil für negative Erfahrungen: «Mit dem Amoklauf verschaffen sie ihrer Wut auf die Welt einen fulminanten Abschluss», sagt Thomas Knecht. Das zeigt sich nicht nur bei Amokläufen, sondern auch in den Kriminalstatistiken, wo Männer als Gewalttäter Jahr für Jahr deutlich übervertreten sind.

Grund für das unterschiedliche Verhalten von Mann und Frau ist ein Zusammenspiel von biologischen und gesellschaftlichen Faktoren. «Was als Anlage bereits bei der Geburt vorhanden ist, wird durch die Umwelt verstärkt», sagt Thomas Knecht. Zum Mann gehört zum Beispiel sein Sexualhormon; das Testosteron. Es lässt Barthaare spriessen, Muskeln wachsen, Spermien reifen und hat einen Zusammenhang mit Amokläufen: «Der Gipfel der Amokläufe und der Gipfel des Testosteron-Spiegels fallen zusammen», sagt Thomas Knecht. Die meisten Amokläufe von Männern werden in jenem Alter begangen, in dem ihr Testosteron-Spiegel am höchsten ist.

«Mit dem Amoklauf verschaffen sie ihrer Wut auf die Welt einen fulminanten Abschluss»

Testosteron bedeutet Kraft; Kraft ermöglicht Gewalt. Da erstaunt es nicht, dass sich auch Wissenschaftler für die Zusammenhänge zwischen dem männlichen Sexualhormon und Aggressionen interessieren. Es gab verschiedene Studien zum Thema. Unter anderem auch mit Frauen, die wegen eines Gewaltdeliktes im Gefängnis sitzen. «Die Mehrheit von ihnen hat einen für Frauen erhöhten Testosteron-Spiegel», sagt Thomas Knecht.

Das Testosteron alleine macht aber aus einem Menschen noch keinen Amokläufer, Mörder oder Gewalttäter. Wäre das der Fall, wäre die Hälfte der Gesellschaft prädestiniert, als Amokläufer zu enden, und es gäbe keine gewalttätigen Frauen, weil sie nie so hohe Testosteron-Werte haben wie Männer.

Es sind deshalb auch gesellschaftliche Faktoren und immer noch gängige, uralte Geschlechter-Stereotypen, mit deren Hilfe Experten erklären, weshalb es praktisch keine Amokläuferinnen gibt: «Der Amok war schon immer eine physische Machtdemonstration», sagt Thomas Knecht. «Das liegt dem Mann.» Er ist meist grösser, stärker und der Frau überlegen. Der Kampf um die eigene Machtposition spielt in seinem Leben zudem eine zentralere Rolle als im Leben einer Frau. Schon früh messen sich Jungs in kompetitiven Sportarten, kämpfen auf dem Pausenplatz und lernen, dass man keine Schwäche zeigt. Nur Weicheier weinen. Der Stärkere gewinnt.

Weibliche Vorbilder fehlen

Jetzt auf

Mädchen hingegen werden zu empathischen, sozialen Wesen erzogen, die sich liebevoll zuerst um Puppen und später um Kinder kümmern sollen. Da hat Gewalt keinen Platz. «Mädchen lernen, Probleme anzusprechen», so Thomas Knecht. «Sie holen sich auch eher professionelle Hilfe, wenn es ihnen schlecht geht, bevor sie gewalttätig werden.» Es sei auch so, dass sich Frauen nach einer Gewalttat eher schämen: «Gewalt auszuüben entspricht nicht dem erstrebenswerten Ziel einer Frau.» Anders als beim Mann existieren auch weniger weibliche Vorbilder. «Die meisten gewaltbereiten Superhelden sind männlich», sagt Thomas Knecht. Deshalb falle es Mädchen schwerer, sich mit ihnen zu identifizieren.

Die Wichtigkeit von Vorbildern ist auch im Zusammenhang mit Amokläufen nicht zu unterschätzen: Nach einem Amoklauf gibt es unzählige Berichte über die Tat – und den Täter. Was war es für ein Mensch? Weshalb hat er es gemacht? Wie hat er es gemacht? Es sind diese Geschichten, mit denen sich Nachahmungstäter teilweise intensiv und über längere Zeit beschäftigen und die sie für die eigene Tat inspirieren können. Laut Rebecca Bondü sind sie möglicherweise ein weiterer Grund für die wenigen Amokläuferinnen: «Bis jetzt gab es viel mehr Täter. Jungen und Männer können sich viel stärker mit ihnen identifizieren.» (aargauerzeitung.ch)

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