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In den 1950er Jahren produzierte VW-Käfer im Automuseum Volkswagen in Wolfsburg.
Bild: wikimedia commons/Axel Hindemith

Interview

Frage an den Haushistoriker der Volkswagen AG: Wer hat den Käfer denn nun erfunden?



Als Abschluss der vierteiligen Serie über den Volkswagen-Pionier Josef Ganz spricht Manfred Grieger, der Haushistoriker des Volkswagen-Konzerns. Der promovierte Spezialist für die Zeit des Nationalsozialismus vertritt die Auffassung, dass die Urheberschaft des Volkswagen Käfers aufgrund der heutigen Quellenlage niemand anderem als Ferdinand Porsche gebührt.

Welche Bedeutung kommt dem Käfer in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns zu?
Manfred Grieger:
Es war das erste Fahrzeug des Unternehmens. Genau genommen entstand zuerst das Produkt und dann wurde ein Unternehmen daraus.

«Im Übrigen baute auch Porsche 1932 einen Prototypen, der dem Käfer ähnelt.»

Manfred Grieger

Wer hat dieses ikonische Auto erfunden?
Wenn Sie damit den KDF-Wagen meinen, dann lautet die Antwort Ferdinand Porsche.

Bild

Dr. Manfred Grieger ist Historiker an der Universität Göttingen und Spezialist für die NS-Zeit. Seit 1998 ist er zudem für den Volkswagen-Konzern tätig, aktuell als Leiter Historische Kommunikation.
bild via stadtbibliothek wolfsburg

Wie hoch schätzen Sie den Anteil von Josef Ganz ein?
Zur Frage, inwiefern er Anteil an der Entwicklung des Volkswagens hatte, gibt es das Buch von Paul Schilperoord. Die Kernaussage dort lautet: Hitler hat Ganz’ Pläne für den Volkswagen gestohlen. Problematisch an dieser Darstellung ist, dass sie sich wesentlich auf Äusserungen von Josef Ganz aus den Jahren 1961 bis 1964 stützt. Dokumentarische Belege für diese These existieren hingegen kaum. Unstrittig ist, dass Ganz als Chefredakteur der «Motor-Kritik» wesentlich zur Popularisierung des Begriffs «Volkswagen» beigetragen hat. Das wurde inzwischen auch in die von uns herausgegebene Volkswagen-Chronik aufgenommen.

Ist es vor dem Hintergrund der NS-Vergangenheit von VW nicht etwas unglücklich, dass in dieser Chronik von Ganz als «aus Ungarn stammend» gesprochen wird? Immerhin war er deutscher Staatsangehöriger, bis ihn die Nazis 1938 wegen seiner jüdischen Wurzeln ausbürgerten.
Sie sollten den zeitlichen Zusammenhang, nämlich die Ende 1920er-Jahre, betrachten, in dem diese Formulierung steht. Womöglich wäre zur Vermeidung von Missverständnissen zu ergänzen, «der nach 1933 Opfer antisemitischer Verfolgung wurde».

Ganz' Ausbürgerung im nüchternen, pseudo-juristischen Nazi-Jargon: «Der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt durch Bekanntmachung vom 11.8.1938, veröffentlicht in der Nr. 187 des Deutschen Reichsanzeigers und Preussischen Staatsanzeigers vom 18.8.1938.»

Ganz' Ausbürgerung im nüchternen, pseudo-juristischen Nazi-Jargon: «Der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt durch Bekanntmachung vom 11.8.1938, veröffentlicht in der Nr. 187 des Deutschen Reichsanzeigers und Preussischen Staatsanzeigers vom 18.8.1938.»
Bild: national archives and records administration

Wie erklären Sie sich die starke Käfer-Ähnlichkeit zahlreicher Modelle, die aber bereits mehrere Jahre zuvor auf den Markt gekommen waren?
Die Ähnlichkeit entstand aus einer Dynamik, die mit dem Rumplerwagen 1921 begann und zur Tendenz bei darauffolgenden Neuwagenentwicklungen wurde. Auch Ganz liess sich bei der Entwicklung seiner Kleinstwagen davon beeinflussen. Daneben behauptete Hans Ledwinka von Tatra später, der Erfinder des Volkswagens zu sein. Das waren parallele Entwicklungen. Im Übrigen baute auch Porsche 1932 einen Prototypen, der dem Käfer ähnelt. Als abwägender Historiker bin ich skeptisch, ob man in dieser Frage zu einer eindeutigen Position gelangen kann, wie Schilperoord das tut.

Wie schwer wiegt in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Porsche kostenlosen Zugriff auf die Patente aller deutschen Automobilhersteller eingeräumt bekam?
Das aus dem Bestand der Reichskanzlei stammende Dokument vom 20. Juni 1934 (siehe unten) fasst die Perzeption der mitgeteilten Absicht durch den zuständigen Referenten der Reichskanzlei zu einem frühen Stadium des Vorhabens zusammen, als der Reichsverband der Automobilindustrie (RDA) noch davon ausging, dass der zukünftige Volkswagen von den Mitgliedsunternehmen nach festgelegten Quoten als «Gemeinschaftswerk» realisiert würde. Es ist historisch in der zeitlich nachfolgenden Überlieferung des RDA und der verschiedenen Unternehmen zu prüfen, ob und inwieweit diese Absicht realisiert wurde.

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Patent-Freipass für Ferdinand Porsche: «Die einzelnen Werke stellen ihre Erfahrungen und Patente und auf Anforderung auch bewährte Konstrukteure Porsche zur Verfügung.»
screenshot via josef-ganz.org

Die Frage, ob und in welchem Ausmass Ganz Anteil am Volkswagen hat, ist Ihrer Meinung nach offen?
Wenn neue Erkenntnisse auftauchen, muss man diese prüfen. Allerdings weiss ich nicht, wo noch Quellenbelege sein sollen. Wahrscheinlich gibt es sie nicht.

Wäre es nicht im ureigenen Interesse von VW, aktiv nach diesen Belegen zu suchen? Anders gefragt: Warum überlässt man das einem holländischen Journalisten?
Paul Schilperoord machte uns mit seinen Recherchen auf Josef Ganz aufmerksam. Bis 1996 war uns der Name nicht bekannt. Er war sozusagen ein Vergessener. Dann gingen wir den Hinweisen nach und fanden die Korrespondenz zwischen dem ersten Vorstandsvorsitzenden der Volkswagenwerk AG, Heinrich Nordhoff, und Ganz aus den 1960er Jahren. Die weitere Quellenlage stützt aus unserer Sicht Schilperoords Thesen nicht.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Ressourcen. Als Sie zusammen mit Hans Mommsen die Rolle von Zwangsarbeitern im Volkswagenwerk während der NS-Zeit aufarbeiteten, standen Ihnen vermutlich andere Mittel zur Verfügung.
Das mag abstrakt betrachtet stimmen. Die Aufarbeitung der Geschichte eines Unternehmens in der NS-Zeit mit all ihren Aspekten ist aber von einer anderen Dimension als die Frage, ob Josef Ganz den Volkswagen erfunden hat. Aus meiner Sicht und aufgrund der aktuellen Quellenlage sehe ich keinen Hinweis, dass dem so sei. In den Niederlanden entsteht derzeit ein Dokumentarfilm über Ganz. Wenn die Regisseurin zu neuen Erkenntnissen gelangt, sind wir gerne bereit, diesen nachzugehen.

Teil 4

Frage an den Haushistoriker der Volkswagen AG: Wer hat den Käfer denn nun erfunden?

VW: Bilder aus der guten, alten Zeit (als Abgase noch Abgase waren)

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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