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look of silence

Eine bald hundertjährige Mutter kämpft um das Andenken ihres ermordeten Sohns. Bild:  Film Festival Venedig

Dokumentarfilme am ZFF

Bitte, lesen Sie diesen Artikel nur, wenn Sie starke Nerven haben. Oder ab der Hälfte

Joshua Oppenheimers Dokfilm «The Look of Silence» erschüttert nachhaltig. Und Samirs Liebeserklärung an seine irakische Familie «Iraqi Odyssey» berührt, ist aber noch nicht fertig.



Drei Monate lang massakrierten 1965 indonesische Paramilitärs am sonst so sanften Snake River Kommunisten und warfen ihre Überreste in den Fluss. Tag und Nacht, sagt einer der Schergen heute vergnügt in die Kamera, hätten sie Kommunisten geschlachtet, und die Fische hätten angefangen, sich von Menschenfleisch zu ernähren. Die abgeschnittenen Brüste der Frauen hätten dabei ausgesehen wie Siebe für Kokosmilch.

Als die Soldaten schliesslich fürchteten, vor lauter Morden selbst wahnsinnig zu werden, griffen sie zum einzigen Mittel gegen den drohenden Wahnsinn: sie hielten ihre Trinkgläser vor die durchtrennten Halsschlagadern ihrer Opfer und tranken das Menschenblut. Süss und salzig hätte es geschmeckt und sei eine grossartige Medizin gewesen. Ein Abwehrzauber, gewachsen aus dem Höllenfeuer des ländlichen Aberglaubens.

An einen jungen Mann können sich die Täter besonders genau erinnern, er hiess Ramli und konnte mit bereits aufgeschnittenem Bauch noch einmal zu seiner Mutter fliehen, aber dann holten sie ihn ein, schnitten ihm erst seinen Penis ab, zerstückelten ihn dann und warfen ihn in den Fluss.

Ausschnitt aus «The Look of Silence»

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video: youtube/ Media Akademisi

Ramlis Mutter ist zum Zeitpunkt der Dreharbeiten fast 100 Jahre alt, sein Vater 103, sein Bruder Adi, der nach Ramlis Tod geboren wurde, 44. Fast alle der Täter von damals leben Haus an Haus mit Ramlis Eltern in ihrem Dorf, darüber geredet wird nicht, auch die Kinder der Täter wissen nicht, was ihre Väter getan haben. «Das ist Geschichte», sagen die Täter. Und: «Wir haben nur Befehle ausgeführt.» Diejenigen, von denen die Befehle stammten, sagen das Gleiche.

Adi und seine Mutter suchen für den Filmemacher Joshua Oppenheimer die Konfrontation mit den Mördern von damals. Und sorgen dafür, dass in ihrem Dorf ein Stück historischer Aufklärung stattfindet. Dass Adi dabei als Optiker auftritt und Sehtests mit allen veranstaltet, ist eine hübsche Symbolhandlung. 

look of silence

Adi sieht sich ein Video mit den grausigen Aussagen der Täter an. Bild: ZFF

Oppenheimer und Adi Rukun reden über «The Look of Silence»

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video: youtube/ myETVmedia

«The Look of Silence» ist Joshua Oppenheimers Nachfolger seines oscarnominierten Dokfilms «The Act of Killing». Dort interviewte er unzählige indonesische Kommunistenjäger von einst und liess sie ihre Taten in Worten und Reenactments nachstellen. Ein grauenhafter Film und eine Sensation, die den heute 40-jährigen Texaner, dessen Grosseltern vor den Nazis aus Deutschland geflohen waren, über Nacht zum wichtigsten Dokumentarfilmer der Welt machte.

Samirs Scham

«The Look of Silence» erzählt die gleiche Geschichte noch einmal, aber jetzt über ein Einzelschicksal. Und wieder krallt man sich erschüttert im Kinosessel fest. Aber noch erschütternder als die genüsslichen Erinnerungsorgien der zynischen Schergen von einst sind die Stärke und der Trotz und die Unbeugsamkeit mit der Adi und seine Mutter sich in all ihrem Schmerz den Tätern und den historischen Tatsachen stellen. Adis Familie ist nach den Dreharbeiten aus ihrem Dorf weggezogen, die indonesischen Mitarbeiter des Films sind im Abspann alle als «Anonymous» aufgeführt.

In Venedig gewann Oppenheimer dafür vor wenigen Wochen ganze vier Preise, darunter den grossen Preis der Jury, und es ist fast undenkbar, dass ihn im internationalen Dokumentarfilmwettbewerb des ZFF ein anderer Film ausstechen könnte.

samir

Familienfoto aus glücklichen Zeiten. Bild: Look Now!

Einer von Oppenheimers Kontrahenden war in einer früheren Planungsphase des ZFF beziehungsweise bis zum Druck des Programmhefts auch «Iraqi Odyssey» des Zürcher Filmemachers Samir gewesen. Nach der Premiere am Filmfestival von Toronto wurde der Film von drei ZFF-Vorstellungen auf eine reduziert und war nicht mehr im Wettbewerb. Was die Gerüchtefabrik natürlich aufs Heftigste anfeuerte: Der Film sei in Toronto direkt an die Berlinale verkauft worden und dürfe deshalb vorher nicht mehr an einem andern deutschsprachigen Festival Premiere feiern, hiess es.

Samir sagt dazu: «Der von der Berlinale war da, ja.» Aber der Grund für die Redimensionierung der Zürcher Festivalpräsenz sei der grosse Ärger mit der Postproduktion, erst in Toronto habe er den ganzen Film zum ersten Mal sehen können, sagt Samir, und habe sich derart geschämt, dass er sich vor jeder weiteren Vorstellung beim Publikum entschuldigt habe und den Film in Zürich gar nicht erst zeigen wollte.

Trailer zu «Iraqi Odyssey»

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video: youtube/ abudhabifilmfestival

Es sei nun genau das herausgekommen bei seinem ersten Film in 3D, dass man nämlich im Kino sitze und sich fragen würde: «Wieso hat er das jetzt in 3D gedreht?» Er hätte eine Vision gehabt, und dass die Vision sichtbar werde, dafür brauche es noch einmal einen Monat Arbeit und viel Geld. Die Bilder sollten im Raum schweben, nicht auf dem Hintergrund kleben. Weshalb also die Vorstellung von «Iraqi Odyssey» in der Nacht auf Dienstag (der 160-minütige Film war um Mitternacht zu Ende) formal der Fairness halber als Blick in das Skizzenbuch eines Visionärs betrachtet werden muss.

Ein verformtes Land

Inhaltlich wird sich am Film nichts mehr ändern. Also auch in der Länge nicht. Aber das ist gerade Samirs Ziel: Die Geschichte des Iraks anhand der Geschichte seiner Familie zu zeigen. Über gute sechs Jahrzehnte, in all ihren fatalen und optimistisch stimmenden Verästelungen. So ausführlich, wie's irgendwie geht. Es ist die Geschichte einer Familie aus der gebildeten irakischen Mittelschicht, die in den 50er-Jahren beginnt, in einem Land mit einem von den Briten gesteuerten Marionettenkönig, das aber doch ein emanzipiertes, fortschrittliches Leben erlaubt.

Nach der Revolution von 1958 ist Irak zwar unabhängig, aber seine Struktur ist zerstört, bald übernimmt die nationalistische Baath-Partei, später Saddam Hussein, Kriege und Repressionen verformen das Land. Samirs Familie ist da schon längst in die ganze Welt hinaus geflohen, einzelne Versuche, die verlorene Heimat wieder zu finden, enden tragisch, mit Folter, mit Tod.

samir

Samirs Halbschwester floh nach Amerika. Bild: Look Now!

Samir besucht eine Hand voll Onkel und Tanten und seine Halbschwester, er lässt sie erzählen von ihrem Irak und webt einen reichen Stoff aus historischem und persönlichem Material, und da sitzt man dann und geniert sich ein bisschen, dass die eigene Familie nicht einmal in Ansätzen so interessant ist, so mutig und so lustig wie diese Samir-Familie.

Erzählen aus der Diaspora

Aber es ist natürlich eine dramaturgisch zurecht getrimmte und zelebrierte Familie, und das Herzblut, das reichlich über alle und alles vergossen wird, das gehört zuallererst dem Samir, den man ja auch gar nicht anders kennen möchte aus Zürich. Vielleicht wäre er in Bagdad oder Basra und an den Gestaden von Euphrat und Tigris noch flamboyanter geworden, wenn es denn dort überhaupt ein Leben für ihn und die seinen gegeben hätte. Vielleicht brauchte es aber auch die Diaspora, um ihn zu dem leidenschaftlichen Geschichtenerzähler zu machen.

Und wer weiss, vielleicht fallen ihm ja in den kommenden Wochen der Schwerarbeit doch noch ein paar Sequenzen ein, die sich trotz allem wegkürzen liessen. Es handelt sich ja um ein Work in progress. Aber wir werden uns das noch einmal genau ansehen, wenn der Film im Februar 2015, also um die Zeit der Berlinale, in die Kinos kommt, und erst dann unsere Schlüsse ziehen.

«The Look of Silence»: Fr, 3.10., 14.15 Uhr, Corso 2; Sa, 4.10., 15.45 Uhr, Corso 4.

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