Schweiz

Zwei Präsidenten erfolgreicher Kleinparteien: Martin Bäumle von den Grünliberalen und der damalige BDP-Chef Hans Grunder beglückwünschen sich am Wahltag 2011.  Bild: KEYSTONE

So ist der nächste Nationalrat zusammengesetzt: Die watson-Prognose für die Wahlen 2015

Die Listenverbindungen für die Nationalratswahlen, auf die es fast so sehr ankommt wie auf den Wahlkampf, sind bekannt. Eine statistische Prognose zeigt, wer die besten Allianzen geschmiedet hat und für den Wahltag im Vorteil ist.

02.09.15, 07:30 03.09.15, 13:55
Stefan Trachsel
Stefan Trachsel

Ein strahlender GLP-Präsident Martin Bäumle und ein grinsender BDP-Chef Hans Grunder beglückwünschen sich als Wahlsieger. 21 Sitze besetzen die beiden Kleinparteien nach den Wahlen 2011 im Nationalrat. 

Der Erfolg der GLP fusste wie bei keiner anderen Partei auf geschickten Listenverbindungen. Für Kleinparteien sind diese fast wichtiger als die Wahlkampagne selbst. Der GLP bescherten sie fast die Hälfte ihrer zwölf Sitze.

Die FDP hat gerechnet und mit ihr ist zu rechnen

Gut sechs Wochen vor den diesjährigen Wahlen sind die Listenverbindungen mittlerweile in fast allen Kantonen definitiv. Nun lässt sich berechnen, wer wie gut taktiert hat. 

Wir tun dies mit einem Prognosemodell, das sich an Ansätzen aus den USA anlehnt. Wir schauen dazu vor allem die Kantonswahlen an. Ob eine Partei in einer kantonalen Parlamentswahl gewonnen oder verloren hat, sagt alleine schon gut voraus, wie sie bei den Nationalratswahlen abschneiden wird. Diese Zahlen ergänzen wir mit weiteren Angaben, etwa wie viele Parlamentarier eine Partei wegen Rücktritten ersetzen muss. Wenn Bisherige nicht mehr antreten, verliert die Partei meist Stimmen. 

Die Prognose zeigt, dass in diesem Jahr nicht mehr nur Martin Bäumle gewissenhaft gerechnet hat. Lachen dürfte vor allem einer: FDP-Präsident Philipp Müller. Die Freisinnigen haben nicht nur bei den Wahlen im Frühjahr Glanzresultate eingefahren, sie scheinen auch richtig taktiert zu haben. Das Modell sagt ihnen die grössten Gewinne voraus. Dass BDP und GLP nochmals jubeln, ist dagegen praktisch ausgeschlossen.

Geht es nach unserem Modell, sieht der Nationalrat ab Dezember folgendermassen aus:

Ändert sich fast nichts? Unser statistisches Modell lässt es vermuten. - Berücksichtigt werden in der Grafik nur die Kantone mit mindestens zwei Sitzen (194 von 200 Sitzen). Die schwarzen Linien zeigen bei den grösseren Parteien die Bandbreite der Prognose an. Die helleren Balkenteile deuten an, dass die Wahrscheinlichkeiten für einen Sitzgewinn oder -verlust dort extrem eng beieinander liegen, d.h. die GLP könnte auch 3 Mandate verlieren, die SP 2 und die Grünen 4. grafik: watson, daten: restmandat.ch

Was die Grafik zeigt

Die Prognose berechnet für jede Partei die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine bestimmte Anzahl Sitze in einem Kanton sowie national erreicht. Diese Wahrscheinlichkeiten liegen teilweise sehr nahe beieinander. Die schwarzen Balken in der Grafik zeigen deshalb, wie viele Sitze eine Partei praktisch auf sicher hat (mehr als 75 Prozent Wahrscheinlichkeit) und bei wie vielen Sitzen sie eine Chance auf den Gewinn hat (mindestens 25 Prozent). 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nur bei der Hälfte der Parteien die korrekte Sitzzahl voraussagen – das zeigt die Erfahrung in früheren Wahlen. Relativ gut schneidet das Modell aber bei der Trendaussage ab: Wenn wir einer Partei Gewinne voraussagen, wie dieses Jahr der FDP, dann trifft dies in bis zu 90 Prozent der Fälle auch ein.

Bei diesen Parteien sind die grössten Bewegungen zu erwarten:

Die Gewinnerin

Die Verlierer

Was nützt das Modell?

Die Prognose präsentiert die Ausgangslage lange vor den Wahlen. Sie berücksichtigt Daten, die sich bis zum 18. Oktober nicht mehr ändern. Der Wahlkampf läuft aber weiter und er wird die Wähler beeinflussen, was ja auch das Ziel ist. Interessant wird sein, inwiefern das Wahlresultat vom Modell abweicht. Welche Partei schneidet besser ab als erwartet? Und in welchem Kanton gibt es Überraschungen? Das wird zeigen, welche Partei ihr Potenzial, das sie aufgrund der Kantonswahlen und ihrer wiederantretenden Nationalräte hat, übertroffen oder unterschritten hat.

Die Stagnierer

So wählst du richtig

Nationalrat

Ständerat

Der Verein Politools lässt dich deine politischen Einstellungen auf der Wahlplattform Smartvote mit denjenigen der kandidierenden Politiker vergleichen. Es empfiehlt sich, nicht Kandidaten mit der grössten Übereinstimmung zu wählen, sondern solche mit grosser Übereinstimmung und intakten Wahlchancen.

Die Geheimfavoriten

Nach Blöcken betrachtet bahnen sich keine grösseren Veränderungen an. Das Modell geht von einem leichten Rutsch Richtung Mitte-Rechts aus: Links: -2, Mitte: +1, Rechts: +1.

Der Autor

Stefan Trachsel arbeitet als Nachtredaktor für die Schweizerische Depeschenagentur (sda) und watson in Sydney, Australien. Die Wahlprognose stellt er auf privater Basis her und präsentiert sie auf seiner Internetseite restmandat.ch. Er ist unabhängig, insbesondere arbeitet er nicht für Parteien.

Die Methode im Detail

Die Prognose entsteht in einem mehrstufigen Verfahren. Als Grunddaten dienen die Resultate der Nationalratswahlen und der kantonalen Parlamentswahlen bis zurück ins Jahr 1971 (Quelle: Bundesamt für Statistik) sowie Daten zu Rücktritten aus dem Nationalrat (Quelle: parlament.ch).

Diese werden bereinigt: Beispielsweise werden Parteiabspaltungen und -neubildungen berücksichtigt, was aus wissenschaftlicher Sicht nicht unproblematisch ist. Aus diesen Daten wird sodann mittels linearer Regression berechnet, inwiefern ein Zusammenhang zwischen den kantonalen Wähleranteilen bei den Nationalratswahlen einerseits und den Kantonsresultaten und den Rücktritten andererseits besteht. Kantonsresultate fliessen als absolute Werte wie auch als gewichtete Trendwerte über alle kantonalen Wahlen ein. Der aus der Vergangenheit errechnete Zusammenhang wird auf die diesjährigen Wahlen übertragen, so dass die Wähleranteile für alle Parteien in allen Kantonen geschätzt werden können.

Das Modell ist nicht perfekt, das R2, ein Gütemass, liegt zwar bei über 98 Prozent. Die durchschnittliche Abweichung zum tatsächlichen Wähleranteil beträgt aber über 2 Prozentpunkte.

Um diese Unsicherheit in der Prognose abzubilden, wird die Wahl 100'000-fach simuliert (unter Berücksichtigung der Listenverbindungen). Bei jedem Durchlauf wird der Wähleranteil leicht um den geschätzten Wert variiert (normalverteilte Zufallszahl). Aus den Resultaten all dieser Durchläufe lassen sich schliesslich die Wahrscheinlichkeitsaussagen formulieren.

Wird das Modell im Nachhinein auf die vergangenen drei Nationalratswahlen angewandt, liegt es in vier von fünf Fällen (1 Fall = 1 kantonale Partei) richtig, in einem falsch.

Für die kleineren Kantone (weniger als fünf Sitze) und für den Majorzkanton Graubünden sowie für Kantone ohne Kantonswahlen in den vergangenen vier Jahren (Jura) wird ein vereinfachtes Modell mit grösserer Unsicherheit verwendet. Noch mehr Details gibt's hier.

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Pulo112, 20.12.2016
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  • Trader 02.09.2015 11:17
    Highlight Ich denke, dass die BDP mehr als ein Sitz verlieren wird. Diese Rechnung mit einer ziellosen Partei geht auf die Dauer nicht auf.
    14 6 Melden
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  • Charlie Brown 02.09.2015 11:08
    Highlight Hoch spannend! Ich fände es super, nach den Wahlen eine Analyse zu den Abweichungen zu lesen.
    22 0 Melden
    • Kikan 02.09.2015 15:33
      Highlight yes please
      5 1 Melden
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  • Gelöschter Benutzer 02.09.2015 08:11
    Highlight Prognosen sind Manipulationen!!!
    11 37 Melden
    • Charlie Brown 02.09.2015 11:06
      Highlight @Stefan Aepli: Interessanter Ansatz. In welche Richtung haben Sie sich denn manipulieren lassen?
      12 4 Melden
    600
  • Triumvir 02.09.2015 07:43
    Highlight Solange die Schweizerische Volksverdummungspartei - kurz SVP - verliert, bin ich zufrieden!😆😉
    56 55 Melden
    • Gelöschter Benutzer 02.09.2015 08:18
      Highlight Obwohl ich selbst nicht SVP wähle, finde ich, dass dein Kommentat wenig geistreich ist, denn jeder hat eine anderen Meinung und ich denke, dass einige Leute deine politischen Ansichten auch nicht teilen.
      49 14 Melden
    • Lumpirr01 02.09.2015 09:41
      Highlight @Triumvir: Welche Partei sollte denn gemäss Deiner Ansicht gewählt werden, damit sich die Intelligenz des Volkes verbessert???
      17 13 Melden
    • Kikan 02.09.2015 15:54
      Highlight @lumpirr na wenn sie so fragen wohl alle die sich für bessere Bildung einsetzen
      7 6 Melden
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  • atomschlaf 02.09.2015 07:43
    Highlight Sieht nicht so schlecht aus. Weniger Ökos, weniger Wischiwaschi-BDP und dafür mehr FDP. AL im Parlament fände ich auch gut.
    Ok, EVP und EDU-Gewinne müssten nicht sein, aber man kann halt nicht alles haben...
    26 27 Melden
    • Schlumpfinchen 02.09.2015 08:34
      Highlight @ atomschlaf
      Man vergisst ganz leicht, dass die Klimaveränderung eines unserer grössten Probleme der nächsten Jahre darstellt. Liegt wohl daran, dass es "recht langsam" geschieht. Immer häufigere Umweltkatastrophen werden Millionen Menschen zur Flucht zwingen. Darum wäre es wohl an der Zeit, dass rechts auch mal was gegen den Klimawandel tun würde. Ein paar Ökos würden da ganz gut tun.
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    • TanookiStormtrooper 02.09.2015 13:35
      Highlight @ Schlumpfinchen
      Rechte die sich für den Umweltschutz einsetzen? Hat zumindest in Deutschland nicht funktioniert:
      3 5 Melden
    • Schlumpfinchen 02.09.2015 22:34
      Highlight @TanookiStormtrooper
      Mir ging es vorallem um das Lieblingsthema der Rechten: die Einwanderung. Durch die Umweltkatastrophen wird es in absehbarer Zeit noch mehr Flüchtlinge geben, weshalb ich mich etwas frage, warum sich Rechts so gegen den Umweltschutz stellt.
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