Wal-Retter niedergeschlagen: «Jetzt sind wir quasi irgendwo Stunde null»
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Der aktuelle Stand
Einen Versuch zur Rettung des in Mecklenburg-Vorpommern gestrandeten Wals wird es am Sonntag nicht mehr geben. «Wir können ja nicht», sagte Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz, der die Aktion zusammen mit der Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert, der Deutschen Presse-Agentur. Dem Team seien die Hände gebunden. Er begründete dies mit dem gestiegenen Wasserpegel, der ein Anbringen der Pontons und ein Begleiten des Wals unmöglich mache. «Hätten wir gestern wunderbar machen können.»
Gunz sieht den derzeit laufenden Rettungsversuch vor Poel wieder bei Stunde null. «Gestern hätten wir die richtige Wasserhöhe noch gehabt», sagte er. «Heute haben wir plötzlich 70 Zentimeter mehr.» Das sei eine ganz andere Situation. Der Wal registriere vollumfänglich, dass er völlig frei sei. Daher sei die Frage, «ob sich dieser Wal noch geleiten lässt». Das lang erdachte Konzept sei so nicht durchzusetzen. «Jetzt sind wir quasi irgendwo Stunde null.» Gunz beklagte zugleich Verzögerungen durch Bürokratie, «die uns eineinhalb bis zwei Tage zurückgeworfen haben». «Jetzt brauchen wir ein Wunder», sagte Gunz.
So sieht der Plan aus
Geplant ist nach früheren Angaben der privaten Rettungsinitiative, dass unter den Wal eine zwischen Pontons – also schwimmenden Plattformen – befestigte Plane geführt wird. Damit soll er aus dem flachen Bereich geborgen und später Richtung Nordsee gebracht werden. Die Pontons sollen dazu von einem Schlepper an einer langen Leine gezogen werden. Messungen des Umweltministeriums zufolge ist der Buckelwal 12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch.
Was den Zustand des Wals angeht, zeigt sich Grunz optimistisch. Dabei bezieht er sich auf den Schriftsteller Sergio Bambaren, der in dem Team der Initiative als «Wal-Flüsterer» durchgehend nah dran am Tier sei und im Wasser eine Beziehung zum Wal aufgebaut habe.
«Sergio kennt den Wal und der Wal den Sergio. Hier ist ein Verhältnis aufgebaut», sagte Gunz. Bambaren habe – entgegen den früheren Einschätzungen unabhängiger Fachleute – einen positiven Eindruck vom Gesundheitszustand. «Man hat den Eindruck, dass der Wal aufgrund seiner Empathie erkennt, dass man ihm Gutes will und dass die Kraft ausreicht.» Tiere hätten eine sensible Wahrnehmung. «Manchmal spürt man ja, ob man geliebt wird.»
Gescheiterte Versuche an den Vortagen
Am Samstag waren Helfer den gesamten Tag wieder in der Nähe des Wals und eine schwimmende Arbeitsplattform war näher an den Meeressäuger gebracht worden. Ein Transport ins offene Meer war nach Angaben der an dem Rettungsversuch beteiligten Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert jedoch auch am dritten Tag der Aktion nicht möglich.
Seit Donnerstag laufen die Arbeiten der privaten Initiative, die das Tier lebend zurück in die Nordsee bringen möchte. Ursprünglich war für den Fall eines erfolgreichen Verlaufs des Rettungsplans für Freitag der Start des Transports geplant gewesen.
Kritik aus vielen Kreisen
Wissenschaftler, Fachleute von Behörden sowie Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen dagegen waren sich nach umfassender Prüfung zuletzt einig, dass der Wal Ruhe brauche und weitere Eingriffe dem Tier massive Schäden zufügen würden. Der Buckelwal sei orientierungslos und so schwach und geschädigt, dass er die Heimreise nicht schaffen werde.
Ein Sprecher der Umweltorganisation Greenpeace sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Gesundheitszustand des Wals lasse sich an der Intensität der Ausatmung erkennen.
Diese flachere Atmung sei beim Buckelwal immer öfter zu beobachten.
«Kranke Wale haben ein anderes Atemmuster, die Abstände zwischen den Atemzügen sind nicht entscheidend, sondern die Art des Atmens», sagte der Meeresbiologe weiter. Diese Walart atme demnach in der Regel zwei relativ kurze, schnelle Atemzüge in Abständen von 20 bis 30 Sekunden, dann folgten zwei bis zu fünf Minuten Pause. Dann sei der Körper mit Sauerstoff geflutet.
Die Umweltschutzorganisation sieht wenig Chancen für eine Rettung des Buckelwals durch die private Initiative. «Was passiert im besten Fall, wenn er befreit wird: Das Tier ertrinkt in der Nordsee», sagte der Umweltschützer. Angesichts des «Hypes» mit dem durch die Aktion erzeugten Motoren-Lärm, den Booten und Tauchern müsse man sich die Frage stellen, ob das Prozedere dem Tierwohl noch zuträglich sei.
An der aktuell laufenden Rettungsaktion beteiligt sich die Organisation nach eigenen Angaben nicht, denn nach den vorliegenden Informationen sei der Wal krank und stark geschwächt, teilte sie mit. (sda/dpa/con/vro)
