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Daniel Koch rät Beizen-Gängern, sich vorher testen zu lassen.
Daniel Koch rät Beizen-Gängern, sich vorher testen zu lassen.
Bild: keystone/shutterstock
Interview

Daniel Koch appelliert an Beizen-Gänger: «Lasst euch testen»

Ab heute dürfen Restaurants auch drinnen Gäste bedienen. Der ehemalige Seuchenexperte des Bundes hat dies präzise vorausgesagt. Nun schaut er wieder nach vorne.
31.05.2021, 05:36
Pascal Ritter / ch media

Als im Februar der Corona-Koller immer schlimmer wurde, machte Daniel Koch, der ehemalige Mister Corona Hoffnung. Er sagte: «Spätestens im Frühsommer gehen die Restaurants wieder auf» und widersprach damit anderen Experten. Nun spricht er im Interview über die Maskenpflicht, die Kritik von Alain Berset und die bevorstehende Fussball-Europameisterschaft.

Daniel Koch, im Februar haben sie dem deutschen Virologen Christian Drosten widersprochen und gesagt, im Frühsommer gehen die Beizen spätestens wieder auf. So ist es gekommen. Sind Sie zufrieden?
Daniel Koch:
Prognosen sind immer schwierig. Die Modelle können die Realität nicht voraussehen. Es gibt zu viele Faktoren. Allerdings war es sehr wahrscheinlich, dass das Virus im Frühling sich weniger stark verbreitet. So war es noch bei jedem Virus, das die Atemwege befällt. Virologen tendieren dazu, sich nur das Virus selbst anzuschauen, aber der Mensch als Träger und sein Verhalten sind ein wichtiger Faktor, den man ebenfalls stark berücksichtigen muss.

«Das Virus wird zwar weiter zirkulieren, aber es wird in Europa nicht mehr zu grossen Wellen führen.»

Sie haben damals mit dem Wetter argumentiert. Allerdings ist es im Mai so kalt und regnerisch wie selten. Sie lagen also richtig, aber mit der falschen Begründung, oder?
Nein. Der saisonale Effekt, den wir von der Grippe her gut kennen, ist eben nicht so einfach. Wir wissen, dass sich Viren, welche die Atemwege befallen, im Winter besser verbreiten, aber nicht woran das genau liegt. Ob der Winter kalt oder eher warm ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es ist ein Zusammenspiel aus Temperatur, Feuchtigkeit, Veränderungen der menschlichen Schleimhäute und unserem Abwehrsystem. Ganz wichtig ist auch unser Verhalten: Wir haben unterdessen gelernt, uns zu schützen.

Die Restaurants öffnen, obwohl sich dort verschiedene Haushalte drinnen ohne Maske treffen. Ist das denn wirklich eine gute Idee?
Wenn die Leute sich vorher testen, ist das eine gute Idee. Mein Appell an alle, die ins Restaurant wollen: «Macht einen Schnelltest, bevor ihr in die Beiz geht!» Das gleiche gilt auch für private Treffen. Wir müssen die Möglichkeiten nutzen und uns die Sache immer noch zu Herzen nehmen. Niemand möchte jemanden anstecken.

Sie lagen bei unserem letzten Gespräch richtig. Schauen wir also weiter in die Zukunft. Wann werden die Masken aus dem öffentlichen Verkehr und den Läden verschwinden?
Das kann ich nicht voraussagen. Das hängt von politischen Entscheidungen ab. Ich kann nur sagen, dass es im Moment sehr gut aussieht. Ich erwarte, dass die Fallzahlen weiter zurückgehen. Das Virus wird zwar weiter zirkulieren, aber es wird in Europa nicht mehr zu grossen Wellen führen. Für mich hat es aber keine Priorität, die Masken so schnell wie möglich verschwinden zu lassen, denn sie erinnern uns daran, dass das Virus immer noch zirkuliert und wir nach wie vor vorsichtig sein müssen.

«Es war richtig, dass wir damals zuerst auf die Hygieneregeln pochten und nicht aufs Maskentragen.»

Vor einem Jahr hiess es noch, die Masken seien unnütz oder gar kontraproduktiv. Gesundheitsminister Alain Berset bereut mittlerweile in diesem Punkt auf die Wissenschaft gehört zu haben. Fühlen Sie sich angesprochen von dieser Kritik?
Mit der Kritik an Wissenschaftlern zielte Herr Berset wohl eher in Richtung der Task Force. Damals gingen wir tatsächlich davon aus, dass Masken auch kontraproduktiv sein können. Menschen mit Masken stehen näher zusammen, nur schon, weil sie sich durch den Stoff nicht mehr so gut verstehen. Vor einem Jahr hatte die Bevölkerung die Hygieneregeln wie Abstandhalten oder den Verzicht aufs Händeschütteln noch nicht verinnerlicht. Es war darum richtig, dass wir damals zuerst auf die Hygieneregeln pochten und nicht aufs Maskentragen. Heute halte ich Masken aber für sehr sinnvoll, weil wir gelernt haben damit umzugehen.

Sprechen wir über die bevorstehende Fussball-Europameisterschaft. Was für ein Mandat haben Sie beim Fussballverband UEFA?
Ich berate die UEFA in Fragen, welche die Zuschauer betreffen. Wir treffen uns zu (virtuellen) Besprechungen oder ich werde angerufen. Es besteht ein Beratungsvertrag und ich bekomme eine Gage in üblicher Höhe.

Ist das viel Geld?
Das Mandat ist gut bezahlt, aber es ist nicht so, dass ich am Gewinn der UEFA beteiligt wäre. Ich werde nach Aufwand bezahlt. Auch wenn ich meine AHV und Pensionskasse zur UEFA-Gage dazurechne, verdiene ich immer noch weniger, als ich beim Bund verdient habe.

Die Fussballeuropameisterschaft findet in verschiedenen Ländern mit Publikum statt. Kann das funktionieren? Ist es dafür nicht noch zu früh?
An einem Versuchsmatch in Amsterdam wurde getestet, wie es ist, wenn man 5000 Zuschauer ins Stadion lässt. Und es zeigte sich, dass es funktioniert. Allerdings ist der Aufwand beträchtlich. Am sichersten ist es, wenn kein Zuschauer das Virus mit ins Stadion bringt. Das erreicht man durch tiefe Fallzahlen und Testen. Zudem muss Abstand gehalten werden. In den meisten Austragungsländern sind nur zwischen einem Drittel und etwas mehr als der Hälfte der Plätze besetzt.

Untergräbt es nicht die Motivation und die Disziplin der Leute, wenn im EM-Spiel im Fernsehen andere Regeln gelten als im eigenen Land?
Nein. Testspiele haben gezeigt, dass sich die Stadiongäste hochdiszipliniert verhalten. Sie empfinden es als Privileg, Fussball im Stadion erleben zu dürfen und verhalten sich dem entsprechend korrekt. Man hat immer noch Angst, dass die grossen Anläse die grossen Streuer sind. Das war am Anfang so, weil man noch nichts vom Virus wusste. Heute weiss man mehr und lässt nur noch Leute rein, die es nicht haben.

Sie sagten, das beste Mittel seien tiefe Fallzahlen. In der Schweiz werden pro Tag nun etwas weniger als 1000 Fälle gemeldet, ist das ein guter Wert?
Nein, das sind noch zu viele Ansteckungen. Was mich aber zuversichtlich stimmt, ist die Tendenz. Die täglichen Ansteckungen nehmen ab und weil die Zahlen die Lage verzögert abbilden, stehen wir nun schon besser da, als diese Werte anzeigen.

In der Schweiz sind Gemeinden besonders stark vom Virus betroffen, in denen Menschen leben, die eher in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Viele sind Migranten. Welche Rolle spielt der wirtschaftliche Status und der Migrationshintergrund beim Infektionsgeschehen?
Bei allen Infektionskrankheiten haben ärmere Schichten ein grösseres Risiko zu Erkranken und an der Krankheit zu sterben. Die Wohn- und Arbeitsbedingungen spielen hier eine Rolle, zudem Ernährung, Gesundheit und Bildung. Die Herkunft und das kulturelle Milieu spielen ebenfalls eine Rolle, viel entscheidender ist aber das Soziale. Kurz gesagt: Wer in engen Verhältnissen lebt und am Arbeitsplatz vielen Menschen begegnet, steckt sich auch häufiger an, egal ob er Schweizer oder Ausländer ist.

Es zirkulieren immer wieder neue Varianten des Virus, wie etwa die indische. Laufen wir nicht Gefahr, dass die Zahlen darum wieder steigen?
Das hängt davon ab, wie die Länder damit umgehen und wie sie impfen. Ich bin überzeugt, die reicheren Länder kaum mehr Mühe haben werden mit dem Virus. In der Dritten Welt und in Schwellenländern wird das Virus aber länger grössere Probleme verursachen. Hier wäre es wichtig, dass die reichen Länder helfen. Zu den Varianten: Das Virus wird immer mutieren und die ansteckendste Variante wird sich durchsetzen. Für uns werden vor allem Varianten gefährlich sein, gegen die die Impfung wenig nützt. Und solche entwickeln sich eher hier, wo das Virus durch die Impfungen unter Druck steht, als in fernen Ländern, wo noch nicht so viele Menschen geimpft sind. (aargauerzeitung.ch)

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quelle: keystone / peter klaunzer
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