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Bei Strommangel werden im nächsten Winter womöglich die Skilifte abgestellt.
Bei Strommangel werden im nächsten Winter womöglich die Skilifte abgestellt.Bild: sda

Blackout für Saunas und Skilifte? Branche warnt vor Stromkrise im Winter

Der Ukraine-Krieg und der Ausfall von AKWs in Frankreich sorgen für einen steilen Anstieg der Strompreise. Selbst Engpässe im kommenden Winter sind nicht ausgeschlossen.
02.06.2022, 21:46

Wir sind uns gewohnt, dass der elektrische Strom zuverlässig aus der Steckdose fliesst. Ab und zu kommt es zu Blackouts, aber das sind punktuelle Ereignisse, die meist schnell behoben sind. Der Totalausfall bei den SBB an einem heissen Sommertag 2005 war ein in jeder Hinsicht einmaliger Ausreisser, eine Ausnahme, die die Regel bestätigte.

Nun aber droht Lichterlöschen, im wahrsten Sinn des Wortes. Die Strompreise im europäischen Grosshandel erlebten einen «historisch einmaligen Anstieg», hiess es am Donnerstag an der Jahresmedienkonferenz der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom). Und das nicht erst seit dem Ukraine-Krieg, sondern seit August 2021.

Mit ganzseitigen Inseraten entschuldigten sich die SBB für den Stromausfall am 22. Juni 2005.
Mit ganzseitigen Inseraten entschuldigten sich die SBB für den Stromausfall am 22. Juni 2005.bild: Keystone

Dazu beigetragen hat die Stilllegung von mehr als der Hälfte der französischen Atomkraftwerke, unter anderem wegen Korrosionsschäden. Frankreich ist ein wichtiger Stromexporteur, auch für die Schweiz. Hinzu kamen leere Gasspeicher, ein Problem, das sich durch den Streit um russische Gasexporte nach Europa akzentuiert hat.

Das Schweizer Winterloch

Die Endkunden spüren vorerst kaum etwas vom Preisanstieg, aber das dürfte sich nach Ansicht der ElCom 2023 ändern. Und schon im nächsten Winter seien je nach Entwicklung «auch Engpässe nicht ausgeschlossen». Denn im Winterhalbjahr muss die Schweiz rund vier Terawattstunden Strom importieren, vor allem aus den Nachbarländern.

Deren Exportfähigkeit ist in Frage gestellt, nicht nur wegen der AKW-Abschaltungen in Frankreich. «Deutschland möchte im Winter Strom von uns importieren, aber wir haben selber ein Winterloch», erklärte Michael Wider, der Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE), am Dienstag an einer Medienkonferenz in Bern.

«Nie so realistisch wie jetzt»

«Eine Strommangellage war in den letzten 50 Jahren noch nie so realistisch wie jetzt», ergänzte Verbandsdirektor Michael Frank. Im Prinzip ist das Problem erkannt: In der neuesten Risikoanalyse des Bundesamts für Bevölkerungsschutz von 2020 wurde die Strommangellage als grösste Gefahr eingestuft, vor der aktuellen Pandemie.

Netzabschaltungen sind die Ultima ratio bei einem Strommangel.
Netzabschaltungen sind die Ultima ratio bei einem Strommangel.Bild: KEYSTONE

Sollte der «Ernstfall» eintreten, würde die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen (Ostral) aktiviert. Sie ist beim VSE angesiedelt und dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung unterstellt. «Die Schweiz ist gut vorbereitet», sagte Ostral-Chef Lukas Küng im April in einem Interview.

Vierstufiges Vorgehen

Falls nicht genügend Strom verfügbar ist, also bei einer Mangellage, kommt laut Küng ein vierstufiges Vorgehen zur Anwendung:

  • In einem ersten Schritt gibt es Sparappelle des Bundesrats. Er ruft die Bürgerinnen und Bürger sowie die Unternehmen auf, den Stromverbrauch von sich aus zu limitieren.
  • Genügt dies nicht, gibt es Verbrauchseinschränkungen. Zum Beispiel werde «der Betrieb von Saunas oder Skiliften verboten», so Küng. Auch eine Reduzierung der öffentlichen Beleuchtung und eine Ausdünnung des Fahrplans im öffentlichen Verkehr sind möglich.
  • Danach folgt die Kontingentierung, und zwar nur für Unternehmen. «Hier sagen wir den Betrieben, sie dürfen nur noch eine bestimmte, kontingentierte Menge an Strom verbrauchen, und die Unternehmen müssen dies dann eigenständig umsetzen.»
  • Falls alle Stricke reissen, kommt es zu Netzabschaltungen für alle, aber nicht flächendeckend. Die Netzbetreiber schalten gemäss Ostral-Chef Küng «nach fest definierten Plänen zyklisch gewisse Quartiere für einen gewissen Zeitraum ab».

«Niemand muss in Panik verfallen», sagte Lukas Küng in dem auf der Website der von ihm geleiteten Primeo Netz AG veröffentlichten Interview. Aber die Problematik ist auch in der Öffentlichkeit angekommen. Dies zeigt die vom VSE in Auftrag gegebene und am Dienstag vorgestellte repräsentative Umfrage des Instituts GFS Bern zur Energie- und Klimapolitik.

Tiefe Akzeptanz von Gas

Für die Schweizer Bevölkerung steht demnach die Versorgungssicherheit an erster Stelle, vor dem Umwelt- und Klimaschutz sowie den Kosten. «Der Strom muss fliessen, um so gut wie jeden Preis», lässt sich der Befund auf einen simplen Nenner bringen. Allerdings gibt es Nuancen. So werden fossile Energien und neue Atomkraftwerke klar abgelehnt.

Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga beschlossen am WEF in Davos mit dem deutschen Vizekanzler Robert Habeck Verhandlungen über Solidaritätsabkommen bei der Gasversorgung.
Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga beschlossen am WEF in Davos mit dem deutschen Vizekanzler Robert Habeck Verhandlungen über Solidaritätsabkommen bei der Gasversorgung.Bild: keystone

Dabei plant Energieministerin Simonetta Sommaruga mit Gaskraftwerken als Reserve für den Winter. Die tiefe Akzeptanz von Gas dürfte allerdings stark beeinflusst worden sein von der Debatte über die russischen Exporte. Die Umfrage wurde im April durchgeführt, als sie besonders hitzig geführt wurde. Im «Ernstfall» dürfte die Opposition rasch schwinden.

Energiestrategie hebt nicht ab

Umgekehrt kann man sich fragen, ob die relativ hohe Zustimmung zu Windkraft oder Lenkungsabgaben den Realitätstest bestehen würde. Gerade bei Lenkungsabgaben schauen viele nur auf die höheren Preise und blenden die Rückzahlung aus, was sich bei der Ablehnung des CO2-Gesetzes im letzten Juni ausgewirkt haben dürfte.

Hinzu kommt ein leidiges Problem: Die vor fünf Jahren angenommene Energiestrategie 2050 «kommt nicht zum Fliegen», klagte VSE-Präsident Michael Wider. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, vor allem der Photovoltaik, kommt im Schneckentempo voran. Nun soll es vorwärts gehen, die Politik hat diverse Massnahmen eingeleitet.

Mehr Mut von der Politik

So will Sommaruga unter anderem die Bewilligungsverfahren straffen und beschleunigen, was im Sinne des VSE wäre. «Die zahlreichen Ausbauprojekte, die heute über Jahre hinaus in Bewilligungsverfahren und vor Gerichten festhängen, müssen endlich vorankommen», sagte Direktor Michael Frank: Er forderte die Politik auf, «etwas mutiger» voranzugehen.

Im Hinblick auf den nächsten Winter hat der Bundesrat im Februar immerhin entschieden, eine Wasserkraft-Reserve einzurichten. Als entlastende Faktoren wertet die ElCom auch die aktuell gute Verfügbarkeit der schweizerischen Kernkraftwerke und einen reduzierten Verbrauch der Industrie bei anhaltend hohen Preisen. Dennoch bleibe eine Unsicherheit.

Falls ein heisser und trockener Sommer für tiefe Pegelstände in Flüssen und (Stau-)Seen sorgt, Wladimir Putin Europa den Gashahn definitiv zudreht und die französischen AKWs nur reduziert verfügbar bleiben, muss man sich darauf einstellen, dass im kommenden Winter der Strom nicht mehr garantiert aus der Steckdose fliessen könnte.

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Blackout – Wenn nichts mehr geht

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Blackout – Wenn nichts mehr geht
quelle: ap / str
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Der Strom verschwindet aus der Luft

Video: srf

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220 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MeinSenf
02.06.2022 22:17registriert April 2016
Wenn wir etwas in der Pandemie gelernt haben, dann dass wir Phase 1 gleich überspringen können... Sparappelle, haha..........
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Marc L
03.06.2022 00:23registriert April 2021
Wie wäre es wenn wir in den Städten die schaufensterbeleuchtungen und Reklametafel der Geschäfte nach Ladenschluss abstellen und unter Tag verbieten auch noch zu beleuchten. Würde schon viel Strom einsparen. Dazu alle Strassenlaternen auf LED Umrüstung und intelligent machen. Klar das kostet Geld, aber durch den minderverbrauch innerhalb von 10 Jahren? Amortisiert? Nur 2 Beispiele von vielen. Oder den überschüssigen tagesstrom eine salzsole auf 600 C erhitzen ,um dann über Nacht in einer Dampfturbine wieder zu Strom verarbeiten? Wird so bei Solarkraftwerk in Spanen gemacht.
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Smee Afshin.
03.06.2022 07:09registriert April 2021
Wenn wir etwas aus Covid gelernt haben, dann dass alle Firmen geschlossen werden, alle Menschen in Zelten schlafen und die Züge von Hunden gezogen werden müssen, bevor auch nur ein einziger Skilift zumacht.
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