Analyse
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
President Donald Trump gestures after speaking at a campaign rally at Smith Reynolds Airport, Tuesday, Sept. 8, 2020, in Winston-Salem, N.C. (AP Photo/Evan Vucci)
Donald Trump

Gibt sich siegessicher: Der Präsident bei einem Wahlkampfauftritt in North Carolina. Bild: keystone

Analyse

Kann Donald Trump doch noch gewinnen?

Das amerikanische Wahlsystem begünstigt eine Wiederwahl des Präsidenten. Zum Glück ist er sein eigener grösster Feind.



Dass Donald Trump am 3. November die Mehrheit der Stimmen erzielen kann, schliessen selbst seine Anhänger aus. Doch es geht auch ohne. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton beim Volksmehr einen Vorsprung von rund drei Millionen Stimmen – und wurde trotzdem geschlagen.

Modellrechnungen des Star-Demographen Nate Silver zeigen, dass Joe Biden in den kommenden Wahlen selbst bei einem Vorsprung von vier Millionen Stimmen die Wahl verlieren könnte. Schuld daran ist das amerikanische Wahlsystem mit den sogenannten Elektorenstimmen.

Dieses System bevorteilt nicht nur die kleinen Staaten, in denen Trump wahrscheinlich obsiegen wird. 48 der 50 amerikanischen Bundesstaaten kennen das Winner-takes-all-Prinzip. Will heissen: Wer die meisten Stimmen erhält, heimst alle Elektorenstimmen ein, selbst wenn der Vorsprung minimal ist.

Das könnte dazu führen, dass im Extremfall ein paar tausend Stimmen in Michigan, Ohio, Arizona oder einem anderen «battleground state» darüber entscheiden, wer im nächsten Jahr ins Weisse Haus einziehen wird.

Supporters of President Donald Trump cheer as he arrives to speak at a campaign rally at Smith Reynolds Airport, Tuesday, Sept. 8, 2020, in Winston-Salem, N.C. (AP Photo/Evan Vucci)
Donald Trump

Ohne Maske: Trump-Fans an einer Rally in North Carolina. Bild: keystone

Obwohl Joe Biden im gewichteten Durchschnitt aller Umfragen nach wie vor über einen soliden Vorsprung zwischen sieben und acht Prozent verfügt, ist seine Wahl alles andere als sicher. «A Trump Comeback?», titelt etwa ein Leitartikel des «Wall Street Journal». Das Blatt steht zumindest auf der Meinungsseite fest hinter dem Präsidenten.

Wie dieses Trump-Comeback aussehen könnte, zeigt ein Artikel auf Nate Silvers Onlineportal «FiveThirtyEight» auf. Der Autor, Perry Bacon, stellt dabei fest:

«Ein wichtiger Grund, weshalb Trump immer noch die Mehrheit der Elektorenstimmen gewinnen kann – trotz der miserablen Noten für die Art und Weise, wie er die Coronakrise gemanagt hat –, ist die Tatsache, dass Schwarze, Hispanics und die weissen Wähler mit College-Abschluss, die ihn bereits 2016 gewählt haben, nach wie vor hinter ihm stehen.»

Es ist zwar richtig, dass die meisten Amerikanerinnen mit College-Abschluss für Joe Biden stimmen. Doch gerade in den wichtigen «battleground states» trifft dies nur bedingt zu, vor allem im Süden. «Die gute Nachricht für Trump lautet, dass die weissen Wähler mit College-Abschluss im Süden nach wie vor konservativer sind als diejenigen in anderen Regionen», so Bacon.

epa07918889 Dancers perform at the 55th Annual Hispanic Day Parade in New York, New York, USA, 13 October 2019.  EPA/PETER FOLEY

Tänzerinnen an der Hispanic Day Parade in New York. Bild: EPA

Obwohl Trump die Mexikaner und Immigranten aus Mittel- und Südamerika aufs Übelste beleidigt hat, zeigen Umfragen, dass ihn zwischen einem Viertel und einem Drittel der Hispanics unterstützen. Viele von ihnen sind streng katholisch oder gehören einer evangelikalen Kirche an und sind deshalb entschlossene Gegner der Abtreibung.

Selbst bei den Schwarzen kann Trump auf rund zehn Prozent der Stimmen hoffen. «Wenn es wirklich eng wird, könnte diese Unterstützung den Ausschlag geben», so Bacon.

Zum Glück vermasselt Trump mit seinem Charakter diese Vorteile stets aufs Neue. Anstatt mit Sachthemen, vor allem mit der Wirtschaft, aufzutrumpfen, stellt er seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund.

Letzten Freitag hätte er beispielsweise mit guten Zahlen vom Arbeitsmarkt punkten können. Stattdessen jammerte er über Hunter Biden, John McCain und das eingebildete Ausspionieren seiner Kampagne vor vier Jahren. «Dieses Gebrabbel ist auf seine Art unterhaltsam», jammert das «Wall Street Journal». «Aber die Wirtschafts-Botschaft ging dabei völlig unter. Die Presse hat kaum darüber berichtet.»

FILE - In this Jan. 30, 2010, file photo, Vice President Joe Biden, left, with his son Hunter, right, at the Duke Georgetown NCAA college basketball game in Washington. Hunter Biden is expressing regret for being discharged from the Navy Reserve amid published reports that he tested positive for cocaine. The Wall Street Journal reports that Hunter Biden failed the drug test last year and was discharged in February. In a statement issued Thursday, Oct. 16, Biden doesn't say why he was discharged. He says he's embarrassed that his actions led to his discharge and that he respects the Navy's decision. The vice president's office declined to comment.(AP Photo/Nick Wass, File)

Vater und Sohn Biden. Bild: ap/FR67404 AP

Selbst das «Wall Street Journal» anerkennt, dass Trump bei einer Charakterwahl keine Chance hat. «Es ist keine Wiederholung von 2016, als Hillary Clinton beinahe so sehr abgelehnt wurde wie Mr. Trump», stellt das Blatt fest. Trumps Wahlkampfteam setzt daher alle Hebel in Bewegung, um Sachthemen wie die Law-and-Order-Botschaft des Präsidenten in den Vordergrund zu stellen.

Doch diese Botschaft findet bisher wenig Gehör. Die Enthüllung des «Atlantic», wonach Trump gefallene und verstümmelte Soldaten als «Verlierer» und «Trottel» bezeichnet haben soll, hat während des so wichtigen Labour-Day-Wochenendes alles andere überschattet.

Die Tatsache, dass derzeit fast täglich ein neues Trump-Enthüllungsbuch erscheint, hilft in der Charakterfrage ebenfalls nicht wirklich weiter. Immer wieder wird in diesen Büchern betont, dass der Präsident keine Empathie und keinen Humor hat; dass er stets seine eigenen Interessen in der Vordergrund stellt etc.

Trump vergibt nicht nur seine Vorteile, er hat offenbar auch sein Wahlkampfgeld verschleudert. Die «New York Times» meldet, dass sein Team bereits rund 800 Millionen Dollar des 1.1-Milliarden-Dollar-Budgets verpulvert hat. Ein grosser Teil dieses Geldes floss in überzogene Spesen und Werbung, die zwar glamourös, aber wenig wirksam ist.

Gerade in der entscheidenden Phase könnte dem Trump-Team das Geld ausgehen. Bloomberg News meldet, dass Trump deshalb 100 Millionen Dollar aus seiner Privatschatulle in den Wahlkampf werfen wolle. Dabei stellt sich allerdings die nahe liegende Frage: Hat der notorische Geizhals dieses Geld überhaupt?

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Vor dem Trump Tower prangt ein «Black Lives Matter»-Schriftzug

Kurz erklärt: So funktionieren die US-Wahlen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

136 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Butschina
09.09.2020 14:35registriert August 2015
Ein Christ der alleine wegen der Abtreibungsfrage Trump wählt, hat den wichtigsten Teil der Bibel nicht verstanden. Die Nächstenliebe
54448
Melden
Zum Kommentar
ELMatador
09.09.2020 14:48registriert February 2020
Kann Trump nicht gewinnen?
Leider Wurde der Sieg von Hillary Clinton ebenfalls von den Dächern gezwitschert und am Schluss, verlor sie das Elektorat.
Ich würde es nicht wagen Trump zu unterschätzen er ist und bleibt ein Verkäufer, er kann nichts ausser sich zu verkaufen.
22419
Melden
Zum Kommentar
walsi
09.09.2020 14:44registriert February 2016
Auch in der Schweiz können eine Handvoll Appenzeller Abstimmungen über Gesetze und Initiativen bodigen, auch wenn es eine Mehrheit der Wähler anders sieht. Nennt sich Ständemehr. Wenn wir also das US-Wahlsystem kritisieren sollten wir vorsichtig sein.
281125
Melden
Zum Kommentar
136

Joko und Klaas zeigen in 15 Minuten, wie dramatisch die Situation in Moria wirklich ist

Nachdem sie in der ersten Show der neuen Staffel eine Niederlage im Kampf gegen ihren Haus- und Hofsender eingefahren hatten, hatten Joko und Klaas am Dienstagabend Glück. Sie erspielten gegen ProSieben die heissbegehrten 15 Minuten Live-Sendezeit und gingen am Mittwochabend um 20.15 Uhr auf Sendung – wie immer, ohne vorher zu verraten, was die Zuschauer erwartet. Wie schon in der Vergangenheit nutzten sie ihre 15 Minuten wohlüberlegt. Doch das Hinschauen fiel einem nicht leicht, denn es …

Artikel lesen
Link zum Artikel