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Gibt sich siegessicher: Der Präsident bei einem Wahlkampfauftritt in North Carolina.
Gibt sich siegessicher: Der Präsident bei einem Wahlkampfauftritt in North Carolina.
Bild: keystone
Analyse

Kann Donald Trump doch noch gewinnen?

Das amerikanische Wahlsystem begünstigt eine Wiederwahl des Präsidenten. Zum Glück ist er sein eigener grösster Feind.
09.09.2020, 14:2609.09.2020, 14:34

Dass Donald Trump am 3. November die Mehrheit der Stimmen erzielen kann, schliessen selbst seine Anhänger aus. Doch es geht auch ohne. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton beim Volksmehr einen Vorsprung von rund drei Millionen Stimmen – und wurde trotzdem geschlagen.

Modellrechnungen des Star-Demographen Nate Silver zeigen, dass Joe Biden in den kommenden Wahlen selbst bei einem Vorsprung von vier Millionen Stimmen die Wahl verlieren könnte. Schuld daran ist das amerikanische Wahlsystem mit den sogenannten Elektorenstimmen.

Dieses System bevorteilt nicht nur die kleinen Staaten, in denen Trump wahrscheinlich obsiegen wird. 48 der 50 amerikanischen Bundesstaaten kennen das Winner-takes-all-Prinzip. Will heissen: Wer die meisten Stimmen erhält, heimst alle Elektorenstimmen ein, selbst wenn der Vorsprung minimal ist.

Das könnte dazu führen, dass im Extremfall ein paar tausend Stimmen in Michigan, Ohio, Arizona oder einem anderen «battleground state» darüber entscheiden, wer im nächsten Jahr ins Weisse Haus einziehen wird.

Ohne Maske: Trump-Fans an einer Rally in North Carolina.
Ohne Maske: Trump-Fans an einer Rally in North Carolina.
Bild: keystone

Obwohl Joe Biden im gewichteten Durchschnitt aller Umfragen nach wie vor über einen soliden Vorsprung zwischen sieben und acht Prozent verfügt, ist seine Wahl alles andere als sicher. «A Trump Comeback?», titelt etwa ein Leitartikel des «Wall Street Journal». Das Blatt steht zumindest auf der Meinungsseite fest hinter dem Präsidenten.

Wie dieses Trump-Comeback aussehen könnte, zeigt ein Artikel auf Nate Silvers Onlineportal «FiveThirtyEight» auf. Der Autor, Perry Bacon, stellt dabei fest:

«Ein wichtiger Grund, weshalb Trump immer noch die Mehrheit der Elektorenstimmen gewinnen kann – trotz der miserablen Noten für die Art und Weise, wie er die Coronakrise gemanagt hat –, ist die Tatsache, dass Schwarze, Hispanics und die weissen Wähler mit College-Abschluss, die ihn bereits 2016 gewählt haben, nach wie vor hinter ihm stehen.»

Es ist zwar richtig, dass die meisten Amerikanerinnen mit College-Abschluss für Joe Biden stimmen. Doch gerade in den wichtigen «battleground states» trifft dies nur bedingt zu, vor allem im Süden. «Die gute Nachricht für Trump lautet, dass die weissen Wähler mit College-Abschluss im Süden nach wie vor konservativer sind als diejenigen in anderen Regionen», so Bacon.

Tänzerinnen an der Hispanic Day Parade in New York.
Tänzerinnen an der Hispanic Day Parade in New York.
Bild: EPA

Obwohl Trump die Mexikaner und Immigranten aus Mittel- und Südamerika aufs Übelste beleidigt hat, zeigen Umfragen, dass ihn zwischen einem Viertel und einem Drittel der Hispanics unterstützen. Viele von ihnen sind streng katholisch oder gehören einer evangelikalen Kirche an und sind deshalb entschlossene Gegner der Abtreibung.

Selbst bei den Schwarzen kann Trump auf rund zehn Prozent der Stimmen hoffen. «Wenn es wirklich eng wird, könnte diese Unterstützung den Ausschlag geben», so Bacon.

Zum Glück vermasselt Trump mit seinem Charakter diese Vorteile stets aufs Neue. Anstatt mit Sachthemen, vor allem mit der Wirtschaft, aufzutrumpfen, stellt er seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund.

Letzten Freitag hätte er beispielsweise mit guten Zahlen vom Arbeitsmarkt punkten können. Stattdessen jammerte er über Hunter Biden, John McCain und das eingebildete Ausspionieren seiner Kampagne vor vier Jahren. «Dieses Gebrabbel ist auf seine Art unterhaltsam», jammert das «Wall Street Journal». «Aber die Wirtschafts-Botschaft ging dabei völlig unter. Die Presse hat kaum darüber berichtet.»

Vater und Sohn Biden.
Vater und Sohn Biden.
Bild: ap/FR67404 AP

Selbst das «Wall Street Journal» anerkennt, dass Trump bei einer Charakterwahl keine Chance hat. «Es ist keine Wiederholung von 2016, als Hillary Clinton beinahe so sehr abgelehnt wurde wie Mr. Trump», stellt das Blatt fest. Trumps Wahlkampfteam setzt daher alle Hebel in Bewegung, um Sachthemen wie die Law-and-Order-Botschaft des Präsidenten in den Vordergrund zu stellen.

Doch diese Botschaft findet bisher wenig Gehör. Die Enthüllung des «Atlantic», wonach Trump gefallene und verstümmelte Soldaten als «Verlierer» und «Trottel» bezeichnet haben soll, hat während des so wichtigen Labour-Day-Wochenendes alles andere überschattet.

Die Tatsache, dass derzeit fast täglich ein neues Trump-Enthüllungsbuch erscheint, hilft in der Charakterfrage ebenfalls nicht wirklich weiter. Immer wieder wird in diesen Büchern betont, dass der Präsident keine Empathie und keinen Humor hat; dass er stets seine eigenen Interessen in der Vordergrund stellt etc.

Trump vergibt nicht nur seine Vorteile, er hat offenbar auch sein Wahlkampfgeld verschleudert. Die «New York Times» meldet, dass sein Team bereits rund 800 Millionen Dollar des 1.1-Milliarden-Dollar-Budgets verpulvert hat. Ein grosser Teil dieses Geldes floss in überzogene Spesen und Werbung, die zwar glamourös, aber wenig wirksam ist.

Gerade in der entscheidenden Phase könnte dem Trump-Team das Geld ausgehen. Bloomberg News meldet, dass Trump deshalb 100 Millionen Dollar aus seiner Privatschatulle in den Wahlkampf werfen wolle. Dabei stellt sich allerdings die nahe liegende Frage: Hat der notorische Geizhals dieses Geld überhaupt?

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quelle: keystone / mark lennihan
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