Schweiz
Arbeitswelt

Schweizer Angestellte inszenieren laut neuer Umfrage ihre Produktivität

Schlafen mit «offenen Augen» am Arbeitsplatz – das würden sich wohl viele wünschen.
Schlafen mit «offenen Augen» am Arbeitsplatz – das würden sich wohl viele wünschen.Bild: Shutterstock

Präsenz statt Leistung: Mehrheit der Schweizer Angestellten inszeniert ihre Produktivität

Wer kennt es nicht? Man bleibt im Büro, bis der Chef geht, oder rüttelt im Homeoffice an der Maus für den grünen Status. Eine neue Umfrage zeigt: In der Schweizer Arbeitswelt regiert oft der Schein. Viele Angestellte investieren mehr Energie in die Inszenierung ihrer Produktivität als in die Arbeit selbst.
29.04.2026, 11:4629.04.2026, 11:46

Die Debatte um Homeoffice versus Büro wird in der Schweiz mit harten Bandagen geführt. Doch während Chefetagen über Effizienz diskutieren, ist bei den Angestellten eine ernüchternde Botschaft angekommen: Präsenz ist wichtiger als Performance. Eine aktuelle Umfrage der Jobplattform Indeed und des Marktforschungsinstituts Appinio unter 458 hybrid arbeitenden Büroangestellten in der Schweiz zeigt nun das Ausmass dieses «Produktivitäts-Theaters».

Über die Hälfte der Schweizer Arbeitnehmer (57,5 Prozent) gibt offen zu: Ich schummle bei meiner Sichtbarkeit. In den letzten zwölf Monaten haben sie gezielt Massnahmen ergriffen, um engagierter zu wirken, als sie eigentlich waren. Die Trickkiste ist dabei kreativ gefüllt:

  • Der Online-Status-Fake: Fast jeder Vierte (23,9 Prozent) hält seinen Chat-Status im Homeoffice künstlich auf «anwesend».
  • Die Randzeiten-E-Mail: 22,3 Prozent versenden Mails extra früh oder spät, um Fleiss zu suggerieren.
  • Das Sitzleder-Prinzip: 21,3 Prozent bleiben nur deshalb länger im Büro, weil die Führungskraft noch am Schreibtisch sitzt.
  • Die Geister-Jacke: Rund 10 Prozent lassen ihre Tasche oder Jacke am Platz zurück, um vorzutäuschen, sie seien nur kurz in der Pause, während sie eigentlich schon den Feierabend geniessen.

Nur eine Minderheit von 42,5 Prozent verlässt sich ausschliesslich auf ihre tatsächlichen Ergebnisse.

Angst und Mikromanagement als Treiber

Warum machen wir das? Die Antwort liegt im Misstrauen der Arbeitgeber. Rund 33 Prozent der Befragten geben eine Unternehmenskultur an, die auf Präsenzkontrolle fusst. 26,8 Prozent fühlen sich durch Mikromanagement unter Druck gesetzt, und weitere 26 Prozent treibt schlicht die Sorge um den Arbeitsplatz um.

Die Wahrnehmung ist eindeutig: Jeder zweite Schweizer Angestellte (50,9 Prozent) ist überzeugt, dass der Chef sichtbare Anwesenheit höher bewertet als messbare Resultate. Das geht so weit, dass viele für Ehrlichkeit bezahlen würden: 64,2 Prozent der Befragten wären bereit, auf einen Teil ihres Lohns zu verzichten, wenn nur noch das Ergebnis zählen würde.

Das Büro: Laut, anstrengend, ineffizient

Besonders brisant: Das Büro scheint als Ort der Konzentration ausgedient zu haben. Während sich fast die Hälfte (48,8 Prozent) im Homeoffice besser auf komplexe Aufgaben fokussieren kann, gelingt dies im Büro nur 21 Prozent. Lärm, Smalltalk und spontane Störungen reissen zwei Drittel der Befragten regelmässig aus dem Workflow.

Das Resultat eines Bürotags ist vielerorts Erschöpfung. 46,2 Prozent fühlen sich nach Pendeln und sozialen Büro-Zwängen platter als nach einem Homeoffice-Tag. Und dennoch fährt jeder Zweite (54,7 Prozent) regelmässig ins Geschäft, nur um «Gesicht zu zeigen» – obwohl die Arbeit zu Hause effizienter erledigt werden könnte.

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70 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kramofix
29.04.2026 12:02registriert August 2021
Zu diesem Thema empfehle ich das Buch Bullshit Jobs von David Graeber. Es ist unfassbar, wie weit verbreitet diese Form der Zeitverschwendung ist und wieso wir nicht längst über eine 4-Tage-Woche diskutieren.
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Die perfekte Welle
29.04.2026 12:11registriert August 2020
Ich seh das als Teil eines grösseren Themas: Nur wer sich selbst laut und aktiv gegenüber seinen Führungskräften vermarktet, wird wahrgenommen und befördert. Die stillen Chrampfer die lieber ihre Energie in gute Ergebnisse investieren, müssen vergeblich darauf warten, gesehen und gewürdigt zu werden.
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_Momo_
29.04.2026 11:57registriert August 2025
Kann ich fast nicht glauben, wenn man bedenkt, was Leute im Büro verdienen.

Bei uns in der Pflege könnten wir solche MT nicht gebrauchen, wenn es den tatsächlich so ist 🤔.
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