Präsenz statt Leistung: Mehrheit der Schweizer Angestellten inszeniert ihre Produktivität
Die Debatte um Homeoffice versus Büro wird in der Schweiz mit harten Bandagen geführt. Doch während Chefetagen über Effizienz diskutieren, ist bei den Angestellten eine ernüchternde Botschaft angekommen: Präsenz ist wichtiger als Performance. Eine aktuelle Umfrage der Jobplattform Indeed und des Marktforschungsinstituts Appinio unter 458 hybrid arbeitenden Büroangestellten in der Schweiz zeigt nun das Ausmass dieses «Produktivitäts-Theaters».
Über die Hälfte der Schweizer Arbeitnehmer (57,5 Prozent) gibt offen zu: Ich schummle bei meiner Sichtbarkeit. In den letzten zwölf Monaten haben sie gezielt Massnahmen ergriffen, um engagierter zu wirken, als sie eigentlich waren. Die Trickkiste ist dabei kreativ gefüllt:
- Der Online-Status-Fake: Fast jeder Vierte (23,9 Prozent) hält seinen Chat-Status im Homeoffice künstlich auf «anwesend».
- Die Randzeiten-E-Mail: 22,3 Prozent versenden Mails extra früh oder spät, um Fleiss zu suggerieren.
- Das Sitzleder-Prinzip: 21,3 Prozent bleiben nur deshalb länger im Büro, weil die Führungskraft noch am Schreibtisch sitzt.
- Die Geister-Jacke: Rund 10 Prozent lassen ihre Tasche oder Jacke am Platz zurück, um vorzutäuschen, sie seien nur kurz in der Pause, während sie eigentlich schon den Feierabend geniessen.
Nur eine Minderheit von 42,5 Prozent verlässt sich ausschliesslich auf ihre tatsächlichen Ergebnisse.
Angst und Mikromanagement als Treiber
Warum machen wir das? Die Antwort liegt im Misstrauen der Arbeitgeber. Rund 33 Prozent der Befragten geben eine Unternehmenskultur an, die auf Präsenzkontrolle fusst. 26,8 Prozent fühlen sich durch Mikromanagement unter Druck gesetzt, und weitere 26 Prozent treibt schlicht die Sorge um den Arbeitsplatz um.
Die Wahrnehmung ist eindeutig: Jeder zweite Schweizer Angestellte (50,9 Prozent) ist überzeugt, dass der Chef sichtbare Anwesenheit höher bewertet als messbare Resultate. Das geht so weit, dass viele für Ehrlichkeit bezahlen würden: 64,2 Prozent der Befragten wären bereit, auf einen Teil ihres Lohns zu verzichten, wenn nur noch das Ergebnis zählen würde.
Das Büro: Laut, anstrengend, ineffizient
Besonders brisant: Das Büro scheint als Ort der Konzentration ausgedient zu haben. Während sich fast die Hälfte (48,8 Prozent) im Homeoffice besser auf komplexe Aufgaben fokussieren kann, gelingt dies im Büro nur 21 Prozent. Lärm, Smalltalk und spontane Störungen reissen zwei Drittel der Befragten regelmässig aus dem Workflow.
Das Resultat eines Bürotags ist vielerorts Erschöpfung. 46,2 Prozent fühlen sich nach Pendeln und sozialen Büro-Zwängen platter als nach einem Homeoffice-Tag. Und dennoch fährt jeder Zweite (54,7 Prozent) regelmässig ins Geschäft, nur um «Gesicht zu zeigen» – obwohl die Arbeit zu Hause effizienter erledigt werden könnte.
