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Die Mannschaft hält zusammen und die Fans ebenfalls. 
Die Mannschaft hält zusammen und die Fans ebenfalls. 
Bild: Jens Meyer/AP/KEYSTONE
Interview

So lebt es sich als Fan des meistgehassten Klubs Deutschlands

RB Leipzig erhitzt seit Jahren die Gemüter. Nicht nur sportlich, sondern auch neben dem Platz. Doch der Klub geniesst insbesondere in seiner Heimatstadt ein immer besseres Ansehen. Warum? Wir haben mit einem «Allesfahrer»-Fan der Bullen gesprochen.
22.11.2016, 11:3622.11.2016, 21:10
Reto Fehr
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RB Leipzig kann als meistgehasster Klub Deutschlands bezeichnet werden, vielleicht sogar der Welt. Aktuell sorgen Aussagen von Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke für Aufregung, weil er sagte, Leipzig spiele nur «Fussball, um eine Getränkedose zu performen». Fans des Vereins werden praktisch überall von den gegnerischen Kurven angefeindet. So der Eindruck. Ist das wirklich so?

Wir haben uns mit einer unterhalten, die es wissen muss. Franzi (28) ist eine so genannte «Allesfahrerin» und begleitet seit gut sechs Jahren ihre Lieblinge an praktisch jede Leipzig-Partie. 

watson: Franzi, meine Güte! Wie konntest du nur Fan von RB Leipzig werden? 
Franzi: Ich wollte das nicht. Ich hielt RB zu Beginn auch für die «Bösen» und war total dagegen. Ich war lange Jahre Lok-Leipzig-Anhängerin.

Was ist dann passiert?
Mein Freund ist schuld. Ich war mit ihm und meinem Kind auf dem Wochenmarkt. Er wollte mit meinem Sohn zu einem RB-Spiel. Das war damals noch in der Regionalliga. Ich war dagegen. Aber plötzlich waren sie weg. Ich folgte ihnen, stand vor dem Stadion und fragte mich: Geht ihr jetzt rein oder nicht?

Gute Stimmung unter den Leipzig-Fans. Solidarität wünschen sie sich nicht nur für sich, sondern auch für Flüchtlinge.
Gute Stimmung unter den Leipzig-Fans. Solidarität wünschen sie sich nicht nur für sich, sondern auch für Flüchtlinge.
Bild: Bongarts

Du bist dann ebenfalls rein gegangen?
Ja, genau. Und es hat Spass gemacht. 

Warum?
Die ganze Atmosphäre war und ist noch immer speziell. Bei Lok war vieles immer noch auf Brutalität aus. Hier geht's nicht nur um Fussball. Wir sind hier, um das Team zu feiern und unternehmen auch neben dem Spiel viel miteinander. Und ich kann die Kinder problemlos mit ins Stadion nehmen.

Das war bei Lok nicht der Fall?
Nein, da hätte ich sie nie mit ins Stadion genommen.

Hast du Angst, dass es sich in die Richtung entwickelt?
Angst nicht. Aber natürlich gibt es einige 14- oder 15-Jährige, die zum Fussball gehen, um auch Ärger zu suchen oder zu provozieren. Aber bisher konnten wir die aus der Kurve gut raushalten.

«Wir gehen teilweise auch mit gegnerischen Fans was trinken.»

Der Klub findet immer neue Anhänger. Wo kommen die her?
Von überall her. Einige kommen von der Haupttribüne in die Kurve, andere unterstützten früher Lok oder Chemie, aber hatten irgendwann genug davon. Aber sie würden das natürlich nie zugeben.

Wie sieht es mit der Akzeptanz in der Stadt aus?
Der Verein wird von der Stadt angenommen. Klar wird man hin und wieder noch schräg angeschaut, wenn man ein RB-Shirt oder einen Klubschal trägt. Aber das ist kein Problem.

Die Aufstiegsfeier in Leipzig. RB findet immer mehr Anhänger.
Die Aufstiegsfeier in Leipzig. RB findet immer mehr Anhänger.
Bild: EPA/DPA

Du wurdest noch nie angefeindet?
Eigentlich nicht. Nur einmal baute sich ein Lok-Fan vor mir auf und liess eine Hasstirade ab. Er beruhigte sich dann schnell wieder, aber mir war schon ein bisschen unwohl.

Und wie sieht es auswärts aus? In den Medien wird der Eindruck erweckt, ihr seid nirgends willkommen. Wie sieht es da in der Stadt vor dem Spiel aus?
Ich hatte noch nie Probleme. Ausser vielleicht einmal in Köln. Aber meist ist eher das Gegenteil der Fall. Wir treffen uns manchmal mit gegnerischen Fans vor und teilweise auch nach dem Spiel und gehen was trinken.

Fans von anderen Klubs gehen mit RB-Anhängern was trinken?
Ja, klar. Ich habe so schon viele coole Leute kennengelernt. Das beste Erlebnis hatte ich in Hamburg.

Die Fans stehen hinter ihrem Klub.
Die Fans stehen hinter ihrem Klub.
Bild: EPA/dpa

Erzähl?
Wir liefen in der Fangruppe durch die Stadt, da kam einer an und machte uns erst dumm an. Wir sangen und feierten einfach weiter. Was soll er auch machen, wenn ich einfach freundlich bleibe? Irgendwann lief er mit und meinte: Ihr seid ja noch cool. Am Ende haben wir zusammen Fotos geschossen. Er im Leipzig-Shirt, ich mit dem HSV-Trikot.

Ich nehme an, das wäre mit St.Pauli-Fans nicht so abgelaufen. Da sind die Kulturen dann doch zu unterschiedlich, oder?
Gar nicht. Das beste Verhältnis haben wir zu einer Gruppe St.Pauli-Anhänger.

«Ja, logisch. Dagegen sind sie ja alle. Das kennen wir längst.»

Andere positive Erlebnisse?
Ach, die gibt's immer wieder. Kürzlich hab ich mit Fans von Augsburg Schals getauscht.

Aber die Grundstimmung, die nehmt ihr schon negativ wahr?
Ja, logisch. Dagegen sind sie ja alle. Das kennen wir aus den unteren Ligen. Aber wenn sie gegen uns singen, dann singen wir halt mit und ziehen die Sprechchöre so ins Lächerliche. Irgendwann verleidet es ihnen.

Der Bulle hat momentan gut lachen in der Bundesliga.
Der Bulle hat momentan gut lachen in der Bundesliga.
Bild: Bongarts

Und wenn sie Leipzig boykottieren, wie die Fans von Dortmund?
Sie wollten uns damit ärgern. Aber uns ist das egal. Sie ärgern ja höchstens sich selbst, wenn sie nicht zum Spiel kommen. Oder ihr eigenes Team, das keine Unterstützung bekommt.

Ein häufiger Vorwurf ist der mit der fehlenden Tradition des Klubs?
Tradition sagt doch nicht viel aus. Lok Leipzig musste 2003 nach dem Konkurs neu gegründet werden. Da kann man sich auch fragen, wo da die Tradition bleibt?

«Nur mit Geld geht es nicht.»

Aber RB Leipzig wurde als Marketingobjekt gegründet und jemand zahlt viel Geld, sonst wären die Aufstiege gar nicht möglich gewesen.
Ich sage immer: Geld schiesst keine Tore. Am Ende stehen immer noch elf Spieler auf dem Platz. Der Verein bringt etwas zustande und arbeitet hart. Nur mit Geld geht das nicht.

Ohne auch nicht.
Das ist bei anderen Klubs genauso.​

Leipzig-Fan während eines Auswärtsspiels noch in unteren Ligen.
Leipzig-Fan während eines Auswärtsspiels noch in unteren Ligen.

Hast du mal versucht, den Grund für den Hass bei anderen Fans zu ergründen?
Ja, ich höre mir das immer wieder an. Einmal war ich in Halle an einem Spiel. Ich versteckte meine Fanutensilien und hab mich mit einem gegnerischen Anhänger unterhalten und mich als Fussballbanause ausgegeben. 

Was waren seine Vorwürfe?
Die Üblichen: Ist alles durchgesponsort und das sei nicht ehrlich verdient. Ich meinte dann: Aber so ist doch Fussball. Und ob er selbst Red Bull trinke? Als er bejahte, meinte ich: «Dann finanzierst du den Klub ja mit.»

Die Interviewpartnerin
Franzi (28) verfolgte Fussball schon immer und ist seit 2010 RB-Fan. Praktisch von Beginn an war sie eine «Allesfahrerin», die das Team praktisch überall hin begleitet. Franzi besucht mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern die Spiele regelmässig im Fanblock. Sie gehört den ReBellen Le 2.0 an, einem der 23 offiziellen Fanklubs des Fanverbands Leipzig. Die ReBellen stehen für einen familienfreundlichen Fanclub und will mit «Gegnern von friedlichem Support und unkontrolliertem Abbrennen von Pyro» nichts zu tun haben.

Hast du dich am Ende geoutet?
Ich traf ihn nach dem Spiel per Zufall wieder. Ich stieg gerade in den Zug. Als die Türen sich schlossen, zeigte ich ihm mein Leipzig-Shirt. Da hatte er gar keine Freude.

Sind alle diese Vorwürfe bei euch unter den RB-Fans auch immer wieder ein Thema?
Nein, gar nicht. Die sollen reden, wir machen unser Ding.​

Die Kurve in der Red-Bull-Arena ist eigentlich immer voll.
Die Kurve in der Red-Bull-Arena ist eigentlich immer voll.
Bild: Bongarts

Hast du Angst, dass Red Bull die Lust an Leipzig verlieren könnte?
Nein. Und der Klub wächst ja auch. Wir haben nicht nur Red Bull als Hauptsponsor, sondern mittlerweile auch viele andere. Ich glaube, unsere anderen Sponsoren könnten den Abgang auffangen.

Wo siehst du den Klub in fünf bis zehn Jahren?
Wir werden hoffentlich schon mal den Meistertitel gewonnen haben. Der Klub wird dann sicher allgemein besser akzeptiert. Klar, Hater wird es immer geben. Aber wo schon nicht?

Was würde der Akzeptanz helfen?
Ich glaube, die aktuelle Situation ist dafür sehr gut. Wir spielen schönen und attraktiven Offensivfussball und zeigen spielerisch, was wir drauf haben. Viele sehen uns als Bayern-Jäger und der Klub, der ihnen endlich wieder wirklich gefährlich werden kann. Das macht die Liga spannend. Der eine oder andere Bayern-Hasser – und davon gibt es ja auch viele – drückt uns die Daumen. ​

Wie fühlt sich denn die aktuelle Saison als Fan so an?
Wir denken alle, wir sind in einem Traum. So darf es weitergehen.​

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