José Mourinho rät unserer Fussball-Nati vor der WM: «Seid unschweizerisch»
Höflich und bescheiden, immer respektvoll – so sieht José Mourinho uns Schweizer .«Das ist alles gut fürs Image», sagt der der 63-Jährige, der kurz vor einer Rückkehr zu Real Madrid stehen soll. «Aber nutzlos, wenn du gewinnen willst.» Wenn einer weiss, was es heisst, zu Gewinnen, dann der Portugiese, der sich einst unbescheiden zu «The Special One» erklärte.
Mit Porto und Inter Mailand gewann er die Champions League, dem AS Rom bescherte er mit der Conference League den ersten internationalen Titel seit 61 Jahren. Meister wurde er in Portugal, Spanien, England und Italien. Er betreute auch schon Real Madrid, Chelsea, Manchester United. Derzeit steht Mourinho noch bei Benfica Lissabon unter Vertrag.
«Es ist Zeit für eine neue Schweiz»
Nun hält er uns Schweizern vor der WM in den USA, Kanada und Mexiko eine Kabinenpredigt. «Jetzt hört mir genau zu. Ihr seid nicht aus Zufall hier. Ihr habt hart trainiert. Ihr habt die Qualität. Ihr habt alles, was es braucht», sagt Mourinho in einer Kampagne von Ochsner Sport. Er fordert: Weniger Diplomatie, mehr Mut. Weniger Nettigkeit, mehr Wahnsinn. «Spielt, um zu zeigen, dass die Schweiz nicht klein ist. Ihr seid hier, um zu gewinnen. Also holt euch, was euch zusteht. Es ist Zeit für eine neue Schweiz. Vielleicht versucht ihr ein bisschen unschweizerisch zu sein.»
Die Kampagne trägt den Claim «Done Playing Nice» (Schluss mit Nettsein) und spielt mit einem Schweizer Selbstbild. Mourinho fordert uns darin auf, mehr Ambitionen zu zeigen und keine Angst davor zu haben, anzuecken.
Für Dreharbeiten bei Mourinho in Lissabon
Anruf bei Lukas Amgwerd. Er ist Creative Director bei der Zürcher Agentur Thjnk und verantwortet die Kampagne mit. Wie kam das Engagement von Mourinho zustande, der keinen direkten Bezug zur Schweiz hat? «Uns war klar, dass es eine Aussensicht braucht. Er war schnell der oberste Mann auf der Liste. Für uns verkörpert er den Siegertyp schlechthin im Fussball.»
Das bestätigt auch Marco Greco, Head of Marketing bei Ochsner Sport. «Mourinho war von Anfang an unser Wunschkandidat», sagt er. Offenbar habe ihm das Drehbuch entsprochen, «weil die Geschichte perfekt zu ihm und seiner Persönlichkeit passt.» Erst Anfang Jahr hatte man Mourinho kontaktiert. Dass es geklappt habe, bezeichnet Greco als «Glücksfall».
Nach Ostern reisten Greco und Vertreter der Agentur Thjnk nach Lissabon («eine Bedingung von Mourinho», sagt Amgwerd), um den Teil mit Mourinho im Estadio do Restelo zu drehen. Es ist die Heimstätte des Drittligisten Belenenses, Mourinhos Jugendverein. Auf vier bis fünf Stunden beziffert Greco den zeitlichen Aufwand für den Erfolgstrainer.
Mourinhos Tipp für Kinder
Greco schwärmt von der Professionalität und Aura Mourinhos. «Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung, tritt sehr bestimmt und zugleich hochanständig auf», sagt er. Wenn er mit seiner Leistung in einer Sequenz nicht zufrieden gewesen sei, wollte er diese noch einmal drehen. Ähnlich äussert sich Amgwerd. Mourinhos Aura habe «etwas Einschüchterndes». Er könne sich gut vorstellen, dass Weltstars davor grossen Respekt haben.
Zugleich betonen Greco und Amgwerd, wie umgänglich der Portugiese gewesen sei. So habe er sich während der Pause mit dem Kind eines Crewmitglieds unterhalten und gefragt, ob es Fussball spiele und auf welcher Position. «Als dieses sagte, es spiele am liebsten im Sturm, hatte Mourinho einen Tipp parat: Wenn dich der Trainer fragt, wo du spielen willst, dann nenne keine Position, sondern sage: auf dem Platz.»»
Keine Allüren und unkompliziert
Im direkten Umgang sei Mourinho ohne Allüren. Nur einen Wunsch habe er gehabt: einen Raum, um sich zurückzuziehen. Das aber sei ohnehnin Standard. Auf das von der Agentur verfasste Drehbuch nahm Mourinho keinen Einfluss. «Wenn es ums Schauspielern ging, hatte er gerne klare Ansagen von den Profis. Anregungen hat er sehr gut umgesetzt», sagt Amgwerd. Die fertige Produktion habe Mourinho sehr gut gefallen.
Visuell setzt der Film auf schnelle Schnitte und unterschiedliche Stilistiken. Einen Gastauftritt hat auch Luca Loutenbach. 2021 war der Jurassier über Nacht weltberühmt geworden, nachdem er während des EM-Achtelfinals der Schweiz gegen Frankreich in Bukarest immer wieder im TV gezeigt worden war. Als die Schweiz bis kurz vor Schluss 1:3 hinten lag, weinte er fast. Als kurz vor Ende des Spiels der Ausgleich fiel, schrie er vor Freude, riss sich das Trikot vom Leib – und wurde damit auf einen Schlag berühmt.
Mourinhos Gage? Bleibt ein Geheimnis
Die Hauptrolle aber spielt José Mourinho. Als einer der erfolgreichsten Trainer der Fussballgeschichte ist er als Werbepartner sehr gefragt – und entsprechend teuer. Zu den Kosten gibt sich Ochsner Sport zugeknöpft. Branchenkenner gehen von einer Gage im tiefen sechsstelligen Bereich aus, die der Portugiese für die halbtätigen Dreharbeiten erhält.
José Mourinho wird Schweizer Fussballfans während der ganzen WM begleiten. So soll er sich regelmässig mit Einschätzungen zu Schweizer Fussballegenden und mit pointierten Weisheiten zu Wort melden.
Die Schweizer Fussballnati ist am Dienstag in die USA gereist, wo sie auf Katar (13. Juni), Bosnien-Herzegowina (18. Juni) und Kanada (24. Juni) trifft. Übrigens: Auf Portugal kann die Schweiz bereits im Achtelfinal treffen. Ob Mourinho dann seine Kabinenpredigt an uns um die Ohren fliegt? (riz/bzbasel.ch)

