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Illustration: FH SCHWEIZ/Flavia Korner

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«Sie haben ein Diplom? Interessiert uns einen Scheiss!»

Wer bei Juice Technology arbeiten will, braucht eines ganz bestimmt nicht: Ein Diplom. Warum CEO Christoph Erni darauf pfeift, was für ihn stattdessen zählt und warum er bewusst einen provokativen Slogan gewählt hat, sagt er im Interview.

Toni Schmid



Ein Diplom bescheinigt, dass man eine Aus- oder Weiterbildung erfolgreich durchlaufen hat. Es steht für ein bestimmtes Wissen und gewisse Fähigkeiten – und an Diplomen orientieren sich Arbeitgeber. Wie wichtig diese Nachweise sind, verraten Stellenanzeigen: Kaum eine verzichtet darauf, ein Diplom beziehungsweise eine spezifische Aus- oder Weiterbildung vorauszusetzen.

Diese Bewerbungspraxis ist sakrosankt. Sie bestraft allerdings Personen ohne Diplome. Die fallen nämlich bereits zu Beginn des Bewerbungsprozesses durch. «So findet man die ungeschliffenen Diamanten nicht, die ein Unternehmen gross machen», behauptet Christoph Erni. Er ist Gründer und CEO von Juice Technology AG, einer Schweizer Firma, die Ladestationen für die boomende E-Mobilität herstellt und dafür Hard- und Software entwickelt. Die Firma ist gross im Geschäft, mit einem ihrer Produkte ist sie weltweit Marktleaderin.

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CEO Christoph Erni: «Nicht was gestern war, zählt.»

Herr Erni, haben Sie etwas gegen Diplome?
Christoph Erni: Nein, überhaupt nicht. Es spricht nichts dagegen, eine Ausbildung erfolgreich abzuschliessen. Ein Diplom ist aber kein Garantieschein, genauso wenig wie gute Noten. Ein Diplom beweist nicht, dass eine Person liefern kann, was die Firma von ihr erwartet und braucht.

«Viel wichtiger sind Kreativität, Menschenkenntnis, Leistungsbereitschaft, Teamgeist und Effizienz.»

Christoph Erni, CEO Juice Technology AG

Was braucht sie denn?
Gleich vorneweg: Auf rein fachliche Kompetenzen kommt es bei Weitem nicht an. Viel wichtiger sind Kreativität, Menschenkenntnis, Leistungsbereitschaft, Teamgeist und Effizienz. Hinzu kommen ein Denken, das über den eigenen Tellerrand hinausgeht, die Fähigkeit, Probleme zu identifizieren, und die Kompetenz, Wissen in die Praxis umzusetzen. Ausserdem sollte man aus Erfahrungen lernen können.

Lernt man das nicht auch im Hörsaal oder Schulzimmer?
Nein, diese Skills lernt man dort nicht. Es braucht die Praxis dazu.

Es gibt Personen, die stolz sind auf ihr Diplom. Sie haben etwas erreicht, was ihnen wichtig war. Mögen Sie diesen Stolz nicht?
Man sollte immer stolz sein auf das, was man geschafft hat. Das ist nicht der Punkt. Man sollte sich einfach nichts darauf einbilden.

Stellenanzeigen von Juice fangen mit einer Provokation an. «Sie haben ein Diplom? Interessiert uns einen Scheiss!» steht da gross und farbig. Was steckt dahinter?
Wir suchen hungrige Macher und nicht Personen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen wollen. Wer auf seine Diplome hinweist, ist bei uns falsch. Wir geben jeder Person – mit oder ohne Diplom – eine Chance. Mit unserem Slogan ist es uns gelungen, Leute anzuziehen, die einen Topjob machen. Wir gaben ihnen eine Chance und sie haben diese gepackt.

Wieso passt der Slogan zu Juice?
Wir sind definitiv anders: disruptiv, laut, direkt, offen. Genau das soll der Slogan vermitteln.

Juice zählt über 150 Mitarbeitende, mehr als 20 Stellen sind aktuell offen. Ihre Firma wächst stark. Wie viele Bewerbungen erhalten Sie?
Ein paar hundert pro Woche! Zwei bis drei Personen sind bei uns damit beschäftigt, die Bewerbungen durchzusehen und eine Vorauswahl zu treffen. Wie gesagt, Diplome spielen dabei keine Rolle. Wir beurteilen eine Bewerbung als Ganzes, das CV ist wichtig, ebenso das Motivationsschreiben. An eine Bewerbung erinnere ich mich besonders gut: Die Person hat ihre Diplome zerrissen und die Schnipsel in ein Kuvert gesteckt. Das war witzig und bewies Charakter.

«Das hat er nicht eingesehen. Damit hatte er seine Halbwertszeit erreicht und ich habe ihm innert fünf Minuten gekündigt.»

Contentpartnerschaft mit FH Schweiz

Die Beiträge dieses Blogs stammen vom Dachverband der Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen (FH Schweiz). Darin geht es um Arbeit, Karriere sowie Aus- und Weiterbildung. Es handelt sich nicht um bezahlten Content. (red)

Der Slogan kommt bei Bewerbenden also gut an?
Sehr gut sogar! Personen, die den Slogan unangebracht finden, bewerben sich nicht. Und das ist gut so, denn sie würden nicht zu uns passen.

Stellt Juice auch mal eine Person ein, die nicht zur Firma passt?
Selten, aber das passiert. Ich erinnere mich gut an einen Fall: Eingehende Telefonanrufe werden bei uns so lange weitergeleitet, bis jemand abnimmt. Wir haben einst einen Ingenieur angestellt, der sich an dieser Ringschaltung nicht beteiligen wollte. Seine Rechtfertigung lautete, das störe seine Konzentration. Ich habe ihm dann gesagt, wir müssten uns alle konzentrieren, vom Lageristen über den Informatiker bis zum CEO. Jeder nehme das Telefon ab, wenn er könne, denn es seien unsere Kunden, die anriefen, und dank ihnen könnten wir die Löhne zahlen. Das hat er nicht eingesehen. Damit hatte er seine Halbwertszeit erreicht und ich habe ihm innert fünf Minuten gekündigt.

Werden Sie auch sonst auf den Slogan angesprochen?
Wenn man eine klare Meinung vertritt, hat man Befürworter und Gegner. Einen Punkt heben aber alle Feedbacks hervor: Der Slogan fällt auf und macht neugierig. Bisher hat uns eine einzige Person aufgefordert, den Slogan zu entfernen, mit der Begründung, er sei schädlich. Da wir nicht verstanden haben, wo er schaden könnte, haben wir ihn stolz so belassen.

Was gibt den Ausschlag, einen Job bei Juice zu kriegen?
Das erste Gespräch ist entscheidend. Schon nach kurzer Zeit wird klar, ob die Person zu uns passt und wir zu ihr. Ich würde sogar meinen, dies wird schon nach wenigen Sekunden klar, dafür entwickelt man ein Gefühl. Es kommt also auch vor, dass wir nach zehn Minuten abbrechen, weil es einfach nicht zusammengeht. Es bringt beiden Seiten nichts, wenn man Bewerbungsgespräche unnötig in die Länge zieht.

Was schätzen Sie an Ihren Mitarbeitenden?
Eigeninitiative, Leidenschaft, Offenheit. Man muss bereit sein, die letzte Extrameile zu gehen. Im internationalen Wettbewerb lassen sich nur Produkte verkaufen, die absolut herausragen, Produkte mit der Note 6! Das fordert vollen Einsatz von uns allen – vollen Einsatz jeden Tag!

Überall ist vom lebenslangen Lernen die Rede. Wie stehen Sie dazu?
Ohne Weiterentwicklung steckt man sehr schnell fest. Ich bin ein Befürworter von Weiterbildungen, die in der Praxis stattfinden und nicht theoretisch abgewickelt werden. Das betrifft aber nicht nur die Weiterbildung: Eine junge Person, die zum Beispiel nach der obligatorischen Schule eine Berufslehre absolviert hat, sollte anschliessend zwingend mindestens zwei Jahre in der Praxis arbeiten. Wer dann an einer Fachhochschule studiert, der vernetzt die Theorie mit der bereits erlebten Praxis und bringt später auch seine PS auf den Boden. Das Gleiche gilt für Gymnasiasten. Zwischen Maturität und Studium gehörte eigentlich zwingend ein Arbeitseinsatz, während dem man, statt nur Theorie aufzusaugen, selbst etwas bieten und sich in der Praxis beweisen kann.

«Nicht was gestern war, zählt, sondern was heute ist und morgen sein wird.»

Juice gibt allen eine Chance. Das braucht unter anderem Zeit. Andere Firmen behaupten, ihnen würde diese Zeit fehlen. Eine neu eingestellte Person müsse volle Leistung erbringen von Tag eins an.
Das ist bei uns nicht anders. Die Frage ist aber, welche Leistung man hier fordert. Andere Firmen vertrauen offenbar auf das, was in den Diplomen steht. Wir glauben, wie gesagt, an hungrige Macher, die jetzt anpacken wollen, die sich ins Spiel bringen möchten. Was sie nicht können, das wollen sie schnell lernen. Nicht was gestern war, zählt, sondern was heute ist und morgen sein wird. Wenn ein Bewerber uns vermitteln kann, dass er das auch so sieht und dafür sein Bestes geben will, dann ist er bei uns richtig. Know-how können wir beibringen, aber Motivation und Charakter müssen die Leute mitbringen.

Andere Firmen machen es also falsch?
Sagen wir es so: Es ist Ausdruck von Mut- und Hilflosigkeit.

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