Jetzt fällt Infantino auch noch der zweitmächtigste FIFA-Mann in den Rücken
Das Eis für FIFA-Präsident Gianni Infantino wird immer dünner. Sein Generalsekretär Mattias Grafström, der in der FIFA-Hierarchie direkt unter Infantino an zweiter Stelle steht, hat sich in einem internen Schreiben vom Dienstag an die Mitarbeitenden der FIFA kritisch über die gescheiterten Pläne des Präsidenten des Weltfussballverbands geäussert. Dies berichtet The Athletic.
Demnach schrieb Grafström von einer «traurigen und verwerflichen Abfolge von Ereignissen – die glücklicherweise damit endete, dass das Projekt endgültig aufgegeben wurde». Gemäss des der New York Times zugehörigen Mediums wusste der 45-Jährige bis zur Veröffentlichung nichts von den Plänen Infantinos.
Der 56-jährige Walliser hatte geplant, die kommerziellen Rechte an Fussball-Weltmeisterschaften und der Klub-WM in einem neuen Unternehmen namens FIFA Forward Enterprise (FFE) zu bündeln und Anteile daran an private Investoren zu verkaufen. Der Gegenwind war riesig, die europäischen Verbände drohten gar mit einem Boykott aller FIFA-Wettbewerbe. In der Folge zog Infantino den Vorschlag, über den die Mitglieder bis Mitte September abstimmen sollten, zurück.
«Wir alle sind mitten in eine turbulente Zeit hineingeworfen worden, was schwer zu begreifen und zu akzeptieren ist», schrieb Grafström den FIFA-Mitarbeitenden gemäss dem Bericht weiter und fügte an: «Ich versichere Ihnen, dass sie vor den politischen Ereignissen, die wir gerade erleben, geschützt und gewahrt werden. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.»
Es sei nun wichtig, die Professionalität zu bewahren und das grosse Ganze im Blick zu behalten, erklärte der in der Schweiz geborene schwedisch-niederländische Doppelbürger. Denn: «Einzelpersonen, unruhige Zeiten und unglückliche Vorfälle kommen und gehen. Die Institution, ihr Auftrag und ihre Verantwortung gegenüber dem Weltfussball bleiben jedoch bestehen.»
Öffentlich äusserte sich Grafström noch nicht zu dem Thema. Dennoch reihte er sich in eine Liste von FIFA-Verantwortlichen ein, die Infantino für sein Vorhaben kritisiert haben.
Noch bevor der FIFA-Präsident seine Pläne verwarf, hatte sein leitender Berater Carlos Cordeiro seinen Rücktritt angekündigt. Er lehne die Pläne unmissverständlich ab und könne «nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht». Kurz darauf legte Betriebsdirektor Kevin Lamour nach, indem er Infantino vorwarf, die eigenen Mitarbeitenden hintergangen zu haben. Diese hätten Besseres verdient als «Missachtung und Einschüchterung». Lamour stellte zudem klar: «Es ist das Projekt einer Person.»
Je mehr FIFA-Funktionäre sich dazu äussern, desto eindeutiger wird dies. So erklärte auch Arsène Wenger, der seit 2019 als Direktor für globale Fussballförderung bei der FIFA amtet, in einem vom Weltverband geteilten schriftlichen Statement: «Ich war nicht an diesem Projekt beteiligt und habe erst durch die Medienberichte davon erfahren.» Der langjährige Trainer fühlte sich durch die jüngsten Ereignisse zu einer «Klarstellung» gezwungen. «Die Entscheidung, diese Pläne zu verwerfen, war absolut notwendig und stand ausser Frage.»
Das Investorenprojekt Infantinos wird damit immer mehr zum Bumerang. Doch nicht nur intern scheint die Unterstützung für den FIFA-Präsidenten zu schwinden. Mit Wales, England, Serbien und Schweden haben Infantino mittlerweile vier nationale Verbände die Unterstützung für die Wahl im März 2027 entzogen.
Noch gibt es keine offizielle Gegenkandidatur für Infantino. Geht es nach dessen Vorgänger Sepp Blatter, gibt es dafür aber eine ideale Lösung: Lise Klaveness. Die norwegische Verbandschefin verdiene den höchsten Respekt, schrieb der 90-Jährige auf X. «Sie war die Einzige, die immer klar Stellung bezog und sich nicht dem Mainstream anpasste. Und bei der FIFA ist die Zeit reif dafür, dass eine Frau die Führung übernimmt.»
Die 45-jährige Ex-Fussballerin und Anwältin fiel zuletzt mit deutlicher Kritik am Entscheid, US-Stürmer Folarin Balogun an der WM trotz Roter Karte zu begnadigen, auf. Im Vorfeld der WM 2022 in Katar hatte Klaveness mit einer Rede über unter anderem Menschenrechte, Gleichberechtigung, Arbeitsmigranten und Korruption hohe Wellen geschlagen.
Ob die von Blatter vorgeschlagene Kandidatin damit eine Mehrheit bei den Mitgliedsverbänden der FIFA gewinnen kann, ist fraglich. Doch so angreifbar wie jetzt war Infantino während seiner Amtszeit wohl noch nie.
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