DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Vom Flüchtling zum Kioskbesitzer: Hamid hinter seiner Verkaufstheke.
Vom Flüchtling zum Kioskbesitzer: Hamid hinter seiner Verkaufstheke.
bild: watson

Vom Flüchtling zum Kioskbesitzer im Zürcher HB – die beeindruckende Geschichte von Hamid

Der neue «Kiosk ZHB» im Hauptbahnhof Zürich ist kein normaler Kiosk. Er gehört dem 31-jährigen Afghanen Hamid, der 2009 im Laderaum eines Lastwagens die Schweizer Grenze überquerte und sich jahrelang als Sans-Papier durchs Leben schlug. Das ist seine Geschichte.
30.08.2016, 08:5931.08.2016, 12:14

Hamid steht hinter der Verkaufstheke, er streckt den Rücken, sperrt die Augen auf, lächelt nervös. In wenigen Stunden weiht der 31-jährige Afghane, leicht untersetzte Statur, Aufenthaltsstatus B, mit einem Apéro seinen Kiosk im Hauptbahnhof Zürich offiziell ein.

Der Laden, «Kiosk ZHB» in fetten Lettern, blau und rot auf weissem Grund, im Untergeschoss der Löwenstrassenhalle, hat seit Anfang August offen. Heute steigt die Party. Endlich. Sein eigenes Geschäft. Hamid, kariertes, blaues Kurzarmhemd, keine Haare, hellbraune Augen, ist am Ziel. Zumindest vorläufig.

«‹Win for life?› haben wir gerade nicht», sagt Hamid einer Kundin, die an diesem Freitag kurz vor Mittag seine Ladentheke ansteuert. «Schauen Sie, wir haben Lose. Hier. ‹Win for life› erst wieder im nächsten Monat. Tut mir sehr leid.»

bild: watson

Die Geschichte Hamids ist vielleicht eine wie viele, vielleicht aber auch nicht. 1984, der afghanische Bürgerkrieg tobt, kommt Hamid in Herat zur Welt. Die Familie flieht, Hamid wächst im Iran auf, bis im September 2001 zwei Flugzeuge die Türme des World Trade Centers zum Einstürzen bringen, die Bush-Regierung Taliban-Stellungen zerbomben lässt und Hamid zusammen mit über einer Million afghanischer Flüchtlinge in sein Land zurückkehren kann.

«Wenig Kapital, viele Tricks»

Hamid, inzwischen 20 Jahre alt, eröffnet einen kleinen Lebensmittelladen in Herat, doch es ist schwierig, er kennt keine Leute in der Stadt, pendelt zwischen Job und Familie. Anschläge und Militärinterventionen bedrohen das Leben der Menschen in Afghanistan weiterhin. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Iranerin, beschliesst er irgendwann, nach Europa zu fliehen. Über den Landweg – «wie jeder».

Am 8. Januar 2009 steigt Hamid, 24-jährig, in Begleitung seiner Frau, nachts aus dem Laderaum eines Lastwagens.

Lausanne.

Kaffee darf Hamid nicht verkaufen in seinem Kiosk, weil nebenan bereits eine Cafeteria ist. Ausschliesslich Kioskware durfte es aber auch nicht sein, «Vorschrift», seufzt Hamid, deshalb liegt jetzt Schmuck in zwei Vitrinen, für die er nicht bezahlen musste, weil sie der vorherige Mieter nicht mehr wollte. Genauso wie die Verkaufstheke, die ihm ein Freund in Bellinzona geschreinert hat. «Wenig Kapital, viele Tricks», lacht Hamid. «Geschäfte machen können wir Iraner.»

Absage vom Migrationsamt – Sans Papier

Geschäfte machen möchte Hamid am liebsten schon, als er 2009 in Lausanne aus dem Lastwagen steigt, doch er darf nicht arbeiten. Aufenthaltsbewilligung N, Asylbewerber im Asylverfahren. Hamid und seine Frau wechseln von Asylzentrum zu Asylzentrum, kommen schliesslich nach Zürich, eine Wohnung im Kreis 5, eine Dusche und vier Wände, keine Küche, «kein irgendwas».

Ein Tag im Asylzentrum

1 / 14
Ein Tag im Asylzentrum
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Die Hälfte seiner Zeit verbringt Hamid in Deutschkursen, an den anderen Tagen arbeitet er als Putzkraft und Abwart im Schulhaus Hardau, baut Kontakte zu Iranern auf, die er von früher kennt, schmiedet Pläne, träumt Träume. 2011 erteilt das Migrationsamt Hamid und seiner Frau eine Absage.

Sans Papier.

Illegal lebt das Paar drei Jahre lang weiter in Zürich, arbeitet schwarz, bis die Polizei am 20. September 2014 um 2 Uhr nachts die Wohnung stürmt und Hamid auf den Posten mitnimmt.

Doch Hamid, seit fünf Jahren in der Schweiz, nahezu perfektes Deutsch, tadelloser Leumund, kann nicht ausgeschafft werden – er gilt als Härtefall. Nach zwei Tagen darf er aus dem Gefängnis raus, vier Monate später, am 23. Januar 2015, erhalten er und seine Frau die Aufenthaltsbewilligung B.

«Wäre mein Land sicher, wäre ich nicht hier»

Hamid heuert bei einem Teppichhändler an, einem Iraner, flickt, schleppt und verkauft Teppiche. Wenn er frei hat, träumt er vom eigenen Geschäft, schaut sich nach Lokalen um, holt sich Tipps von anderen Kioskbesitzern. Nach ein paar Monaten stösst er endlich auf ein Inserat, das ihm passt. Homegate, Ladenfläche im Zürcher Hauptbahnhof, ab Juli 2016.

Es kommen wenige Kunden so kurz vor Mittag, Hamid verkauft drei Packungen Parisienne mild, «wollen Sie eine Tüte oder geht's?». Wenige Minuten später betritt ein Mann den Laden, fragt nach dem Chef, «sie können mit mir reden», sagt Hamid und verschwindet mit ihm um die Ecke. Der Mann habe nach einem Job gefragt, das passiere ständig. Irgendwann will Hamid expandieren und Leute einstellen, «wenn das Geld dann reicht», Ausländer mit Arbeitsbewilligung oder Schweizer, «wenn ich mir die leisten kann.»

Und dann, endlich, will Hamid Geld auf die Seite legen und seine Familie im Iran besuchen. Seine Augen werden wässerig. «Ich bin zufrieden, aber der Druck ist gross. Wäre mein Land sicher, wäre ich nicht hier.»

Hunderte Flüchtlinge stranden am Bahnhof von Como (I)

1 / 16
Hunderte Flüchtlinge stranden am Bahnhof von Como (I)
quelle: keystone/ti-press / francesca agosta
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Raiffeisen verweigert Ehe-für-alle-Gegnern ein Konto: Strafanzeige wegen Diskriminierung

Gegen die «Ehe für Alle» wird das Referendum zustande kommen. Aber nicht nur das Zusammenbringen der Unterschriften war ein Weg mit Hindernissen. Recherchen zeigen: Auch bei der Eröffnung eines Bankkontos in Zug gab es Schwierigkeiten.

Offiziell bestätigen mag es Anian Liebrand, der Koordinator des Trägervereins «Nein zur Ehe für alle» nicht. Doch es ist klar: Das Referendum gegen die «Ehe für alle» kommt an die Urne. Gemäss watson-Recherchen werden die Gegner die dafür notwendigen 50'000 Unterschriften am Montag bei der Bundeskanzlei einreichen.

Unter anderem erlaubt die «Ehe für alle» homosexuellen Paaren die Adoption und lesbischen Paaren den Zugang zu Samenspenden. Ein Komitee um SVP- und EDU-Politiker erzwingt nun …

Artikel lesen
Link zum Artikel