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Das Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel liegt nur einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Die Zahl jener, die nach Deutschland abhauen, steigt.
Das Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel liegt nur einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Die Zahl jener, die nach Deutschland abhauen, steigt.
bild: samuel schumacher

Ab nach Deutschland! Wie Abatnis, der Flüchtling aus Eritrea, die Schweiz verlassen will

Hier bleiben? Nein danke! Immer mehr Flüchtlinge nutzen die Schweiz als Transitland. Ihr Ziel: Deutschland.
24.08.2016, 16:58
Samuel Schumacher / Nordwestschweiz

Abatnis stürmt die Treppe hoch, doch es reicht nicht. Der 11.15-Uhr-Zug nach Hamburg ist schon losgerollt. Abatnis hat's schon wieder nicht geschafft. Dabei war er eigentlich viel zu früh am Badischen Bahnhof in Basel. Er flucht, doch machen kann er nichts.

Die deutsche Polizei hatte ihn Minuten vorher vom Perron weggeschickt und ihm gesagt, er soll verschwinden. Abatnis’ Traum von Deutschland ist geplatzt. Schon zum zweiten Mal heute. «Die Leute haben in dem Land zu bleiben, in dem sie sich registriert haben. Keine Diskussionen», sagt einer der beiden deutschen Polizisten auf dem Perron.

Er will nur noch weg hier, nicht noch mal im Park unter den Bäumen schlafen.

Abatnis aber sagt, er habe sich gar nie registriert in der Schweiz. Er habe nämlich gar nie hierbleiben wollen. Er wolle nach Deutschland.

Der 36-jährige Eritreer ist kein Einzelfall. Die Anzahl der Flüchtlinge, die die Schweiz nur zur Durchreise nutzen wollen, steigt. Viele wollen weiter nach Deutschland, unter anderem weil sie sich dort bessere Chancen auf Asyl ausrechnen. 812 Flüchtlinge sind alleine im Juli illegal von der Schweiz ins nördliche Nachbarland gereist, wie das deutsche Innenministerium gestern bekannt gab. In den ersten 19 Augusttagen waren es bereits 512 Flüchtlinge.

Deutlich mehr wollen nach Deutschland

Beunruhigend seien diese Zahlen nicht, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Gegenüber dem Vorjahr sind sie aber deutlich gestiegen.

Abatnis steht auf dem Perron, in der einen Hand seinen Rucksack, in der anderen ein Bahnticket von Lörrach nach Hamburg. «Das andere Ticket haben mir die Polizisten weggenommen, als sie mich gestern aus dem Zug warfen», sagt Abatnis in gebrochenem Englisch. Er will's in einer Stunde wieder versuchen. Er will nur noch weg hier, nicht noch mal im Park unter den Bäumen schlafen.

«Viele Gambier und Nigerianer wollen nur nach Deutschland. Sie glauben, dort seien sie eher willkommen.»
Ensa, Flüchtling aus Gambia

12 Uhr, Landschaftspark Wiese, Basel: Hier hatte Abatnis die Nacht verbracht. Er war nicht der Einzige. Hinter dem WC-Häuschen am Parkrand liegen drei zerrissene Matratzen. Zwei dunkelhäutige Personen schlafen darauf, eingelullt in Decken und Kartonplatten. An die Wand hat jemand «I love Eritrea» gesprayt.

Ensa will's versuchen

Einen Steinwurf vom WC-Häuschen entfernt steht das Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel. Hier wird ein Teil der Flüchtlinge, die in die Schweiz einreisen, vorläufig untergebracht, registriert und danach in kantonale Asylzentren weitergeleitet.

Eine kurze Unterbrechung ... Unten geht's weiter im Text.

Flüchtlinge und Grenzen: Bilder eines ewigen Kampfes

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Flüchtlinge kämpfen gegen Grenzen
quelle: getty images europe / ahmet sik
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Stimmt es, dass hier immer häufiger Flüchtlinge abhauen und über die nahe Grenze nach Deutschland verschwinden? Die Zentrumsleiterin lächelt freundlich, will aber keine Auskunft geben.

Ensa ist gesprächiger. Der 21-jährige Gambier steht am Empfang des Zentrums und sagt: «Ja, viele Gambier und Nigerianer wollen nur nach Deutschland. Sie glauben, dort seien sie eher willkommen.» Ensa zeigt mit einem Finger an seine Schläfe und verdreht die Augen. «Ich versuch's hier, ich will es hier schaffen.»

Doch Ensas Zuversicht teilen immer weniger Flüchtlinge. Der «Willkommen!»-Ruf aus Deutschland ist bis an die Gestade des Mittelmeeres gedrungen und hallt tausendfach wider in den Köpfen der hoffnungsvollen Scharen, die sich an Europas Küsten schleppen. Italien, die Schweiz, das sind für sie keine Ziele mehr, das sind nur noch Stationen auf dem langen Weg.

«Offiziell sagt es niemand, aber hinter vorgehaltener Hand tönt es schon ab und dann, die Schweiz schaue gar nicht mehr so genau hin, wer das Land Richtung Norden verlasse.»
Siegfried Feuchter, Chefredaktor der «Weiler Zeitung» 

Brötchen für die armen Teufel

Ziel ist Deutschland. Zum Beispiel Weil am Rhein. Hier sitzt Siegfried Feuchter in seinem Büro direkt an der Hauptstrasse und blättert in der Samstagsausgabe seiner «Weiler Zeitung». Feuchter ist Chefredaktor, und er ist besorgt.

«Diese armen Teufel kommen hier nachts massenweise an und schlafen vor dem Polizeirevier, um dort am Morgen um Asyl zu bitten», sagt er und zeigt auf einen Artikel. «Wieder 19 Flüchtlinge vor dem Revier», steht da fett geschrieben. Feuchter war da, hat sich das angeschaut, hat beim Bäcker ein paar Brötchen gekauft und sie verteilt.

«Im Juli strandeten hier 140 Menschen.» Feuchter zögert, doch dann ergänzt er: «Offiziell sagt es niemand, aber hinter vorgehaltener Hand tönt es schon ab und dann, die Schweiz schaue gar nicht mehr so genau hin, wer das Land Richtung Norden verlasse.»

Die meisten haben keine Dokumente

Paul Wissler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Freiburg, kennt die Zustände in Weil am Rhein. Hat er das Gerede auch gehört? Macht die Schweiz ihr Ämtli an den Grenzen nicht mehr gut genug?

«Sie sitzen im Zug ohne Papiere, dann müssen wir hier die Polizei verständigen, dann kommen die, holen sie raus, und die Züge haben Verspätung.»
Service-Angestellter der Deutschen Bahn

«Doch», sagt Wissler. «Die Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden ist sehr gut. Ich sehe nicht, wie sich die Schweiz anders verhalten sollte.» Wisslers Kollegen in Weil am Rhein versuchen jeden Morgen die Personalien der Flüchtlinge, die vor dem Revier geschlafen haben, zu prüfen. Die meisten haben allerdings keine Dokumente und werden direkt nach Karlsruhe ins Erstaufnahmezentrum weitergeleitet.

«Eine grosse Belastung»

Was danach mit ihnen geschehe, das wisse er nicht, sagt Wissler. «Die starke Zunahme der illegalen Flüchtlinge aus der Schweiz ist für uns aber eine grosse Belastung. Unsere Ressourcen sind stark begrenzt. Wir müssen bei anderen Aufgaben zurückstecken.»

Jetzt auf

14 Uhr, zurück auf dem Perron am Badischen Bahnhof. Abatnis ist nicht mehr hier. Dafür ein Service-Angestellter der Deutschen Bahn. Die Flüchtlinge seien ein Problem, sagt er. «Sie sitzen im Zug ohne Papiere, dann müssen wir hier die Polizei verständigen, dann kommen die, holen sie raus, und die Züge haben Verspätung.» Und bringen tue es ja trotzdem nichts. «Weil sie im nächsten Zug wieder drinsitzen.» Bis sie am Ziel sind.

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