Dieses Nachbarland Russlands bezahlt junge Menschen für ihren Dienst
In einem Gymnasium in Vilnius unterhalten sich Rokas und seine Freunde über ihre Zukunft – Studium, Arbeit und … Militärdienst: Litauen, ein kleines Land an der Grenze zu Russland, rekrutiert tausende junge Menschen. Freiwillig oder gezwungen, der Dienst wird eher aus Pragmatismus als aus Patriotismus geleistet. Auch wenn die Besorgnis der Behörden angesichts der russischen Bedrohung seit der gross angelegten Invasion der Ukraine im Jahr 2022 besteht, zeigen sich die meisten der befragten Schüler wenig begeistert von der Vorstellung, neun Monate im Militärdienst zu verbringen.
«Ich würde sagen, dass etwa zehn Prozent der Freiwilligen wirkliche Patrioten sind», meint der 18-jährige Rokas, der wie seine Klassenkameraden seinen Nachnamen nicht nennen möchte. In der Abschlussklasse sind sie alle von der neuen Wehrpflichtregelung betroffen, die kürzlich überarbeitet wurde und nun alle gesunden Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren in diesem baltischen Staat betrifft, der von 1944 bis 1990 von der Sowjetunion besetzt war.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Manche sind dem Einberufungsbescheid zuvorgekommen und haben sich pflichtbewusst freiwillig gemeldet. Andere wiederum sagen, sie wollen ihren militärischen Dienst so schnell wie möglich hinter sich bringen, und wieder andere geben zu, dass sie vom Gehalt angelockt werden. Litauen hat 2014, nach der Besetzung der ukrainischen Krim durch Russland, die Wehrpflicht teilweise wieder eingeführt. Und seit 2022 entwickeln sich die Rekrutierungsmodalitäten ständig weiter.
Für das Jahr 2026 wurde die jährliche Liste der Wehrpflichtigen in diesem EU- und Nato-Land mit fast 2,9 Millionen Einwohnern von 3'500 auf 5'000 Personen erhöht. Die Anzahl der Ausnahmen, insbesondere für Studierende an Hochschulen, wurde reduziert. Die jungen Wehrpflichtigen können wählen, ob sie sich automatisch einberufen lassen oder sich als «Freiwillige» melden möchten und so das Recht erhalten, über Zeitpunkt und Ort ihres Dienstes zu entscheiden, sowie eine deutlich höhere Vergütung (bis zu 30 % mehr) zu erhalten.
«Es hinter sich bringen»
Die Regierung setzt auf den Nationalstolz ihrer Jugend. «Wir sind zuversichtlich, dass dieses Jahr vielleicht das erste sein wird, in dem wir ausschliesslich ‹Freiwillige› haben werden», erklärt der stellvertretende Verteidigungsminister Karolis Aleksa gegenüber AFP.
Im vergangenen Jahr war die Zahl der freiwilligen Wehrpflichtigen im Vergleich zu 2023 bereits um 50 % gestiegen. Doch die Betroffenen geben sehr unterschiedliche Beweggründe an, wenn sie nicht sogar widerwillig in den Dienst gehen. Vykintas hat sich freiwillig gemeldet, sagt aber, er sei «nicht wirklich begeistert von der Armee». Er hält es jedoch für besser, seinen Dienst «gleich nach der Schule zu leisten, um es hinter sich zu bringen».
Valentinas gibt zu, dass er keine anderen Pläne hat. «Ich weiss nicht, was ich mit meiner Zukunft anfangen soll (...), daher ist die Armee eine hervorragende Option.» Dominikas hingegen würde «lieber überhaupt nicht hingehen».
Litauen und die beiden anderen baltischen Staaten (Estland und Lettland) haben bereits 2014 den Weg der Wiederaufrüstung eingeschlagen. Sie zählen zu den Nato-Mitgliedstaaten mit den höchsten Militärausgaben; diese belaufen sich in Litauen in diesem Jahr auf 5.38 Prozent des BIP. «Das Hauptziel ist es, die Grösse der Berufsarmee und insbesondere die Zahl der Reservisten zu erhöhen», erklärt Tomas Janeliunas, Professor am Institut für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaften der Universität Vilnius, gegenüber AFP.
Lohnerhöhung
Laut des stellvertretenden Verteidigungsministers strebt sein Land «eine allgemeine Wehrpflicht für Männer» an. Eine 2024 veröffentlichte Umfrage ergab, dass eine grosse Mehrheit der Litauer (63 Prozent) eine allgemeine Wehrpflicht befürwortet, während die Armee mit einem Vertrauensindex von 80 Prozent nach wie vor die angesehenste öffentliche Institution ist.
Auch verschiedene paramilitärische Organisationen berichten von einem stark gestiegenen Interesse der Bevölkerung an ihren Aktivitäten. «Im Jahr 2021 zählte die (staatlich geförderte) Union der litauischen Schützen (LRU) etwas mehr als 10'000 Mitglieder. Derzeit haben wir fast 20'000», erklärt ihre Sprecherin Jurga Chomskyte.
Diese Organisationen möchten den litauischen Jugendlichen Patriotismus vermitteln, insbesondere durch obligatorische dreitägige Praktika, die in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium organisiert werden. Doch die jungen Rekruten teilen diese Perspektive nicht immer, und wenn die Zahl der «Freiwilligen» von Jahr zu Jahr steigt, lässt sich dies oft durch ganz pragmatische Gründe erklären.
«Es liegt eher an (...) der Gehaltserhöhung», die in den neun Monaten des Dienstes umgerechnet bis zu 8'000 Franken betragen kann, meint Tomas, ebenfalls ein Schüler. Er gehört jedoch zu denen, die das Prinzip der Wehrpflicht akzeptieren: «Sonst wäre niemand da», meint er.
Die meisten fordern lediglich, dass die Modalitäten des Dienstes besser auf junge Menschen abgestimmt werden, insbesondere auf die Studienpläne und andere Aspekte des Privatlebens.
