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Tiefgefrorene: «Sie leben zwar nicht mehr, sind aber auch nicht tot. Es gibt ein Zwischenstadium», sagt Max More. 

14-Jährige lässt sich einfrieren: «Es ist möglich, tausend Jahre alt zu werden»

196 Tote lagern in den Kühltanks der amerikanischen Stiftung Alcor. Ihr Präsident Max More ist überzeugt, dass sie einmal wiederbelebt werden können.

03.11.17, 09:37

raffael schuppisser / Aargauer Zeitung



Als sie noch wenige Tage zu leben hatte, sah die 14-Jährige nur noch eine Möglichkeit: Sie schrieb einen Brief an das oberste Gericht Grossbritanniens. «Ich will länger leben und ich denke, dass es in Zukunft einen Weg gibt, meinen Krebs zu heilen und mich wieder aufzuwecken», steht darin. Deshalb bat sie den Richter Peter Jackson, dass man ihrem Wunsch nachkomme und sie nicht beerdige, sondern einfriere.

Der Fall kam vor Gericht und dem letzten Willen des Mädchens wurde Folge geleistet. Dies, obschon der Vater der 14- Jährigen, deren Name nicht bekannt ist, zuerst gegen das Einfrieren war. Das Urteil wurde diesen Oktober gesprochen, aber erst kürzlich publik. «Ich werde sterben, aber ich werde in 200 Jahren wieder zurückkommen», hat das Mädchen gemäss der britischen Zeitung «The Telegraph» gesagt.

Mittlerweile ist die 14-Jährige verstorben und lagert in einem mit flüssigem Stickstoff gefüllten Tank in den USA. Kryonik nennt sich die Kältekonservierung. Dabei wird der Körper so präpariert, dass die Zellen den Gefrierzustand unbeschadet überleben sollen. Die Methode ist umstritten, doch Fortschrittsgläubige sehen in ihr eine Möglichkeit, das Leben über den Tod hinaus zu verlängern.

Zu ihnen gehört auch Max More. Der Philosoph und Futurist ist Präsident der Life Extension Foundation Alcor. Die Stiftung friert Menschen wie das 14-jährige Mädchen ein und konserviert sie so für die Zukunft. Bereits 200 Menschen lagern in den Behältern der Organisation. Sie alle sind mit der Hoffnung gestorben, irgendwann in der Zukunft wieder zu leben. Wir haben den Kryonik-Pionier getroffen. Im Interview erzählt More, warum er überzeugt ist, dass das Aufwachen aus dem Kälteschlaf einmal gelingen wird.

Herr More, sprechen wir über Ihren Tod. Was passiert genau, wenn Sie sterben?
Max More: Das kommt sehr drauf an, unter welchen Umständen ich sterbe. Ich hoffe, dass ich Warnsignale bemerken werde und mich auf den Tod vorbereiten kann. Das ist ziemlich wahrscheinlich. Ich trage ein Fitbitarmband, das meinen Herzschlag und andere Dinge misst. Es wird mich deshalb rasch ein Team von Medizinern erreichen, die meinen Körper einfrieren.

Wie wird das gemacht?
Nachdem ein Arzt meinen medizinischen Tod diagnostiziert hat, werden mich die Spezialisten von Alcor aus dem Sterbebett heben und in ein Eisbad legen. Meine Körpertemperatur wird rapide sinken. Gleichzeitig werde ich eine Herzmassage erhalten und künstlich beatmet werden, damit Blut und Sauerstoff A in meinem Körper zirkulieren können. Ausserdem werden mir 16 oder 17 Medikamente verabreicht, die dafür sorgen, dass das Gewebe möglichst keinen Schaden erleidet.

«Es dauert mehrere Tage bis mein Hirn eine Temperatur von minus 196 Grad erreicht hat.»

Und dann?
Dann werde ich in den Gebäudekomplex von Alcor transportiert. Dort öffnet mir ein Chirurg meine Schädeldecke und legt mein Hirn frei – denn nur dieses wird bei mir eingefroren. Das Blut in meinem Hirn wird nach und nach mit Frostschutzmittel ersetzt. Dadurch wird die Bildung von Eiskristallen, welche die Zellen beschädigen, verhindert oder zumindest minimiert.

Max More während eines TEDx-Talks in Hongkong (2011).  bild: alcor.org

Der Einfrierer

Max More ist in Bristol (England) geboren und hat in Oxford Philosophie studiert. Bereits als Student hat er sich mit dem Tod und den Möglichkeiten zur Lebensverlängerung befasst.

Als 22-Jähriger hielt er fest, dass er nach seinem Tod eingefroren werden wolle. Heute ist der 50-Jährige Präsident der Alcor Life Extension Foundation, die Menschen kältekonserviert und ihnen so die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gibt.

Mittlerweile lagert die US-Stiftung 196 Menschen und hat über 1100 Mitglieder, die tiefgefroren werden wollen, wenn sie sterben.

More gilt als einer der Begründer des Transhumanismus, jener Denkrichtung also, welche die Idee vertritt, dass wir durch technische Entwicklung einen post-humanen Zustand erreichen können.

Wie geht es weiter?
Dieser Prozess dauert mehrere Stunden. Erst danach kann das Gehirn unter den Gefrierpunkt gekühlt werden. Der Kühlungsprozess darf nicht zu schnell verlaufen, da sonst die Zellen kaputtgehen könnten. Deshalb dauert es mehrere Tage, bis mein Hirn eine Temperatur von minus 196 Grad erreicht hat. Fortan wird es in einem mit flüssigem Stickstoff gefüllten Container gelagert, bis die Medizin genug weit ist und ich wiederbelebt werden kann.

Warum wird nur Ihr Hirn eingefroren? Brauchen Sie in der Zukunft keinen Körper?
Es gibt auch Leute, die ihren ganzen Körper einfrieren lassen. Doch das scheint mir nicht nötig zu sein. Wenn wir es schaffen, 100 Milliarden Neuronen zu regenerieren und den Alterungsprozess zu stoppen, dann wird es vergleichbar einfach sein, aus einer Zelle einen Körper zu klonen. Bei Tieren geht das ja schon.

Wäre es auch möglich, Ihr Hirn in eine Cloud zu laden und ganz ohne menschlichen Körper zu leben?
Ja, ich persönlich sehe das als Möglichkeit. In der Philosophie ist das aber umstritten. Es gibt Kollegen, die das als Scheitern bezeichnen würden. Für sie wäre das bloss eine Kopie des Selbst in einer neuen Form, nicht das originale Selbst. Unsere Mitglieder halten vor dem Tod schriftlich fest, ob sie auch einem Hirn-Upload zustimmen oder bloss in ihrem biologischen Körper wiederbelebt werden wollen.

Welche medizinischen Durchbrüche sind nötig, um die Gehirne oder die Körper wiederbeleben zu können?
Wir müssen den Schaden reparieren können, der dazu geführt hat, dass der Mensch gestorben ist. Wenn also jemand beispielsweise an Krebs gestorben ist, müssen wir den Krebs heilen können. Ferner müssen wir den Schaden reparieren können, der durch das Einfrieren entstanden ist. Und der Alterungsprozess muss gut verstanden werden, damit man ihn aufhalten oder stoppen kann.

«Bei der Niere eines Hasen hat das bereits geklappt – er lebte danach mehrere Monate weiter.»

Warum muss der Alterungsprozess gestoppt werden?
Naja, das ist nicht zwingend nötig, aber bei älteren Personen doch sehr erwünscht. Man will doch in guter körperlicher Verfassung wiederbelebt werden. Ein 14-jähriges Mädchen könnte man natürlich auch wiederbeleben, ohne den Alterungsprozess zu stoppen.

Das klingt alles sehr utopisch.
Das würde ich nicht sagen. Wir können derzeit gefrorene Eizellen und Spermien auftauen, ohne dass sie beschädigt sind. Und wir sind schon sehr nahe dran, dass das mit einem ganzen Organ funktioniert. Bei der Niere eines Hasen hat das bereits geklappt – er lebte danach mehrere Monate weiter. In zehn Jahren sollte das bei menschlichen Spenderorganen möglich sein.

Doch das sind keine ganzen Organismen.
In einem Forschungsprojekt, an dem wir beteiligt waren, ist es gelungen, einen winzigen Wurm einzufrieren, aufzutauen und wiederzubeleben. Mit einem Experiment konnten wir zeigen, dass der Wurm Erinnerungen aus seinem früheren Leben gespeichert hat. Der Wurm wusste aufgrund von Konditionierungen vor der Konservierung noch, wohin er sich bei einer Versuchsanordnung begeben musste, um an Nahrung zu gelangen.

Würden Sie so weit gehen und sagen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das auch beim Menschen möglich ist?
Ja. Es gibt kein wissenschaftliches Argument, das dafür sprechen würde, dass es nicht möglich sein wird.

Dennoch klingt das mehr nach Spinnerei als nach Wissenschaft.
Als Leonardo da Vinci seine Flugmaschinen entwickelt hat, wurde er als Spinner bezeichnet. Dabei sind fliegende Maschinen technisch möglich. Leonardo sah das, doch es fehlten ihm damals die Möglichkeiten und die Materialien. Wir wissen, dass Kryonik möglich ist. Es bricht keine physikalischen Gesetze. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Innovation. Und falls wir Menschen zu wenig intelligent sein werden, um das zu schaffen, dann wird uns künstliche Intelligenz dabei helfen.

«Am besten ist Krebs, weil hier der Tod gut getimt werden kann.»

Wie rasch nach dem Tod muss die Behandlung einsetzen?
Je schneller, desto besser. Es ist aber schwierig, zu sagen, wann es zu spät ist. Es gibt Beispiele, bei denen Menschen über eine Stunde klinisch tot waren – ohne Herzschlag, ohne Hirnaktivität. Und danach wieder zurückgeholt werden konnten. Das war deshalb möglich, weil sie stark unterkühlt waren.

Was ist die schlechteste Todesursache für Kryonik?
Ein Unfall wie ein Flugzeugabsturz. Wenn mir das passieren würde, wäre ich für immer tot.

Und was die beste?
Am besten ist Krebs, weil hier der Tod gut getimt werden kann. Herzkrankheiten sind sehr unberechenbar, man könnte also sterben, ohne dass jemand dabei ist. Noch schlimmer sind aber natürlich Hirnkrankheiten. Hier hält das Herz länger durch als das Hirn. Es geht aber ja darum, ein möglichst gesundes Hirn einzufrieren.

Was würden Sie tun, wenn Sie Alzheimer hätten?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde mich wohl umbringen, solange mein Hirn noch intakt ist, damit es konserviert werden kann. Vielleicht würde ich dazu in ein Land fahren wie Schweden, in dem aktive Sterbehilfe relativ einfach zu bekommen ist.

Wie viel kostet das Konservieren bei Alcor eigentlich?
Unsere Mitgliedergebühr beträgt 500 Dollar pro Jahr. Sie sorgt dafür, dass der Betrieb von Alcor aufrechtgehalten werden kann. Die Konservierung als solche kostet 200'000 Dollar für einen ganzen Körper und 80'000 Dollar für ein Hirn.

Sie haben keine Ahnung, wie lange Sie die Körper aufbewahren müssen und wie teuer eine Wiederbelebung sein wird – falls diese dann überhaupt möglich ist. Was macht Sie sicher, dass das einbezahlte Geld reichen wird?
Wir sind nicht sicher. Wir wissen nicht, ob es klappt. Das sagen wir unseren Mitgliedern auch klar. Wir geben keine Heilsversprechen ab. Es ist bloss eine Möglichkeit.

«Es wird ein sehr guter Ort sein.»

Dennoch: Warum glauben Sie, dass das Geld reichen wird? Falls eine Wiederbelebung einmal tatsächlich möglich sein soll, wäre das sicher sehr teuer.
Von den 200'000 Dollar für einen Ganzkörperpatienten bleiben nach dem Einfrieren rund 115'000 Dollar übrig. Dieses Geld legen wir in unserem «Patient Trust Fund» sicher an, sodass es sich vermehrt. Ungefähr alle 25 Jahre sollte sich das Vermögen dank Zinsen und Zinseszinsen so verdoppeln. Es ist also bloss eine Frage der Zeit, bis das Geld reicht, um den Körper wiederzubeleben.

Wann haben Sie für sich entschieden, dass Sie sich einfrieren lassen, wenn Sie sterben?
Als ich 22 Jahre alt war. Ich war damals schon sehr interessiert an Lebensverlängerung. Für mich machte das damals schon absolut Sinn, also unterschrieb ich. Und startete gleichzeitig die erste Kryonik-Organisation in England.

Mal angenommen Kryonik funktioniert, hätten Sie nicht Angst, in einer Welt aufzuwachsen, in der Sie niemanden kennen und in der Sie sich nicht zurechtfinden?
Nein, auch meine Frau wird sich einfrieren lassen. Und ich habe Freunde, die das bereits getan haben oder tun werden. Doch auch wenn ich allein wäre, würde ich dennoch aufwachen wollen und die Herausforderung annehmen.

«Ich will, wenn irgendwie möglich, selber bestimmen, wann ich sterben will.»

Und wenn Sie die Welt, in der Sie aufwachen, nicht mögen?
Das wird kaum der Fall sein. Es wird ein sehr guter Ort sein. Denn wenn die Menschen der Zukunft in einer apokalyptischen Welt lebten, dann würden sie es kaum schaffen, uns wiederzubeleben.

Soll der Mensch wirklich unsterblich werden?
Nein. Und das wird er mit Kryonik auch nicht. Unsterblich heisst, man kann nicht sterben. Das will ich nicht. Aber ich will, wenn irgendwie möglich, selber bestimmen, wann ich sterben will.

Und wie alt möchten Sie werden?
Keine Ahnung, das weiss ich jetzt nicht. Kommen Sie in 1000 Jahren zurück und fragen Sie mich das wieder.

Wäre es nicht sehr unnatürlich, 1000 Jahre alt zu werden?
Früher wurden die Menschen im Durchschnitt 30 Jahre, heute werden viele dank des medizinischen Fortschrittes 90 Jahre alt oder noch älter. Ist das unnatürlich? Was ich sagen will: Der Mensch versucht schon seit langem, sein Leben zu verlängern, und das ist auch gut so.

Sind Sie religiös?
Nein. Aber ich habe mich mit sehr vielen Religionen auseinandergesetzt. Kryonik ist übrigens sehr wohl mit Religion vereinbar. Vielleicht ist die Motivation weniger gross, sein Leben zu verlängern, wenn man daran glaubt, nach dem Tod ins Paradies zu kommen. Wir haben aber auch religiöse Mitglieder.

In Ihrer Doktorarbeit geht es um Personalität und Tod. Wann ist jemand tot?
Die Definition des Todes ist stark von der Zeit abhängig. Vor 50 Jahren war jemand tot, dessen Herz nicht mehr schlug. Heute erhalten solche Menschen eine Herzmassage und werden beatmet. Wir erachten sie also noch nicht als tot. Doch was ist, wenn wir diese Menschen einfrieren und sie später zurückholen?

Würden Sie dann sagen, Ihre eingefrorenen Mitglieder sind gar noch nicht tot?
Sie leben zwar nicht mehr, sind aber auch nicht tot. Es gibt ein Zwischenstadium.

Sind Sie denn dieselbe Person, wenn Sie aufwachen?
Ja, wenn wir es richtig machen. Wir haben mittlerweile ein ziemlich gutes neurologisches Verständnis von Erinnerungen. Wenn wir die Hirnstruktur bewahren können, werden die Menschen ihre Erinnerungen behalten. Das heisst, sie werden dieselbe Person bleiben.

Und jetzt, einfach so: «Schahaatz» ist was für einfallslose Kosenamen-Anfänger! Wir bieten dir 55 Alternativen

Video: watson

Dieser Mann hätte wohl weit weniger Lust auf einen Tiefkühltank:

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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