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Der russische Rubel steht seit Kriegsbeginn stark unter Druck.
Der russische Rubel steht seit Kriegsbeginn stark unter Druck.bild: shutterstock

Der Rubel rollt wieder – aber nur auf den ersten Blick

Der Rubel hat sich etwas erholt. Grund dafür sind Massnahmen der russischen Zentralbank und eine Drohung Putins. Dennoch sind Teile der russischen Bevölkerung beunruhigt und es kommt zu Hamsterkäufen.
30.03.2022, 06:2531.03.2022, 09:12

Am 24. Februar begann Wladimir Putin seinen Angriffskrieg in der Ukraine. Dies war auch der Startschuss zu einer beispiellosen Talfahrt der russischen Währung. Der Rubel verlor gegenüber dem Dollar innert weniger Tage stark an Wert. Anfang März musste man an gewissen Tagen rund 140 Rubel auf den Tisch legen, um einen US-Dollar zu bekommen. Vor dem Krieg waren es noch etwa 75 Rubel.

Will heissen: Die russische Bevölkerung sah ihr Erspartes davonschwimmen. Innert Kürze war ihr Geld im Ausland nur noch halb so viel Wert.

Grund für die massive Abwertung des Rubels waren Massnahmen westlicher Industriestaaten. In einem koordinierten Effort wurden russische Firmen, Banken und Oligarchen sanktioniert. Der Umfang der Sanktionen darf als historisch bezeichnet werden. Er übertrifft jene, die bei der Krim-Annexion erhoben wurden, bei Weitem.

Das Ausmass der Sanktionen kam für die Russen überraschend. Dass der Westen die Reserven der russischen Zentralbank einfrieren würde, habe «niemand voraussehen können», sagte Sergej Lawrow vergangene Woche in Moskau. Der russische Aussenminister bezeichnete die Sanktionen als «Diebstahl».

Nach Kriegsbeginn zeichnete sich immer mehr ab, dass sich Russland verkalkuliert hatte. Aus einer geplanten Blitz-Invasion wurde ein mittlerweile mehrwöchiger Krieg, der noch lange andauern kann. Auch ein Ende der Sanktionen ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Europäische Union verkündete Ende letzte Woche, dass man bereit sei, rasch weitere starke Sanktionen gegen Russland zu beschliessen.

Lauter schlechte Nachrichten für die russische Wirtschaft. Dennoch geschah auf den ersten Blick Überraschendes: Anstatt weiter abzuwerten, legte der Rubel plötzlich wieder zu. Am Dienstag kostete ein US-Dollar nur noch 90 Rubel. Zwar etwas mehr als noch vor dem Krieg, aber deutlich weniger als noch Anfang März.

Der Rubel hat sich nach der Talfahrt wieder etwas erholt. Am Dienstag kostete er teilweise wieder weniger als 90 US-Dollar.

Interventionen der Zentralbank

Weshalb hat sich der Rubel erholt? Dafür gebe es zwei Gründe, sagt Marcus Keupp, Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH. «Einerseits, weil die russische Zentralbank interveniert hat, und andererseits, weil Putin angekündigt hat, Gas-Zahlungen nur noch in Rubel zu akzeptieren.»

Die russische Zentralbank könne nicht zuschauen, wie der Rubel abwerte, erklärt Keupp. «Sonst explodiert die Inflation und mit zunehmender Entwertung des Rubels wird auch der Import immer teurer.»

Marcus Keupp: «Langfristig wird die Inflation ansteigen und der Rubel abwerten.»
Marcus Keupp: «Langfristig wird die Inflation ansteigen und der Rubel abwerten.»

Zu den Interventionen der Zentralbank gehört etwa, dass russische Banken in den kommenden sechs Monaten keine ausländischen Währungen mehr verkaufen dürfen. Der russischen Bevölkerung ist es also kaum möglich, ihr Geld in US-Dollar oder Euro zu wechseln. Wenn sie ein Dollar-Konto besitzen, dürfen sie in den kommenden Monaten nur noch 10'000 US-Dollar abheben, der Rest wird in Rubel ausbezahlt.

Kurz nach Beginn der Invasion bildeten sich vor russischen Bankautomaten lange Schlangen. Die Leute versuchten mit ihrem Vermögen in ausländische Währungen zu flüchten. Mit ihrer Intervention konnte die russische Zentralbank diesen Trend stoppen.

Leute in St. Petersburg stehen einen Tag nach der Invasion Schlange an einem Bankautomaten, um Euros und Dollars abzuheben. Seit dem 9. März erlaubt dies die Zentralbank nicht mehr.
Leute in St. Petersburg stehen einen Tag nach der Invasion Schlange an einem Bankautomaten, um Euros und Dollars abzuheben. Seit dem 9. März erlaubt dies die Zentralbank nicht mehr.Bild: keystone

Nach einem Monat Pause ging am Montag die Moskauer Börse wieder auf. Da habe die Zentralbank aber sehr starke Handelsrestriktionen eingeführt, sagt Keupp. Man dürfe Aktien nicht leer verkaufen und auf einen Niedergang eines Unternehmens wetten. Auch ausländische Investoren seien nicht erlaubt. «Die Moskauer Börse ist momentan ein potemkinsches Dorf.»

Ausserdem habe die Zentralbank signalisiert, dass staatliche Ankaufsprogramme für russische Aktien aufgelegt werden könnten, so Keupp. «Wenn ein russisches Unternehmen sagt, es bekomme Probleme mit dem Aktienkurs, dann kann es zur Zentralbank gehen, welche die Aktien aufkauft.»

«Dieses Finanzsystem wird früher oder später sehr, sehr ernste Probleme bekommen.»

Das könne auf die Dauer nicht gut gehen, meint Keupp. Sobald die verbleibenden Devisenreserven der Zentralbank erschöpft und der nationale Wohlfahrtsfond geleert sei, müsse die Zentralbank Geld schöpfen und Rubel drucken. «Langfristig wird die Inflation ansteigen und der Rubel abwerten. Dieses Finanzsystem wird früher oder später sehr, sehr ernste Probleme bekommen.» Keupp weist darauf hin, dass die russische Zentralbank am Montag erstmals von einem strukturellen Liquiditätsdefizit im Bankensystem gesprochen hat.

Der Rubelkurs müsse derzeit mit Vorsicht betrachtet werden, erklärt Keupp. Der Zugang für Ausländer zum russischen Kapital- und Devisenmarkt sei zurzeit stark beschränkt. «Es ist fraglich, ob die Kurse am Markt die tatsächliche Liquidität widerspiegeln oder ob sie nicht ein Resultat der Intervention sind.»

Hamsterkäufe der Bevölkerung

Obschon es der russischen Zentralbank gelingt, den Rubel-Kurs einigermassen stabil zu halten, sind die Sanktionen auch im Alltag spürbar. «Die russische Zivilbevölkerung geht zunehmend zu Hamsterkäufen über», sagt Keupp. «Ein Teil der Bevölkerung antizipiert eine Versorgungskrise und deckt sich mit Grundnahrungsmitteln wie Zucker und Gretschka ein.»

Der Zuckerpreis ist in der Woche zum 18. März landesweit um durchschnittlich 14 Prozent gestiegen, nachdem er in der Vorwoche schon um 13 Prozent gestiegen war. Dies geht aus den Statistiken der russischen Regierung hervor, die den Anstieg möglicherweise gar untertreibt.

Viele Sanktionen würde ihre volle Wirkung aber erst noch entfalten, meint Keupp. Der Militärökonom denkt etwa an die russische Agrarwirtschaft. «Von den Maschinen, die derzeit in Russland säen und ernten, sind etwa 40 Prozent westlicher Herkunft.» Zwei wichtige westliche Produzenten, John Deere und Claas, haben ihr Russland-Geschäft eingestellt und liefern keine Maschinen und Ersatzteile mehr. «Für diesen Zyklus ist das noch nicht so relevant, aber wenn die Sanktionen bestehen bleiben, dann wird sich die Agrarproduktion verschlechtern.»

Putins Gas-Drohung

Kurzfristig wird auch die Diskussion um die Gas-Zahlungen entscheidend für den Rubel und die russische Wirtschaft sein. Wladimir Putin forderte vergangene Woche, dass alle sogenannt «unfreundlichen Staaten» – dazu gehören etwa die Schweiz, die USA und die EU-Länder – das russische Gas in Rubel bezahlen müssen. Bereits zuvor hatte die russische Zentralbank veranlasst, dass der russische Gasmononopolist Gazprom 80 Prozent der Einnahmen in Rubel wechseln muss.

Alleine die Erwartung, dass es wirklich zu Rubel-Zahlungen kommen könnte, stütze die Währung, sagt Keupp. Tatsächlich hat der Wert des Rubels seit Putins Drohung weiter zugenommen. Der Militärökonom kann sich aber nicht vorstellen, dass die europäischen Staaten der Forderung nachgehen werden. «Damit würden sie ihre eigenen Sanktionen ad absurdum führen und die russische Zentralbank aufwerten.»

Die G7-Staaten erteilten Putin denn auch eine klare Absage. Die Forderung sei «ein einseitiger und klarer Bruch der bestehenden Verträge», sagte der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck am Montag in Berlin. Die Lieferverträge wurden in Euro oder Dollar abgeschlossen. Geschlossene Verträge gälten, betroffene Unternehmen müssten vertragstreu sein, so Habeck. «Das heisst also, dass eine Zahlung in Rubel nicht akzeptabel ist.»

Robert Habeck: «Eine Zahlung in Rubel ist nicht akzeptabel.»
Robert Habeck: «Eine Zahlung in Rubel ist nicht akzeptabel.»Bild: keystone

Hart bleiben will aber auch Russland. «Keine Bezahlung - kein Gas», sagte Kremlsprecher Dimitri Peskow am Montagabend in einem Interview der amerikanischen Fernsehkette PBS. Die russische Regierung will noch diese Woche die Modalitäten für die Rubel-Zahlungen präsentieren. Ob danach noch Gas in Richtung Europa fliesst, ist offen.

Auf die lange Sicht werden Putin auch die Rubel-Zahlungen nicht helfen. Denn die europäischen Länder haben in den vergangenen Wochen bekräftigt, so schnell wie möglich vom russischen Gas und Öl wegzukommen. Dies wird die russische Wirtschaft und den Rubel weiter schwächen.

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Video: watson/Aya Baalbaki
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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lupus
30.03.2022 16:47registriert Mai 2021
Der Rubel rollt wenn der Pudel grollt!
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Kunibert der Fiese
30.03.2022 06:34registriert März 2016
"Wenn der rubel rollt, wenn das rudel tollt"...🤭
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Salvatore_M
30.03.2022 07:02registriert Januar 2022
Putin beginnt nun fortschreitend die russische Wirtschaft zu ruinieren. Die ukrainische Wirtschaft hat er bereits zerstört. Und in der westlichen Wirtschaft hat er infolge höherer Preise für Treibstoff für einen Anstieg der Inflation gesorgt.

Nicht nur ein Kriegsverbrecher, sondern auch hochgradig inkompetent.

Die Russen sollten ihn per sofort absetzen. Das wäre in ihrem eigenen Interesse.
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