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Wenn die nette Serviceangestellte die Schwester des berüchtigten Mafia-Bosses ist

Die Schwester des Mafia-Bosses Rocco Anello aus Kalabrien hielt sich lange in der Schweiz auf – als Servierkraft und angeblich auch als Investorin des Clans.
29.07.2021, 06:21
Henry Habegger / ch media

A.* ist eine nette und harmlose Italienerin mit blondiertem Haar, im Jahr 2015 war sie etwa 50 Jahre alt. Sie arbeitete als Zimmermädchen und im Service in einem Hotel-Restaurant im Kanton Aargau. Als Ende 2015 ein neuer Pächter und dessen Frau übernahmen, wollten sie A. weg haben. Oder gaben es jedenfalls vor. «Sie sagten, sie mache nicht richtig sauber», so ein Beobachter.

So einfach war A. aber wohl nicht loszuwerden, denn sie war keine gewöhnliche Serviceangestellte. Sie war die Schwester von Tommaso und von Rocco Anello. Letzterer ist der Boss des Mafia-Clans der Anello-Fruci aus Kalabrien. Das ist der 'Ndrangheta-Clan, den sich im Juli 2020 die italienischen Mafia-Jäger und die Schweizer Bundesanwaltschaft in Razzien vorknöpften. In Italien und der Schweiz, namentlich im Aargau, wurden im Zug der Aktion «Imponimento» 75 Personen festgenommen und Vermögenswerte von 170 Millionen Euro beschlagnahmt. Es geht um Delikte wie Mafiazugehörigkeit, internationalen Drogenhandel, Geldwäsche, Korruption.

Der Wirt der Pizzeria Bella Vista in Muri AG, wurde in Italien festgenommen und sitzt seither in Kalabrien in Haft.
Der Wirt der Pizzeria Bella Vista in Muri AG, wurde in Italien festgenommen und sitzt seither in Kalabrien in Haft.
Bild: ch media/Britta Gut

Festgenommen und wieder auf freien Fuss gesetzt

Festgenommen wurde, in Italien, auch der Wirt der Pizzeria Bella Vista in Muri AG, der seither in Kalabrien in Haft sitzt. Auch A. wurde verhaftet, offenbar in Bern, aber wieder auf freien Fuss gesetzt. Bei ihr wurden 100'000 Euro sichergestellt, wie italienische Medien rapportierten.

Die Schwester des Clan-Bosses hat eine bewegte Vergangenheit. Auf einem Polizeifoto aus dem Jahre 2011 trägt sie kurzes, dunkles Haar. Das Bild wurde geschossen, als die damals 45 Jahre alte Frau zusammen mit Ehemann, Sohn und zwölf weiteren Personen in der Nähe von Verona in Norditalien verhaftet wurde. Der italienisch-albanischen Gang, die als norditalienischer Ableger des Anello-Clans galt, wurde Handel mit Kokain und Ecstasy vorgeworfen. Der Ehemann von A. soll der Boss im Norden gewesen sein; zur «Infrastruktur» gehörte ein Transportunternehmen, das zum Import der Drogen aus Albanien gedient haben soll.

Anello-Clan: Reich geworden mit Kokain-Handel

Der Bruder, Clan-Boss Rocco Anello aus dem 5000 Seelen-Dorf Filadelfia in Kalabrien, stieg laut Medienberichten in den achtziger Jahren ins Geschäft mit Kokain ein, das er von Albanern bezog. Er exportierte auch in die Schweiz, im Gegenzug lieferten ihm laut Untersuchungsakten namentlich die zwei in der Schweiz ansässigen Italiener B.* und C.* (siehe Grafik) Waffen.

Ein Teil der Erlöse wurde schon früh in der Schweiz in die «legale» Wirtschaft investiert. In Restaurants, Immobilien, KMU, Finanzgeschäfte. Aber etwa auch in Nachtklubs namentlich im Raum Zürich, Schaffhausen oder Bern. Die Schweiz galt und gilt den Gangstern als vergleichsweise sicherer Hafen. Im Unterschied zu Italien werden hier bei Mafia-Verdacht nicht gleich alle Vermögenswerte beschlagnahmt.

A. und ihr Mann: Statthalter des Clans in der Schweiz?

A. und ihrem Mann wurde vor mindestens 20 Jahren laut Zeugen die Aufgabe übertragen, Vermögenswerte des Clans in der Schweiz zu betreuen. Auch soll das Paar laut reumütigen Mafiosi deliktisch erworbene Antiquitäten und Gold in der Schweiz verkauft beziehungsweise in Banktresoren deponiert haben.

Bild: ch media / henry habegger / Martin Ludwig

Der Zeuge Andrea Mantella gab 2017 den italienischen Ermittlern zu Protokoll: «Ich weiss, dass die Gebrüder Anello über ihre Schwester Investitionen in der Schweiz tätigten.» So habe ihm ein Clan-Mitglied einmal gesagt, dass er am Kauf von Geschenkartikeln, Silbergegenständen oder Antiquitäten interessiert sei, die dann von der Schwester oder durch andere Personen in von den Anellos finanzierten Geschäften verkauft werden könnten. Vor etwa sechs Jahren verstarb ihr Mann.

Gut laufende Pizzerien gingen reihenweise in Konkurs

In Datenbanken in der Schweiz taucht A. erstmals im Jahr 2001 auf, in einem unauffälligen Wohnblock in Lenzburg AG. Das scheint kein Zufall zu sein, denn ein Schweizer Beobachter sagt: «Ich ging immer davon aus, dass Lenzburg das Zentrum der Clique war.»

A. begann jedenfalls irgendwann eine Liaison mit einem italienischen Koch, der ab etwa 2006 nacheinander mehr als ein halbes Dutzend Pizzerien im Aargau betrieb (siehe Grafik), so auch in Lenzburg.

Obwohl der Mann laut allen Quellen gut und erfolgreich kochte, blieb er nirgends auf Dauer. Es zeigte sich fast immer das gleiche Muster: Der introvertierte Italiener übernahm ein Restaurant, brachte es auf Touren, nach etwa zwei Jahren trat er ab, das Unternehmen ging in Konkurs.

Es gibt ab er auch Leute, die seltsame Erlebnisse in diesen Pizzerien schildern. Wollte man essen, hiess es, die Küche sei geschlossen. Aber ein Italiener, der kurz darauf auftauchte, wurde sehr wohl mit Speisen bedient. Andere Kenner der Gastroszene sagen, dass Konkurse eine beliebte Masche seien. «Es gibt auch Albaner, Türken, die das machen. Sie eröffnen ein Restaurant, zahlen AHV-Beiträge, Löhne und Rechnungen nicht, lassen das Ganze dann in Konkurs gehen. Das ist eine Masche, die üblich ist.»

Vielleicht, so ein anderer Insider, der wie alle anderen nur unter der Zusicherung von Anonymität mit CH Media sprach, «war E. nur ein Vor-Arbeiter, einer, der die Restaurants im Auftrag auf Kurs brachte und dann wieder gehen musste.» Denn in mindestens einem Fall übernahm ein anderer Italiener die gut laufende Pizzeria und «wirtschaftete sie innert einem Jahr zu Boden», erinnert sich ein Beobachter mit Insiderwissen.

Festessen für Gäste, die noch Geld dafür bekamen

Dieser neue Pächter, der vom Restaurantgeschäft laut Zeugen keine Ahnung hatte, wollte im gut laufenden Restaurant von den Gästen nur Bargeld. Jede Woche kam «ein Dicker», ass und trank ohne zu bezahlen und holte die Einnahmen ab. Ebenfalls jede Woche erschien laut Beobachtern eine Gruppe von etwa zehn Italienern, unter ihnen mindestens zwei, die im Zuge der Razzien im Juli 2020 verhaftet wurden.

Diese «Gäste» bestellten «mehrgängige Festessen» und tranken bis in die Nacht hinein Wein, Grappa und Kaffee – und zahlten keinen Rappen, nicht einmal Trinkgeld gaben sie. Im Gegenteil, der Wirt drückte manchen noch Geldscheine in die Hand, erzählt man sich.

Unklar, welche Rolle A. in der Mafia-Familie spielte

Welche Rolle A. und ihr Freund spielten, ist umstritten. Eine Quelle glaubt: Die Frau sei «zu naiv gewesen, um etwas zu begreifen» – sie sei bestimmt nicht eingeweiht gewesen. «Sie war sehr eifersüchtig und ganz einfach verknallt in ihren Freund», sagt ein Beobachter. Für diese Version spricht, dass die Italiener laut einem Zeugen immer sofort auf Schweizerdeutsch wechselten, wenn A. in der Nähe war. Denn angeblich verstand die Frau kein Deutsch.

Was andere aber bestreiten. Die Frau spreche nur gebrochen Deutsch, verstehe aber die Sprache. Auch in den italienischen Untersuchungsakten ist die Rede davon, dass A. beispielsweise über eine von Bruder Tommaso Anello angeordnete Aktion zum Geldeintreiben, die sich gegen einen in der Schweiz wohnhaften italienischen Musiker richtete, im Bild war.

Weder A. noch E. gehören zu den Beschuldigten im italienischen Verfahren. Ob sie im Visier der Schweizer Bundesanwaltschaft sind, ist unklar. Im Fall des Kochs ist für Insider denkbar, dass er nicht wirklich in die illegalen Aktivitäten verwickelt war. CH Media versuchte mit dem Mann zu sprechen, aber er hängte das Telefon auf: «Lassen Sie mich in Ruhe».

Auffallenden Ferrari direkt vor dem Haus des Clan-Bosses parkiert

Laut Untersuchungsakten zum Fall Imponimento war E. aber mindestens einmal in Kalabrien beim Clan-Boss zu Besuch. Laut einem in den Clan eingeschleusten Undercover-Agenten fiel er den Mafiosi negativ auf, weil er seinen grünen Ferrari direkt vor dem Haus des Clan-Bosses abstellte. Die anderen Gäste hätten weit weg vom Haus parkiert und ihre Mobiltelefone in den Autos gelassen, «so wie man das macht», habe sich später einer der Beschuldigten erinnert. Der gab an, der Clan-Chef habe erklärt, E. sei «ein Trottel». Zur Strafe wurde er beim Essen unten am Tisch platziert, möglichst weit weg vom Clan-Boss.

Aus diesen Protokollen geht auch hervor, dass E. bei einem der Beschuldigten, beim Wirt des Bella Vista in Muri, hohe Schulden hatte. Dieser gab laut Untersuchungsakten an, dass er E. «schon etliche Male geholfen» habe. Aus dem Schweizer Handelsregister geht zudem hervor, dass A. ab 2016 die Mehrheit an einem Restaurant besass, das ihr Freund betrieb.

Pizzeria gleich neben Polizeiposten - keiner merkte was

Die italienischen Untersuchungsakten zum Fall geben zahlreiche Hinweise, dass die Mafia in der Schweiz und gerade im Aargau tief und unauffällig verankert war. Im Nachhinein wollen sich etwa im Fall der Pizzeria in Muri, deren Inhaber in Italien in Haft sitzt, viele über die italienischen Luxusautos gewundert haben, die der Wirt besass. «Das Restaurant wird halt gut laufen», sagte sich einer. Auch die Polizei merkte offenbar nichts, obwohl sich gleich neben dem Restaurant ein Stützpunkt der Kapo befindet. Vermutlich waren die Polizisten gerne gesehene Gäste in der Pizzeria.

Wer in der Schweiz in der Mafia-Geschichte zu recherchieren versucht, der stösst mehrheitlich auf eine Mauer des Schweigens. Bekannte von Beschuldigten versprechen einen Rückruf und sind nie mehr zu erreichen. Andere verschwinden plötzlich von der Bildfläche. Allein schon Handelsregisterauszüge lassen aber erahnen, dass der Anello-Clan mit zahlreichen hiesigen Strohleuten arbeiten muss. Und der Anello-Clan ist nur einer von vielen, und bei weitem nicht der mächtigste

147 Beschuldigte in Italien, neun in der Schweiz

Gegen 147 Beschuldigte haben die Behörden in Italien Anklage erhoben, vier davon leben in der Schweiz. Clan-Chef Rocco Anello und 68 weitere Italiener werden derzeit im abgekürzten Verfahren beurteilt. Für die restlichen 78 kommt es im September zum Maxi-Prozess in Lamezia in Kalabrien. Unter ihnen auch der Wirt des Restaurants Bella Vista in Muri AG, das zwischenzeitlich wieder geöffnet ist.

Laut Bundesanwaltschaft richtete sich auf Schweizer Seite das Strafverfahren gegen neun Italiener. Dabei gehe es um den Verdacht der Unterstützung oder Beteiligung an einer kriminellen Organisation, der Geldwäscherei, der Hehlerei, des Einsatzes von Falschgeld, des Verstosses gegen das Betäubungsmittel- und Waffengesetz.

Eine der «Hauptpersonen», B* (siehe Grafik), wurde im April 2021 unter Auflagen aus der Haft entlassen. Sein Verwandter C.* sitzt in der Schweiz in Auslieferungshaft.

Zwei Personen sitzen weiterhin in Italien in Haft, die restlichen sechs wurden in der Schweiz nur vorübergehend festgenommen. Gegen eine Person erging bereits ein Strafbefehl wegen Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz. Es gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.

*Initialen geändert.

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quelle: epa/ansa/police press office / police press office / handout
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