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Rolf Schmid bezwingt den 170 Meter hohen Fels.
Rolf Schmid bezwingt den 170 Meter hohen Fels.
bild: Schweiz am sonntag/Andrea Weibel 

Der Chef von Mammut wagt trotz Höhenangst seine erste Klettertour

Mammut-CEO Rolf Schmid hat innert 20 Jahren aus einer kleinen Seoner Firma eine der weltweit führenden Outdoor-Marken gemacht. Nun hat er sich auf seine erste Klettertour gewagt – trotz Höhenangst 
21.06.2015, 11:3221.06.2015, 12:42
Andrea Weibel / schweiz am sonntag
Ein Artikel von Schweiz am Sonntag
Schweiz am Sonntag

Rolf Schmid steht in Bramois, einem Klettergebiet nahe Sion, unterhalb der Route Arrête Sud und schaut die 170 Meter hohe Wand hinauf. Er ist CEO einer der grössten Outdoor-Firmen der Welt. Und er hat Höhenangst. Noch nie ist er am Fels geklettert. Doch noch stärker als seine Angst sind sein Wille und sein Vertrauen in das Material, für das er steht. Der erfahrene Bergführer Louis Piguet, seit 25 Jahren Mammut-Verantwortlicher für die Westschweiz und mittlerweile zu einem guten Freund Schmids geworden, bindet ihn mit Achterknoten in die beiden Seile ein. 

Dann steigt er die erste von fünf Seillängen vor. Sobald er das Zeichen bekommt, steckt der CEO seine Hände in den Magnesiumbeutel an seiner Hüfte, atmet tief durch und beginnt, die Wand Schritt für Schritt zu erklimmen. Seine Angst schluckt er runter. «Ich weiss genau, die Seile reissen nicht, und irgendwo findet sich immer ein Griff im Fels. Meine drei Begleiter sind da auch hinaufgekommen, dann schaffe ich das auch», ist er sich sicher. 

«Weil ich gar keine Ahnung hatte, konnte ich alles fragen und eben auch hinterfragen»
Rolf Schmid, Mammut-CEO

Schmid war nicht das, was sich Mammut vor 20 Jahren vorgestellt hat, als die damals kleine Firma aus Seon im Aargau einen neuen CEO gesucht hat. «Es war eher ein Zufall. Der Scout, der die Kandidaten für den Posten finden musste, stellte prinzipiell immer einen Joker dazu, bei dem er sich vorstellen konnte, dass er auf die Stelle passt, der aber aus einer ganz anderen Branche kommt», erinnert sich Schmid. Der 55-Jährige hat in St.Gallen Betriebsökonomie studiert und danach in der Pharma-, Uhren- und Tourismusbranche als Manager gearbeitet. «Ich war immer sportlich, aber mit Bergsport hatte ich nichts am Hut. Ausserdem trage ich seit zwölf Jahren eine Hüftprothese, viele Ärzte sagten, Klettern und Bergsteigen würden gar nicht gehen.» 

Schmid war der Joker für den CEO-Posten.
Schmid war der Joker für den CEO-Posten.
bild: mammut/moritz becher

Dann stellte ihn Mammut an die Spitze des Unternehmens – einen Mann, der zwar eine Firma leiten kann, mit der Materie aber nicht vertraut war. Doch das stellte sich als Vorteil heraus: «Weil ich gar keine Ahnung hatte, konnte ich alles fragen und eben auch hinterfragen. Das hat zu Verbesserungen in vielen Bereichen beigetragen.» Zum Vergleich: Damals arbeiteten in Seon im Sportbereich etwa 25 Menschen, heute sind es über 300, weltweit sogar gut 600. Damals verkaufte Mammut Seile in einzelne Länder, heute bestehen bereits Tochtergesellschaften in sieben Ländern. Und damals machte die «kleine Kletterbude» einen Jahresumsatz von 25 Millionen Franken, heute sind es 250 Millionen. 

«Ich war immer sportlich, aber mit Bergsport hatte ich nichts am Hut»
Rolf Schmid, Mammut-CEO

Wie konnte eine kleine Firma, deren Hauptsitz noch immer im ländlichen Seon ist, sich unter 1300 Outdoor-Anbietern bis unter die fünf grössten der Welt hinaufarbeiten? Ein wichtiger Punkt hierbei sei die Swissness, erklärt Schmid. «Wir haben die Berge direkt vor der Haustür. Uns glaubt man, dass wir Ahnung vom Bergsport haben. Ausserdem stehen Schweizer Produkte für Qualität und Sicherheit, davon profitieren wir enorm.» 

Zudem habe sich die Firma nicht dem Modetrend, sondern den Bedürfnissen der Sportler verschrieben. Dazu trägt neben den Ingenieuren auch ein Kernteam aus erfahrenen Bergsteigern wie Louis Piguet bei. «Ich habe 1997 eine Lawine überlebt, konnte aber einem anderen Verschütteten nicht mehr helfen. Seither habe ich mich der Weiterentwicklung der Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte verschrieben», so Piguet. Diese praxisnahen Entwickler seien Mammut sehr wichtig, sagt Schmid. 

Die schwierigsten Phasen der letzten 20 Jahre seien die Eurokrisen 2011 und 2015 gewesen. «Wir kaufen hauptsächlich im Dollar-Raum ein und verkaufen vor allem im Euro-Raum. Weil nun der Dollar stärker und der Euro schwächer geworden ist, haben wir gleich doppelt verloren. Da es aber den meisten unserer Konkurrenten so ergeht, kämpfen alle mit den gleichen Herausforderungen.» 

Mammut am Eiger für ein neues Projekt mit 360-Grad-Aufnahmen.
Mammut am Eiger für ein neues Projekt mit 360-Grad-Aufnahmen.
Bild: MAMMUT

Sämtliche Mammut-Seile werden nach wie vor in Seon produziert. Alles andere – vor allem Kletter-Hartware und Kleidung – lässt die Firma im Ausland (ca. 55 Prozent in Asien) produzieren. «Vor einigen Wochen war ich in Bangladesch, um mir eine Firma anzusehen, die für uns Kleidung herstellen wird», berichtet Schmid. «Bangladesch klingt nach Ausbeutung. Deshalb wollte ich mir die Firma, die unsere Spezialisten vorgeschlagen haben, persönlich ansehen. Es sind Koreaner, die auf einer Fläche von der Grösse des Hallwilersees eine Produktionsstätte gebaut haben, wo sie neben den Produktionsanlagen 1,2 Millionen Bäume gepflanzt, ein Spital mit 50 Ärzten gebaut und 70 000 Arbeiter eingestellt haben. Alles wirkt sehr sauber. Bedingungen und Löhne sind vorbildlich, wie ich es selten gesehen habe.» Er sieht es als soziale Verpflichtung an, solche Betriebe und somit das Land zu unterstützen. «Meine 25-jährige Tochter studiert Zahnmedizin und wird ein Praktikum im dortigen Spital machen. So werden wir noch genauer erfahren, wie es wirklich zu- und hergeht.» 

«Ich habe 1997 eine Lawine überlebt, konnte aber einem anderen Verschütteten nicht mehr helfen»
Louis Piguet, Mammut
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Die soziale Verantwortung sei ihm auch bei den Schweizer Mitarbeitern sehr wichtig. «Viele unserer Mitarbeiter haben Teilzeitpensen, denn sie haben Familie oder sind Sportler.» Ausserdem findet er es wichtig, dass auch längere Reisen für seine Mitarbeiter möglich sind, das fördere die Loyalität gegenüber der Firma. «Ich selbst habe 2011 nach einem kleineren Herzanfall eine dreimonatige Auszeit genommen und weder einen Anruf noch ein Mail beantwortet. Ich bin in Peru auf Hochtouren gegangen und habe mich meiner Frau und den beiden Kindern gewidmet. Das hat mir sehr gutgetan.» Bergführer Louis Piguet sieht diesen Schritt als Stärke: «Es war ein unglaublicher Vertrauensbeweis, dass er uns quasi die Firma anvertraute. Das können nicht viele Chefs.» 

In Eidfjord, im nördlichen Norwegen hat Mammut mit Hilfe von farbigen Leuchtfackeln, Scheinwerfern und Stirnlampen eine einzigartige mystische Atmosphäre erzeugt.
In Eidfjord, im nördlichen Norwegen hat Mammut mit Hilfe von farbigen Leuchtfackeln, Scheinwerfern und Stirnlampen eine einzigartige mystische Atmosphäre erzeugt.
Bild: PHOTOPRESS/MAMMUT/THOMAS SENF

Für Schmid ist es eine Traumstelle. «Ich bin sesshaft geworden, das hätte ich nie gedacht.» Weil sein Vater bei einer Airline gearbeitet hat, zog die Familie Schmid früher oft um. Geboren in Frankfurt, Primarschule in Kopenhagen (auf Dänisch), Sekundarschule in Buenos Aires (auf Spanisch), Zwischenjahr in Zürich, dann Gymnasium in Rom (auf Italienisch/Deutsch) waren seine Stationen. Doch jetzt sind Schmid und seine Frau in Lenzburg angekommen. «Zum ersten Mal habe ich Freunde in der Nachbarschaft. Hier möchte ich nicht mehr weg.» 

Jetzt auf

Trotz seiner Höhenangst war Schmid schon auf Mont Blanc, Jungfrau, Mönch und vielen anderen Bergen. Der Eiger folgt diesen Juli, dann will er mit Extrembergsteiger Stephan Siegrist aus dem Mammut-Pro-Team das gemeinsame 20-Jahr-Jubiläum feiern: Siegrist wird seit 1995 von der Firma gesponsert, der Schmid seit Mai 1996 vorsteht. 

Auch Bungee ist er schon gesprungen. «Ich bin fast gestorben vor Angst», gibt er zu. Doch überall halfen ihm sein starker Wille und das Vertrauen ins Material. Nur weil er dermassen hinter seinen Produkten steht, kann er sie weltweit glaubwürdig verkaufen. Und so schafft Rolf Schmid die schwierigsten Herausforderungen wie seine allererste Mehrseillänge in Bramois. Schweissnass, aber stolz und glücklich kommt er auf dem 170 Meter hohen Gipfel an. «An einigen Stellen habe ich geflucht. Aber am Ende habe ich es geschafft.» 

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