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So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: Julia neukomm

Nach 2 Monaten in Isolation: Wie mein Omi ihren Lebensmut verloren hat

Ein Sturz zwang meine 86-jährige Grossmutter in den verhassten Rollstuhl und ins Altersheim. Nachdem sie ihr Leben lang für ihre Selbstständigkeit gekämpft hat, bedeutete das die ultimative Kapitulation. Dann kam der Lockdown.



illustrationen: julia neukomm

Ich mache mir Sorgen.

Ich mache mir Sorgen um meine Grossmutter und um ihre Generation. Um fast 100’000 Personen in der Schweiz, die derzeit in einem Alters- oder Pflegeheim leben. Die rund um die Uhr betreut werden, weil die Beine nicht mehr richtig wollen, das Aufstehen Mühe bereitet. Und der Kopf auch. Weil die Erinnerungen kommen und gehen, wie sie wollen.

Seit dem 16. März befinden sich diese Menschen in Isolation. Sie gelten in der Coronakrise als besonders gefährdet. Dringt das Virus in eine Institution ein, bringt das die Bewohnerinnen und Bewohner in unmittelbare Todesgefahr. Darum dürfen sie nicht raus und Besucherinnen nicht rein. Seit über zwei Monaten ist ihr einziger Kontakt der zu anderen Bewohnern und zum Pflege- und Betreuungspersonal. Körperliche Nähe erhalten sie nur bei Hilfeleistungen im Alltag, angefasst werden sie einzig mit Gummihandschuhen. Sie werden nicht umarmt, geküsst, gestreichelt. Selbst das aufmunternde Lächeln der Angestellten bleibt hinter deren Masken verborgen. Was macht das mit einem Menschen?

Jetzt, nachdem der Lockdown aufgehoben wurde, darf ich mein Omi zum ersten Mal wieder besuchen. Für mich bedeuten die Wiederöffnungen der Läden, Restaurants und Bars eine langsame Rückkehr zur Normalität. Für meine Grossmutter bedeutet es, dass sie ihre Liebsten wieder sehen darf – hinter Plexiglasscheiben, mit Maske und mit einem grossen Sicherheitsabstand.

Ich bin nervös. Was sich seltsam anfühlt. Ich war noch nie nervös, wenn ich meine Grossmutter besuchen ging.

Als provisorischer Besucherraum dient der Gartenschopf neben dem Altersheim. Im hinteren Teil des Holzhäuschens werden Setzlinge von einer Pflanzenlampe beschienen, in einem Blumentopf wächst ein prächtiger Rosenstrauch, durch die grossen Fenster an drei Seiten des Raumes dringt Tageslicht, vorne stehen zwei zusammengeschobene Tische, an dessen einen Ende ich gespannt warte. Meine Grossmutter ist noch nicht da. Ich bin nervös. Was sich seltsam anfühlt. Ich war noch nie nervös, wenn ich meine Grossmutter besuchen ging. Doch jetzt sitze ich in diesem fremden Raum, mit desinfizierten Händen und atme schwer in meinen Mundschutz. Die warme Atemluft befeuchtet meine Wangen.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Und dann sehe ich sie. Auf einem schmalen Fussweg schiebt ein grosser Mann in Grün eine kleine Frau um den Rank. Noch ist sie zu weit weg, als dass ich ihren Blick erkennen könnte. Sieht sie mich? Ich werfe meine Arme in die Luft und winke. Sie winkt zurück. Ich spüre mein Herz etwas schwerer in meiner Brust klopfen. Es ist das erste Mal, dass ich mein Omi in einem Rollstuhl sehe.

Wie hat sie sich immer dagegen gewehrt! Ein Leben lang, seit ihrer frühsten Kindheit. Die Geschichten ihres Aufbegehrens kenne ich in- und auswendig. Meine Grossmutter hat sie uns Enkelkindern voller Stolz erzählt, wenn wir ihr morgens nach dem Aufstehen beim Schnüren ihrer Schiene zusahen. Tag für Tag zwängte sie ihr «böses Bein», so nannte sie es, in eine antik aussehende Geh-Schiene. Uns fesselte der Anblick des ledernen Dings, bestehend aus Dutzenden von Haken und Ösen. Beim Aufstehen und Absitzen fasste sie mit einem gezielten Handgriff in die Kniekehle, um ein kleines Scharnier zu lösen, das das Beugen des Beins zuliess. Das «Klack», das dabei jeweils ertönte, höre ich noch heute.

Es ist ihrem Stolz und der durch die Krankheit entwickelten Sturheit zu verdanken, dass mein Omi – den Voraussagen aller zum Trotz – ihren Kopf durchgesetzt hat.

Poliomyelitis – Kinderlähmung. Eine Krankheit, die heute in Europa als ausgerottet gilt, war in der Schweiz in den 30er- bis 50er-Jahren weit verbreitet. Meine Grossmutter erkrankte 1934 im Alter von einem Jahr an dem Virus. Vermutet wird, dass sie sich beim Spielen im Sandkasten infiziert haben soll. Ihr rechtes Bein ist seither vollständig gelähmt. Bis in ihre Jugend musste sie sich immer wieder schmerzhaften Operationen und Therapien unterziehen. Teilweise lag sie monatelang im Spital, den Experimenten und heute als fragwürdig geltenden Methoden von Ärzten ausgesetzt.

Was ein Mädchen mit verkrüppeltem Bein noch vom Leben erwarten durfte, wurde ihr mit Grausamkeit eingebläut. Niemals werde sie eigenständig gehen können, von Männern werde sie verschmäht bleiben, eine Heirat komme nicht in Frage, eine Familie zu gründen schon gar nicht.

Es ist ihrem Stolz und der durch die Krankheit entwickelten Sturheit zu verdanken, dass mein Omi – den Voraussagen aller zum Trotz – ihren Kopf durchgesetzt hat. Ihr Bein versteckte sie unter modernen Hosen, was zur damaligen Zeit als skandalös galt. Beim Fahrradfahren eignete sie sich eine einbeinige Tret-Methode an. Sie tanzte, ging mit ihren Freundinnen aus und es war wohl gerade ihr gewieftes Wesen, das so manch einen Mann ihre Lähmung vergessen liess. Im Frühling 1954 lernte sie meinen Grossvater kennen, ein Jahr später wurde geheiratet, im September 1955 brachte sie das erste Kind zur Welt. Drei weitere sollten folgen.

Obwohl immer schwächer und auch auf ihrem gesunden Bein stetig unsicherer, vollbrachte sie Erstaunliches. Mit zähem Willen erhielt sie aufrecht, was hinter der Fassade schon lange bröckelte.

Nicht nur zog meine Grossmutter vier Kinder gross. Wir insgesamt sieben Enkelkinder verbrachten viel Zeit bei Omi und Opi. Sie wohnten nur wenige Gehminuten vom Haus meiner Eltern entfernt. Ich ass bei ihnen zu Mittag, löste mit Opi Hausaufgaben. Die Behinderung meiner Grossmutter spielte nie eine Rolle, sie kochte, trug und wusch uns, sie krampfte, spasste wie alle anderen auch. Zum grossen Thema wurde ihr «böses Bein» erst, als sie sich bei einem Sturz die Hüfte brach. Die ganze Familie versuchte, sie vom Vorteil eines Rollators zu überzeugen. Doch sie wehrte hartnäckig ab. Lieber angelte sie sich den Wänden links und rechts abstützend durch die Wohnung, als in Kauf zu nehmen, nicht mehr selbstständig gehen zu können. Es dauerte nochmals ein paar Jahre, bis sie um den Rollator nicht mehr umhinkam. Anfangs schämte sie sich, mit der Zeit bemerkte sie, dass das Ding praktischer ist als gedacht.

Nach dem Tod meines Grossvaters verliess sie die eigene Wohnung und zog in eine Alterssiedlung. Obwohl immer schwächer und auch auf ihrem gesunden Bein stetig unsicherer, vollbrachte sie Erstaunliches. Mit zähem Willen erhielt sie aufrecht, was hinter der Fassade schon lange bröckelte. Auf ihr Gefährt gestützt schleppte sie sich durch die Wohnung und liess uns wissen: «Ich sterbe eher, als dass ich mich in einen Rollstuhl setze. Das habe ich mir ein Leben lang geschworen.» Es war, als würden meine Mutter und ihre drei Geschwister an eine Wand reden. Die Diskussionen darüber, dass sie in einer betreuten Institution besser aufgehoben wäre, verpufften im Nichts. Dazu kam, dass das Gedächtnis meiner Grossmutter nachzulassen begann. Konnte sie sich an einem Tag für die Idee eines Altersheims erwärmen, hatte sie es am nächsten Tag bereits wieder vergessen.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Im Winter dieses Jahres kam der Tag, vor dem wir uns so gefürchtet hatten. Als meine Mutter Anfang Februar spontan bei Omi vorbeischauen wollte, fand sie diese im Badezimmer in den Rollator verheddert auf dem Boden liegend. Notruf, Ambulanz, Spital, gebrochene Rippen, das volle Programm. Eine Rückkehr in die Alterssiedlung kam danach nicht mehr in Frage. Innert kürzester Zeit organisierten meine Mutter und ihre Geschwister einen Platz im Altersheim. Sie räumten die alte Wohnung aus und das neue Zimmer ein. Just in der Woche, in der Omi ihr neues Zimmer bezog, beschloss der Bundesrat den Lockdown.

Bei meinem Besuch ist es darum nicht nur das Bild von Omi im Rollstuhl, das mich befremdet. Auch sonst ist mir alles an diesem Ort unbekannt. Obwohl ich in dieser Stadt im Zürcher Oberland aufgewachsen bin, kenne ich diesen Teil der Gemeinde kaum. Der über hundertjährige Bau des Altersheims, die hüfthohen Mohnblumen im Garten, die Aussicht von der Terrasse auf die Kirche, das Fenster im oberen Stock, wo meine Grossmutter jetzt wohnt – das alles sehe ich dort im Gartenschopf sitzend zum ersten Mal.

Für meine Grossmutter bedeutet der Rollstuhl die ultimative Kapitulation. Meine Mutter hingegen sieht darin eine gewonnene Freiheit – die Omi jetzt aber nicht nutzen kann.

Wie sie jetzt wohnt, wie ihre Tage aussehen, wo sie zu Mittag isst, mit wem sie sich angefreundet hat, versuchte ich in Telefongesprächen herauszuhören. Doch oft kam nur wenig zurück. Ihre Stimme klingt zwar immer noch, als würde sie einer jungen Frau gehören, doch jetzt schwingt eine unüberhörbare Müdigkeit mit. Ich fragte: «Hoi Omi, was machst du gerade?» «Ich liege im Bett.» «Mitten am Tag? Bei dem schönen Wetter? Warum gehst du nicht etwas nach draussen?» «Ja, wie denn? Die holen mich ja nicht. Und alleine kann ich nicht.» Meine Mutter erzählte mir, dass Omi oft den ganzen Tag im Bett liege, viel schlafe. Dass sie Hemmungen habe, Hilfe zu beanspruchen, sie sage: «Die haben ja sonst schon so viel zu tun.» Also liege sie dort und warte bis jemand nach ihr sehe.

Für meine Grossmutter bedeutet der Rollstuhl die ultimative Kapitulation. Meine Mutter hingegen sieht darin eine gewonnene Freiheit – die Omi jetzt aber nicht nutzen kann. Mami sagt: «Wie lange habe ich gewartet, um mit ihr mal wieder in die Migros gehen zu können oder in einen Kleiderladen, um ihr eine schöne Bluse zu kaufen. Jetzt, wo das endlich möglich wäre, geht das nicht und sie verkümmert in der Isolation.» Sie ist sicher, ohne Corona hätte sie Omi für solche Dinge motivieren können, ihr zeigen können, dass es auch jetzt noch Momente gibt, für die es sich zu leben lohnt. Doch jetzt, so allein, habe Omi ihren Lebensmut verloren, wirke abgelöscht, wolle nicht mehr.

Das Personal tut, was es kann. Auch wenn die Umstände so oder so schon schwer sind. Arbeitsschritte, die vorher an Externe ausgelagert wurden, müssen Pflege- und Betreuungspersonen nun selbst übernehmen. Der Zeitdruck ist grösser, die Angst vor dem Virus omnipräsent. Trotzdem versuchen die Angestellten die Lücke der fehlenden Angehörigen zumindest ein bisschen zu füllen.

Bild

illustration: julia neukomm

Einer der Hauptbetreuer meiner Grossmutter, ein Pflegefachmann, erzählt, es sei schwierig, sie aus dem Bett zu bekommen. Wenn er sie frage, ob sie nach Draussen wolle, winke sie oft vehement ab. «Noch vor zehn Jahren hätte man die Leute in einer solchen Situation einfach gegen ihren Willen in den Rollstuhl gesetzt. Aber heute hat die Selbstbestimmung zum Glück einen sehr hohen Stellenwert. Wenn sie nicht will, muss ich das akzeptieren.» Es sei aber nicht nur sie. Allgemein sei es in den vergangenen Wochen stiller geworden im Altersheim. Viele seien in sich gekehrter. Trotz Aktivierungsprogramme, Gedächtnistrainings, Gespräche, die der Animierung der Bewohner dienen sollen, eine gewisse Trägheit bleibe, sagt der Pflegefachmann. «Man merkt, dass ihnen der Kontakt zu den Angehörigen fehlt.»

Ich habe einen schlechten Tag erwischt. Mit einem Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern, eher sind es drei, sitzt mir mein Omi hinter der Plexiglasscheibe gegenüber und starrt mit aufgerissenen Augen ins Nirgendwo. Es ist ein wenig so, als ob sie in einem langen Winterschlaf gelegen hat und jetzt zum ersten Mal wieder aus der Höhle gekrochen kommt. Das weisse, kurz geschnittene Haar ist ordentlich nach hinten gekämmt. Die Wangen etwas gerötet. Sie sieht dünner aus. Im Gesicht hat sie dunkle Flecken, die ich vorher noch nie gesehen habe. Es ist, als ob sie in den letzten zwei Monaten um fünf Jahre gealtert wäre.

Meine Mutter sagte mir kürzlich: «Manchmal weiss ich nicht mehr, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie kann nichts mehr erzählen, weil sie alles vergisst.»

Sie wirkt fahrig, scheint nicht zu verstehen, warum wir in diesem seltsamen Raum sitzen, fragt, ob wir danach rüber in ihr Zimmer gehen. Als ich ihr sage, dass das leider nicht gehe, donnert sie empört: «Das ist doch alles übertrieben, findest du nicht? Man sollte mal einen Bundesrat so einsperren!» Ich verzerre mein Gesicht zu einem übertriebenen Lächeln, in der Hoffnung, dass sie es trotz Mundschutz an meinen Augen erkennen kann. Ihr Blick geht an mir vorbei, bleibt an einem Buben mit seiner Mutter hängen, die am Gartenhäuschen vorbei spazieren. Der Bub bückt sich nach einer Blume, Omi sagt verzückt: «Jö! Wie ich euch damals lange erklären musste, dass man mit den Fingerchen ganz zuunterst am Stiel das Blümchen auszupfen muss.» Ein verträumtes Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Danach Schweigen.

Meine Mutter sagte mir kürzlich: «Manchmal weiss ich nicht mehr, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie kann nichts mehr erzählen, weil sie alles vergisst. Sie weiss nicht mehr, was sie vor einer Stunde gemacht hat. Wenn ich sie nach dem Mittag anrufe, hat sie keine Ahnung, was sie vorher gegessen hat.» Sie wisse auch nicht, ob sie am Nachmittag draussen war, ob sie mit jemandem ein Gespräch geführt hat. «Im Grunde weiss ich nicht genau, wie es Omi im Altersheim geht. Nur aus Telefongesprächen mit den Pflegern kann ich es mir einigermassen zusammenreimen.»

Und aus guten, klaren Momenten. Denn die gibt es auch. Bei einem der Anrufe beschrieb sie mir ihr Zimmer. Rechts von ihr stehe die hellrosa Ledercouch, «die kennst du noch, oder?», das Tischchen habe sie auch behalten, «weisst du, das aus Marmor», und wenn sie aus dem Fenster schaue, sehe sie das Haus der Familie Steiner «du erinnerst dich bestimmt, die Steiners waren doch unsere Nachbarn, damals in der alten Wohnung». Ich sagte ihr, das klinge doch alles sehr schön und dass ich hoffe, ihr Zimmer schon bald mal ansehen zu können. Darauf sie: «Ja, schön ist es schon. Aber kannst du dir vorstellen, wie mühsam das ist? Jedes Mal zu klingeln, wenn du auf die Toilette musst? Oder wenn ich die Zeitung lesen will, die auf dem Couchtisch liegt.» Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Ich sage: «Vielleicht hilft es, wenn du dir sagst, dass du in einer Art Vier-Sterne-Hotel bist und du immer klingeln kannst, wenn du was brauchst? Du bezahlst schliesslich sehr viel Geld für dieses Zimmer.» Ich konnte förmlich hören, wie Omi am Telefon die Stirn runzelt.

So geht es meinem Omi nach zwei Monaten Isolation im Altersheim, Grosmutter, Pflegeheim, Rollstuhl, Rollator, Coronavirus, Quarantaene

illustration: julia neukomm

Manchmal lachen wir auch. Über uns, über Omi, die sich plötzlich in wunderlichen Situationen wiederfindet. Zum Beispiel als sie mein Mami abends anrief und klagte, ihr Fernseher habe den Geist aufgegeben, der Ton funktioniere nicht mehr. Meine Mutter sagte, vermutlich habe sie nur den Stummschaltknopf aktiviert, und versuchte zu erklären, wie sie ihn wieder deaktivieren kann. Mein Omi muss dabei den Telefonhörer abgelegt haben, um sich ganz der Fernsehbedienung widmen zu können. Nach einer Weile hörte meine Mutter wie Omi rief: «Hallo? Hallo? Jetzt höre ich dich nicht mehr! Haaallooooo!», bis sie bemerkte, dass sie sich statt dem Telefon die Fernsehbedienung ans Ohr drückte. Als meine Grossmutter ihren Irrtum bemerkte, brachen beide in Gelächter aus.

«Natürlich tut es mir leid. Aber ich muss mich auch abgrenzen. Ich muss mir immer und immer wieder sagen, dass es ihr Wille war und dass sie es so wollte.»

«Wie ich damit umgehe?» Meine Mutter klang etwas überrumpelt, als ich ihr diese Frage stellte. «Manchmal denke ich, dass, wenn sie jetzt sterben würde, in dieser Isolation, dann hätte ich Mühe. Weil ihr das Leben am Schluss noch etwas Besseres hätte bieten können. Ich habe immer gehofft, dass sie früher ins Altersheim geht, dass wir noch ein paar schöne Jahre haben. Aber sie hat ihren Willen durchgesetzt. Das hat sie immer, ihr Leben lang. Und das habe ich akzeptiert. Ich habe viel gemacht, geredet und gekämpft. Weil ich immer überzeugt war, dass es ihr in einer betreuten Institution besser geht. Aber sie hat bis zuletzt um ihre Selbstständigkeit gerungen und sich verweigert. Bis es dann soweit war und sie nicht mehr gehen konnte. Und jetzt ist sie in dieser Situation gefangen, das ist hart. Natürlich tut es mir leid. Aber ich muss mich auch abgrenzen. Ich muss mir immer und immer wieder sagen, dass es ihr Wille war und dass sie es so wollte. Deshalb weine ich jetzt nicht.»

Die Besuchszeit dauert eine halbe Stunde. Der Mann in Grün lässt uns ein paar Minuten länger zusammensitzen. Als er dann zaghaft ans Fensterglas klopft und eintritt, scheint meine Grossmutter fast ein wenig froh zu sein, dass es vorbei ist. Der Betreuer schiebt sie durch die Türe nach draussen, sie winkt und wirft mir einen Kussmund zu. Ich schaue den beiden noch nach, bis sie um den Rank und aus meinem Blickfeld verschwinden. Ob sie sich noch an meinen Besuch erinnert? Hätte ich sie ohne Corona durch die Stadt und in Kleiderläden geschoben? Hätte sie das überhaupt gewollt? Wann darf ich sie wieder in den Arm nehmen? Wie viel Einsamkeit hält sie noch aus?

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    Alle Leser-Kommentare
  • nafets 25.05.2020 15:35
    Highlight Highlight vielen Dank für diese, sehr berührende Einblicke und mit jeder Zeile hat sich mein Herz mehr zusammengezogen und fast verkrampft.
    ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass diese Isolation noch vor den Fussballspielen, Hobbys, Kinos, Camping etc. behandelt und aufgehoben wird, denn hier geht es um Menschen, es geht um das Leben genau dieser Menschen, dank denen wir hier sein dürfen. viel lieber verzichte ich auf ganz viele Sachen und Bequemlichkeiten, als dass wir unsere Elternteile nicht mehr sehen dürfen....
    und für Sarah Serafini wünsche ich mir, dass Sie Ihre Omi bald auch wieder umarmt..
  • lilule 25.05.2020 13:03
    Highlight Highlight Meine Schwiegermutter lebt seit drei Jahren im Altersheim und ist nach ihren Aussagen froh, dass die strengen Massnahmen eingeführt wurden. Sie hatte eine Lungenoperation und Angst, sich anzustecken. Das Personal in ihrer Institution hat sich viel einfallen lassen und einiges an Abwechslung geboten. Sie sind bis heute coronafrei geblieben und ich freue mich schon sehr auf die Zeit, wenn wir wieder zusammen im Gartenbeizli vor dem Heim sitzen und käffelen können... gesund und munter.
  • Saerd neute 25.05.2020 08:43
    Highlight Highlight Motto;
    Operation gelungen, Patient gestorben.
  • Bächli 24.05.2020 22:48
    Highlight Highlight Ich habe ja Verständnis für die schwierige Situation in Altersheimen. Doch wenn man mit ansehen muss, wie fantasielos Besuchsmöglichkeiten umgesetzt (oder eben nicht) werden, da kommt bei mir das Gefühl der Ohnmacht auf. Im Garten wurde als Sperre sehr lieblos eine Bauabschrankung hingestellt. Wo bleibt da die Distanz? Man könnte etwas mit Tischen, Stühlen und Trennwänden konstruieren. Die Heimleitung findet das nicht nötig. Noch nenne ich den Namen des Heims nicht öffentlich...
  • ReziprokparasitischerSymbiont 24.05.2020 21:24
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen wundervollen Artikel! Er spricht mir total aus dem Herz, fast hinter jeder Zeile konnte ich mein eigenes Grossmueti erkennen ❤
    Auch für sie kam der Umzug ins Heim einer Kapitulation gleich und der Start war entsprechend harzig. Aber zum Glück hat sie inzwischen gelernt, mit der neuen Situation umzugehen. Corona gab dem Ganzen nochmals einen Dämpfer, aber auch damit konnte sie sich nun arrangieren.
    Ich wünsche deiner Omi von ganzem Herzen, dass auch sie sich irgendwann mit der Situation abfinden kann und ihre Tage im Viersternhotel geniessen kann!
  • Amarillo 24.05.2020 19:40
    Highlight Highlight Tja, grösstenteils sind die Umstände auch ohne Corona so. Wir sind nicht (mehr) darauf eingestellt, alte Leute selber zu betreuen, weder vom räumlichen noch vom zeitlichen Aspekt her. Selbst wenn die Alten keine spezielle Pflege benötigen. Man nennt dann oft ausländische Beispiele mit romatisiertem Hintergrund (Grossfamile, Grosselteltern hüten Enkel, Eltern kümmern sich dafür um Grosseltern etc.) und vergisst dabei, dass dies auch nur ab einem bescheidenen Wohlstand möglich ist. Und nur in den Fällen, wo die Leute keine spitalähnliche Betreuung benötigen.
  • Garp 24.05.2020 14:32
    Highlight Highlight Ein berührender Bericht, danke Sarah.

    Ich möchte gar nicht auf Corona eingehen, weil die Probleme viel früher beginnen.

    Unsere Pflegeheime und auch Alterhseime sind praktisch eingerichtet und nicht _wirklich_ auf das Wohlbefinden der Klienten und dahingehend durchdacht.
    Es gibt zu wenig Betreuung, Animation, die Zimmer sind oft zu klein usw. . Nicht jeder der will bekommt ein Einzelzimmer, wenn er es nicht bezahlen kann und das nach 60 j . Selbstständigkeit.
    Es geht immer um die Kosten, an vielen Orten ist es trostlos auch ohne Corona.

    Die Gesellschaft ist auch nicht bereit zu zahlen.
  • martinsteiger 24.05.2020 12:04
    Highlight Highlight Traurig – und vor allem unnötig: Die Lösung wäre, dass Besucher und Besuchte jeweils FFP2-Masken tragen und getestet werden. In Heimen sollte man sowieso alle anwesenden Personen zwei Mal pro Woche testen, um weitere Ausbrüche zu vermeiden, was aber – soviel ich weiss – in der Schweiz immer noch nicht gemacht wird …
    • Garp 24.05.2020 12:50
      Highlight Highlight Es gibt keine sicheren Schnelltests, die innerhalb von einer halben Stunde oder Stunde anzeigen. Dann müssten die Besucher isoliert im Alterheim warten, bis das Testresultat da ist und sie die Angehörigen besuchen können. Meine Mutte würde es total verängstigen, müsste sie eine Maske tragen. Es ist nicht so einfach, wie sich das mancher vorstellt.
    • martinsteiger 24.05.2020 13:33
      Highlight Highlight Ich habe Schnelltests mit keinem Wort erwähnt. Aber mit den herkömmlichen PCR-Tests könnte man einen wesentlichen Teil der ansteckenden Fälle eliminieren. Ich finde rätselhaft, wieso auch heute noch in Schweizer Heimen weder passende Schutzausrüstung getragen wird noch systematische Tests stattfinden. Was die Masken betrifft, so frage ich mich, wieso das in der Schweiz ein derart grosses Problem sein soll … Aber eigentlich müsste es genügen, wenn Personal und Besucher FFP2-Masken tragen würden.
    • Garp 24.05.2020 13:43
      Highlight Highlight Du sprachst davon dass Besucher getestet werden sollen. Während die auf ihr Testresultat warten, können sie in der Zwischenzeit angesteckt werden und beim Zeitpunkt des Tests waren sie es noch nicht. Vielleicht verstehst du so meinen Text von vorhin besser.
  • Snowy 24.05.2020 11:39
    Highlight Highlight Sehr berührende Geschichte ❤️

    Danke!

    Meine Grossmutter ist diesen März nur wenige Tage vor dem Lockdown in einem Altersheim gestorben. Ich bin froh, dass sie dies alles nicht mehr miterleben musste.

    Hochbetagte Menschen sollten - falls es ihnen noch möglich ist die Risiken klar einzuschätzen - Besucher ohne Einschränkungen empfangen dürfen.

    Was bringt es einer hochbetagten, kranken Frau, dass sie noch ein paar Monate/Jahre länger lebt und nicht an Covid 19 stirbt, dafür in (an) Einsamkeit?

    Meine Grossmutter hätte das niemals so gewollt und wäre bereit gewesen die Konsequenzen zu tragen.
    • martinsteiger 24.05.2020 12:05
      Highlight Highlight Snowy, ein Problem bei ansteckenden Krankheiten ist, dass man nicht für sich allein Risiken eingeht oder auch nicht. Wenn sich eine Person in einem Heim mit dem Coronavirus ansteckt, setzt sie damit die Grundlage für einen Ausbruch – und damit auch für Krankheit und Tod von anderen Menschen. Aber wie erwähnt: Mit FFP2-Masken und Testing gäbe es eine Lösung, die ermöglicht, Menschen in Heimen nicht isolieren zu müssen.
    • Cholianer 24.05.2020 12:51
      Highlight Highlight Meine Grossmutter ist Ende Februar geschwächt nach einem OP- und Reha-Marathon defintiv ins Altersheim gekommen.

      Trotz Lockdown wurde Anfangs April der Virus leider eingeschleppt. Sie hat kurz darauf Symptome gezeigt und wurde positiv getestet. Anfangs gings ihr noch den Umständen entsprechend gut, wir konnten auch telefonieren.
      Leider verschlechtete sich ihr Zustand kurz darauf rapide. Sie wurde aufgrund ihrer Patientenverfügung palliativ behandelt und durfte dann in einschlafen.

      Dank EG-Zimmer konnten wir uns immerhin nich von der Türschwelle aus verabschieden. Hart war es dennoch.
    • merecedes 24.05.2020 14:03
      Highlight Highlight @choliander. Herzliches Beileid! Auch allen anderen, welche in dieser schweren Zeit Angehörige verloren haben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • n3rd 24.05.2020 11:14
    Highlight Highlight Wenn ich im Altersheim wäre würde ich mich da gar nicht gross um die Verbote kümmern und weiterhin rein und raus gehen. Was wollen sie machen? Den 80-jährigen von der Polizei holen lassen? Ihn nicht mehr reinlassen und obdachlos werden lassen? Bussen sind ab einem gewissen Alter auch nicht mehr relevant (wer eh nicht mehr lange lebt zahlt sie nicht).

    Optimal wäre es wenn vom Personal in so einer Situation einer ein bisschen zu fest zulangt, dann hat man die ideale Voraussetzung für eine Anzeige.
    • Maya Eldorado 24.05.2020 11:28
      Highlight Highlight @n3rd
      Ich nehme an, dass Du noch jung bist.
      Ins Altersheim gehen heute fast nur noch Menschen die mehr oder weniger schlecht mobil sind oder nur mithilfe von anderen Menschen.
      Auch darum wären Besuche so wichtig, weil das mehrheitlich von Familienangehörigen und Freunden gemacht wird.
      Auch die Bettlägerigen brauchen dringend Zuwendung.
    • ChiliForever 24.05.2020 11:37
      Highlight Highlight Und dann bekommt, dort einer Corona und 20 sterben, obwohl sie keiner nach ihrem Willen gefragt hat...
    • n3rd 24.05.2020 12:00
      Highlight Highlight @maya: Das Altersheim ist von mir zu Hause 2 Strassen weiter und wenn es schön Wetter ist, ist der Garten voll von Alten die noch sehr mobil ausschauen. An ihrer Stelle hätte ich schon längstens einem der Söhne gesagt, er soll in der Nacht die Verschraubung der Absperrung lösen kommen, dann laufen da am nächsten Tag alle raus.
    Weitere Antworten anzeigen
  • pluseins 24.05.2020 11:08
    Highlight Highlight Sehr schöner Text, der weit über die Corona Thematik hinausgeht. Und natürlich liebevoll illustriert, danke!
    • SaraSera 24.05.2020 16:08
      Highlight Highlight ❤️
  • sometimes 24.05.2020 10:52
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Meiner Grossmutter geht es genau gleich. Während der Corona Krise verschlimmerte sich ihr Zustand.
    Ich hoffe sehr, dass wir als Gesellschaft erkennen, wie wichtig es ist, den älteren Menschen Sorge zu tragen - wie wichtig bspw. Pflegeberufe sind.
  • Schlingel 24.05.2020 10:48
    Highlight Highlight Schon extrem, was eine solche Isolation mit älteren Menschen anstellen kann. Gerade wenn diese dement sind und sich kaum an die Geschehnisse von vor fünf Minuten erinnern können, merken diese, dass sie ihre Geliebten schon lange nicht mehr gesehen haben. Doch durch die Demenz können sie kaum verstehen, was die Gründe dafür sind.
    Ich bin froh, dass meine Omi trotz ihrem hohen Alters noch geistig genug fit ist, um die Situation zu verstehen. Sie nörgelt auch kaum. Man merkt, dass sie aus einer dunkleren Zeit kommt und einfach nur dankbar ist, dass man heute in einer behüteten Welt leben darf.
  • Maya Eldorado 24.05.2020 10:36
    Highlight Highlight Mir ist in diesem Zusammenhang noch etwas anderes aufgefallen. Viele ältere Menschen hören immer schlechter.
    Je grösser die Distanz, je weniger gut versteht man.
    Durch die Plexiglasscheibe hört man schlechter.
    Spricht man mit einer Maske hört man schlechter.
    Weil man oft auch über die Lippen teilversteht, geht das dann auch schlechter.
    Ich selber bin knapp über 70 und musste deswegen immer wieder hören. Typisch die Alten, die nichts verstehen wollen. Das bekomme ich nur insofern mit indem mir jemand ohne Maske das gesagte langsam und deutlich wiederholt.
  • KnolleBolle 24.05.2020 10:14
    Highlight Highlight Es ist absolut entwürdigend und ich denke einmal gegen die Menschenrechte wie man in den Alters und Pflegeheimen vorgeht. Mit etwas Wille, etwas Geld, die Heime verdienen ja mehr alsbgenug, über 6000.- p. P. und Monat, liessen sich Besuchsanpassungen möglich machen, einfach schliessen ist halt die billigste und einfachste Lösung, PFUI.
    • Beat_ 24.05.2020 11:32
      Highlight Highlight Ich kenne die richtige Lösung auch nicht.
      Die Institutionen versuchen so gut wie möglich, die kanotnalen Regeln umzusetzen, welche vorgegeben wurden. Und wahrscheinlich sehen die einen etwas mehr Spielraum als die anderen.

      EIn Problem an der Sache sehe ich allerdings, dass die Verwaltungen administrativ und politisch entscheiden (müssen), und dabei kaum "bis zum Einzelfall vordringen".

      Mein Wunch ist eigentlcih nur, dass persönliche Kontakte in den Familien mit den Bewohnern in den Alterszentren wieder möglich sind, und da soll auch mal eine Umarmaung drin liegen.
    • sowhat 24.05.2020 11:39
      Highlight Highlight Büezer, versuch mal ein bisschen differenzierter zu denken. Die Heimverantwortlichen geben sich in den allermeisten Fällen wohl Mühe, das Beste für die Bewohner auf die Beine zu stellen.
      Das mit dem "verdienen" lasse ich nicht gelten. Die MA müssen einen anständigen Lohn bekommen. und es braucht eigentlich mehr als einen pro Bewohner. (Betreuer, Küche, Pflege, Admin. Wäsche uvm.)
    • n3rd 24.05.2020 13:08
      Highlight Highlight @sowhat: Das Heim in unserer Gemeinde wurde 2017 eröffnet und für 40 Mio. gebaut, ist seit jeher aber nur zur Hälfte ausgelastet. Geschäftsleitung wurde letztes Jahr komplett entlassen, weil zu gross gebaut wurde und ein Teil der Aufträge unter Hand vergeben wurde.

      Die anlaufenden Verluste tragen nun die Wohngemeinden. Die Branche ist keinen Deut besser als andere. Wer denkt das Geld käme den MA zu, muss ziemlich naiv sein. Schlussendlich macht das Management die hohle Hand und Vetternwirtschaft ist da.
    Weitere Antworten anzeigen
  • MaPhiA 24.05.2020 10:11
    Highlight Highlight gewisse ⚡ die hier verteilt werden, sind doch sehr fraglich... wenn man nicht ganz einer meinung ist, könnte man sich mit einem gegenkommentar melden oder wenn man mit dem falschen fuss aufgestanden ist, vielleicht auf die ''bewertung'' verzichten...
    • ChiliForever 24.05.2020 11:39
      Highlight Highlight Andererseits: Wer mit einem Blitz nich leben kann, sollte nicht posten....
    • sowhat 24.05.2020 23:55
      Highlight Highlight Chili, manchmal hat man schon den Eindruck, Blitze werden von Trollen oder sonstigen frustrierten vergeben. Ein paar Worte dazu, dürfte man manchmal schon erwarten, meinst du nicht?
  • LillyRose 24.05.2020 10:04
    Highlight Highlight Es freut mich, dass es wenigstens mal mit einem kurzen Besuch hinter Plexiglas geklappt hat. Leider sind nicht alle Kliniken so gut ausgerüstet bzw. willig. Für meinen Vater gilt nach wie vor das absolute Besuchsverbot, weil sein böses Knie ihn am Gehen hindert. Die Rehaklinik bleibt dabei, dass keiner rein oder raus darf. Sein Zimmer ist im ersten Stock, mit Balkon, gut zugänglich von aussen. Nach einer Minute Balkonbesuch mit ca. fünf Meter Distanz kam schon die Reklamation einer Pflegerin. Das geht nicht, das ist verboten! Unglaublich! Das bricht einem das Herz.
    • sowhat 24.05.2020 11:40
      Highlight Highlight mit welchem Argument wurde das denn von der Pflegerin verboten?
    • LillyRose 24.05.2020 12:13
      Highlight Highlight @sowhat. Die Hausregeln gelten für alle. Besuche sind verboten. Nach einem unfreundlichen Disput mit der Pflegerin über die Unsinnigkeit darüber habe ich mich zurück gezogen. Sie hat mir sogar recht gegeben, dass keine Ansteckungsgefahr besteht, wenn ich unten stehe und sogar noch das EG dazwischen ist! Aber die Regeln sind halt so... Ich sehe immer noch die Tränen und das verzweifelte Gesicht von meinem Vater, als ich ging. Aus Angst vor schlecht gelaunten Pflegern habe ich auf weitere Diskussionen verzichtet und rufe so wie seit zwei Monaten täglich an.
    • merecedes 24.05.2020 14:39
      Highlight Highlight Ging uns ganz ähnlich, als wir unsere Oma nochmals sehen wollten. Dass Besuche im Heim nicht gehen, ist allen klar. Aber dass sie uns nicht mal vom Fenster zuwinken durfte bzw. wir dafür nicht in den Garten durften, versteht man schlecht. Sie ist letzte Woche von uns gegangen. Wir wussten, dass es ihr schlecht geht und wollten sie nochmals sehen. Leider nein. Mein Herz schmerzt, wenn ich an die vielen Leute denken, denen jegliche Möglichkeit auf Kontakt verwehrt wird, obwohl es Möglichkeiten gäbe, ohne dass jemand gefährdet wird.
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  • Motiv 24.05.2020 09:54
    Highlight Highlight Ein wunderbarer Bericht! Für mich etwas vom Besten, das ich je auf Watson gelesen habe. Da kommt einem schon die Frage auf, ob man für diese Menschen mit der Isolation nicht einfach ein anderes Todesurteil gesprochen hat: Tod durch Einsamkeit. Es ist ja längst erwiesen, dass Isolation die gleichen Gehirnzellen aktiviert, wie physischer Schmerz. Oder dass Einsamkeit das Leben verkürzt und krankheits- und depressionsanfälliger macht. Bei allem Respekt vor dem Corona-Respekt, aber diese Isolationsmassnahmen entspringen einem Inseldenken und vergisst, was sie für Folgeschäden bewirken.
    • Silent_Revolution 24.05.2020 14:56
      Highlight Highlight Diese Einzelschicksale waren von Anfang an einkalkulierte Nebeneffekte in einem aussichtslosen Schaukampf gegen die Überlastung eines ohnehin unmenschlichen Abfertigungssystems.

      Der Staat fordert Solidarität von Allen, lässt aber einige knallhart links liegen. Darunter grossmehrheitlich die Risikogruppe, also jene die sie angeblich schützen wollte.
  • lichtraumprofil 24.05.2020 09:52
    Highlight Highlight Danke für diesen sehr berührenden Text. Ich sehe es in der eigenen Familie, wie viel psychischen und physischen Schaden wenige Wochen Isolation bei einer älteren Person verursachen können, auch im eigenen Zuhause... Jetzt, wo wieder selbst eingekauft und in Massen Besuch empfangen werden darf, geht es glücklicherweise wieder etwas bergauf. Ich hoffe, ihr könnt euer Omi bald wieder "richtig" besuchen und zumindest einen kleinen Teil der Zeit nachholen.
  • FrancoL 24.05.2020 09:43
    Highlight Highlight Eine traurige Geschichte, die berührt und zum Nachdenken zwingt.
    Aber auch eine Geschichte, die zeigt, dass die alte Dame und wohl auch ihre Umgebung nicht an die Folgen einer zu schnellen Freiheit denken.
    • Silent_Revolution 24.05.2020 15:01
      Highlight Highlight "Aber auch eine Geschichte, die zeigt, dass die alte Dame und wohl auch ihre Umgebung nicht an die Folgen einer zu schnellen Freiheit denken."

      Die alte Dame und ihre Umgebung wird als Kollateralschaden der Massnahmen abgehandelt und du erwartest, dass sie in ihren letzten Lebensjahren, in dementem Zustand, an das grosse Ganze denkt?

      Ist das die Solidarität die ihr ständig propagiert aber nirgendwo vorhanden ist?
    • FrancoL 24.05.2020 19:44
      Highlight Highlight Zuerst würde ich die Dame nicht als dement bezeichnen, denn das scheint sie nicht zu sein. Dann darf man durchaus feststellen, dass der grössere Teil dervAltersheimbewohnerInnen durchaus zuschütten weiss dass der Schutz geboten wurde und nicht alle die in einem Altersheim wohnen haben eine Lebenserwartung von einigen Monaten. Unterbieten gibt es eine Vielzahl, die ganz gerne noch einige Jährchen weiterleben möchte.
      Dann stelle ich fest, dass auch vor Corona eine Vielzahl von alten Menschen recht wenig Besuch hatten und die Solidarität mit den Alten Menschen nicht gross geschrieben wurde.
    • Silent_Revolution 24.05.2020 20:29
      Highlight Highlight Den Text hast du gelesen?

      Manchmal weiss ich nicht mehr, worüber ich mit ihr sprechen soll. Sie kann nichts mehr erzählen, weil sie alles vergisst. Sie weiss nicht mehr, was sie vor einer Stunde gemacht hat. Wenn ich sie nach dem Mittag anrufe, hat sie keine Ahnung, was sie vorher gegessen hat."

      Interessanter Schlussatz. Hat die Regierung vor dem Eingriff die Solidarität mit den Alten gross geschrieben? Die endlosen AHV-Debatten mit dem immer gleichen "Nicht finanzierbar" Stempel etwa?

      Hier ging es nie um Solidarität, sondern um Kosteneinsparung für die "Gesundheits"mafia.
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  • Jaichwill1968 24.05.2020 09:34
    Highlight Highlight Diese Geschichte macht betroffen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht die Interaktion mit anderen Menschen. Ich wage es, uns kritisch fragen, haben wir nicht die allgemeine Erklärung der Menschenrechte („ Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ ) durch das Besuchsverbot von älteren Menschen verletzt? Würde und Freiheit, sieht für mich anders aus. Dies ist ein anderer Blick die Thematik. Doch ich mag es Entwicklungen in kritischem und auch andersartigem Kontext zu betrachten. Es hilft mir wach zu beobachten und selbstbestimmt Werte zu definieren.
    • ChiliForever 24.05.2020 11:44
      Highlight Highlight Das Problem ist halt bei den ganz Alten und Corona in einem Altenheim, daß du einem seine Freiheit gibst und dann 20 sterben. Das ist halt noch weniger verhältnismäßig. Von den zwei Übeln ist die Kontaktbeschränkung halt das etwas kleinere angesichts der immensen Risiken.
  • Mecker Ziege 24.05.2020 09:34
    Highlight Highlight Bei meiner Mutter ist es ganz ähnlich. Sie hat den Pflegeheim-Eintritt bis zu letzt aufgeschoben. Letzten September trat sie gegen ihren Willen ein. Jetzt kann sie nicht einmal mehr telefonieren. Seit acht Wochen haben wir sie nicht mehr gesehen. Auch ich gehöre mit über 65-Jahren zur Risikogruppe und darf laut Anweisungen auch den öffentlichen Verkehr nicht benützen. Zu Fuss sind 30 Kilometer zu weit! Was hat sie eigentlich verbrochen, dass man sie so einsperrt? Schlimmer wie einen Gefangenen. Ich weiss nicht, ob Gefangene ihren Aufenthalt im Gefängnis auch selber finanzieren müssen.
    • Lami23 24.05.2020 11:27
      Highlight Highlight Wieso nicht telefonieren ?
    • Guido Zeh 24.05.2020 14:33
      Highlight Highlight Na, na, ich glaub' nicht, dass diese Story so stimmt...bei meiner Mutter, die ihren Telefonapparat gelegentlich auch nicht bedienen kann - rufe ich die Pflegestation an, sie wird verbunden.
  • Guido Zeh 24.05.2020 09:12
    Highlight Highlight Danke für den Artikel. Dass ein Mensch subjektiv seine Würde und den Lebensmut verliert, geschieht zwar oft am Ende des Lebens, deswegen die Würde aber objektiv in Frage zu stellen, ist zwar Mode - in Corona-Zeiten: Risikopatienten sollen sich doch selber schützen, Appelle an die Selbstverantwortung, Forderung nach Patientenverfügungen, ökonomische Berechnung des Wertes des Menschenlebens, Sterbehilfe -, aber meines Erachtens ein ethisch fragwürdiger Vorgang...
  • MaPhiA 24.05.2020 08:49
    Highlight Highlight es muss schlimm sein, isoliert zu werden... wir haben bei uns auf der zustellung eine ältere dame (noch knapp mit rollstuhl mobil und dass auch nur noch in der wohnung), bei der wir auf grund von covid-19 nicht mehr die post persönlich übergeben... wir laufen täglich mit der post am fenster vorbei, man winkt sich kurz zu und geht dann wieder... es ist schon nicht immer einfach, auch für uns, wenn man einer der wenigen ist, zu denen sie noch kontakt und die möglichkeit für einen kurzen ''schwatz'' hat... wenigstens gehen die ''engel'' der spitex täglich vorbei, wenn's auch nur 'kurz' ist...
  • cdrom 24.05.2020 08:48
    Highlight Highlight «Das ist doch alles übertrieben, findest du nicht? Man sollte mal einen Bundesrat so einsperren!»

    Ich stimme Omi zu.
    • FrancoL 24.05.2020 09:38
      Highlight Highlight Nein man darf ruhig auch älteren Personen gegenüber ehrlich sein und mitunter erwähnen, dass es nicht alleine um sie geht sondern auch um das Gefährden von vielen anderen Insassen, die auch eine Chance haben wollen nicht angesteckt zu werden.
    • Queen C 24.05.2020 09:58
      Highlight Highlight Franco, ein Insasse ist eine Person in einem Fahrzeug, einem Gefängnis oder einem Gefangenenlager.
    • n3rd 24.05.2020 10:00
      Highlight Highlight @Franco - Du bringst es auf den Punkt: Insassen - Gefangene. Schade das heute viele so über ältere Menschen denken.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hoci 24.05.2020 08:43
    Highlight Highlight Sturheit und Verbissenheit ist oft ein Segen, aber leider kann sie auch sehr schädlich sein, wenn man deshalb Unfähig wird flexibel zu sein und Entscheide auch zu revidieren.
    So wie hier.
    Und Altern ist die Pest. Im Alter wird denken und sich an neue Situagionen anpassen sehr schwierig, drum sollte man das schon mit 50/ 60 machen und sich zb daran gewöhnen/abfinden, dass man ins Altersheim/Pflege muss, einen Rollstuhl braucht. Und sich mit Testament allenfalls Exit darauf vorbereiten.
    Deine Story macht mich traurig. Das Leid ist unnötig, hab ich aber ähnlich bei meiner Omi auch erlebt.
  • Mira Bond 24.05.2020 08:34
    Highlight Highlight Berührender Einblick und sehr schön geschrieben! Es ist eine schwierige Zeit für Euch alle; das Lebensende gestaltet sich oft nicht wie erwartet...viel Kraft!
  • Maya Eldorado 24.05.2020 08:23
    Highlight Highlight Bei alten Menschen kann Selbstisolation zu ihrem Schutz verheerend wirken. Je älter ein Mensch ist, je mehr ist er gefährdet dabei mental und körperlich abzubauen.
    Da ist schon die Frage: Qaulität gegen Quantität. Damit meine ich Begegnungen mit dem Risiko angesteckt zu werden und zu sterben, dafür freudvoll leben oder isolieren, dafür länger leben aber mit sehr schnellem Abbau verbunden.
    Man sollte mehr die Betroffenen einbeziehen.
    • Rémy Zenger 24.05.2020 09:22
      Highlight Highlight "Man sollte mehr die Betroffenen einbeziehen"

      Ich verstehe diese Aussage zutiefst.
      Jedoch Leben in solchen Instituten mehrer Menschen zusammen. Es müssten sich m.M. alle darin befindlichen Personen für das Risiko entscheiden, inklusive Pflegepersonal.

      Ein Dilemma.
    • Carl Gustav 24.05.2020 09:32
      Highlight Highlight Mein Grosi (95i) ist in einer ähnlichen Situation.
      Sie hat mit dem Leben abgeschlossen und möchte endlich in Ruhe sterben.
      Jetzt nimmt ihr die Isolation noch die Sozialkontakte und die letzte Lebensfreude.
      Meine Familie hat absolut kein Verständniss dafür, dass man sie "einsperrt" bzw. uns "aussperrt"
      Ich hab meine Meinung in den letzten Tagen geändert.
      Die meisten Bewohner des Pflegeheim möchten nämlich leben.
      Da leider keine individuellen Lösungen möglich sind, müssen nun halt Alle vor diesem Scheissvirus geschützt werden. Denkt auch daran, was ein Ausbruch für das Personal bedeuten würde.
    • FrancoL 24.05.2020 09:46
      Highlight Highlight Wenn die Qualität die jemand anstrebt aber die Qualität und auch die Quantität einer anderen Person einengt haben wir wohl ein ernsthaftes Problem, es leben und agieren nicht alle in einem eigenen Schutzraum.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Rosas Velo 24.05.2020 08:06
    Highlight Highlight Danke für diesen tollen Text!
  • P.Kiesel 24.05.2020 08:03
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen einfühlsamen Artikel. Solche
    Beiträge machen WATSON speziell und lesenswert, nicht die mit Boulevard-Kaliber!
  • Fairness 24.05.2020 07:39
    Highlight Highlight Es ist sehr traurig, wenn man das letzte bisschen Selbständigkeit und Würde verliert. Aber mit dem Lockdown hat das jetzt nicht viel zu tun. Das Leben ist endlich. Lasst die alten Leute doch in RuheundFrieden sterben anstatt sie mit allen Mitteln am Leben zu erhalten, wenn sie nicht mehr mögen. WalterBeller hat ein Riesenglück gehabt, einfach friedlich mit Plänen für den nächsten Tag im Kopf einzuschlafen für immer. Auch wenn es etwaszu früh war.
    • Seebarsch 24.05.2020 08:05
      Highlight Highlight Mit dem Lockdown hat es eben schon auch zu tun. Man könnte sich nämlich viel besser um seine Angehörigen kümmern, wenn der nicht wäre.
    • andy y 24.05.2020 08:09
      Highlight Highlight Hab ich hier schon vor 4 Wochen geschrieben und wurde als Egoist und Gefühlskalt abgestempelt
    • SF_49ers 24.05.2020 08:36
      Highlight Highlight Das traurige momentan ist ja einfach, dass die alten leute nicht mehr besicht werden dürfen. Man vereinsamt einfach sehr schnell wie im artikel bedchrieben. Und das hat sehr wohl was mit dem lockdown zutun
    Weitere Antworten anzeigen
  • Berner_in 24.05.2020 06:48
    Highlight Highlight Danke für diesen tiefen Einblick ins Menschsein
    • dodo, dodo? 24.05.2020 16:58
      Highlight Highlight liebe sarah serafini
      merci für den schönen, sehr persönlichen artikel! hoch die tassen auf unsere omis🥰
  • atorator 24.05.2020 06:25
    Highlight Highlight 6:23 und mir laufen nur noch die Tränen übers Gesicht. Lass dich umarmen, Sarah.
    • SaraSera 24.05.2020 16:08
      Highlight Highlight ❤️❤️❤️

Interview

«Die Schweizer Beteiligung am Kolonialismus war sehr viel stärker, als viele annehmen»

Die Schweiz war keine Kolonialmacht, dennoch haben auch wir eine Kolonialgeschichte. Nur kennt sie fast niemand. Im Interview erklärt die Kulturwissenschaftlerin Patricia Purtschert, warum in der Schweiz eine «koloniale Amnesie» herrscht und wie sich die Verwicklung im Kolonialismus auf den Rassismus auswirkt.

Frau Purtschert, erstaunt es Sie, dass gerade jetzt nach der Schweizer Kolonialgeschichte gefragt wird?Patricia Purtschert: Nein, ich denke das ist die Frage, die jetzt gestellt werden muss. Sie ist wichtig, um einzuordnen, was gerade passiert. Denn Black Lives Matter, das Thematisieren von Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen, hat sehr viel mit der Kolonialgeschichte zu tun, auch mit derjenigen der Schweiz. Obwohl die «koloniale Schweiz» lange ein undenkbarer Begriff war, weil die Schweiz …

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