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«Es ist wie im Disneyland»: So mutiert Luzern zur China-Town

4000 Touristen strömen in 95 Cars an den Vierwaldstättersee: Luzern erlebt eine noch nie dagewesene chinesische Invasion. Nicht alle zeigen sich begeistert.
13.05.2019, 16:4614.05.2019, 10:29
Video: watson/nico franzoni

Es ist ein Touristenaufmarsch, wie ihn die Schweiz noch nie gesehen hat. Kurz nach 9.30 Uhr springt der Taiwanese Jesse (28) aus dem ersten von 95 Cars der XXL-Reisegruppe von «Jeunesse Global». Im Minutentakt stoppen die Busse und laden die asiatischen Touristen aus. 4000 sind es insgesamt, die heute nach Luzern pilgern. Sogar Polizisten sind vor Ort, um die Menschenmassen zu lenken.

Die chinesische Invasion geht los...

bild: watson

«Diese Reise ist das coolste, was ich je gemacht habe», sagt Jesse mit einem Strahlen auf dem Gesicht zu den watson-Reportern. Er hat sich heute mit Fliege und Anzug extra herausgeputzt. Denn Jesse feiert ausgerechnet heute seinen 28. Geburtstag. Seine Kolleginnen zücken den Selfie-Stick und frohlocken: «We love Switzerland!» Alle tragen einen roten Bändel um den Hals, daran hängt ein Badge. Die Reiseleiter stehen mit roten Fahnen bereit, dirigieren die Touristen mit strengem Blick zur Schifflände. Dort stehen sieben Schiffe für 2000 Leute für eine 45-minütige Rundfahrt bereit.

Geburtstagskind Jesse (28) aus Taiwan

Bild: watson

Macht es Jesse nichts aus, einen Trip gemeinsam mit so vielen Menschen zu unternehmen? «Mich stören die vielen Touristen hier nicht. Wir sind vor allem mit den Leuten aus unserem Bus zusammen, viele sind Kollegen», sagt der Taiwanese in geschliffenem Englisch. Sonst ist es relativ schwierig, mit den Chinesen zu kommunizieren. Die meisten sprechen nur Mandarin.

Die watson-Reporter folgen den Massen und ziehen vom KKL über die Kappellbrücke in die Altstadt. Auf den Gassen sind fast nur Asiaten anzutreffen. Eine Gruppe Amerikaner drängt sich durch die Menge. «So habe ich mir Luzern nicht vorgestellt», so Bruce aus Kalifornien.

«Extremer Tag»: Stau vor der Uhren-Bijouterie

Bild: KEYSTONE

Bei der Uhrenbijouterie Bucherer blockiert beinahe die Eingangstüre, weil so viele Kunden gleichzeitig in den Laden drängen. «Es ist sicher ein extremer Tag. Aber wir sind uns die vielen Touristen gewöhnt und haben chinesische Kundenberater, die die asiatischen Gäste betreuen», so der Vize-Geschäftsführer zu watson. Die Chinesen gucken nicht nur mit grossen Augen in die Vitrinen, sondern blättern ohne mit der Wimper zu zucken tausende Franken für Uhren hin. «In der Schweiz können die Touristen sicher sein, dass sie keine Fälschungen kaufen», erklärt der Bijouterie-Manager.

Die Chinesen, welche die Stadt abklappern, lassen die Kassen bei den Geschäften so richtig klingeln. Die Luzerner Stadtbehörden rechnen mit einer Wertschöpfung von «mehreren Millionen Franken».

Luzern erlebt chinesische Invasion

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Luzern erlebt chinesische Invasion
quelle: keystone / urs flueeler
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Fast alle Geschäfte haben sich den Bedürfnissen der Asiaten angepasst. Sogar im Migros-Restaurant gibt es Schweinefüsse mit chinesischer Sauce. Und der Grossverteiler hat eigens chinesischsprachige Mitarbeiter eingestellt, welche die Asiaten betreuen.

«Die Altstadt verkommt zum Disneyland»
Ueli Sager, Anwohner

Luzern mutiert definitiv zur China-Town.

Das freut nicht alle: «Die Altstadt verkommt zum Disneyland! Luzerner meiden diesen Teil der Stadt schon länger». Gefährlich seien die vielen Cars rund um den Schwanenplatz, sie gefährdeten Velofahrer und Fussgänger, sagt der Luzerner Ueli Sager, der täglich mit dem Velo beim Schwanenplatz vorbei zur Arbeit fährt.

Rentnerin Monika hat kein Problem mit den vielen Touristen

bild: watson

Rentnerin Monika sieht es gelassener. Bei der Kapellbrücke beobachtet sie, wie die Chinesen im Akkord Selfie-Gruppenfotos machen. «Ich finde das Theater übertrieben, das in Luzern um die 4000 Asiaten gemacht wird. Es kommt schliesslich hier nicht jeden Tag ein Kreuzfahrtschiff an. Luzern ist noch lange nicht Venedig».

Die 29-jährige Jay aus Hongkong steht derweil vor der Kapellbrücke und blickt Richtung Vierwaldstättersee: «Die Berge, die Natur, die Luft. Es ist einfach wunderschön hier», so die Frau. Alles gefällt aber auch ihr nicht an der Schweiz. «Die Preise sind einfach viel zu hoch», sagt Jay.

Für sie und die 4000 anderen Gästen steht das Highlight des Tages noch bevor. Am Abend steigt auf dem Luzerner Messegelände ein grosses Fest für die Chinesen. «Dann lassen wir es richtig krachen. Das wird bestimmt ein unvergesslicher Geburtstag», sagt der Taiwanese Jesse und grinst.

Die amerikanische Firma Jeunesse Global, ein weltweit tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Florida, hat sich entschieden, ihre erfolgreichsten Verkäuferinnen und Verkäufer in China zu einer sechstägigen sogenannten «Incentive-Reise» einzuladen. «Die total rund 12‘000 Personen – Mitarbeitende sowie Begleitpersonen – reisen in verschiedenen Gruppen in die Schweiz und besuchen ihre Wunschdestinationen», teilte Luzern Tourismus mit. «Die Gäste besuchen diverse touristische Höhepunkte der Schweiz, darunter auch die Region Luzern-Vierwaldstättersee.» (chmedia)
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Langweilige Touristenbilder mal anders

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Nico in Luzern

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