«Der doppelte Lars» – in Ambri beginnt eine neue Ära mit einem Theaterstück
Zuerst ein kurzer Blick zurück. Damit wir die Gegenwart verstehen. Ambri ist einst geführt und geprägt worden von den drei Musketieren. Ganz nach dem Motto «Einer für alle, alle für einen.» Zwischen Präsident Filippo Lombardi, Sportchef Paolo Duca und Trainer Luca Cereda passte nicht einmal ein Löschblatt.
Als watson im letzten Oktober die Geheimverhandlungen von Lombardi mit Christian Dubé in Zürich – also hinter dem Rücken von Duca und Cereda – aufdeckte, war das der Lufthauch, der in einem brausenden Sturm endete: Alle drei haben inzwischen ihre Ämter niedergelegt. Ambri braucht inzwischen einen neuen Präsidenten, einen neuen Sportchef und einen neuen Trainer. Erst die Position des Sportchefs ist offiziell wieder besetzt.
Und nun zur Gegenwart. Lars Weibel ist noch bis zum 1. Juli Sportdirektor des Verbandes und wird dann Sportchef in Ambri. Eigentlich sollte er beim Verband noch sein Erbe ordnen. Aber zugleich wird erwartet, dass er auch Ambri in einer schwierigen Umbruchphase bereits im Laufe der nächsten Wochen neu ordnet: Neuer Trainer, neue Assistenten, neue Ausländer und ein paar Transfers.
In der Privatwirtschaft wäre Lars Weibel nach seiner Vertragsunterzeichnung in Ambri beim Verband sofort freigestellt worden und er könnte sich per sofort auf den neuen Job in der Leventina konzentrieren. Im Unterhaltungsgeschäft Eishockey ist alles etwas anders. Und in Ambri sowieso.
Für Verbandspräsident Urs Kessler haben die Olympischen Spiele und die Heim-WM oberste Priorität. Keine Störfaktoren sollen diese zwei für unser Hockey so wichtige Turniere beeinträchtigen. Deshalb hat er entschieden, Lars Weibel bis nach der WM im Amt zu belassen. Weil der Sportdirektor ein enger Vertrauter von Nationaltrainer Patrick Fischer ist. Dieses magische Silber-Duo darf nicht getrennt werden. Der Entscheid ist weise und richtig. Aber wie funktioniert nun diese Doppelbelastung mit Jobs beim Verband und bei Ambri zur gleichen Zeit?
Es gibt so viele Fragen und keine Antworten. Deshalb durfte Lars Weibel am Samstag im Rahmen einer Medienkonferenz in Ambri über seinen neuen Job sprechen. Aber eben nur an diesem einen Tag. Dann sind bis nach der Heim-WM Ende Mai keine Fragen mehr zum Thema Ambri gestattet und das Thema Ambri ist tabu. Also hat Ambris umsichtiger Kommunikations-Direktor Matteo Parisi in Absprache mit dem Verband am Samstagnachmittag zur Medienkonferenz geladen.
Der Unterhaltungswert ist grandios. Vorne sitzen neben Parisi Geschäftsführer Andreas Fischer (mit dem gleichnamigen Nationaltrainer nicht verwandt) und also Lars Weibel. Ab Punkt 15.00 Uhr verliest Andreas Fischer neun Minuten lang eine Erklärung. Oder besser: Ein Manifest. Ein Manifest ist eine öffentliche Erklärung von Zielen, Absichten und Überzeugungen. Es dient als programmatische Grundlage und will die breite Öffentlichkeit erreichen, um Unterstützung zu gewinnen.
Andreas Fischer mahnt an eine Figur aus einem der besten Filme aller Zeiten. An Tom Hagen (gespielt von Rober Duvall) im Epos «der Pate». Hagen arbeitet als «Consigliere» (Berater) für ein grosses italienisches Familienunternehmen, ist die Stimme der Vernunft, unterstützt und berät die Familie bei allen wichtigen Entscheidungen. Aber weil er eben nicht Italiener, sondern deutscher Abstimmung ist, gehört er irgendwie doch nicht recht zur Familie.
Ungefähr so ist seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren die Rolle von Geschäftsführer Andreas Fischer in Ambri. Irgendwie ähnelt der in Chur lebende Berner sogar im Aussehen ein wenig der Filmfigur. Er verliest sein Manifest («ich habe es selbst geschrieben») in einem durchaus charmanten «Rumpel-Italienisch», durchsetzt mit englischen Hockeywörtern. Gefühlt drei bis fünf Mal streut er den Ausdruck «Battle Level» ein, beschwört Tempo und Leidenschaft, erklärt wie schwierig für Ambri die finanzielle Situation sei und nur als Ausbildungsclub eine Chance habe. Er vergisst nicht, die immensen Verdienste von Luca Cereda und Paolo Duca zu würdigen.
Dann ist die Reihe am neuen Sportdirektor Lars Weibel. Er wiederholt in freier Rede zusammenfassend mehr oder weniger das, was Andreas Fischer soeben vom Blatt abgelesen hat. Aber in einem eleganteren, fast ein wenig pastoralen Italienisch, durchsetzt mit englischen Hockeywörtern. Gefühlt drei bis fünf Mal streut er den Ausdruck «Battle Level» ein, beschwört Tempo und Leidenschaft, erklärt wie schwierig für Ambri die finanzielle Situation sei und nur als Ausbildungsclub eine Chance habe. Er vergisst nicht, die immensen Verdienste von Luca Cereda und Paolo Duca zu würdigen.
Hinter ihm wird auf einer Leinwand eine Zeitschiene aufgeschaltet: Nächste Saison Stabilisation, dann Weiterentwicklung und schliesslich in der Saison 2029/30 Playoff-Tauglichkeit.
Und als Höhepunkt einer dramatischen Inszenierung übergibt Andreas Fischer Lars Weibel ein Ambri-Halstuch. Um zu zeigen: Du gehörst jetzt zur Familie. Nur der wahrlich Boshafte denkt: Zumindest für den Moment.
Dann stellt sich der neue Sportchef den verschiedenen Chronisten – mit oder ohne Kamera – den Fragen. Ja, bei der Wahl des neuen Trainers werde er mitreden. Ja, er stehe dazu, dass er einen Schweizer an der Bande sehen möchte.
Nein, er könne noch keine Namen nennen. Könnte am Ende Michael Liniger ein Thema sein?
Ja, er werde nun laufend im Kontakt mit Andreas Fischer sein.
Trotzdem bleibe genug Zeit, um hin und wieder in einer Ambri-Angelegenheit zu telefonieren. Manchmal halt zwischen Mitternacht und 02.00 Uhr in der Früh.
Wird er beim Verband Paolo Duca als Nachfolger und Luca Cereda als U 20-Nationaltrainer empfehlen? Nein, aber er bringe sein Wissen und seine Erfahrung in die Nachfolgeregelung ein. Er habe von sich aus entschieden, nach sieben Jahren beim Verband – eine Zeit, für die er sehr dankbar sei – eine neue Herausforderung zu suchen. Da sei das Angebot aus Ambri gerade zur richtigen Zeit gekommen.
Cool und charmant weicht er allen Fragen nach möglichen Namen für Ambris Trainer-Job oder Transfers oder Vertragsverlängerungen aus. Nur einmal äussert er sich zu einem Namen: Mit der Verlängerung von Daniele Grassi (32) für vier Jahre habe er nichts zu tun. Mit einem leisen Lächeln sagt er zu einem etwas vorwitzigen Chronisten:
Er hat eben Stil und Diplomatie und sagt nicht sinngemäss, ihm gehe am A… vorbei, was alles zusammenpolemisiert werde.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Als diese erste Theater-Aufführung einer neuen Ära nach rund anderthalb Stunden beendet ist, fragen sich einige: Was hat er jetzt eigentlich Substanzielles gesagt? Lars Weibel hätte auch als Politiker eine grosse Karriere gemacht.
Die Bewunderer verneigen sich vor dem «doppelten Lars». Von nun an bis Ende Mai zwei Jobs. Er dient sozusagen zwei Fischern: Nationaltrainer Patrick Fischer und Ambris Geschäftsführer Andreas Fischer und Patrick Fischer kann so auch gleich ein wenig Ambri helfen. Eine entsprechende Frage eines Chronisten bügelt er wieder mit coolem Lächeln weg.
Nur der wahrhaft Boshafte denkt über den «doppelten Lars»: War er eigentlich bisher als Verbandssportdirektor ausgelastet?
Natürlich wohnt Lars Weibel am Abend auch der Aufführung seines neuen Personals gegen Kloten bei. Ambri verliert nach einer 2:0-Führung 2:5. Er dürfte festgestellt haben, was er wohl schon vorher gewusst hat: Ambri fehlt es nicht an «Battle Level» oder Leidenschaft oder Tempo. Ambri hat zu wenig Talent.
Und Tom Hagen – pardon: Andreas Fischer – präzisiert nach dem Spiel:
Das zu hören freut den einzigen Chronisten, der aus der Deutschschweiz angereist ist. Und noch mehr freut ihn, dass ihm der grosse, nun abtretende Vorsitzende Filippo Lombardi in der Pause nach dem zweiten Drittel zur Versöhnung freundlich die Hand drückt. Nun kann eine neue Ära beginnen.
Der Auftakt mit dem «doppelten Lars» am Samstag war vielversprechend. Vieles wird auch künftig bei Ambri fehlen. Aber nicht der Unterhaltungswert. Forza Ambri!
