Wenn Schmetterlinge beissen – die bestandene Meisterprüfung
Das böse Mara, ein unheimliches schwedisches Nachtwesen, das seit Anbeginn der Zeiten Albträume bringt, hat in Zürich vorbeigeschaut und ist lange geblieben. Bis Denis Malgin mit dem 2:1 den bösen Geist vertrieben hat (33. Minute).
Zum ersten Mal bei diesem Turnier waren die Schweizer in Rückstand geraten (nach dem 0:1 während 7:02 Minuten) und der zweite Gegentreffer während des Fünfminuten- und Restausschlusses von Dean Kukan wurde erst nach eingehendem Videostudium zu Recht aberkannt. Drama. Viel Drama.
Samstag, 30. Mai, 20 Uhr: Kanada – Finnland
Im Rückblick ist diese schwierige erste Spielhälfte bis zu Denis Malgins erlösendem Treffer eine lehrreiche. Sie hat gezeigt: Die Schweizer können auch mit einem Rückstand umgehen und lassen sich selbst dann nicht verunsichern, wenn Leonardo Genoni diesen Gegentreffer zum 0:1 eigentlich hätte verhindern können. Aber entscheidend im Zusammenhang mit diesem haltbaren 0:1: Leonardo Genoni hat dieses Missgeschick einfach ignoriert, beschlossen, kein weiteres Tor mehr zuzulassen, und die Mannschaft im Spiel gehalten. So wie es grosse Goalies zu tun pflegen.
Die wichtigste Lehre aus diesem intensiven Viertelfinal: Die Schmetterlinge können auch beissen. Die Schweizer sind durch die sieben Vorrundenpartien offensiv geflogen wie Schmetterlinge und haben die Entscheidung jedes Mal mit ihren spielerischen Mitteln auf die elegante Art herbeigeführt. Nun sind sie gegen die robusten «Rumpelschweden» nicht zerbrochen und haben diesen rauen Gegner geduldig und beharrlich vom Eis gearbeitet.
Bereits als Roman Josi aus der Tiefe des Raumes kam und zum 1:1 traf (14. Minute, sein bisher wichtigstes Tor), da war bis unters Hallendach zu spüren, dass die Schweizer dieses Spiel nicht mehr verlieren werden. Sie haben gegen die Schweden die erste Meisterprüfung bestanden.
Nach dem wahrhaft historischen Viertelfinaltriumph gegen Schweden ist der Weg zum dritten Final in Serie (fast) frei. Eine Halbfinalniederlage gegen Norwegen wäre die Grossmutter, der Grossvater, die Mutter, der Vater, die Tante und der Onkel aller Enttäuschungen in der Historie unseres Hockeys (seit 1908). Die Fallhöhe ist maximal.
Die Hockeygötter haben in Zürich Voraussetzungen geschaffen, die nie mehr so gut sein werden. Bei dieser Gelegenheit sollen diese Voraussetzungen noch einmal wiederholt werden.
- Heimvorteil. Nie zuvor ist ein Schweizer WM-Team so vom Publikum getragen worden wie in diesen Tagen. Eishockey in Zürich ist wie Fussball in Brasilien. Mindestens. 2022 haben die Finnen auf eigenem Eis den WM-Titel geholt, 2024 die Tschechen in Prag. Wiederum zwei Jahre später ist es nun an den Schweizern, den Heimvorteil zu nützen.
- Der perfekt getimte Trainerwechsel. Natürlich war der Wechsel von Patrick Fischer zu Jan Cadieux erst nach der WM vorgesehen. Aber die vorzeitige Amtsenthebung von Patrick Fischer erweist sich inzwischen als Glücksfall. Patrick Fischer wäre in Zürich als Einzelperson grösser, wichtiger geworden als die Mannschaft. Nicht weil er sich wichtiger genommen hätte. Aber er wäre vom Publikum und von den Medien als wichtiger wahrgenommen worden: «Fischi» hier, «Fischi» da, «Fischi» vorne, «Fischi» hinten, «Fischi» oben, «Fischi» unten, «Fischi» allenthalben. Nun aber sind die Spieler die Hauptdarsteller. Der freundliche, eher introvertierte, ganz auf die Arbeit konzentrierte Jan Cadieux ist als «Anti-Fischer» der perfekte Coach für diese Mannschaft, die über mehr Leitwölfe verfügt als jedes bisherige WM-Team.
- Der Gesang der Schwäne. Der Ausdruck «Schwanengesang» hat den Ursprung in der mythischen Vorstellung, dass Schwäne gegen Ende ihres Lebens besonders ein letztes Mal schön singen, und bezeichnet ein letztes grosses und bedeutendes Werk eines Künstlers. Schwer vorstellbar, dass Leonardo Genoni, Roman Josi, Sven Andrighetto, Christian Marti oder Nino Niederreiter bei einer WM noch einmal so gut oder gar besser sein werden. Zürich ist die letzte Gelegenheit, mehrere grandiose Karrieren zu krönen.
- Die Taktik. Die Schweizer haben das positionslose Hockey (Verteidiger werden Stürmer, Stürmer Verteidiger, je nach Situation) zur Perfektion entwickelt und sind die taktischen Trendsetter des Turniers. Vielleicht werden wir nie mehr ein so ausgeglichenes WM-Team mit vier so kreativen Blöcken sehen. Jan Cadieux hat die Hockey-Philosophie von Patrick Fischer perfektioniert, es ist die international konkurrenzfähige, robuste Version von «Pausenplatz-Hockey».
- Die Erfahrung. Zum ersten Mal in der Geschichte ist das helvetische WM-Team mit einem Altersdurchschnitt von 29,50 Jahren das erfahrenste eines Titelturniers. Erfahrung ist ein wichtiger Faktor in alles entscheidenden Partien eines Titelturniers. Der Wert dieser Erfahrung hat sich im schwierigen Viertelfinal gezeigt: Die Schweizer verloren gegen die robusten Schweden nie die Geduld und liessen sich nicht einschüchtern.
- Die besonderen Umstände. Im Olympischen Jahr treten die Titanen (Schweden, Kanada, Finnland, USA, Tschechien) in der Regel mit nominell etwas weniger guten Teams an als in den übrigen Jahren. Die Schweizer treten hingegen in Zürich mit dem bestmöglichen Team an. Und es kann sein, dass New Jersey oder Tampa Bay künftig noch in den Playoffs sind, wenn die WM gespielt wird.
- Das Selbstvertrauen. Der ewige Rivale Schweden ist endlich, endlich, endlich gebodigt. Noch nie waren Erleichterung und Selbstvertrauen eines WM-Teams grösser als nach dem gestrigen Viertelfinaltriumph. Also ist jeder ein bisschen schneller, grösser, kräftiger, geduldiger, smarter, konzentrierter. Dieses Selbstvertrauen war im Viertelfinal gegen die Schweden ein zentraler Faktor.
Bis heute sind – ausser der Schweiz – alle Teams, die mehr als einmal den Final erreicht haben, auch mindestens einmal Weltmeister geworden.
Kurz und gut: Nun ist es definitiv - wenn die Schweizer am Sonntag nicht Weltmeister werden, dann wohl nie mehr.
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