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In den USA könnten mehrere Bundesstaaten ihre Abtreibungsgesetze verschärfen. Dagegen regt sich Protest. Hier Mitte Mai in Washington.
In den USA könnten mehrere Bundesstaaten ihre Abtreibungsgesetze verschärfen. Dagegen regt sich Protest. Hier Mitte Mai in Washington. Bild: keystone

Sie schickt Frauen Abtreibungspillen nach Hause – und rettet damit Leben

Verónica Fernández arbeitet bei einer Organisation, die Abtreibungspillen per Post nach Hause schickt. Im Interview sagt sie, wie sie mit ihrem Job Leben rettet.
30.05.2022, 11:00

Frau Fernández, Sie arbeiten für eine Organisation, die Frauen zu Schwangerschaftsabbrüchen verhilft. Warum? Was treibt Sie an?
Verónica Fernández: Ich bin aus Spanien, ein in gewissen Aspekten ziemlich konservatives Land. Die Gesellschaft ist nach wie vor stark patriarchal geprägt. Das erkannte ich aber erst so richtig, als ich für ein paar Jahre in Holland lebte. Mit dieser Distanz wurde mir bewusst, wie wichtig Frauenrechte sind und wie wichtig es ist, sie gegen die ständigen Angriffe zu verteidigen. Auch hart erkämpftes ist nicht garantiert. Dass Frauen ein Recht darauf haben, selbst zu bestimmen, ob sie eine Schwangerschaft wollen oder nicht, halte ich für zentral. Dafür kämpfe ich und dafür brenne ich leidenschaftlich.

Ist es richtig, dass ich bei «Women on Web» eine Abtreibungspille ganz einfach mit ein paar Klicks im Internet bestellen und mir nach Hause liefern kann?
Sozusagen. Sie können Women on Web online kontaktieren, wenn sie eine Frage zum Thema Schwangerschaftsabbruch haben, eine Beratung benötigen oder konkrete medikamentöse Hilfe bei einer Abtreibung wollen. Insbesondere in Länder, wo die Gesetze streng sind, erhalten wir Anfragen für Abtreibungspillen per Postversand. Doch bevor die Medikamente von einer Apotheke verschickt werden, gibt es durch uns eine medizinische Konsultation, bei der die Frauen umfassend zu ihrem Gesundheitszustand und zu ihrer Schwangerschaft befragt werden.

bild: zvg
«Women on Web» und Verónica Fernández
«Women on Web» ist ein Online-Beratungsdienst, der Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt und bei Bedarf Abtreibungspillen per Post verschickt. 2005 von der niederländischen Ärztin Rebecca Gomperts gegründet, umfasst der Dienst heute ein Netzwerk rund um den Globus und bietet Informationen und Beratungen in 17 Sprachen an. Monatlich erhalten die Mitarbeiterinnen bei «Women on Web» rund 10'000 Mailanfragen. Die Organisation ist von der Weltgesundheitsorganisation WHO offiziell anerkannt.

Verónica Fernández
hat einen Master in globaler Gesundheit und leistete in Europa, Afrika und Lateinamerika Freiwilligenarbeit. Seit über sieben Jahren setzt sie sich bei «Women on Web» für die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen ein. Sie ist Helpdesk-Koordinatorin und koordiniert das lateinamerikanische Netzwerk. Sie lebt in Madrid.

Und das passiert alles online? Die Frauen sehen also während des ganzen Prozesses nie eine medizinische Fachperson?
Richtig, das passiert alles per Mail. Wissen Sie, viele denken, dass diese Medikamente extrem stark und gefährlich sind. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich sind Abtreibungspillen ungefährlicher als Antibiotika. Wir vertrauen darauf, dass sich die Frauen an unsere sehr detaillierten Anweisungen halten. Und wir stehen während des ganzen Prozesses mit ihnen in Kontakt. Auch nach der Einnahme.

Die medikamentöse Abtreibung zu Hause ist also völlig ungefährlich?
Nach der Einnahme einer Abtreibungspille können Symptome wie Schmerzen, Krämpfe oder Blutungen auftreten. Wir informieren die Frauen jeweils vor der Pilleneinnahme über die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen. Komplikationen kommen selten vor und sind in den meisten Fällen nicht gravierend. Sie können beim Arzt oder in einem Spital behandelt werden. Selbst die Weltgesundheitsorganisation erachtet die selbstständige Abtreibung zu Hause als sicher. Das zeigen auch mehrere Studien.

Bekommt eine Frau nicht Probleme, wenn sie in einem Land, wo Abtreibungen verboten sind, wegen Nebenwirkungen der Abtreibungspille ins Spital muss?
Die Symptome und Nebenwirkungen eines Schwangerschaftsabbruchs sind dieselben wie bei einer Fehlgeburt. Einem Arzt ist es nicht möglich, das zu unterscheiden. Und eine Frau muss das selbstverständlich auch nicht sagen, sollte sie tatsächlich medizinische Hilfe benötigen.

Ist das alles komplett legal? Oder was ist der rechtliche Rahmen?
Naja, die Einnahme der Pille, also der Akt der Abtreibung selbst ist in einem Land, wo der Schwangerschaftsabbruch per Gesetz verboten ist, natürlich nicht legal. Solche Gesetze verstossen aber gegen das Recht der Frauen auf Gesundheit. Sie haben das Menschenrecht, ihre eigene Gesundheit zu schützen. In den meisten Ländern ist die Einfuhr von Medikamenten für den persönlichen Gebrauch erlaubt. Die zwei Medikamente Mifepriston und Misoprostol stehen auf der Liste der essentiellen Medikamente der Weltgesundheitsorganisation.

90 Millionen Frauen leben in Ländern mit striktem Abtreibungsverbot

<strong>Dunkelrot:</strong> Abtreibungen sind strikt verboten.<br><strong>Rot:</strong> Abtreibungen sind erlaubt, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist.<br><strong>Gelb: </strong>Abtreibungen sind aus gesundheitlichen oder therapeutischen Gründen erlaubt.<br><strong>Türkis: </strong>Die Gesetze werden grosszügig ausgelegt und Abtreibungen sind grundsätzlich erlaubt. <br><strong>Blau: </strong>Abtreibungen sind erlaubt. In den meisten Ländern bis zur 12. Schwangerschaftswoche.<br><br>
Dunkelrot: Abtreibungen sind strikt verboten.
Rot: Abtreibungen sind erlaubt, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist.
Gelb: Abtreibungen sind aus gesundheitlichen oder therapeutischen Gründen erlaubt.
Türkis: Die Gesetze werden grosszügig ausgelegt und Abtreibungen sind grundsätzlich erlaubt.
Blau: Abtreibungen sind erlaubt. In den meisten Ländern bis zur 12. Schwangerschaftswoche.

In einigen Ländern, beispielsweise Deutschland oder Italien, gibt es eine gesetzliche Wartefrist, die Frauen nach einem Beratungsgespräch für eine Abtreibung einhalten müssen. Auch in der Schweiz sammeln derzeit radikale Lebensschützerinnen Unterschriften für die Einführung einer solchen «Bedenkzeit». Mit «Women on Web» können solche Fristen leicht umgangen werden.
Die Versandzeit von Päckchen ist in der Regel ohnehin ein wenig länger als eine solche 3-tägige Bedenkfrist. Die Wartezeiten sind aber problematisch, weil sie Abtreibungen stigmatisieren und Frauen bevormunden. Eine Frau, die eine Abtreibung will, soll nicht zu einer Bedenkzeit gezwungen werden und gefragt werden: ‹Bist du wirklich sicher?› Auch die Weltgesundheitsorganisation rät in ihren kürzlich veröffentlichten Guidelines klar von verpflichtenden Bedenkzeiten ab, in Länder wie Spanien oder Niederlanden wurden sie glücklicherweise schon abgeschafft.

«Women on Web» hat auch schon Abtreibungspillen per Drohnenflug in Länder verschickt. Was steckt da dahinter?
Stimmt, wir haben mal Pillen von Deutschland aus über die Grenze nach Polen geflogen. Das war im Rahmen einer Kampagne, die Aufmerksamkeit schaffen sollte. Wir wollten zeigen, wie absurd es ist, dass eine Markierung am Boden zu extremen Unterschieden in der Gesundheitsversorgung von Frauen führt.

In den USA könnten die Abtreibungsgesetze mehrerer Bundesstaaten bald drastisch verschärft werden. Was bedeutet das für Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollen?
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass strengere Abtreibungsgesetze nicht dazu führen, dass weniger Frauen ihre Schwangerschaft abbrechen. Solche Gesetze führen lediglich zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung von Frauen. In Ländern mit Abtreibungsverbot sind unsichere Abtreibungen für 8 Prozent der Müttersterblichkeit verantwortlich. Wobei von einer noch höheren Dunkelziffer ausgegangen werden muss, da es ein grosses Stigma um Abtreibungen gibt. In den USA werden die schärferen Gesetze dazu führen, dass die Frauen in andere Bundesländer reisen müssen, um abtreiben zu können. Manche werden sich das nicht leisten können. Und manche, so ist zu befürchten, werden zu unsicheren Abbruchmethoden greifen.

Abtreibungsbefürworterinnen und Befürworter marschierten Mitte Mai durch Washington. Gemäss eines durchgesickerten Entwurfes plant der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Legalisierung der Abtreibung bald aufzuheben.
Abtreibungsbefürworterinnen und Befürworter marschierten Mitte Mai durch Washington. Gemäss eines durchgesickerten Entwurfes plant der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Legalisierung der Abtreibung bald aufzuheben. Bild: keystone

Gehen Sie davon aus, dass «Women on Web» künftig mehr Abtreibungspillen in die USA schiffen wird?
Wir haben eine Schwesterorganisation namens «Aid Access», die allein für die USA zuständig ist. Dort berichten die Mitarbeiterinnen bereits jetzt von einem sprunghaften Anstieg der Bestellungen. Ich bin froh, dass sich das Wissen über unsere Abtreibungspillen, die man nach Hause bestellen kann, verbreitet. Doch es gibt noch zu viele, die diese Möglichkeit nicht kennen.

Aus welchen Ländern kommen die meisten Anfragen?
Aus Ländern, wo Abtreibungen gesetzlich verboten sind. Polen beispielsweise. Oder Südkorea. Wobei in Südkorea der Schwangerschaftsabbruch kürzlich legalisiert wurde. Trotzdem erhalten wir nach wie vor viele Anfragen von dort, da es noch dauert, bis die Gesetze akkurat umgesetzt sind.

Erhält «Women on Web» auch Anfragen aus der Schweiz?
Ja. Seit Beginn 2020 erhielten wir 146 Anfragen aus der Schweiz. Unsere Beratungsdaten zeigen, dass es in der Schweiz nach wie vor Zugangshindernisse gibt, darunter die Kosten, die Verfügbarkeit eines medizinischen Schwangerschaftsabbruchs oder die Stigmatisierung.

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78 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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wintergrün
22.05.2022 08:44registriert Dezember 2017
Vielen Dank für die gute Arbeit - so gehen Frauenrechte 😊
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Lady in White
22.05.2022 08:45registriert Februar 2015
Ich denke viele hier in der Schweiz wissen nicht, dass man bei einer medikamentösen Abtreibung wählen darf ob man diese zu Hause oder im Spital durchführen möchte - natürlich eng begleitet und gut beraten im Vorfeld. Immer mehr Frauen entscheiden sich anscheinend für diesen Weg.
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Firefly
22.05.2022 09:37registriert April 2016
Alle welche jeweils die Überbevölkerung beklagen, sollten sich nun wehement gegen diese Rückschritte im Frauenrecht wehren.

Denn Überbevölkerung gibt es nur weil Frauen nicht selber darüber bestimmen können, wie viel Nachwuchs sie gebären wollen.
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