Wie zehn Ukrainer ganze NATO-Bataillone lahmlegten – und was wir daraus lernen
des «Wall Street Journal»
Ein Bericht des «Wall Street Journal» von vergangener Woche enthüllte alarmierende Erkenntnisse zu einer grossangelegten NATO-Übung. Demnach hat das transatlantische Verteidigungsbündnis theoretisch die richtigen Lehren aus dem Ukraine-Krieg gezogen. Doch bei der Vorbereitung auf den Ernstfall klemmt es.
Es gibt aber auch gute Nachrichten.
Woher wissen wir das?
Die jüngsten alarmierenden Schlagzeilen entstammen einem Bericht des «Wall Street Journal» (WSJ) von vergangener Woche. Darin beschreibt die britische Journalistin Jillian Kay Melchior die Ergebnisse der NATO-Grossübung «Hedgehog 2025», die im Mai in Estland stattfand. Die detaillierte Analyse gelangte erst jetzt durch journalistische Recherchen an die Öffentlichkeit.
An der Übung nahmen über 16'000 Soldaten aus zwölf NATO-Staaten teil, die gemeinsam mit ukrainischen Drohnenpiloten trainierten, darunter auch vorübergehend von der Front abgeordnetes Militärpersonal. Sie simulierten ein umkämpftes und dicht besiedeltes Schlachtfeld mit verschiedenen Drohnentypen.
Was passierte während der NATO-Übung?
Während der militärischen Grossübung fungierte eine kleine Gruppe von etwa zehn ukrainischen Drohnen-Spezialisten als Teil der simulierten gegnerischen Truppen, wie das «Wall Street Journal» berichtete.
In einem Szenario sei es diesem Team mit Mini-Drohnen gelungen, innerhalb eines halben Tages:
- 17 gepanzerte Fahrzeuge des Übungsgegners (virtuell) zu zerstören.
- Insgesamt 30 erfolgreiche Angriffe auf verschiedene Ziele durchzuführen.
Im Zusammenspiel habe eine grössere estnisch-ukrainische Kampfeinheit, gebildet aus rund 100 Personen, zwei komplette NATO-Bataillone kampfunfähig gemacht. Und dies in nur einem einzigen Tag. Die Bataillone bestanden gemäss Bericht aus mehreren tausend Soldaten, unter anderem aus Grossbritannien und Estland.
Die Ukrainer waren als Gäste und Experten für den modernen Drohnenkampf eingeladen. Anzumerken ist, dass sie auf handelsübliche Quadrokopter setzen, die für militärische Zwecke angepasst worden waren.
Der verteidigenden NATO-Seite ist es laut WSJ nicht gelungen, die gegnerischen Drohnen-Teams auszuschalten. Für sie seien die Resultate «schrecklich» gewesen.
Mehrere Quellen haben dem WSJ von einem Kommandanten berichtet, der die Übung beobachtete und zu dem Schluss gekommen sei: «We are fucked», was – freundlich übersetzt – «Wir sind am Arsch» heisst.
Der Bericht schlug weit über die NATO-Kreise hinaus hohe Wellen, da er die mangelnde Vorbereitung klassischer Militärverbände in einem modernen Drohnenkrieg schonungslos offenlegte.
Doch es gilt zu differenzieren.
Wie war das möglich?
Die journalistische Analyse, die auch auf Experten-Interviews beruht, nennt drei Hauptgründe:
- Transparenz des Schlachtfelds: Die ukrainischen Einheiten hätten ihre Aufklärungs-Drohnen so intensiv genutzt, dass jede Bewegung der NATO-Truppen sofort entdeckt wurde. Ein estnischer Offizier gab zu Protokoll, dass es «kein Versteck» gab.
- Mangelnde Tarnung: Die NATO-Verbände agierten nach herkömmlicher Ausbildung. Sie stellten Zelte und Fahrzeuge ohne ausreichende Tarnung auf, was sie für die kleinen Drohnen zu leichten Zielen machte.
- Neuartige Software: Die Ukrainer setzten ihre selbst entwickelte Gefechtsfeld-Vernetzungssoftware «DELTA» ein. Diese verschlüsselte Plattform führt Echtzeit-Informationen, KI-Analysen und Satellitendaten zusammen, wodurch die Zeitspanne zwischen Aufklärung und Angriff massiv verkürzt werde.
Wie reagiert die NATO?
Die NATO wollte sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht zu Details des Übungsverlaufs äussern. Eine Sprecherin wies darauf hin, dass Übungsszenarien gezielt so angelegt werden können, dass die gegnerische Seite im Vorteil sei. «Wir üben, um zu trainieren und zu lernen, damit wir auf Herausforderungen in der realen Welt vorbereitet sind», sagte die Mediensprecherin. Beim Thema Drohnen teile die Ukraine ihre umfangreichen Erfahrungen mit ihren Partnern in der NATO.
Wie wir aus der internationalen Berichterstattung wissen, hat das Verteidigungsbündnis zwar seine Strategie auf dem Papier radikal modernisiert. Doch die Umsetzung hinkt der technischen Entwicklung hinterher.
- Der Einsatz von sehr teuren Abwehrraketen (wie IRIS-T oder Patriot) gegen einfache FPV-Drohnen wird offiziell als «finanzieller Suizid» eingestuft.
- Nun wird seit geraumer Zeit die Beschaffung von Laser-Waffen wie «DragonFire» vorangetrieben, um gegnerische Minidrohnen abzuschiessen. Und man setzt auf Funkstörsender, sogenanntes Jamming.
- NATO-Fachleute arbeiten zudem an der Vernetzung tausender Kleinstdrohnen, die ohne direkte menschliche Steuerung agieren. Die Zielzuweisung soll letztlich autonom – und damit viel schneller – erfolgen.
- Allerdings ist zu bezweifeln, dass die neuartigen Drohnenabwehrsysteme bereits flächendeckend bei den Kampfverbänden angekommen sind.
- Es kommt zu Verzögerungen: Im WSJ-Artikel wird behauptet, dass die bürokratischen Freigabeprozesse der NATO («Rules of Engagement») zu langsam seien im angebrochenen KI-Zeitalter.
Der WSJ-Artikel trifft genau diesen wunden Punkt: Die Bereitschaft der Kampftruppen, die bei einem russischen Angriff auf NATO-Territorium zum Einsatz kämen, ist wohl bis zum aktuellen Zeitpunkt ungenügend. Es mangelt an Hardware, an geschultem Personal und an den erforderlichen Regeln für autonome Drohnen.
Angelehnt an die ukrainischen Kampferfahrungen versuchen die NATO-Verantwortlichen auch, die Produktion von Drohnen weg von Rüstungskonzernen hin zu kleinen, dezentralen Einheiten zu verlagern. Einzelne Länder wie Polen und die baltischen Staaten seien bereits daran, solche «schlanken» Konzepte umzusetzen.
Was lernen wir daraus?
Auch die Schweiz steht vor der gewaltigen Herausforderung, ihre bewaffnete Neutralität technisch an das Niveau moderner Drohnenkriege anzupassen. Bereits im Rüstungsprogramm 2025/2026 wurde das Budget für Drohnentechnologie deutlich erhöht. Und entsprechende Beschaffungsprozesse werden beschleunigt.
Ein wichtiger Unterschied zur länderübergreifenden NATO-Bürokratie ist der Versuch hierzulande, Start-ups und die ETH Zürich direkt einzubinden, wobei das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) koordiniert.
Bekanntlich ist die Schweiz weltweit führend in der Entwicklung schlauer Drohnen-Algorithmen. Nun laufen Bestrebungen, diese zivile Spitzenforschung auch für die militärische Drohnenabwehr zu nutzen.
In Armasuisse-Mitteilungen hiess es, dass die Schweiz bei der Software für Drohnenabwehr unabhängig bleiben müsse, um «digitale Souveränität» zu gewährleisten.
Zudem verfolgt der Bund auch Pläne, eine nationale Fertigungskette für einfache FPV-Drohnen aufzubauen, um im Krisenfall nicht von globalen Lieferketten abhängig zu sein. Dieses Vorhaben wird durch die 2024 lancierte Taskforce Drohnen (TFD) vorangetrieben. Allerdings ist das Ganze an eine politische Debatte über das Kriegsmaterialgesetz geknüpft. Gemäss Rüstungschef Urs Loher lohnt sich eine eigene Produktion nur, wenn die Exportregeln für Schweizer Drohnen gelockert werden.
Da die Schweiz nicht in der NATO ist, hat sie keinen Zugriff auf deren Drohnen-Frühwarnnetzwerk. Im aktuellen Rüstungsprogramm wurde bereits hervorgehoben, dass sich die Vorwarnzeiten bei KI-gesteuerten Drohnenschwärmen wegen ihrer kleinen Radarsignatur und der hohen Geschwindigkeit drastisch verkürzen.
Sind Drohnen das Wichtigste im Kriegsfall?
Nein.
Anzumerken ist, dass ein NATO-Krieg gegen den Aggressor Russland gemäss Experten fundamental anders verlaufen würde als der ukrainische Abwehrkrieg.
Das westliche Verteidigungsbündnis würde «mit umfassender Luftüberlegenheit, weitreichender Präzisionsmunition, satellitengestützter Aufklärung und integrierten Luftverteidigungssystemen kämpfen».
Quellen
- wsj.com: NATO Has Seen the Future and Is Unprepared (12. Februar 2026)
- Mit Material von Keystone-SDA
- militaeraktuell.at: Albtraum – Ukrainische Drohnenpiloten radieren bei Übung ganze NATO-Bataillone aus (13. Februar 2026)
- militarnyi.com: Ukrainian Drone Operators Defeated NATO Combat Group During Joint Exercises
- defence-network.com: NATO-Blamage in Estland – oder doch nicht so schlimm? (15. Feb.)
