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Russische Interkontinentalraketen des Typs RS-24 Yars während einer Militärparade in Moskau. Die Raketen können bis zu vier nukleare Sprengköpfe transportieren.
Russische Interkontinentalraketen des Typs RS-24 Yars während einer Militärparade in Moskau. Die Raketen können bis zu vier nukleare Sprengköpfe transportieren.bild: Keystone
Interview

Kann Putin alleine einen Atomangriff auslösen? Das sagt der Experte

Der deutsche Journalist Lars Winkelsdorf recherchiert seit Jahren zu Kernwaffen. Für watson schätzt er die atomare Bedrohung ein, die wegen des Krieges in der Ukraine entstanden ist.
03.03.2022, 09:4903.03.2022, 14:19

Stehen wir am Rande eines nuklearen Konflikts?
Lars Winkelsdorf: Ein nuklearer Schlagabtausch zwischen Russland und dem Westen ist hochgradig unwahrscheinlich.

Weshalb?
Die Strategie bei den Kernwaffen basiert auf der gegenseitigen Vernichtung. Bei einem Angriff Russlands käme es in jedem Falle zu einer Antwort aus dem Westen. Das würde zur Vernichtung Russlands führen, woran niemand in Moskau Interesse hat.

Wie ist die Androhung Putins, die Streitkräfte der Abschreckung in Alarmbereitschaft zu versetzen, zu verstehen?
Nach der russischen Doktrin bedeutet das die Herstellung der Verteidigungsfähigkeit. Putin fühlt sich von der Nato und dem Westen bedroht. Die Erhöhung der Alarmbereitschaft bedeutet eine Urlaubssperre des militärischen Personals, die Herstellung der uneingeschränkten Verteidigungsfähigkeit, um reagieren zu können. Das bedeutet aber keine Angriffsvorbereitung.

Zu den Abschreckungswaffen gehören auch Kernwaffen. Auch diese wurden in besondere Alarmbereitschaft versetzt. Was ist da konkret passiert? Wurden nukleare Sprengköpfe verschoben?
Die strategischen russischen Kernwaffen sind grundsätzlich immer einsatzbereit. Genau wie im Westen legt man in Russland Wert darauf, dass man sich mit einem Gegenschlag bei einem nuklearen Angriff verteidigen kann. Diese Waffen müssen nicht gross verschoben werden. Es sind immer mobile Raketen unterwegs und die Raketen in den Raketensilos sind ständig einsatzbereit. Das ist in den USA nicht anders.

Lars Winkelsdorf ist freier Journalist und Waffensachverständiger. Er arbeitete unter anderem für ARD Report München, für das ZDF-Magazin Frontal21 und die Tagesschau.
Lars Winkelsdorf ist freier Journalist und Waffensachverständiger. Er arbeitete unter anderem für ARD Report München, für das ZDF-Magazin Frontal21 und die Tagesschau. bild: zvg

Russland besitzt etwas mehr als 6000 nukleare Sprengköpfe. Sind die alle einsatzbereit?
Die Einsatzbereitschaft von Kernwaffen hängt in erster Linie davon ab, dass Trägersysteme vorhanden sind. Die Atombombe, die irgendwo im Depot in einem Berg liegt, kann nicht eingesetzt werden. Aktuell sind in Russland etwa 1300 Sprengköpfe einsatzbereit. Diese können auch tatsächlich transportiert werden, etwa mit Raketen oder Bombern.

Könnte Wladimir Putin im Alleingang einen atomaren Schlag auslösen?
Nein. Putin verfügt über Codes, mit denen er die Anweisung an den Verteidigungsminister geben kann, einen Atomschlag auszulösen. Der Verteidigungsminister hat die andere Hälfte der Codes, mit denen er diesen Angriffsbefehl bestätigen muss. Mit diesem vollständigen Code kann der Generalstab der russischen Streitkräfte angewiesen werden, den Atomschlag durchzuführen. Der Generalstab setzt seinerseits einen weiteren Code ein. Erst damit können die Atomsprengköpfe scharf gestellt werden. Dieser ganze Prozess würde etwa zehn bis zwanzig Minuten dauern.

«Niemand kann per Knopfdruck den Weltuntergang herbeiführen.»

Müsste der Generalstab den Angriffsbefehl von Putin und dem Verteidigungsminister einstimmig akzeptieren, damit es zu einem nuklearen Schlag kommt?
Das ist keine Diskussionsgruppe. Aber der Generalstab besteht aus mehreren Personen. Da spielt auch immer der Faktor Mensch mit. Da ist es schon möglich, dass jemand sagen würde: «Moment mal, das ergibt überhaupt keinen Sinn.» Dann käme es zu einer Intervention. Das Prinzip dahinter ist das Mehraugenprinzip. Putin kann den Weltuntergang nicht alleine herbeiführen.

Den «Roten Knopf», wie er in Filmen und Karikaturen gezeigt wird, gibt es also nicht?
Nein, den gibt es nicht. Weder im Westen noch in Russland. Niemand kann per Knopfdruck den Weltuntergang herbeiführen. Es gibt ein Ablauf von Befehlen, ein Prozedere, um einen Atomschlag auszuführen. In den USA sieht es ähnlich aus. Donald Trump hätte nicht im Alleingang einen Kernwaffen-Angriff auslösen können.

Der «Rote Knopf» ist demnach vielmehr ein Koffer mit Codes.
Genau. Der Koffer befindet sich immer in unmittelbarer Nähe des Präsidenten.

Weiss man etwas über den genauen Inhalt dieses Koffers?
Der Koffer enthält vor allem Papier. Da befinden sich zahlreiche Code-Tabellen und strategische Planungen zum Einsatz von Kernwaffen. In den Unterlagen werden die unterschiedlichen Ziele und die verschiedenen Optionen für den Präsidenten dargestellt.

Es gibt also zum Beispiel einen konkreten Code für einen Angriff auf St.Petersburg?
Es gibt Codes für Angriffe auf St.Petersburg, es gibt Codes für begrenzte nukleare Angriffe auf russische Atomanlagen und es gibt auch Codes für einen kompletten Atomschlag gegen Russland.

Wenn wir an Atombomben denken, kommen uns die Bilder von Hiroshima und Nagasaki in den Sinn. Gibt es auch kleinere nukleare Sprengköpfe?
Ja, die gibt es. Die realistische Option für einen Einsatz von Kernwaffen liegt auf dem Gefechtsfeld. Da würden kleine, taktische Kernwaffen eingesetzt. Die kleinste hat eine Sprengkraft von 20 Tonnen. Die Bombe, die auf Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von 15'000 Tonnen.

Ein Foto der US-Armee zeigt die pilzartige Wolke, die nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima im Jahr 1945 entstand.
Ein Foto der US-Armee zeigt die pilzartige Wolke, die nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima im Jahr 1945 entstand.Bild: AP Us Army Via Hiroshima Peace Memorial Museum

Wofür würde man kleinere Kernwaffen einsetzen?
Um abgetauchte U-Boote zu jagen etwa. Oder um einen Panzerdurchbruch an der Front einzudämmen. Das ist der eigentliche Zweck dieser taktischen Kernwaffen. Die würden weitaus eher eingesetzt werden als die grossen Kernwaffen, mit denen ganze Städte zerstört werden.

Wenn eine 20-Tonnen-Kernwaffe eingesetzt würde, wäre das umliegende Gebiet dann auch verstrahlt?
Gerade bei den kleinen Kernwaffen ist es so, dass sie viel Strahlung produzieren. Man spricht von sogenannten Neutronenbomben. Die Energie, die da freigesetzt wird, besteht zu einem grossen Teil aus radioaktiver Strahlung. Vereinfacht kann man sagen: «Die Häuser bleiben stehen, die Menschen sterben.»

Auch die kleineren Kernwaffen können also verheerende Auswirkungen haben.
Diese Waffen sind gefährlich. Man muss aber auch klar sagen: Wenn jetzt in der Ukraine Kernwaffen eingesetzt würden, dann wäre die Strahlenbelastung in der Schweiz und Deutschland um ein Vielfaches geringer als beim Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986.

Wie präzise können solche Kernwaffen eingesetzt werden?
Kernwaffen können extrem punktgenau eingesetzt werden. In den 50er-Jahren wurden die Kernwaffen immer grösser und grösser. Das lag daran, dass keine präzisen Trägersysteme zur Verfügung standen. Wenn man unbedingt ein Ziel treffen wollte – bei einer möglichen Streuung von 1300 Metern – musste die Ungenauigkeit kompensiert werden durch grössere Kernwaffen, um das Ziel auf jeden Fall treffen zu können.

Und das hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ja, die Waffen wurden immer präziser. Nun sind Streuungen von fünf bis zehn Metern möglich. Das macht es nicht mehr notwendig, grosse Kernwaffen zu verschwenden.
Der Kernwaffeneinsatz ist insgesamt realistischer geworden als noch vor 30 oder 40 Jahren, weil die Tragweite abgenommen hat.

«Wer als Erster schiesst, der stirbt als Zweiter.»

Falls es nun doch zu einem nuklearen Angriff der Grossmächte kommen würde, gäbe es da Automatismen für einen Gegenschlag?
Da gibt es automatische oder teilautomatische Systeme. In Russland heisst es «Perimeter»-System. Bei einer Zerstörung Moskaus würden die Raketen automatisiert oder teilautomatisiert zu einem Gegenschlag starten. In den USA sieht das etwas anders aus. Da braucht es zuerst noch den Befehl von den autorisierten Personen für einen Gegenschlag.

Wladimir Putin hat seine Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft versetzt.
Wladimir Putin hat seine Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft versetzt. Bild: keystone

Dennoch müsste Putin damit rechnen, dass eine Atombombe zurückfliegt, wenn er angreifen würde ...
Die Antwort käme garantiert. Und sie käme noch bevor die russischen Kernwaffen die USA träfen. Da gibt es die Taktik der USA: «Use it or lose it.» Wenn man die Raketen nicht abschiesst, im Moment, wo man vom Angriff Kenntnis hat, werden sie vernichtet. Die USA hätten also nur ein beschränktes Zeitfenster für einen Gegenschlag. Egal wer den Angriff startet, er hat die Garantie, dass er innerhalb von 50 Minuten selber stirbt. Das hat den strategischen Grundsatz geprägt: Wer als Erster schiesst, der stirbt als Zweiter.

Die USA bleiben aktuell relativ ruhig. Sie haben die Alarmbereitschaft trotz der Anordnung Putins nicht erhöht.
Die USA analysieren die Informationen aus Russland ganz genau. Dabei konsultieren sie die offiziellen Äusserungen Russlands und die Informationen, die ihnen der Geheimdienst liefert. Dabei sehen sie sehr deutlich, dass keine Vorbereitungen für einen russischen Atomschlag getroffen werden.

Dieses Video zeigt, wie beharrlich die Ukrainer die russischen Soldaten bekämpfen

Video: watson
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149 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Jonas der doofe
03.03.2022 10:25registriert Juni 2020
Danke für dieses Interview, welches nicht unnötig Panik verbreitet, sondern sachliche Informationen bereithält.
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JtotheP
03.03.2022 10:17registriert Februar 2018
Gutes Interview
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Spunkina
03.03.2022 10:37registriert Mai 2021
Danke für dieses Interview. Aber es ist doch eine wahnsinnige Zeit, dass ich mich voll Sorge und verstehen-wollen, ob ein Atomkrieg möglich wäre per Knopfdruck, auf diese Informationen stürze…hätte ich bis vor kurzem nicht gedacht
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Militärpsychologe: «Das war ein gezielter Angriff auf die Moral der Ukrainer»
Russland bombardiert vermehrt zivile Ziele in der Ukraine, fernab von der Front. Militärpsychologe Hubert Annen sieht darin einen gezielten Angriff auf die Moral der Ukrainer.

Herr Annen, bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum in der zentralukrainischen Stadt Krementschuk sind mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Überrascht Sie dieser Angriff?
Hubert Annen:
Aus psychologischer Sicht keineswegs. Es gab ja bereits verschiedene Angriffe, bei denen die Zivilbevölkerung das Ziel war. Das ist Bestandteil des Konflikts und ein Versuch, die ukrainische Bevölkerung zu ermüden, ihnen die Hoffnung zu nehmen. Dementsprechend kann dies als gezielter Angriff auf die Moral der Ukrainer interpretiert werden.

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