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Sinnbild der Krise: Eine Subprime-Kreditnehmerin in San Antonio (Texas) fürchtet den Verlust ihres Hauses.
Sinnbild der Krise: Eine Subprime-Kreditnehmerin in San Antonio (Texas) fürchtet den Verlust ihres Hauses.
Bild: AP/AP

Zehn Jahre Finanzkrise: Als das Subprime-Kartenhaus zusammenkrachte

Im August 2007 eskalierte die grösste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Folgen sind kaum überwunden. Wurden die Lehren daraus gezogen? Man sollte nicht darauf wetten.
09.08.2017, 10:0710.08.2017, 04:59

Alles begann mit der sorglosen Vergabe von Hypotheken an Menschen in den USA, die sich ein Eigenheim eigentlich nicht leisten konnten. Der Suprime-Wahn führte zur schwersten Finanzkrise seit den 1930er Jahren. Dem Eingreifen von Regierungen und Notenbanken war es zu verdanken, dass sich die folgende Wirtschaftskrise nicht wie 80 Jahre zuvor in eine Depression steigerte.

Zehn Jahre sind vergangen seit dem Ausbruch der Finanzkrise. Wie konnte es dazu kommen? Sind ihre Folgen wirklich überwunden? Und ist eine Wiederholung ausgeschlossen? Ein Rück- und Ausblick:

Die Vorgeschichte

In den 1990er Jahren begannen US-Finanzinstitute mit der Vergabe von Hypotheken an Schuldner mit zweifelhafter Kreditwürdigkeit, vor allem Afroamerikaner und Latinos. Auslöser waren ein Bauboom, der durch die Niedrigzinspolitik der Notenbank Fed unter ihrem damaligen Vorsitzenden Alan Greenspan angetrieben wurde, sowie die Deregulierung des Finanzsystems.

Starkoch Anthony Bourdain erklärt im Film «The Big Short», was ein CDO ist.

Die Kreditgeber glaubten, dass die Immobilienpreise quasi ewig ansteigen würden, weshalb die Schuldner die so genannten Subprime-Hypotheken auch bei steigenden Zinsen entweder durch eine neue Hypothek bedienen oder ihr Haus verkaufen konnten. Ausserdem bündelten sie die Hochrisiko-Hypotheken in vermeintlich sicheren Produkten wie Collateralized Debt Obligations (CDO).

Die Ratingagenturen verliehen diesen Ramsch-Papieren oft wider besseres Wissen ein AAA-Gütesiegel. Sie wollten die Banken nicht als Kunden verlieren. Die US-Regierung hatte die Subprime-Vergabe entgegen einer verbreiteten Annahme nicht angetrieben. Sie verhinderte sie aber auch nicht, weil der Hausbesitz etwa nach Ansicht von Präsident George W. Bush zum amerikanischen Traum gehörte.

Der Knall

Eine schwächelnde US-Wirtschaft führte ab 2005 dazu, dass immer mehr Eigentümer ihr Haus verkaufen mussten. Das «Unmögliche» geschah: Die Immobilienpreise sanken. Es traf in erster Linie das Subprime-Segment, doch auch Angehörige des Mittelstands kamen in Bedrängnis. Weil die Löhne seit Jahren stagnierten, hatten sie ihre Häuser mit Hypotheken belehnt, um ihren Konsum zu finanzieren.

Viele Hausbesitzer mussten während der Krise verkaufen.
Viele Hausbesitzer mussten während der Krise verkaufen.
Bild: EPA/EPA

Das System wurde hochgradig instabil. Die Banken versuchten, den Crash der vermeintlich todsicheren Ramsch-Papiere zu verhindern und griffen dabei auch zu betrügerischen Methoden. Ein Mitarbeiter der Ratingagentur Standard & Poor’s schrieb 2006 in einem Mail:

«Lasst uns hoffen, dass wir alle reich und im Ruhestand sind, wenn dieses Kartenhaus in sich zusammenfällt. :o)»

Im Februar 2007 vermeldete die britische HSBC als erste Grossbank einen Milliardenverlust mit faulen Hypothekarpapieren. Zum eigentlichen Auslöser der Finanzkrise aber wurde der 9. August 2007, als die französische BNP Paribas drei Investmentfonds «auf Eis» legte, weil sie deren Risiken nicht mehr beurteilen konnte. Damit geriet das gesamte Bankensystem in Schieflage.

Die Eskalation

Immer mehr Banken drohte der Kollaps unter der Last der faulen Kredite. Im März 2008 übernahm JPMorgan die konkursreife Investmentbank Bear Stearns. Die US-Regierung rettete die halbstaatlichen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Nicht mehr zu retten war die Investmentbank Lehman Brothers, sie erklärte sich am 15. September 2008 für insolvent. Es war die grösste Pleite der US-Geschichte.

Lehman-Angestellte verlassen mit ihren Habseligkeiten die konkursite Bank.
Lehman-Angestellte verlassen mit ihren Habseligkeiten die konkursite Bank.
Bild: AP

Nun realisierte die breite Öffentlichkeit das Ausmass des Subprime-Desasters. Der Lehman-Konkurs drohte das US-Bankensystem in den Abgrund zu reissen. Die Regierung verabschiedete nach zähem Ringen einen Rettungsplan von 700 Milliarden Dollar. Die Krise griff auf andere Länder über. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück versicherten den Sparern im Fernsehen, dass ihre Einlagen sicher seien.

Die Schweiz

UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel erklärte 2004, man wolle die weltgrösste Investmentbank werden. Die Schweizer Grossbank stieg in den US-Subprimemarkt ein und verkündete noch im zweiten Quartal 2007 einen Rekordgewinn von 5,6 Milliarden Franken. 2008 verzeichnete sie mit einem Minus von 20 Milliarden den grössten Verlust der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.

Marcel Ospel wollte hoch hinaus und stürzte mit seiner Bank ab.
Marcel Ospel wollte hoch hinaus und stürzte mit seiner Bank ab.
Bild: KEYSTONE

Dazwischen lag die dramatische Rettungsaktion durch Bund und Nationalbank. Am 16. Oktober 2008 lagerte die UBS ihren «Giftmüll» im Umfang von 60 Milliarden Dollar an die Nationalbank aus. Indirekt wurde damit auch die Credit Suisse gestützt, die keine Staatshilfe beantragt hatte. Marcel Ospel war bereits im April 2008 unter Buhrufen der Kleinaktionäre zurückgetreten. Heute läuft es der UBS wieder rund, der Aktienkurs aber ist deutlich tiefer als vor der Finanzkrise.

Die Folgen

Der neue Fed-Chef Ben Bernanke, ein Kenner der Grossen Depression, wollte die Fehler von damals nicht wiederholen, als die Notenbanken mit einer Politik des knappen Geldes die Krise verschlimmert hatten. Er senkte die Zinsen auf null und begann ein gigantisches Kaufprogramm für Anleihen. Dennoch stürzte die Wirtschaft in eine Rezession, zahlreiche Mittelstands-Jobs wurden vernichtet.

In Irland und Spanien platzten ebenfalls Immobilienblasen. Hart erwischte es Griechenland. Die neue Regierung musste im Oktober 2009 zugeben, dass die Staatsfinanzen frisiert worden waren und sich das Land auch mit getürkten Zahlen in die Eurozone «geschlichen» hatte. Damit begann die Eurokrise, die bis heute nicht ausgestanden ist.

Die Banken mussten saftige Bussen zahlen, doch kein einziger Top-Banker wurde vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt. Das Motto hiess «too big to jail», in Anlehnung an den Slogan «too big to fail», mit dem die Rettung der Banken begründet worden war. Nur kleine Fische wurden wegen der betrügerischen Machenschaften verurteilt.

Und heute?

Auf den ersten Blick scheint die Finanzkrise überwunden zu sein. Die Wirtschaft in der Eurozone wächst wieder, die Vorschriften für die Banken wurden verschärft, nicht zuletzt beim Eigenkapital. Vor der Krise hatten die Banken ihre Geschäfte überwiegend auf Kredit finanziert. Kritiker betonen jedoch, die Vorgaben seien immer noch zu lasch, um das System krisenfest zu machen.

Ausserdem bilden sich neue Risiken. In China sind viele Unternehmen überschuldet. In den USA besteht die Gefahr neuer Kreditblasen, insbesondere bei den Studiendarlehen und den Autokrediten. Besonders gefährlich daran ist laut der deutschen «Welt», dass in beiden Fällen erneut Kredite an finanzschwächere Personen vergeben wurden – die Finanzkrise lässt grüssen.

Fed-Chefin Janet Yellen sagte kürzlich, sie glaube, dass sich eine neue Finanzkrise «nicht zu unseren Lebzeiten» ereignen werde. Darauf wetten sollte man besser nicht.

«The Big Short»

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The Big Short
quelle: ap/paramount pictures / jaap buitendijk
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Filme zur Krise
Die Finanzkrise und
ihre Folgen waren Thema mehrere Filme. Besonders zu empfehlen ist der
Spielfilm «The Big Short» (2015), der das Subprime-Debakel anhand
einiger weitsichtiger Köpfe erzählt, die das Unheil kommen sahen. «Margin Call» (2011), ein weiterer Spielfilm, schildert das Drama
aus dem Innern einer Bank, die an Lehman Brothers
angelehnt ist.

Unter den
Dokumentarfilmen ragt «Master of the Universe» (2013) heraus. Der
ehemalige Investmentbanker Rainer Voss schildert in einem leeren
Frankfurter Bankgebäude auf anschauliche Art, wie es zur Krise
kommen konnte. Die Perspektive der Subprime-Opfer nimmt der
Film «Cleveland versus Wall Street» (2010) des Schweizers Jean-Stéphane Bron ein.

Kurz erklärt: Der Leitzins

Video: reuters
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