Auswirkungen des Krieges auf die Schweiz: «Merken es vor allem beim Tanken»
Eine Eskalation im Iran-Konflikt dürfte die Schweiz vor allem über Energiepreise und die Weltkonjunktur treffen. Die Frankenaufwertung dämpfe zwar kurzfristig die Inflation, belaste aber die Exportwirtschaft und erschwere die Geldpolitik, sagte KOF-Institut-Direktor Jan-Egbert Sturm im Interview.
Der Franken hat als sicherer Hafen stark aufgewertet. Welche kurzfristigen Folgen erwarten Sie für die Inflation und die Geldpolitik der Nationalbank?
Jan-Egbert Sturm: Wir sehen hier gegenläufige Effekte. Einerseits dürfte die Eskalation tendenziell zu höheren Energiepreisen, insbesondere beim Öl, führen - was grundsätzlich inflationssteigernd wirkt. Andererseits hat der Franken bereits deutlich aufgewertet, und das dämpft die importierte Inflation. In der Summe kann das sogar eher in Richtung Deflation wirken. Das ist für die Schweizerische Nationalbank eine Herausforderung und belastet zugleich die exportorientierte Wirtschaft.
Wie stark würden anhaltend höhere Energiepreise die Schweizer Konjunktur treffen?
Wenn es primär um Energiepreise geht, ist die Schweiz weniger stark betroffen als viele andere Industrieländer. Unsere Industrie ist vergleichsweise wenig energieintensiv und stark auf Nischenprodukte ausgerichtet. Energieintensive Sektoren spüren höhere Ölpreise zwar direkt, aber gesamtwirtschaftlich ist dieser Kanal für die Schweiz nicht der wichtigste. Haushalte merken es vor allem beim Tanken. Bei Strompreisen wirkt sich das erst verzögert aus, weil viele Tarife jeweils für ein Jahr fixiert sind.
Welche Bedeutung hätte eine längerfristige Störung der Schifffahrt im Persischen Golf respektive in der Strasse von Hormus für die Schweizer Aussenwirtschaft und Lieferketten?
Zunächst betrifft das vor allem den Ölmarkt. Darüber hinaus können Lieferketten gestört werden, wie wir es schon nach der Pandemie gesehen haben. Wenn Transporte durch die Region schwieriger werden, müssen Unternehmen auf teurere oder längere Alternativrouten ausweichen, etwa per Luftfracht oder über Umwege. Das kann kurzfristig zu Engpässen und Preisanstiegen führen. Solche Effekte sind aber in der Regel temporär und gleichen sich über längere Zeiträume wieder aus.
Die Schweizer Börse reagierte auf den geopolitischen Schock. Welche Sektoren wären bei einer regional begrenzten Eskalation Gewinner und Verlierer?
Grundsätzlich profitieren in solchen Situationen Sektoren, die direkt oder indirekt mit Verteidigung und Militär verbunden sind - so zynisch das ist. Auf der Verliererseite stehen vor allem energieintensive Branchen, deren Kosten durch höhere Energiepreise steigen. Die Märkte preisen solche Belastungen meist früh ein, was die Aktienkurse dieser Unternehmen entsprechend unter Druck bringt.
Welches Eskalationsszenario im Nahen Osten wäre aus Sicht der Schweiz ökonomisch am kritischsten?
Am kritischsten wäre ein Szenario mit massiven Verwerfungen im Energiesektor. Das würde nicht nur direkt über Preise wirken, sondern vor allem über die Stimmung in der Weltwirtschaft. Eine erneute starke Verunsicherung könnte Rezessionsrisiken global erhöhen. Die Weltwirtschaft befand sich zuletzt in einer Phase relativer Stabilisierung trotz Unsicherheit - eine Eskalation wie zuletzt könnte diese Stimmung wieder deutlich eintrüben und damit auch die Schweiz treffen. (awp/sda)
