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Rikard Grönborg, Christian Wohlwend und Johan Lundskog müssen um ihren Job bangen.
Rikard Grönborg, Christian Wohlwend und Johan Lundskog müssen um ihren Job bangen.bild: watson/keystone
Eismeister Zaugg

ZSC, HCD und SCB oder die Liebe zum Trainer in Zeiten der Polemik

Eine grandiose Hockey-Saison ist soeben mit dem Titelgewinn der Zuger beendet worden. Und wir wissen bereits, welche drei Trainer im nächsten Herbst dem höchsten Entlassungsrisiko ausgesetzt sind. Keine Polemik. Nur die erfreulichen Aussichten auf eine höchst unterhaltsame nächste Saison in Zürich, Davos und Bern.
05.05.2022, 09:3106.05.2022, 06:21

Der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez («Die Liebe in Zeiten der Cholera») hätte an der Ausgangslage für die nächste Hockey-Saison seine helle Freude. Sie würde ihn, wenn er denn davon wüsste, zu einem neuen literarischen Meisterwerk inspirieren.

Es gibt auch ein Film zu Márquez' Buch.Video: YouTube/LEONINE Studios

Es geht um die Trainer in Zürich, Bern und Davos. Um Rikard Grönborg (53), Johan Lundskog (37) und Christian Wohlwend (45). Alle drei haben einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison im Frühjahr 2023. Die Gründe, warum sie in der Kritik stehen, sind zwar höchst unterschiedlich. Aber ihre Ausgangslage ist die gleiche: An der Liebe des Klubs zum Trainer gibt es Zweifel. Alle drei sind sozusagen ins Provisorium versetzt worden. So wie der Chronist einst in der Sekundarschule nach einem ungenügenden Zeugnis.

Die beste Geschichte ist die von Rikard Grönborg. Hätte jemand ZSC-Sportchef Sven Leuenberger vor der Saison gesagt, der Qualifikationssieg werde nur um die Zufalls-Differenz von vier Punkten verpasst, nach sechs Spielen stehe der vielleicht beste Final der Geschichte 3:3 und nur den Ausgang des 7. Finalspiels kenne man noch nicht – er und sicherlich auch ZSC-Manager Peter Zahner hätten wahrscheinlich blind unterschrieben, sich auf die neue Saison gefreut und womöglich gar noch den Vertrag mit Rikard Grönborg schon im Herbst vorzeitig über das Frühjahr 2023 hinaus verlängert.

Rikard Grönborg hat fast alles richtig gemacht und steht doch in der Kritik.
Rikard Grönborg hat fast alles richtig gemacht und steht doch in der Kritik.Bild: keystone

Genau so ist es gekommen: Die ZSC Lions haben den Sieg in der Qualifikation um lediglich vier Punkte verpasst und nach sechs Partien stand es im Playoff-Final 3:3. Das 7. Finalspiel ist dann in Gottes Namen halt 1:3 verloren worden. Aber jeder Ausgang wäre möglich gewesen. Und trotzdem ist die Liebe zu Rikard Grönborg schon ein wenig erkaltet. Ja, er sieht sich Kritik – ja sogar ein wenig Polemik – in den drei wichtigsten, meinungsmachenden Stadtzürcher Zeitungen (NZZ, Tagi, Blick) ausgesetzt. Wie ist das möglich?

Der Schwede weckt als Weltmeister von 2017 und 2018 seit seiner Ankunft in Zürich im Sommer 2019 höchste Erwartungen. Wer Weltmeister war, muss einfach auch Schweizer Meister werden. Oder? Aber Grönborg hat letzte Saison den Cupfinal und den Playoff-Halbfinal verloren und diese Saison den Final. Die Finalniederlage ist eine spektakulär unglückliche. Die Zürcher haben als erstes Schweizer Team und als erstes weltweit seit 80 Jahren durch vier Niederlagen hintereinander nach einer 3:0-Führung einen Playoff-Final verloren. Sie haben vier «Meisterpucks» vergeben. Mit einem Weltmeister an der Bande.

Natürlich gibt es Versäumnisse, die zu diesem dramatischen Untergang geführt haben. Etwa die zahlreichen unnötigen Strafen ausserhalb der Gefahrenzone mehr als 30 Meter weg vom eigenen Tor, die zu Niederlagen geführt haben. Gemeint ist etwa der Ellenbogen-Check von NHL-Veteran Yannick Weber, der im Final zu einer Strafe und zum 1:0 für Zug geführt hat. Und wer ist für die Disziplin der Jungs auf dem Eis zuständig? Richtig: der Trainer.

Mit einer unnötigen Strafe hat Yannick Weber seinem Trainer einen Bärendienst erwiesen.
Mit einer unnötigen Strafe hat Yannick Weber seinem Trainer einen Bärendienst erwiesen.Bild: keystone

Aber eigentlich war das Ganze ein gemeines Würfelspiel der Hockey-Götter: Die ZSC Lions gewannen die drei ersten Partien. Aber sie hätten sie genauso gut verlieren können. Oder es hätte nach drei Spielen 1:2 oder 2:1 stehen können. Gleiches gilt für die letzten vier verlorenen Finalspiele: Jede dieser Partien hätte auch mit einem Sieg und dem Titelgewinn der Zürcher enden können.

Aber eben: Nach 0:3 noch den Titel vergeigt. Eine historische Pleite. Wie sehr den Zürchern diese Niederlage zusetzt, sehen wir an einer Episode: Ein Chronist ist scharf gerügt worden. Wegen einer als polemisch empfundenen Anmerkung, die sich einfach nicht gehöre. Der Chronist hatte Rikard Grönborg nach der Niederlage im 7. Spiel mit der Aussage «Aber immerhin hast du ja Geschichte geschrieben» trösten wollen. Der Trost ist als Hohn und Spott aufgefasst worden. Dabei war es wirklich und wahrhaftig als Trost gedacht.

Die besten Szenen des 7. Finalspiels.Video: YouTube/MySports

Jede Frage nach der Zukunft von Rikard Grönborg wird von den ZSC-Verantwortlichen ungefähr mit der gleichen feurigen, bedingungslosen und leidenschaftlichen Begeisterung und einem Seufzer beantwortet wie die Frage «Liebst du mich noch?» von der Gattin oder dem Gatten nach 20 Jahren Ehe und sieben Seitensprüngen: «Ja, natürlich …» Womit hier nicht etwa gesagt wird, ein feuriges, bedingungsloses Bekenntnis nach 20 Jahren Ehe gebe es nicht und das «Ja» der ZSC-Chefs sei nicht ehrlich gemeint.

Immerhin: Die ZSC Lions sind sportlich denkbar knapp gescheitert und haben ihre Fans aufs vortrefflichste unterhalten. Es gibt also gute Gründe, den Vertrag mit dem Trainer nicht vorzeitig aufzulösen.

Der Seufzer von Domenig

In Davos oben steht Christian Wohlwend am Ende seines zweiten Amtsjahres ebenfalls in der Kritik. Hätte jemand HCD-Präsident Gaudenz Domenig vor der Saison gesagt, man werde die Playoffs mit Rang 5 problemlos erreichen und der Viertelfinal werde in einem veritablen Drama nach einem 0:3-Rückstand noch gewonnen – er hätte wahrscheinlich blind unterschrieben, sich auf die neue Saison gefreut und womöglich gar noch den Vertrag mit Christian Wohlwend vorzeitig über das Frühjahr 2023 hinaus verlängert.

Manchmal bricht er eben aus, der Wohlwend-Vulkan.
Manchmal bricht er eben aus, der Wohlwend-Vulkan.Bild: keystone

Der HCD-Trainer hat zwar die sportlichen Ziele – Halbfinal, Qualifikation für die Champions League – erfüllt. Das wird von den Vorgesetzten fast ein wenig mit einem Seufzer erwähnt. Das mag nun etwas bösartig vermutet sein. Und doch: Der HCD ist auch auf eine gute Aussenwahrnehmung bedacht. Um ein Haar hätte sich Christian Wohlwend mit öffentlicher Torhüterkritik um seinen Job geredet. Und mit seinen Trinkflaschenwürfen nach einem frustrierenden Schiedsrichterentscheid im Halbfinal beinahe aus dem Amt gekegelt.

Der HCD-Trainer hat ein kleines Wunder vollbracht und gegen die Lakers nach einem 0:3-Rückstand doch noch den Halbfinal gegen Zug erreicht. Jede Frage nach der Zukunft von Christian Wohlwend wird von den HCD-Verantwortlichen ungefähr mit der gleichen feurigen, bedingungslosen und leidenschaftlichen Begeisterung und einem Seufzer beantwortet wie die Frage «Liebst du mich noch?» von der Gattin oder dem Gatten nach 20 Jahren Ehe und sieben Seitensprüngen: «Ja, natürlich …» Womit hier nicht etwa behauptet wird, ein feuriges, bedingungsloses Bekenntnis nach 20 Jahren Ehe gebe es nicht und das «Ja» der HCD-Chefs sei nicht ehrlich gemeint.

Immerhin: Der HCD hat die sportlichen Vorgaben erfüllt und seine Fans aufs vortrefflichste unterhalten. Es gibt also gute Gründe, den Vertrag mit dem Trainer nicht vorzeitig aufzulösen.

Wann sind die Flitterwochen vorbei?

In Bern ist die Ausgangslage eine andere. Trainer Johan Lundskog hat sportlich auf der ganzen Linie versagt. Der SCB ist in der Qualifikation durch fünf Niederlagen in den letzten sechs Spielen auf der Zielgeraden von Ambri noch abgefangen worden. Es reichte mit Platz 11 nicht einmal mehr für die Pre-Playoffs. Mit einer der teuersten Mannschaften der Liga, die bei Weitem gut genug für einen Platz in der oberen Tabellenhälfte gewesen wäre.

Hätte jemand dem neuen SCB-Manager Raëto Raffainer vor der Saison gesagt, es werde lediglich zu Rang 11 reichen, nur Langnau und Ajoie seien am Ende der Qualifikation noch miserabler und es werde zu einem massiven Publikumsrückgang im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit von 2240 Zuschauern pro Spiel und in der Auslastung des Stadions von 91,53 auf 78,38 Prozent kommen – er hätte sicherlich unverzüglich den Zweijahresvertrag mit dem schwedischen Trainer noch vor dem Saisonstart aufgelöst. Denn der SCB ist existenziell wie kein anderes Hockey-Unternehmen auf den Ticket-, Wurst- und Bier-Verkauf angewiesen.

Johan Lundskog muss im Herbst liefern, sonst ist er wohl nicht mehr lange SCB-Trainer.
Johan Lundskog muss im Herbst liefern, sonst ist er wohl nicht mehr lange SCB-Trainer.Bild: keystone

Nun ist in Bern ein Wunder passiert. Jede Frage nach der Zukunft von Johan Lundskog wird von SCB-Manager Raëto Raffainer und SCB-Sportchef Andrew Ebbett ungefähr mit der gleichen feurigen, bedingungslosen, leidenschaftlichen Begeisterung beantwortet wie die Frage «Liebst du mich?» von der Gattin oder dem Gatten nach den Flitterwochen: «Ja, natürlich!» Womit hier nicht etwa gesagt wird, es könnte nicht auch in den Flitterwochen zu einem Ehekrach kommen und das «Ja» der SCB-Chefs sei tatsächlich ehrlich gemeint.

Beim SCB gibt es keine sportlichen Gründe, den Vertrag mit dem Trainer nicht vorzeitig aufzulösen.

Wie ist dieses Wunder möglich? Wir wissen es nicht. Niemand kann sich diese blinde SCB-Liebe zum Trainer erklären. Die Hockeyszene rätselt. Vielleicht wüsste Gabriel Garcia Márquez eine Antwort. Die Chancen, dass der Dichterfürst doch noch einen Hockey-Roman schreibt («Die Liebe zum Trainer in Zeiten der Polemik») sind wahrscheinlich grösser als eine SCB-Finalqualifikation mit Johan Lundskog im nächsten Frühjahr.

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HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister

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HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister
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35 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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emptynetter
05.05.2022 21:28registriert April 2014
Dass der Coach des Vizemeisters nach der Finalissima nicht mal die Grösse hat, auf dem Eis zum shakehands anzutreten, sondern frustriert zur Garderobe stampft, zeigt mir schon sehr viel über ihn.
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besserwisser#99
05.05.2022 13:10registriert September 2019
"Keine Polemik." Made my day 😂😂
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salamandre
05.05.2022 12:48registriert März 2018
Ich konnte mich kaum halten vor lauter Lachen, aber mal ehrlich Klaus. Ein Wenig Boshaftigkeit kann man deinem Trost, aber immerhin hast du Geschichte geschrieben,
echt nur schwer aberkennen🥳
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Endlich! Eine Frau für unsere höchste Hockey-Behörde
Kathrin Lehmann (42) soll im September in den Verwaltungsrat des Schweizerischen Eishockey-Verbandes (SIHF) gewählt werden. Sie wird die erste Frau der Geschichte (seit 1908) in unserer «Eishockey-Regierung» sein.

Kathrin Lehmann ist eine ehemalige Fussball- und Eishockey-Nationalspielerin und heute bekannt als Fussball-Expertin bei verschiedenen Medien. Eigentlich sind die nächsten Wahlen für den Verbands-Verwaltungsrat erst im Jahr 2023 vorgesehen. Nun hat sich der Verwaltungsrat geeinigt, Kathrin Lehmann bereits im Rahmen der nächsten Generalversammlung im September zur Wahl vorzuschlagen.

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