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An employee of Pipa, a Belgian auction house for racing pigeons, shows a two-year old female pigeon named New Kim after an auction in Knesselare, Belgium, Sunday, Nov. 15, 2020. A pigeon racing fan has paid a world record 1.6 million euros for the Belgian-bred bird, New Kim, in the once-quaint sport that seemed destined for near extinction only a few years back, people pay big money for the right bird. (AP Photo/Francisco Seco)

New Kim – so sieht eine Taube aus, die 1,6 Millionen Euro kostet. Bild: keystone

Interview

Der exklusivste Renntauben-Dealer der Welt: «An der Weltspitze wird die Luft extrem dünn»



Mit 18 Jahren beginnt Nikolaas Gyselbrecht damit, Nachrichten über Renntauben im Internet zu publizieren. Das war 1999. Ein Jahr später, am 16. Dezember 2000, geht seine Webseite Pipa.be online. Ziel des jungen Belgiers ist es, damit zum weltweit führenden Portal zu werden.

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Die Taubendynastie Gyselbrecht. Thomas (l.), Chief Sales Officer & Partner, Vater Carlo, PR, co-CFO & co-Schlagverantwortlicher, Nikolaas (r.) CEO & Gründer. bild: Nikolaas Gyselbrecht

20 Jahre später hat es Nikolaas Gyselbrecht geschafft. Er ist der Taubenkaiser von Belgien. Seine Plattform ist der renommierteste Umschlagplatz für Spitzenrenntauben. Armando wechselte hier 2019 den Besitzer – für 1'252'000 Euro. New Kim ebenfalls – für 1'600'000 Euro. In derselben Auktion erzielte der gesamte Taubenschlag von Gaston und Kurt Van de Wouwer einen Verkaufserlös von 9'551'200 Euro. Schwindelerregende Zahlen. Plötzlich interessiert sich die Weltpresse für das Geschäft mit den Brieftauben. Die New York Times berichtet. Auch der Guardian. Wir machen uns einen Spass daraus, die Auktionen wie Sport-Transfermeldungen zu behandeln. Die Geschichten stossen auf viel Anerkennung.

Für das Geschäftsjahr 20/21 erwartet Gyselbrecht einen Umsatz von 35 bis 40 Millionen Euro. Alleine in der Hauptzentrale von Pipa in Knesselare arbeiten 25 Personen. Weltweit hat Gyselbrecht heute über 100 Mitarbeiter und Agenten. Das Geschäft mit den Tauben floriert, Gyselbrecht ist ein vielbeschäftigter Mann. Wir konnten trotzdem mit ihm sprechen.

Herr Gyselbrecht – ich nenne Sie Taubenkaiser von Belgien –, ich nehme an, das Geschäft mit den Tauben hat Sie zum Millionär gemacht.
[lacht] Nikolaas Gyselbrecht:
Ich habe ihr Mail mit den Fragen durchgelesen und eine Bemerkung in der Art erwartet. Sagen wir es so: Ich habe ein schönes Einkommen. Aber sie müssen wissen, dass wir in den letzten Jahren grosse Investitionen getätigt haben – zum Beispiel in die Sicherheit unserer Schläge. Die steigenden Preise erfordern das. Ich versuche, nachhaltig zu denken und reinvestiere enorm viel in die Firma.

Nun hat der Taubensport vor allem aufgrund der enormen Verkaufspreise Schlagzeilen gemacht – das Grundwissen ist aber bescheiden geblieben. Können Sie uns eine kleine Einführung geben?
Selbstverständlich. Was wollen Sie wissen?

In welchen Ländern zum Beispiel erfreut sich der Taubensport grosser Beliebtheit? Und wie genau verläuft ein Rennen?
Brieftauben werden fast überall auf der Welt gezüchtet. Die grössten Szenen befinden sich in China und in Europa vor allem in Belgien und Holland.

Wie muss man sich das zahlenmässig vorstellen? Wie viele Züchter gibt es?
Ich denke, weltweit gibt es vielleicht eine Million Züchter. 300'000 – 400'000 davon sind in China zuhause. Etwa dieselbe Anzahl in Europa und der Rest verteilt sich auf die ganze Welt.

Tönt nach viel Konkurrenz. Einige unserer User vermuteten in den Kommentarspalten, dass man mit irgendeinem eingefangenen Vogel dick ins Geschäft einsteigen könne ...
... Es ist wie in jedem Sport. Von aussen betrachtet sieht das, was Federer macht, auch einfach und leicht aus. Dabei steckt extrem viel Arbeit, Geduld und Wissen dahinter. So ist es auch bei der Taubenzucht. Und an der Weltspitze wird die Luft extrem dünn. Es gibt ein paar wenige, die damit reich wurden. Das Gros geht leer aus.

Es gibt also Taubenzucht-Profis?
Ja, die gibt es tatsächlich. Seit die Preise so angestiegen sind, gibt es in Europa vielleicht 50, 60 Züchter, die genug verdienen, um davon den Lebensunterhalt zu verdienen. Vor zwanzig Jahren war das noch nicht möglich.

Und wie viele Tiere hat so ein Züchter?
Das kommt ganz darauf an. Die Messis und Ronaldos unter den Taubenzüchtern haben bis zu 1000 Tiere. Amateure manchmal auch nur 20.

Bei den Auktionen werden stets Grossaufnahmen der Augen gezeigt. Was hat es damit auf sich?
Es gibt diese Theorie, dass schöne Augen schnelle Tauben produzieren. Die Theorie ist umstritten und es gibt Beispiele, welche sie bestätigen, aber auch entkräften. Ich persönlich mag schöne Augen bei den Tauben.

Kommen wir zu den Rennen. Ich nehme an, die Tauben durchtrennen kein Zielband wie beim Marathon.
Es gibt zwei Arten von Rennen. Die Standardrennen und die sogenannten «Lofts» [Loft = Taubenschlag, Anm. d. Red.].

Können Sie die Unterschiede kurz erklären?
Bei den Standardrennen werden die Vögel alle zusammen an einen Ort gebracht. Zum Beispiel nach Barcelona. Und dann fliegen sie nach Hause – in unserem Fall nach Belgien. Jede Taube fliegt ihren eigenen Schlag an. Die Tiere sind alle gechipt und die Schläge verfügen über eine elektronische Zeitmessung. Nicht das Tier, das am schnellsten im Schlag ankommt, gewinnt, sondern dasjenige, das die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit hat. So sind Vögel aus Nordbelgien gegenüber denen von Südbelgien nicht benachteiligt. Preisgelder gibt es bei diesen Rennen keine. Es geht nur um Ruhm und Ehre.

Und die Lofts?
Bei den Lofts übergibt man seine Taube(n) für ein Startgeld einem Züchter, der danach sämtliche eingereichten Tiere trainiert. Das kann zum Beispiel in Mailand sein. Nach ein paar Monaten findet das Rennen statt. Die Tiere werden zum Start gebracht und dann fliegen alle zum selben Schlag zurück. Wer als erster ankommt, gewinnt.

Unter Umständen vertraut man also sein Tier, das tausende von Franken Wert hat, einem fremden Züchter an?
Ja. Das ist so.

Wie sieht es mit Gefahren aus? Als Schweizer interessieren mich die Versicherungen ...
Versicherungen gibt es nur beschränkt. Aber es gibt sie. Zum Beispiel, wenn ein Schlag niederbrennt oder so. Aber für die Gefahren während des Sports gibt es das nicht.

Aber ich nehme an, die Gefahren existieren? Falken zum Beispiel?
Ja, Hochspannungsleitungen – Stromleitungen generell – können eine Gefahr darstellen. Windräder auch und die erwähnten Falken. Ein Züchter muss sich gut überlegen, ob er seine teure Taube weiterhin fliegen lassen will. Oftmals behält er sie dann für die Zucht zurück.

Wie geht es dann für eine Taube weiter?
Eine Renntaube kann bis zu 20 Jahre alt werden. Männliche Exemplare zeugen zwischen 50 und 70 Nachkommen pro Jahr. Weibchen legen maximal zwei Eier, und das sechs bis sieben Mal pro Jahr. Sie schaffen also im besten Fall 14 Nachkommen.

Oder sie werden für teures Geld verkauft auf ihrer Homepage.
Wir verstehen uns als das Sotheby's, das Christie's der Renntauben. Wir nehmen nur wirklich auserwählte Tiere und Schläge. Es gibt ja mittlerweile viele Tauben-Autkionshäuser. Aber wir sind das exklusivste.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Auktion?
Das war eine Taube meines Vaters. Ich verkaufte sie 2003 für 350 Euro.​

Und jetzt gehen die Beträge in die Millionen.
Es ist wie beim Fussball. Wenn mehrere Parteien bereit sind, viel Geld zu bezahlen, dann steigen die Preise immer mehr.

Aber kann man das denn wieder einspielen? Wie hoch sind die Siegesprämien?
Die Siegesprämien können schon mehrere hunderttausend Dollar betragen.

Noch kurz zum Schluss unseren Lieblingen, Armando und New Kim – können Sie etwas zum Verbleib der beiden Tauben sagen?
Ich kenne ihre Besitzer selbstverständlich, aber sie haben sich entschieden, anonym zu bleiben. Es liegt nun an ihnen, Neuigkeiten zu kommunizieren. Ich darf nichts sagen.

Tauben: Lebendige Drohnen im Dienste der Grande Nation

Video: srf/Roberto Krone

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