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Es gibt immer noch einen perfekteren Sonnenuntergang. Aber der hier ist schon recht fett.  kafi freitag

Liebe Kafi. Mir ist absolut bewusst, dass ich mit meinen 19 Jahren noch sehr jung bin, trotzdem habe ich manchmal fast ein wenig das Gefühl, etwas zu verpassen

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Leben und feiere (es) gerne, dennoch begleitet mich stets eine Angst, dass es noch etwas Tolleres geben könnte, etwas, das mich glücklicher macht, als ich bin; dass ich jetzt unbedingt etwas machen sollte, weil ich es in meinen Dreissigern bereuen könnte, falls ich es nicht getan hätte. Ein explizites Beispiel, was «etwas» ist, bin ich allerdings nicht im Stande zu nennen. Können Sie das verstehen? Ist das jugendlicher Unsinn? Zukunftsangst, Unsicherheit? Und hätten Sie eine Idee, wie ich diese Sorgen endgültig begraben und mein Leben in vollen Zügen geniessen kann? Ich danke Ihnen im Voraus! Liebe Grüsse Hanna, 19

31.08.16, 09:47 31.08.16, 15:42

Liebe Hanna

Ja, das kann ich verstehen. Gut sogar. Ich erinnere mich, dass ich mich damals ähnlich gefühlt habe. Und auch noch heute habe ich ab und an ähnliche Schübe. Immer dann, wenn ich etwas Neues entdecke, das ich in mein Leben integrieren möchte. Eine neue Lebensweise, eine neue Philosophie oder auch eine weitere Richtung in meiner Arbeit. Ich verschlinge dann zum Beispiel alles, was es darüber zu lesen gibt, und habe trotzdem noch das Gefühl, nirgends zu sein, mehr zu verpassen als zu wissen. Und dieses Gefühl ist ja auch nicht falsch.

Die Lücke unseres Wissens ist immer grösser, als es der Berg unseres Wissens sein kann. Immer. Auch wenn wir 300 Jahre alt würden. So wie bei einem Eisberg immer nur etwa 20% über der Wasseroberfläche sichtbar sind und der massive Rest darunter verborgen, so ist es auch mit dem unbewussten Anteil unseres Seins. Wir sind nie alles, haben nie alles und können nie alles, was wir gerne sein, haben und können würden. Es gibt im Leben keine 100%.

Das mag Sie jetzt vielleicht stressen, aber es ist die Wahrheit und wenn man es genau bedenkt, kann es Sie sogar beruhigen. Ja, es wird immer noch was Tolleres und Spannenderes geben und ja, vielleicht könnten Sie noch glücklicher sein. Aber gerade die Glücksforschung hat gezeigt, dass wahres Glück sich nur dort zeigt, wo man gelernt hat, mit dem was ist zufrieden zu sein. Das bedeutet nicht, dass man nicht nach Grösserem streben darf und soll. Aber es ist von immenser Wichtigkeit, dass man auf diesem Weg immer mal wieder innehaltet und mit Stolz und Achtsamkeit auf bereits Erreichtes zurückschaut.

Ich begegne in meiner Praxis sehr vielen Menschen, die durch ihr Leben rennen als wäre dieses ein Marathon. Wie bei einem solchen halten sie nicht einmal zum in Ruhe essen an. Alles passiert in Eile, als würden die Runden gezählt. Manchmal passiert dann etwas sehr Radikales, das zum Abbremsen zwingt. Oder sogar zum totalen Stillstand. Das geschieht oft in Form einer Krankheit, die sich nicht mit Weiterrennen ausmerzen lässt.

Sie sind jetzt gerade erst ins Erwachsenenleben gestartet und es gibt vieles zu entdecken. Anstatt wie eine Irre durch diese Zeit zu rasen, könnten Sie sich ja vornehmen, alles mit etwas mehr Sorgfalt zu tun. Schauen Sie genau hin, wenn Sie sich etwas ansehen. Hören Sie genau hin, wenn ein Lied Sie berührt. Das Leben zu geniessen bedeutet nicht, möglichst vieles davon abgehakt zu haben, sondern es zu kosten, in möglichst grosser Intensität. Diese erleben Sie nur, wenn Sie achtsam sind. Und Achtsamkeit ist nicht umsonst DAS grosse Thema unserer Zeit. Wir alle sind es gewohnt, viele Dinge nur nebenher zu erledigen und ihnen nicht die ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn das die Hausarbeit tangiert, mag es ja ganz ok sein. Aber oft sind Beziehungen betroffen, die daran zerbrechen. Wenn Sie sich diesen Dingen etwas bewusst sind, dann haben Sie schon sehr viel mehr begriffen als der Grossteil der Menschen, die doppelt oder dreimal so alt sind wie Sie. Aber auch hier gilt es zu bedenken, dass es niemals 100% Achtsamkeit gibt.

Fangen Sie damit an, bewusst zu atmen. Das ist die allereinfachste Übung, die man sich denken kann, und oft schauen mich meine Klienten etwas belächelnd an, wenn ich das in einer Sitzung mit ihnen übe. Atmen? «Ja sorry, das muss ich sicher nicht lernen, das mache ich tagtäglich!» Und dann lasse ich die Menschen tief in den Bauch atmen und merke an ihrem Blick, dass es eine ganz neue Erfahrung ist. Ich weiss, dass das jetzt auch Ihnen zu simpel vorkommt. Aber wann immer Sie sich in diesem Hamsterradgefühl befinden, tun Sie es trotzdem! Nehmen Sie 5 tiefe Atemzüge und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nur auf den Atem. Es wird Sie im Nullkommanichts ins Hier und Jetzt befördern und das Empfinden vermitteln, mit ihrem Leben verbunden zu sein. Und darum geht es doch schlussendlich; das Gefühl zu haben im Bezug zu stehen zu sich und seinem Leben.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 04.09.2016 12:04
    Highlight Vertrau dir selber! Ich musste ein jahr weg, bis ich kapierte, was mir gut tut & was ich erleben will, nämlich zuhause bei meinen freunden sein. Manchmal muss man auch etwas verlieren, um zu erkennen, was man hatte & wer man ist. Wenn du das erreicht hast, dann "verpasst" du auch nichts mehr.
    Ich weiss, passt textlich nicht so ganz, aber einige werden mich bestimmt verstehen :)
    2 0 Melden
  • dracului 01.09.2016 08:18
    Highlight Die Achtsamkeit auf den Moment indem wir gerade leben, halte ich für wichtig. Viele verpassen jeden Moment, weil sie schon woanders sind. Mir hilft die Arbeit mit meinem Instrument sehr. Das bewusste Wahrnehmen jedes einzelnen Tons, das Einhalten von einem Metrum, das kritische Reflektieren der Bewegungen und der Gestaltung der Tondynamik hilft mir auch sonst den Moment bewusster wahrzunehmen zu können, auch wenn die Tage manchmal von Unruhe, von Hektik und Flüchtigkeit geprägt sind.
    4 2 Melden
  • pamayer 31.08.2016 21:42
    Highlight War wohl ein notorischer lebensverpasser...
    Meist gelingt mir in der Zwischenzeit die Balance zwischen Draufgänger und stille.
    4 5 Melden
  • saukaibli 31.08.2016 15:36
    Highlight Mit 19 ist das doch ein ganz normales Verhalten, so ging es uns doch allen irgendwie. Das ist etwas vom Schönen beim älter Werden, es ist einem egal was man alles verpassen könnte, man hat gelernt das zu geniessen, was man gerade tut und sei es nur am See zu liegen, sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und dabei ein gutes Buch zu lesen. Mit 19 hätte ich mir dabei nur vorgestellt, welche geile Party oder welches Besäufnis ich gerade verpasse.
    27 3 Melden
  • fant 31.08.2016 13:39
    Highlight Oder - wie das der Lehrmeister eines Bekannten von mir gesagt hat: Wir verpassen - egal was wir tun - mindestens 99.9% von allem, was wir je tun/erleben/wissen/... könnten.
    35 1 Melden
  • Joshi 31.08.2016 13:17
    Highlight Was Sie da bezüglich der Atmung ansprechen Frau Freitag, ist eigentlich nichts anderes als Meditation. Ich rate jedem Menschen sich mal ein kleines bisschen über Meditation zu informieren. Das Thema wird tatsächlich immer wieder belächelt, dabei wurde schon lange wissenschaftlich bewiesen, dass Meditation eine Bereicherung für absolut jeden in ganz vielen verschiedenen Hinsichten sein kann. Probiert es doch mal aus.
    22 5 Melden
    • kafi 31.08.2016 14:27
      Highlight Im Gegenteil. Atmen ist nicht nichts anderes als Mediation. Umgekehrt. Meditation ist nichts anderes als Atmen.

      Nicht ganz das selbe.
      27 12 Melden
    • Joshi 03.09.2016 09:39
      Highlight Meditation kann aber auch weit über das Atmen herausgehen. Ich bin kein Profi, aber so viel ich weiss geht es bei der Meditation lediglich darum seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu lenken, sich diesen Dingen bewusst zu werden. Der eigene Atem ist dabei normalerweise der erste Schritt und auch sehr effektiv. Aber man kann sich auch seines ganzen Körpers bewusster werden, jeglichen Reizen, seinen Empfindungen, Gefühlen usw.
      3 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 31.08.2016 11:49
    Highlight In Zeiten von Social Media, wo man ja nur die Highlights anderer Leben zu sehen bekommt, kann ich einem Anstieg von selbstzweifel sehr gut verstehen. Denkt aber immer daran, bei niemandem stinken Fürze nach Parfum, niemand ist nur und dauernd happy, niemand hat keine Ängste oder Sorgen....und wenm es nur die Sorge ist, Etwas zu verpassen.
    54 0 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 31.08.2016 13:27
      Highlight Das finde ich einen super Input. Facebook und Konsorten zeigen wirklich nur die Highlights aus den Leben der Anderen, das sollte man immer im Kopf haben. Und ich glaube, dass man das, was man selbst erlebt und gemacht hat, vielfach als uninteressanter wahrnimmt, als die Dinge, die Andere machen und erleben, einfach nur, weil man es ja gemacht hat und vielleicht täglich macht. Dass die eigenen Erlebnisse aber für die Anderen genauso interessant sein können, wie deren Erlebnisse für uns, kann man sich kaum vorstellen, ist aber vielfach so :-)
      31 0 Melden
  • Bruno Wüthrich 31.08.2016 11:13
    Highlight Hier ist Frau Freitag zuhause! Einer ihrer besten Ratschläge ever. Mit der Lebenserfahrung einer Vierzigjährigen gibt sie der jungen Fragestellerin die perfekte Antwort.

    Aber solch gute Ratschläge bringen es mit sich, dass eher unkritische LeserInnen zur Annahme kommen, dass alle von Frau Freitags Antworten von dieser Qualität sind. Aber das sind sie nicht! Wie denn auch?

    Die Herausforderung ist, immer selbst ebenfalls über die Fragen und mögliche Anworten nachzudenken, um zu merken, wann Frau Freitag recht hat und wann möglicherweise nicht, oder wann ihre Antwort zu wenig durchdacht ist.

    35 13 Melden
    • Joshi 31.08.2016 13:14
      Highlight Sehe ich genau so. Manchmal halte ich sehr viel vor ihren Ratschlägen. Und dann schreibt sie wieder Dinge, bei denen ich mich frage was sie da für ein Blödsinn erzählt. Aber darum geht es ja immer im Leben. Alles kritisch beurteilen und für sich bewerten, auch oder vor allem die Meinung anderer Leute.
      32 4 Melden
  • fuegy 31.08.2016 10:40
    Highlight Mich hat diese Frage auch lange geplagt bis ich erkannte, dass ich gar nicht verpassen kann, sondern nur andere Dinge sehe, höre und erlebe. Wichtig ist mit offenen Auge und Ohren durch die Welt zu gehen. Wenn man keine Weltreise im Leben gemacht hat, ist man nicht weniger erfahren, weniger weise oder hat etwas verpasst. Nein, sogar bei Ferien auf dem Sofa verpasst man nichts, man erlebt nur anderes oder was man tut "bewusster". Warum soll ich immer glücklich sein und dem hinterherrennen, das kostet mich zuviel Energie. Wenn das Leben ok ist, ist es schon mehr als gut.
    54 0 Melden

Hallo Frau Freitag. Meine Freundin möchte gerne zu mir ziehen, jedoch keine Miete zahlen. 

Lieber ClaudioVielen Dank für Ihre Frage. Leider haben Sie vergessen, Ihre Adresse und den Vermieter anzugeben, und die benötige ich doch für die Umschreibung des Mietvertrags. Ich habe nämlich beschlossen, auch zu Ihnen zu ziehen. Und nein, selbstverständlich werde ich mich nicht an den Mietkosten beteiligen, das wäre ja noch schöner! Sie wohnen ja schliesslich schon dort und da macht es doch keinen Unterschied, ob mein Sohn und ich auch noch dort sind. Es wäre noch nett, wenn Sie den …

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