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Es gibt immer noch einen perfekteren Sonnenuntergang. Aber der hier ist schon recht fett.  kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Mir ist absolut bewusst, dass ich mit meinen 19 Jahren noch sehr jung bin, trotzdem habe ich manchmal fast ein wenig das Gefühl, etwas zu verpassen

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Leben und feiere (es) gerne, dennoch begleitet mich stets eine Angst, dass es noch etwas Tolleres geben könnte, etwas, das mich glücklicher macht, als ich bin; dass ich jetzt unbedingt etwas machen sollte, weil ich es in meinen Dreissigern bereuen könnte, falls ich es nicht getan hätte. Ein explizites Beispiel, was «etwas» ist, bin ich allerdings nicht im Stande zu nennen. Können Sie das verstehen? Ist das jugendlicher Unsinn? Zukunftsangst, Unsicherheit? Und hätten Sie eine Idee, wie ich diese Sorgen endgültig begraben und mein Leben in vollen Zügen geniessen kann? Ich danke Ihnen im Voraus! Liebe Grüsse Hanna, 19



Liebe Hanna

Ja, das kann ich verstehen. Gut sogar. Ich erinnere mich, dass ich mich damals ähnlich gefühlt habe. Und auch noch heute habe ich ab und an ähnliche Schübe. Immer dann, wenn ich etwas Neues entdecke, das ich in mein Leben integrieren möchte. Eine neue Lebensweise, eine neue Philosophie oder auch eine weitere Richtung in meiner Arbeit. Ich verschlinge dann zum Beispiel alles, was es darüber zu lesen gibt, und habe trotzdem noch das Gefühl, nirgends zu sein, mehr zu verpassen als zu wissen. Und dieses Gefühl ist ja auch nicht falsch.

Die Lücke unseres Wissens ist immer grösser, als es der Berg unseres Wissens sein kann. Immer. Auch wenn wir 300 Jahre alt würden. So wie bei einem Eisberg immer nur etwa 20% über der Wasseroberfläche sichtbar sind und der massive Rest darunter verborgen, so ist es auch mit dem unbewussten Anteil unseres Seins. Wir sind nie alles, haben nie alles und können nie alles, was wir gerne sein, haben und können würden. Es gibt im Leben keine 100%.

Das mag Sie jetzt vielleicht stressen, aber es ist die Wahrheit und wenn man es genau bedenkt, kann es Sie sogar beruhigen. Ja, es wird immer noch was Tolleres und Spannenderes geben und ja, vielleicht könnten Sie noch glücklicher sein. Aber gerade die Glücksforschung hat gezeigt, dass wahres Glück sich nur dort zeigt, wo man gelernt hat, mit dem was ist zufrieden zu sein. Das bedeutet nicht, dass man nicht nach Grösserem streben darf und soll. Aber es ist von immenser Wichtigkeit, dass man auf diesem Weg immer mal wieder innehaltet und mit Stolz und Achtsamkeit auf bereits Erreichtes zurückschaut.

Ich begegne in meiner Praxis sehr vielen Menschen, die durch ihr Leben rennen als wäre dieses ein Marathon. Wie bei einem solchen halten sie nicht einmal zum in Ruhe essen an. Alles passiert in Eile, als würden die Runden gezählt. Manchmal passiert dann etwas sehr Radikales, das zum Abbremsen zwingt. Oder sogar zum totalen Stillstand. Das geschieht oft in Form einer Krankheit, die sich nicht mit Weiterrennen ausmerzen lässt.

Sie sind jetzt gerade erst ins Erwachsenenleben gestartet und es gibt vieles zu entdecken. Anstatt wie eine Irre durch diese Zeit zu rasen, könnten Sie sich ja vornehmen, alles mit etwas mehr Sorgfalt zu tun. Schauen Sie genau hin, wenn Sie sich etwas ansehen. Hören Sie genau hin, wenn ein Lied Sie berührt. Das Leben zu geniessen bedeutet nicht, möglichst vieles davon abgehakt zu haben, sondern es zu kosten, in möglichst grosser Intensität. Diese erleben Sie nur, wenn Sie achtsam sind. Und Achtsamkeit ist nicht umsonst DAS grosse Thema unserer Zeit. Wir alle sind es gewohnt, viele Dinge nur nebenher zu erledigen und ihnen nicht die ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn das die Hausarbeit tangiert, mag es ja ganz ok sein. Aber oft sind Beziehungen betroffen, die daran zerbrechen. Wenn Sie sich diesen Dingen etwas bewusst sind, dann haben Sie schon sehr viel mehr begriffen als der Grossteil der Menschen, die doppelt oder dreimal so alt sind wie Sie. Aber auch hier gilt es zu bedenken, dass es niemals 100% Achtsamkeit gibt.

Fangen Sie damit an, bewusst zu atmen. Das ist die allereinfachste Übung, die man sich denken kann, und oft schauen mich meine Klienten etwas belächelnd an, wenn ich das in einer Sitzung mit ihnen übe. Atmen? «Ja sorry, das muss ich sicher nicht lernen, das mache ich tagtäglich!» Und dann lasse ich die Menschen tief in den Bauch atmen und merke an ihrem Blick, dass es eine ganz neue Erfahrung ist. Ich weiss, dass das jetzt auch Ihnen zu simpel vorkommt. Aber wann immer Sie sich in diesem Hamsterradgefühl befinden, tun Sie es trotzdem! Nehmen Sie 5 tiefe Atemzüge und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nur auf den Atem. Es wird Sie im Nullkommanichts ins Hier und Jetzt befördern und das Empfinden vermitteln, mit ihrem Leben verbunden zu sein. Und darum geht es doch schlussendlich; das Gefühl zu haben im Bezug zu stehen zu sich und seinem Leben.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Liebe Kafi, ich hoffe Sie können mir helfen. Ich bin mal wieder völlig überfordert. 

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