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Christine Weick protests against gay marriage in front of the U.S. Supreme Court in Washington June 8, 2015.  A ruling on Obergefell v. Hodges, and whether the U.S. Constitution's guarantees of due process and equal protection under the law covers a right to same-sex marriage; and, if not, whether states that ban same-sex marriages must recognize those performed elsewhere, is expected from the Court by month's end. REUTERS/Gary Cameron

Eine gläubige Christin demonstriert vor dem Obersten Gerichtshof gegen die Legalisierung der Homo-Ehe. Bild: GARY CAMERON/REUTERS

Rechtsrutsch am Supreme Court: Darum wählten Fromme den «gottlosen» Trump

Donald Trump hat weder viel Sinn für Moral noch für Religion. Trotzdem haben ihn Evangelikale scharenweise gewählt. Sie hoffen, der neue US-Präsident werde den Obersten Gerichtshof auf konservativen Kurs bringen.



Die US-Präsidentschaftswahl hat manche überraschende Erkenntnis hervorgebracht. Ein besonders interessanter Befund: Wahlsieger Donald Trump erhielt enormen Zuspruch aus dem religiösen Lager, sowohl von Evangelikalen wie auch Protestanten und Katholiken. Laut den Exit Polls wurde er von 81 Prozent der so genannt «wiedergeborenen» und damit streng gläubigen Christen gewählt, trotz seines zumindest zweifelhaften Lebenswandels.

«Der sexistische Heilsbringer Trump wurde von den frommen Christen gewählt», schrieb watson-Blogger Hugo Stamm. Sein Wähleranteil in diesem Segment war höher als jener von Mitt Romney 2012 oder George W. Bush 2004. Dabei ist der zum dritten Mal verheiratete New Yorker nie durch eine besondere Neigung zur Religion aufgefallen. Im Wahlkampf bezeichnete der Protestant die Bibel als wichtige Inspiration, doch auf Nachfrage konnte er keine einzige Stelle daraus zitieren.

FILE - In this Oct. 8, 2010, file photo members of the U.S. Supreme Court gather for a group portrait at the Supreme Court in Washington. Seated from left are: Associate Justices Clarence Thomas, Antonin Scalia, Chief Justice John Roberts, Associate Justices Anthony M. Kennedy, and Ruth Bader Ginsburg. Standing, from left are: Associate Justices Sonia Sotomayor, Stephen Breyer, Samuel Alito Jr., and Elena Kagan. In an era when three women, a Hispanic and an African-American sit on the court and white men constitute a bare majority of the nine justices, the court is more diverse than the lawyers who argue before it. (AP Photo/Pablo Martinez Monsivais, File)

Die neun Mitglieder des Supreme Court werden auf Lebenszeit gewählt. Bild: AP

«Trump hat gegen alle zehn Gebote verstossen», lästerte der TV-Satiriker und Religionskritiker Bill Maher. Das mag übertrieben sein – umgebracht hat der Republikaner wohl niemanden. Völlig daneben ist es nicht. Trump hat im Wahlkampf gelogen und Gegenkandidatin Hillary Clinton verleumdet. Er betreibt Casinos und fördert das Glücksspiel. Und im «Pussy-Video» brüstete er sich mit dem Versuch, eine verheiratete Frau flachzulegen.

Peinliche Verrenkungen

Es gab durchaus fromme Amerikaner, die Trump ablehnten oder verabscheuten. Die Mehrheit aber hielt sich die Nase zu und wählte ihn trotzdem. Und rechtfertigte sich mit teilweise peinlichen Verrenkungen, etwa dass man einen Präsidenten wähle und keinen Priester. Andere gaben offen zu, dass Donald Trump kein «Bibel-schwingender Evangelikaler» sei. Doch für die Sache des konservativen Amerika waren sie bereit, beide Augen zuzudrücken.

Es geht um den Sehnsuchtsort der Evangelikalen in Washington, und damit ist nicht das Weisse Haus gemeint. Sondern ein Gebäude, das sich neben Kapitol und Kongressbibliothek befindet: Der United States Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Er ist das wohl mächtigste Gremium des Landes, seine neun Mitglieder werden vom Präsidenten nominiert. Nach der Bestätigung durch den US-Senat sind sie faktisch auf Lebenszeit gewählt.

Der Supreme Court kann Gesetze annullieren oder für allgemein verbindlich erklären. Dies erklärt das Interesse der Evangelikalen: Ein konservativer Präsident, der entsprechende Richterinnen und Richter ernennt, ist für sie so etwas wie die letzte Chance, die USA auf den «rechten» Weg zu bringen. Das Land ist im Laufe der Jahre gesellschaftlich immer liberaler geworden, auch dank dem Obersten Gerichtshof, der unter anderem Abtreibung und Homo-Ehe legalisiert hat.

Diesen «gottlosen» und sündigen Trend wollen die christlichen Fundis rückgängig machen. Franklin Graham, der Sohn des legendären, heute 98-jährigen Predigers Billy Graham, der auch in der Schweiz die Stadien füllte, bezeichnete den Supreme Court als «wichtigstes Thema dieser Wahl». Das Gericht und seine Rechtsprechung würden das Land für lange Zeit beeinflussen, meinte Graham: «Es steht so viel auf dem Spiel.»

Trump will Abtreibungsgegner

Nun kann Donald Trump liefern, denn eine Richterstelle ist derzeit vakant, nachdem Antonin Scalia im Februar auf einem Jagdausflug in Texas im Schlaf verstorben war. Der streitbare und streitlustige Italoamerikaner war der Rechtsaussen im Gremium. Präsident Barack Obama nominierte für die Nachfolge den moderat-liberalen Merrick Garland, doch der von den Republikanern dominierte Senat verweigerte seine Bestätigung bis nach der Präsidentschaftswahl.

Nun können die Evangelikalen frohlocken. Der neue Präsident kündigte im CBS-Interview am Sonntag an, er wolle einen Abtreibungsgegner nominieren. Sein Ziel sei die Aufhebung des bahnbrechenden Urteils im Fall Roe vs. Wade von 1973, das den Schwangerschaftsabbruch legalisiert hat. Trump will dieses Thema den Bundesstaaten überlassen. Auf die Frage, was Frauen im Fall eines Verbots tun sollten, sagte er: «Sie müssen wohl in einen anderen Staat gehen.»

Weitere Ernennungen möglich

Donald Trump war stets «Pro-Choice», also ein Befürworter des Rechts auf Abtreibung. Erst mit seiner Kandidatur ist er ins «Pro-Life»-Lager übergelaufen, auch dies eine Kapriole, über die fromme Christen hinwegsehen. Abtreibungen sind ihr eigentliches Lieblingsthema, sie sind geradezu besessen vom Schutz des ungeborenen Lebens. Der Schutz des geborenen Lebens etwa vor der grassierenden Waffengewalt hingegen ist ihnen so ziemlich egal.

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Donald Trumps Möglichkeiten für den Obersten Gerichtshof. Video: YouTube/CNN

Ein Richter dürfte für eine Kehrtwende nicht genügen, doch Trump winkt die Chance, in den nächsten vier Jahren bis zu drei weitere, ziemlich betagte Richterinnen und Richter, von denen zwei zum linksliberalen Flügel gezählt werden, durch Konservative zu ersetzen. Für das liberale Amerika sind dies verheerende Perspektiven. Mit Präsidentin Hillary Clinton wäre das Gegenteil möglich gewesen, sie hätte das Gericht auf Jahre hinaus auf Linkskurs bringen können.

Enttäuschungen für Konservative

Es erstaunt deshalb nicht, dass die religiösen Fundamentalisten bei dieser Wahl dermassen auf das Oberste Gericht fixiert waren. Allerdings wurden sie in der Vergangenheit von republikanischen Präsidenten auch schon enttäuscht. Ronald Reagan nominierte 1987 den ultrakonservativen Robert Bork, doch Demokraten und liberale Republikaner (die es damals noch gab) leisteten erbitterten Widerstand. Der Senat lehnte die Bestätigung von Bork am Ende ab.

An seiner Stelle wurde Anthony Kennedy gewählt, ein gemässigter Konservativer, der immer wieder das Zünglein an der Waage zwischen Links und Rechts bildete und gerade beim Reizthema Abtreibung dem linken Flügel zu wichtigen Erfolgen verhalf. Der von George Bush senior ernannte David Souter begann ebenfalls als moderater Rechter, rutschte im Gremium aber zunehmend nach links und war am Ende eine verlässliche Stütze dieser Fraktion.

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Bill Maher lästert über Evangelikale. Video: YouTube/Real Time with Bill Maher

Auch John Roberts, der vom jüngeren Bush ernannte aktuelle Vorsitzende des Supreme Court, bescherte den Konservativen eine Enttäuschung, weil er zweimal zugunsten der umstrittenen Gesundheitsreform Obamacare geurteilt und diese damit vor dem Untergang gerettet hatte. Gerade weil die neun Richterinnen und Richter nach ihrer Wahl kaum mehr entfernt werden können, haben sie entsprechend grossen Spielraum für eigenständige Positionen.

Ob die Evangelikalen beim Supreme Court ihr Ziel erreichen werden, bleibt unklar, wie so vieles im Hinblick auf die Präsidentschaft von Donald J. Trump. Den Verlierern bleibt derzeit nur ein kleiner Trost: Die Glaubwürdigkeit der religiösen Rechten hat schwer gelitten. Oder wie es Bill Maher ausgedrückt hat: «Eine gute Sache hat Donald Trump bewirkt: Er hat die Evangelikalen als jene schamlosen Heuchler entlarvt, die sie immer gewesen sind.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Pasionaria 22.11.2016 22:59
    Highlight Highlight Peter Blunschi,
    vielen Dank - aeusserst guter, unterhaltsamer und schlagkraeftiger Bericht, nicht zuletzt dank Bill Maher.
    Was man von einigen Kommentaren seitens der ueblichen Fundis nicht sagen kann.

    @ Fundis und 'Zahnaerzte', ist es denn dermassen schwer: leben und leben lassen. Herrgott (!) nochmal.
    Ihr koennt ja jeden Schrott glauben, niemand hindert Euch darán, aber bitte verschont die andern mit Euren abstrusen Aussagen und Dogmen.
  • Pana 17.11.2016 07:10
    Highlight Highlight Schön mal was von Bill Maher hier zu lesen. Hab nach der Wahl die Stunden bis zu seiner nächsten Sendung gezählt.

    Maher wurde übrigens von Trump verklagt, weil er ihn aufgefordert hat zu beweisen, dass sein Vater kein Orangutan war (als Reaktion auf Trumps Birther Bewegung).
  • Jason84 16.11.2016 16:18
    Highlight Highlight Neues aus Katholistan?
    Lebt doch bitte euren Glauben wie ihr wollt aber lasst mich mit EUREN Regeln in ruhe. Mein leben geht euch nichts an. Was für eine Anmassung aufgrund des eigenen Glaubens andere zu beschränken!
    All diese Leute rufen immer nach Freiheit. Wo ist dann meine Freiheit mein Leben gleich wie alle anderen gestalten zu können?
    • dave1771 17.11.2016 07:13
      Highlight Highlight Sie wollen dir ja nicht ihren Glauben aufdrängen. Aber eine Gesellschaft braucht ja Regeln zum zusammenleben und diese Leute verstehen dies als eine Grundsatzregeln, wie nicht töten oder nicht stehlen...
    • Jason84 17.11.2016 09:01
      Highlight Highlight Diese Leute begründen das aber mit ihrem Glauben und der Bibel. Weil dies darin verboten ist, soll es für alle gelten. Dagegen wehre ich mich.
    • Fabio74 17.11.2016 11:39
      Highlight Highlight @dave: Doch genau das wollen sie. Ihre Steinzeitideologie anderen aufdrängen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • phreko 16.11.2016 12:53
    Highlight Highlight Warum müssen die Religiösen ihren Unsinn immer den Anderen aufzwingen wollen? Es zwingt sie ja auch niemand zu einer Abtreibung.
  • Butzdi 16.11.2016 12:08
    Highlight Highlight Republikanischer und im speziellen evangelistischer Support sieht in etwa so aus:
    Benutzer Bild
  • Einfache Meinung 16.11.2016 11:51
    Highlight Highlight Diese Ideen vom gewählten Präsidenten sind sehr gut.
    Die Schriften selbst sind gegen diese Schwulen Ehen,... insbesondere wenn diese auch noch die gleichen Rechte haben sollen, wie die vom "Höchsten" gegebene Ehe.
    Ungeborenen Mord ist auch nicht legitim, dieses Verbot hat sogar positive Aspekte, denn damit werden die übertriebenen sexuellen Ausschweifungen etwas gebändigt.
    • R&B 16.11.2016 12:40
      Highlight Highlight @Einfache Meinung: Die zentrale Botschaft im neuen Testament: Bedinungslose Liebe.
      Das beisst sich aber sehr mit der Diffamierung von Schwulen.
    • John McClane 16.11.2016 12:58
      Highlight Highlight Mach doch bald mal einen Schritt aus der Steinzeit raus, echt....
    • Butzdi 16.11.2016 13:06
      Highlight Highlight Dass sich Männer wie Trump, die allesamt mehrfach geschieden sind und mehrere aussereheliche Affären hatten, zum scheinbar gottgesandten Verfechter der klassischen Ehe werden birgt ein grosses Ironiepotential. Traurig.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Stachanowist 16.11.2016 11:51
    Highlight Highlight "Wahlsieger Donald Trump erhielt enormen Zuspruch aus dem religiösen Lager, sowohl von Evangelikalen wie auch Protestanten und Katholiken."

    Evangelikale SIND Protestanten. Genauer gesagt eine Teilmenge davon.
    • Fabio74 16.11.2016 13:00
      Highlight Highlight Stimmt. Eine Teilmenge Extremisten, die zu extremistischrn Moslems und Juden passen.
      Alle haben das Gefühl zu bestimmen wie andere zu leben haben.
    • Stachanowist 16.11.2016 13:46
      Highlight Highlight @ Fabio

      Stimmt. Aber hier geht es um extremistische Christen, nicht um extremistische Juden und Muslime. Bleiben wir doch beim Thema.
    • Fabio74 16.11.2016 14:54
      Highlight Highlight Evangelikale laufen bei mir unter Extremisten
    Weitere Antworten anzeigen
  • Der Zahnarzt 16.11.2016 11:37
    Highlight Highlight Verstehe das Problem nicht ganz. Es ist vollkommen legitim, dass sich die Gegner von Abtreibung und Homo-Ehe für ein Verbot von Abtreibung und Homo-Ehe einsetzen.

    Mir scheint, dass viele dieser Leute auch deshalb Trump gewählt haben, weil sie von den Liberalen ständig als ewiggestrige, unterbelichtete Idioten diffamiert wurden.

    • zombie woof 16.11.2016 11:43
      Highlight Highlight Naja, die amerikanischen Evangeliken als aufgeklaert und modern zu bezeichnen, geht schlecht...
    • René Obi 16.11.2016 11:47
      Highlight Highlight Sind sie ja auch, lieber Zahnarzt. Eingetragene Partnerschaften von gleichgeschlechtlichen Liebespaaren und das Recht auf Abtreibung zumindest im Extremfall, gehören einfach zu einem nicht ewiggestrigen, unterbelichteten Land.
    • Der Zahnarzt 16.11.2016 11:51
      Highlight Highlight @zombie woof: Es geht gar nicht darum, diese Leute als aufgeklärt und modern zu bezeichnen, sondern darum auch ihre Anliegen ernst zu nehmen und sie nicht als zurückgebliebene Idioten zu belächeln. - Trump wurde gewählt, weil es offenbar viele gibt, die sich von der bisherigen Politik des Liberalismus nicht ernst genommen fühlen.
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