Wirtschaft
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Die schwäbische Hausfrau bedroht uns: Warum die Deutschen ausgeben statt sparen sollten

Der Finanzminister, der Chef der Bundesbank, die führenden Ökonomen und die «Bild»-Zeitung: Alle kritisieren den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Dabei boomt die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt dank seiner Geldpolitik.

02.06.16, 17:22 03.06.16, 12:25

Vorbild der Deutschen: Die schwäbische Hausfrau. 
bild: shutterstock

Wie erwartet hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) heute in Wien keine Änderung seiner Zinssätze bekannt gegeben. EZB-Präsident Mario Draghi wird an seiner Politik des billigen Geldes festhalten, um damit die europäische Wirtschaft endlich wieder in Schwung zu bringen.  

Mario Draghi und sein Kritiker: der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble.
Bild: KIMIMASA MAYAMA/EPA/KEYSTONE

Zumindest nördlich des Rheins ist der Aufschwung bereits im Gang. Dank des billigen Euros und der effizienten Wirtschaft befindet sich die deutsche Wirtschaft seit Jahren in einem Dauerhoch.  

Schäuble macht Draghi für den Vormarsch der AfD verantwortlich

Trotzdem ist Draghi unter Dauerbeschuss der Deutschen: Finanzminister Wolfgang Schäuble machte jüngst die EZB für den Vormarsch der AfD verantwortlich. Der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, gehört zu Draghis Dauer-Mäklern, für die «Bild»-Zeitung ist Draghi ein beliebter Sündenbock, und regelmässig werden von Politikern und Ökonomen Klagen gegen die EZB beim Verfassungsgericht eingereicht. Warum eigentlich?

Die Abneigung gegen Draghi ist zunächst in der Mentalität begründet. Das Vorbild wirtschaftlicher Tugend in Deutschland ist die schwäbische Hausfrau. Sie ist sparsam und gibt nur das Geld aus, das sie auf der hohen Kante hat.  

«Geiz ist geil»

Sparen ist daher die oberste Bürgerpflicht nördlich des Rheins. 17 Prozent ihres verfügbaren Einkommens legen die Deutschen auf die Seite – nur die Schweden und wir Schweizer sparen noch mehr – und es ist wohl kein Zufall, dass bei ihnen ein Werbe-Slogan wie «Geiz ist geil» Kult werden konnte.  

Auch der Mainstream der Ökonomen huldigt der schwäbischen Hausfrau. Der deutsche Ordoliberlismus geht davon aus, dass jedes Land für sich selbst verantwortlich ist. Die Kritik an den inzwischen exorbitanten Exportüberschüssen – wie sie regelmässig von den angelsächsischen Ökonomen vorgebracht wird – stösst auf heftige Ablehnung. Über das Thema Export kann man mit den Deutschen nicht mehr vernünftig diskutieren.

Steht bei den Deutschen hoch im Kurs: die Sparkasse.
Bild: Getty Images Europe

Die Kritik an Draghi hat jedoch auch handfeste Gründe: Die Deutschen sind nicht nur Sparer, sie sind sehr konservative Sparer. Aktien sind ihnen suspekt, der Totalcrash des Neuen Marktes zur Jahrhundertwende war ihnen wieder einmal eine Lehre. Gerademal 14 Prozent aller Deutschen halten Aktien.  

Auch Lebensversicherungen rentieren nicht

Bloss rund die Hälfte der Deutschen besitzt zudem Wohneigentum, für europäische Verhältnisse ein tiefer Wert. Draghis tiefe Zinsen haben zwar auch den deutschen Immobilienmarkt befeuert, profitiert davon haben nur wenige.

Die Deutschen tragen ihr Geld am liebsten auf die Bank oder kaufen sich eine Lebensversicherungs-Police. Beides ist im aktuellen Tiefzinsumfeld eine schlechte Idee. Die beliebten Sparkassen verzinsen die Sparguthaben nicht mehr, ja weil die EZB derzeit ebenfalls Negativzinsen eingeführt hat, müssen die deutschen Sparer gar befürchten, für ihr Sparen bestraft zu werden.  

Banken und Versicherungen leiden

Die Banken leiden ebenfalls unter den Negativzinsen. Gemäss Angaben der Bundesbank mussten sie im vergangenen Jahr 248 Millionen Euro Strafzinsen an die EZB überweisen. Sie können dies nicht wie die Schweizer Banken über höhere Hypothekarzinsen kompensieren, der hohe Wettbewerbsdruck der zersplitterten Bankenlandschaft lässt dies nicht zu.  

Auch die Versicherer geraten zunehmend in Bedrängnis. Das zeigt ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Bundesbank. Die «Financial Times» fasst ihn wie folgt zusammen. «Im schlimmsten Fall muss damit gerechnet werden, dass 21 von 83 Versicherungsgesellschaften die Anforderungen an das Mindestkapital nicht mehr erfüllen.»

Die schwäbische Hausfrau bedroht Europa

Für Europa ist die sparwütige schwäbische Hausfrau eine Bedrohung geworden. Martin Wolf, der Chefökonom der «Financial Times», beklagte sich jüngst darüber, dass Deutschland nicht einmal in der Lage sei, auch nur ein Drittel seiner Sparguthaben im eigenen Land anzulegen. Diese Politik will Berlin der gesamten Eurozone aufs Auge drücken. Wer aber soll die massiven Exportüberschüsse kaufen?

Wolf befürchtet deshalb, dass der deutsche Spar- und Exportwahn ganz Europa in eine lang anhaltende Stagnation führen wird. Die deutsche Kritik an Draghi hält er für völlig verfehlt. Anstatt an der EZB herumzukritteln, würden die Deutschen besser ihr Geld ausgeben und so die Wirtschaft ankurbeln. «Sollten die Deutschen der Überzeugung sein, dass dies das europäische Projekt ernsthaft gefährden würde, dann sollten sie von ihrer Exit-Option Gebrauch machen», rät Wolf.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • saukaibli 06.06.2016 09:05
    Highlight "Der deutsche Ordoliberlismus geht davon aus, dass jedes Land für sich selbst verantwortlich ist." Dann soll DE aufhören Waren zu exportieren und zu importieren. Schäuble versteht es einfach nicht, dass DE nur so viel exportieren kann und konnte, weil andere Länder Schulden machten. Das ist eine Rechnung die eigentlich jedere Drittklässler versteht, scheinbar hat Schäuble dieses Niveau noch nicht erreicht (oder seine Demenz ist bereits zu fortgeschritten dafür).
    2 1 Melden
    • ElendesPack 06.06.2016 11:45
      Highlight Deutschland kann und konnte vor allem so viel Exportieren, weil irgendwelche Leute in anderen Ländern deutsche Produkte kauften.
      Böses Deutschland!
      3 0 Melden
  • kEINKOmmEnTAR 03.06.2016 10:55
    Highlight Ich spare auch und daran würden auch Strafzinsen nichts ändern. Ich spare ja nicht um mein Geld anzulegen sondern weil ich mich in diesen Zeiten unsicher fühle und daher eine Reserve haben möchte.
    9 0 Melden
  • Jol Bear 02.06.2016 21:25
    Highlight Wenn dank dem billigen Euro, den tiefen oder nicht mehr existierenden Zinsen seit Jahren nur nordeuropäische Länder resp. Deutschland in einem Hoch befindet, dann ist es allerhöchste Zeit, die EZB-Politik von Draghi in Frage zu stellen. Die will doch eigentlich seit Jahren die kriselnden Länder des Südens zum boomen bringen. Stattdessen gibt es die stets wiederkehrenden "Rettungspakete" für Griechenland und die (Jugend-)Arbeitslosigkeit im Süden verharrt auf Katastrophenniveau. Fazit: Draghi ist gescheitert und schiebt den Kollaps vor sich her.
    7 5 Melden
  • silverback 02.06.2016 20:55
    Highlight «Schäuble macht Draghi für den Vormarsch der AfD verantwortlich»

    Wäre schön, wenn die Hintergründe von einem Experten dann auch noch kurz erläutert würden. Hat Schäuble Ihrer Meinung nach recht Herr Löpfe? Und falls ja, weshalb?
    13 0 Melden
  • bebby 02.06.2016 20:17
    Highlight Eine Sparquote ignoriert die Vermögensverteilung völlig und hier dürfte das echte Problem vergraben sein. Wer zB kauft Aktien, wenn er nur wenig hat? Insofern ist der Aufruf zum Geldausgeben beim falschen Empfänger und schürt nur den Nationalismus.
    11 1 Melden
  • Luca Brasi 02.06.2016 19:12
    Highlight Dafür macht die schwäbische Hausfrau leckere Maultauschen. Auch einmal das positive sehen, Herr Löpfe. (Auch wenn es eine verfehlte Wirtschaftspolitik nicht aufwiegt)
    ;)
    10 3 Melden
    • Karl Müller 02.06.2016 19:48
      Highlight Oh ja, der alte schwäbische Brauch des Maultauschens! Ich durfte auch mal der Zeremonie beiwohnen, als zwei schwäbische Hausfrauen während rituellen Tänzen sich das Maul aus dem Gesicht schnitten und unter dem Jubel der Dorfgemeinschaft feierlich dem Gegenüber wieder annähten. Für uns mögen solche archaischen Sitten fremd und mitunter gar verstörend wirken, aber sowas hält die Gemeinschaft zusammen unter den Eingeborenen nördlich des Rheins.
      22 5 Melden
  • Kstyle 02.06.2016 18:37
    Highlight Sagt das mal den armen arbeitern die immer weniger in der Tasche haben. Ja die Wirtschaft brummt der export ist so hoch wie noch nie. Die löhne aber auf dem niveau vor 20jahren. Deutschland ist ein problem weil sie soviele exportieren.
    20 2 Melden
    • E7#9 02.06.2016 20:37
      Highlight Es ist trotzdem eine Mentalitätsfrage. Für diesmal gebe ich Herr Löpfe recht. Ich habe die Kriese in Spanien etwas miterleben können. Aus Angst um das Guthaben infolge Entwertung, Insolvenz der Banken oder schlichtes Misstrauen geben die Spanier ihr Geld eher aus wenn es krieselt. Das ist zwar keine wünschenswerte Motivation um Geld auszugeben, doch so kriegt das Land doch noch meist "irgendwie" noch die Kurve. Die Schwarzarbeit floriert dann prächtig. Auch das ist nicht wirklich erstrebenswert. Doch immerhin fliesst Geld und es entsteht Wertschöpfung. Auf dem Sparbuch bringt es niemandem was.
      8 1 Melden
  • Homes8 02.06.2016 18:34
    Highlight Der Artikel ist jetzt einfach zu doof um einen inteligenten Kommentar dazu zu schreiben.
    27 12 Melden
  • Keller101 02.06.2016 18:22
    Highlight Oh Mann der Herr Löpfe, jahrelang die gleiche Leier im Tagi, jetzt geht's hier weiter...der angelsächsische Kapitalismus ist ja ein echtes Erfolgsmodell. Am besten den Deutschen den Export einfach verbieten, dann hört wenigstens Löpfe auf zu jammern.
    23 8 Melden
  • TrueClock 02.06.2016 18:00
    Highlight Das Problem mit den Deutschen ist, dass sie immer weniger verdienen und Angst vor denn billigarbeitern aus dem Osten haben. Da wird einfach 3mal überlegt ob man Geld ausgeben will
    23 1 Melden
    • meliert 03.06.2016 09:57
      Highlight genau! kleines Beispiel gefällig; schaut mal auf die Nummernschilder der LKW's der deutschen Speditionen die am Gotthard fahren, mehrheitlich, PL, LT, EST etc. mit Fahrern die €600 im Monat verdienen!
      5 1 Melden
  • LeChef 02.06.2016 17:46
    Highlight Man muss hier schon privaten und öffentlichen Konsum unterscheiden. Deutschland ist, die baltischen Staaten und Luxemburg ausgenommen, das einzige Euroland, das seinen Staatshaushalt einigermassen im Griff hat. Das ist nicht schädlich, sondern löblich. Private Ausgaben andererseits kann man nicht einfach erzwingen. Jeder entscheidet selbst über seinen Konsum, der Staat kann höchstens Anreize setzen - und die sind mit den tiefen Zinsen ja gegeben. Offensichtlich herrscht gerade bei den privaten Investitionen viel zu wenig Nachfrage. Aber das ist sicher nicht die Schuld Deutschlands.
    16 4 Melden
    • Hayek1902 02.06.2016 21:30
      Highlight Die Zinsen können eben genau dies aber au verhindern. Neben dem Substitutionseffekt, den du ansprichst, gibt es auch einen Einkommenseffekt. Möchte ich mit meinem kapital den gleichen absoluten Ertrag erzielen, muss ich durch die tiefen das Risiko erhöhen oder das gesparte / investierte Kapital. Das zwingt mich wiederum dazu, die Konsumausgaben zu senken.
      2 0 Melden
    • LeChef 02.06.2016 22:58
      Highlight Auch dafür wäre aber Deutschland nicht verantwortlich ;)
      0 1 Melden
    • Hayek1902 03.06.2016 09:30
      Highlight Doch, indirekt schon. Die Zinsen werden vor allem durch die Geldmenge definiert. Durch hohe Exporte erhöht sich diese, dafür fliessen Kapitalgüter ab. Ohne Währungsunion würde sich jetzt langsam die Währung von Deutschland aufwerten und die Exporte über die Zeit unattraktiver werden, wenn sich der Nutzen oder die Kosteneffizienz nicht gleichzeitig erhöht. Da die meisten Exporte in den Euro Raum gehen, geschieht dies nicht. Ein anderer Weg wäre nun, das GER mit diesem Geld im restlichen EUROpa investiert, da der Grenzertrag durch die höheren Zinsen in diesen Ländern höher ist (Marshall-Plan).
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