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Movie director, Alfred Hitchcock, departs Australia by Qantas at Sydney Airport, 15 May 1960 (Photo by Fairfax Media via Getty Images)

Mr. Hitchcock schaut besorgt: Vor dem Abflug aus Sidney am 15. Mai 1960 beaufsichtigt er sein ganzes Gepäck lieber selbst. Verständlich.  Bild: Fairfax Media

Reisezeit, Problemzeit

Achtung, Achtung! Hier spricht Ihre Gepäckneurose!

Haben Sie auch immer so grosse Probleme mit Ihrem Gepäck? Also jedesmal, wenn Sie in die Ferien fahren? Wobei ich hier mit Fahren ganz klar Fliegen meine. Sie wissen schon, diese Sache, die an sich sehr, sehr langweilig ist, aber Flughäfen und insbesondere Gepäckbänder an Flughäfen involviert. Wobei das Gepäckband ja erst die Folge des Gepäck-Packens ist, und das ist ja schon schlimm genug.

Kennen Sie diesen Traum? Sie müssen zu einem Flug oder Zug und zwar rechtzeitig und knapp, aber Sie werden und werden mit Packen nicht fertig, der Koffer überquillt schon längst, und noch immer fehlt etwas? Nun könnte man sagen: Typisches Sinnbild für die Probleme der Überflussgesellschaft, aber die hundskommune Küchenpsychologie sieht das natürlich anders. Sie sucht das Problem wie immer gleich bei der Geburt, die ursprünglich nicht recht geklappt haben soll, und jetzt sei man eben lebenslang mit Versagensängsten geschlagen. Ich weiss nicht so wirklich, wie man sich das vorstellen muss. Soll da der Quetschvorgang bei der Geburt demjenigen beim vergeblichen Kofferpacken gleichen?

Ich glaube, wenn etwas in meinem Leben absolut langweilig normal verlief, dann war das meine Geburt. Ich weiss also nicht, woher dieser Trauma-Traum kommt, und er hat sich in den letzten Jahren, seit mein Liebesleben mir gezeigt hat, wie man richtig packt, auch einigermassen verflüchtigt. Ganz sicher, weil mein Liebesleben mir meine geburtsimmanenten Versagensängste genommen hat.

A young woman at LaGuardia Airport struggles to carry her five pieces of luggage, New York, New York, October, 1971. (Photo by Underwood Archives/Getty Images)

Auch früher war nicht alles besser! Diese Dame kämpft im Herbst 1971 am LaGuardia Airport in New York mit ihrer eklatanten Unfähigkeit, ihr Gepäck ökonomisch zu organisieren. Bild: Archive Photos

Item, das Gepäckband. Es heisst warten. Und warten. Und leiden am Warten und an seiner Ungewissheit. Denn die Möglichkeit, dass so ein Stück Gepäck einfach nicht ankommt, die besteht immer. Weil es vielleicht über dem Meer ins Wasser fiel. Oder am Mont Blanc zerschellte. Oder sowieso einfach explodierte, weil vielleicht einer Haarspraydose zu heiss war. Oder auch geraubt wurde. Oder ausgeraubt. Wie eine Leiche, der die Innereien fehlen.

Wieso das so sein könnte? Fragen Sie mich doch nicht, wieso! Hier spricht die Gepäckneurose! Und die spricht und raunt und tobt und spinnt so lange in so einem Gepäckneurotiker-Hirn herum, bis das Gepäck, dieses ausgelagerte Stück Heimat, dieser Teil von mir, dieses Bisschen Identität endlich ausgespien wird. Oder auch nicht. Nicht! Nicht!!! 

Ich hab das erst letzte Woche erlebt, die Wunde ist frisch. Wir stehen da nämlich Freitagnacht um 22 Uhr am Gepäckband 24 am Zürcher Flughafen und mir kommt einfach nichts entgegen. Zehn anderen Passagieren auch nicht. Nichts! Verzweiflung greift um sich wie ein Norovirus. Menschen werden bleich und böse. Ein netter Mann, der neben dem Gepäckband sitzt, telefoniert mit dem Bauch des Flugzeugs. Er meldet gähnende Leere.

Beim Lost&Found sitzen Menschen und nehmen Protokolle auf, ein überforderter, aber herzensfreundlicher junger Mann sagt allen, sie sollen doch bitte, bitte die beiden Vermisstmeldungs-Automaten benutzen, das gehe schneller. Die automatische Laser-Gepäcknummern-Erkennung an den Automaten ist tot, es geht entsprechend langsamer. Eine Familienmutter sagt, in ihrem vermissten Gepäck befinde sich ein Koffer mit vollgekotzten Kinderkleidern, und wenn der jetzt nicht sofort in die Waschmaschine wanderte, könne man alles wegschmeissen.

Niemand findet Gepächbänder nur lustig, nur er: Rudi Carrell wirbt 1974 für seine ARD-Show «Am laufenden Band». Bild: Peter Bischoff

Mein Liebesleben sagte: «Verdammt! Hier sollten zwanzig übermotivierte, total patente junge Frauen stehen, die Champagner verteilen und einem das Gefühl geben, alles wird gut!» Ein Mann läuft rot an und spielt Fussball mit dem Automaten. Ein anderer brüllt. Ferien reimt sich hier ganz perfide nicht mehr auf Freude. Ich brülle wahrscheinlich auch. Ich presse mir Tränen in die Augen. Doch in mir drin, das steigt ein äusserst seltsames Gefühl auf, das ich gar nicht so richtig wahrhaben will, denn es ist ziemlich gut. Es hat mit abgefallenem Ballast zu tun. Mit Neuanfang. Mit einer vagen Idee von neuen Kleidern auch. Und damit, dass das Materielle echt nicht existentiell ist. Aber ich verdränge es erfolgreich und bitte an dieser Stelle mein Liebesleben aufrichtig und noch einmal um Entschuldigung.

Lieber erinnere ich mich in jener Nacht zwanghaft an einen Kofferverlust vor zehn Jahren, in Berlin, als ich zu irgendeiner Gala musste und dachte, okay, der Koffer ist zwar noch nicht da, aber meine Kreditkarte schon, und als ich Kleider suchend in einem Warenhaus stand, kam der Warenhaus-Detektiv gerannt und schrie: «Schnell, schauen Sie nach, ob Ihr Geldbeutel noch da ist!» Aber der war dann auch weg. Überhaupt nichts sagte mir mehr, dass ich ich bin. Einen gröberen Minderwertigkeitskomplex hatte ich noch nie erlebt.

Und Sie fragen mich, weshalb ich in ganz klein wenig spinne, was die Komplexität dieses Themas betrifft? Warten Sie nur, es ist Ferienzeit, und gerade jetzt haben Sie alle Möglichkeiten, dies am eigenen Leib beziehungsweise Koffer zu erfahren!

P.S. Mein Gepäck ist inzwischen unversehrt wieder bei mir gelandet, es mag zwar nicht über die schwere Zeit der Einsamkeit sprechen, aber es scheint ihm, den Umständen entsprechend, ganz ordentlich zu gehen.



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