Aktuelle Themen:

Erstaunlich, was ich alles erblicke. bild: shutterstock/keystone/watson

So weit kommt's noch! Diese Fussballwelt sehen wir 2028 beim Blick in die Glaskugel

Die grössten Klubs der Welt träumen von einer eigenen Super-Liga, die FIFA will die WM künftig alle zwei Jahre durchführen und die UEFA hat soeben einen dritten Europacup-Wettbewerb eingeführt. Aber das ist erst der Anfang.

Publiziert: 17.09.21, 15:48

Manchmal, wenn Fussballfunktionäre gerade wieder durchdrehen ihr Geschäftsmodell zu optimieren versuchen, hole ich meine Glaskugel hervor. Ich habe sie einst auf einem Flohmarkt in Wien gekauft. Sie soll einer rumänischen Wahrsagerin gehört haben und die Zukunft so präzise voraussagen, als arbeitete in ihr das Werk einer Schweizer Uhr.

Also reibe ich an der Kugel und mache das, was jeder Fussballer in jedem Interview nach jedem Spiel sagt: Ich schaue nach vorne.

Sieben Jahre in der Zukunft bin ich nun, im Jahr 2028. Es waren sieben verflixte Jahre für romantisch veranlagte Fussballanhänger, das wird mir schnell klar. Da sehe ich nach der Aufstockung der Schweizer Super League von 10 auf 16 Teams etwa den FC Winterthur, der sich über die Belastung seiner zwei Offensivstars aus Tadschikistan beklagt.

Am Mittwoch (Anpfiff auf der Schützenwiese ist um 03.30 Uhr wegen der vielen potenziellen FCW-Fans in Vietnam) waren diese noch im UEFA-Autobahnraststätten-Cup gegen Anschi Machatschkala im Einsatz, aber schon am Freitag sollen sie auf Fidschis Hauptinsel Viti Levu mit ihrem Nationalteam spielen, welches Gastteam in der ozeanischen Nations-League-Vorqualifikation ist.

Zahlreiche Tadschiken, die sich an der U17-WM 2019 in den Fokus spielten, wurden Profi in Europa. Bild: imago-images.de

Am Samstagabend (23.00 Uhr, damit Peru nachmittags zuschauen kann) müssten die Tadschiken aber schon zurück sein, weil Winterthur dann in der Gruppenphase des Wyland-Cups die wichtige Auswärtspartie bei Ellikon/Marthalen II austrägt. Winterthur beantragte eine Spielverschiebung, aber der TV-Sender Al-Jazeera, der die Exklusivrechte am Wyland-Cup hält, pochte auf die Einhaltung des geplanten Termins.

Für jeden Gegner schwierig: ein Spiel im Hexenkessel Wyland Arena in Marthalen.

Bis dahin hofft Fussballfreund Finn aus Uster, dass sein Login für diesen Sender wieder funktioniert. Sein Passwort geht nicht mehr, dabei nimmt er eigentlich überall immer «Okocha10Jay-Jay». Die Funktion «Passwort zurücksetzen» klappt ebenso wenig, wie am Telefon den Kundendienst von Al-Jazeera zu erreichen. Ganz zu schweigen davon, dass Finns Arabisch-Kenntnisse eher knapp ausreichend sind, um das Problem zu schildern. So wird er sich wohl mit der «Gazprom October Trophy» begnügen, dem Turnier für alle Nationen, deren Name mit einem «O» beginnt.

Es ist ein Turnier, das nicht frei von Kontroversen ist. Österreich wollte liebend gerne mitmachen, weil es sich gegen den Oman und Osttimor gute Chancen ausrechnete. Aber die FIFA sprach ein Machtwort und wies Austria der «Samsung August Trophy» zu, wo das Los den Österreichern Australien, Angola und Aruba bescherte. Die Kugeln zog übrigens der charmante Giorgio Marchetti, was Fussballfans mit Herz freut: Manches ändert sich zum Glück nie.

Immer da, wenn es etwas auszulosen gilt: Giorgio Marchetti, der Herr der Kugeln. Bild: keystone

Oman und Osttimor, damit die beiden einzigen Teilnehmer der Oktober-Trophy, machen nun in einer Best-of-13-Serie unter sich aus, wer in der nächsten Runde der «Alphabet-Trophy powered by Elmer Citro» gegen die Sieger der Gruppen B, L und T antreten darf.

Jeweils die erste Halbzeit dieses Wettbewerbs wird auf NetflixSport+ übertragen, nach der Pausen-Analyse auf YoutubeSpecial folgt die zweite Halbzeit dann auf GreenTV. Ausser natürlich, man schaut auf einem Apple-Gerät zu, dann kann man nur die allfällige Verlängerung und das Penaltyschiessen sehen, sofern man nicht gleichzeitig ein Festnetz-Abo bei Sunset abschliesst.

10 miese Stockphotos von Menschen, die Fussball im TV schauen

Der 08/15-Fussballfan ist dick, weil er während des Spiels zwei Schalen Chips, drei Hamburger und einen Berg Donuts verdrückt und dazu Cola trinkt.
Ja genau, so sieht das jeweils aus, wenn Argentinien gegen England spielt: Dann versammeln sich Anhänger von Deutschland, Spanien, Italien, Holland und Brasilien mit Vuvuzelas und Konfetti in der Stube zum gemeinsamen Public Viewing.
Männer im Feinripp-Unterhemd finden Fussi supi, Frauen nervt's. Ist so, weil ist so.
Huch, wie ist das Bild hier hereingeraten? Frauen schauen doch keinen Fussball, haben wir soeben gelernt.
Hurra! Ich juble nicht nur, wenn es ein Tor gibt, sondern auch, wenn der Kameramann zeigt, dass Lionel Messi genau wie ich einen Ball aus den 1970er Jahren kickt.
Immer wenn mein Klub spielt, ziehe ich mir die Stulpen an, wenn ich im Fernsehen zuschaue. Dafür bleibt das Trikot im Kasten – bringt Glück!
Gib's zu: Auch du wedelst in der Stube nach jedem bösen Foul eines Gegners mit deiner Gelben Karte herum!
Den Symbolfan von eben gibt's auch in Blau – vor Freude über ein Tor zieht es ihm glatt den Schuh aus. Der pure Wahnsinn!
Die Anweisung des Fotografen lautete: «Jetzt gucken Sie mal so richtig entsetzt. Der Schiedsrichter hat ihrem Team einen klaren Penalty unterschlagen!»
Der Jubel der ganzen Familie ist nicht übertrieben: Wie wir im Fernseher aufgrund der dicht gedrängten Zuschauer hinter dem Tor ganz klar sehen können, muss das Spiel enorm wichtig sein.
Aaah, der Klassiker: Auch ich halte stets einen kleinen knautschigen Fussball in der Hand, wenn ein Match kommt.

Finn in Uster nervt sich, weil sein Vermieter nur Anschlüsse einer Konkurrenzfirma gestattet. Dank halblegaler VPN-Anbindung seiner Google-Brille kann er wenigstens auf diese Weise etwas sehen. Jedenfalls so lange, bis Werbebanner ukrainischer Wettanbieter aufpoppen und ihm die Sicht aufs Geschehen auf dem Platz nehmen.

Echter Fussball spielt bei Finn ohnehin je länger je mehr nur noch die zweite Geige. Meist hängt er auf Twitch ab und schaut den besten Gamern der Welt beim Zocken zu. Kein Wunder, haben schon etliche Klubs, darunter der FC Basel, der realen Welt den Rücken zugekehrt, weil in der virtuellen noch mehr Geld lockt. Priorität geniesst dort E-Sports.

Einen Grossteil der 147 Millionen Franken Ablöse für Arthur Cabral steckte FCB-Besitzer Bernhard Burgener, der den Klub ein zweites Mal gekauft hat, in den Star-Gamer «Pheel:IP DdEeGgEeNn2». Bei der Verpflichtung wurde stolz erwähnt, dass er in Südkorea, wo E-Sports riesig sei, für seine Klubs schon dutzende Millionen Preisgeld erspielt habe.

FCB-Boss Burgener und hinter ihm Ciriaco Sforza, Head of E-Sports Development beim FC Basel. Bild: keystone

Leicht verwirrt reibe ich weiter an meiner Glaskugel, die mittlerweile schon beinahe so glatt poliert ist wie der Kopf von FIFA-Präsident Mike Myers. Als erste Amtshandlung hatte dieser durchgesetzt, dass neu elf Auswechslungen pro Team erlaubt sind. Noch vom Kongress abgesegnet werden muss die Änderung der Spielzeit von 3x30 Minuten (seit 2025) auf 6x15 Minuten, was als Formsache gilt.

Hat seinen Laden im Griff: FIFA-Präsident Mike Myers. Bild: Austin Powers

Der frühere Schauspieler Myers hat illustre Vizepräsidenten um sich geschart. Dazu gehört etwa als Fairplay-Beauftragter Sergio Ramos, der sich nach seiner Spielerkarriere in einem Machtkampf gegen Gerard Piqué das Präsidentenamt des FC Barcelona sichern konnte. Ramos lässt seinen Klub in der saudischen Liga antreten, um die chronischen Finanzprobleme endlich lösen zu können. Weil auch Red Bull Madrid, früher als Real bekannt, nicht mehr in Spanien spielt, sondern in Indien, wurde zuletzt Celta Vigo spanischer Meister.

Ein anderer FIFA-Vize ist der frühere Politiker Viktor Orban, der mit einer umstrittenen Regeländerung Schlagzeilen machte. Als Präsident des ungarischen Fussballverbands verbot er im Land sämtliche bunten Trikots, so dass es dort nun häufig kuriose Szenen gibt, weil hellgraue Fussballer ihre dunkelgrau gekleideten Gegner für Mitspieler halten. Orbans Kommentar: «Alle sagen, Klicks seien die neue Währung. Und das gibt massig Klicks auf YouTube, also bleibt es dabei.»

In München kann Ungarns Verbandspräsident Viktor Orban nichts ausrichten. Bild: keystone

Unheimlich ist auch, was auf Madeira abgeht. Cristiano Ronaldo ist in seine Heimat zurückgekehrt, spielt immer noch – und hat seinen Jugendklub Nacional Funchal direkt von der zweiten Liga in die «Bifi hat Biss European Powerplayoffs» geführt. Im Halbfinal gegen Beitar Jerusalem ist Nacional Favorit. Der mittlerweile 43-jährige Ronaldo ist ein Phänomen. Seine Fitnesswerte sind laut NASA-Untersuchungen immer noch diejenigen eines 19-Jährigen und eine Analyse seiner Sprungkraft ergibt, dass CR7 höher springt als der neue NBA-Star JaKöbi Kaylin, ein Nachkomme von Einsiedler Aussiedlern.

In der Ruhe liegt die Kraft. Und im Gym.

Wegen Ronaldo wurde gar der Flughafen auf Madeira vergrössert, damit der A380 aus Dubai landen kann und die zahlreichen Pilger aus dem Morgenland ihren Messias endlich einmal leibhaftig sehen können. Nicht gebaut wurde in der Zwischenzeit in Aarau, wo die Fans aber guten Mutes sind, dass das neue Stadion ab 2031 entstehen könnte. Bereits singen sie voller Vorfreude «Torfeld Süd olé, Torfeld Süd ola, höt gönnt de FCA».

So langsam habe ich in meiner Glaskugel genug gesehen. Manchester Citys Weltfussballer Erling Haaland knackt einen Messi-Ronaldo-Rekord nach dem anderen (auch deshalb spiele CR7 immer noch, heisst es, während Lionel Messi seine Karriere bei Pepsi-Cola Al-Riad ausklingen liess). Immerhin nimmt man es Haaland ab, wenn er behauptet, er habe als Kind schon in ManCity-Bettwäsche geschlafen – Papa Alf-Inge spielte schliesslich schon dort. Bei der WM 2030 auf Haiti zählt Norwegen (Gegner in der Vorrunde: Bahrain, Benin und Liechtenstein) dank dem Knipser zum Favoritenkreis.

In der German Bundes League wurde Bayern München zuletzt mit 18 Punkten Vorsprung auf Bayern München II Meister, während neben dem HSV, Bremen und Schalke nun auch Dortmund, Leverkusen, Köln und Frankfurt nur noch in der zweiten Liga herumdümpeln. Internationale Luft schnuppern sie immerhin noch in der «Kodak Evergreen Trophy» mit Ipswich Town, dem KV Mechelen und dem FC Nordstern Basel.

Blick auf den Marienplatz in München während der Bayern-Meisterfeier 2026/27. Bild: Shutterstock

Gerade als ich die Glaskugel wieder im mit Samt ausgelegten Kistchen versorgen will, sehe ich darin noch eine Fussballszene. Ich erblicke fröhliche Buben und Mädchen, die auf einer Wiese einem Ball nachjagen, als Torpfosten dienen zwei Rucksäcke. Ihre Augen glänzen wie sonst nur vor dem Christbaum. Noch lebt der Fussball.

In Zukunft an der Seitenlinie? So könnten Ronaldo, Messi und Co. später als Trainer aussehen

Die Twitterer von Top Eleven haben in die Zukunft geschaut: Cristiano Ronaldo 2030 als Real-Trainer. Twitter/@topeleven
Lionel Messi 2030 als Barcelona-Trainer: Ob Tiki-Taka dann wieder aktuell ist? Twitter/@topeleven
Sergio Ramos tritt 2045 die Nachfolge von Cristiano Ronaldo an. Twitter/@topeleven
Zlatan Ibrahimovic – mit Goldzahn – kehrt 2035 als Ajax-Trainer zu seiner alten Liebe zurück. Twitter/@topeleven
Francesco Totti macht sich ab 2035 auf, die AS Roma zu alten Erfolgen zu führen. Vermutlich als Spielertrainer … Twitter/@topeleven
Thierry Henry könnte ab 2035 bei Arsenal der neue Arsène Wenger werden. Twitter/@topeleven

Roboter werden immer menschlicher

Video: Roberto Krone

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus