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Die Love-Life-Kampagne wurde im November 2016 lanciert. Bild: KEYSTONE

Millionen für Kampagnen und Werbung – wie der Bund seine Botschaften unters Volk bringt

Eine neue Liste zeigt detailliert, welche Mandate an private Agenturen gehen. 

Publiziert: 30.11.18, 05:15 Aktualisiert: 30.11.18, 07:15
Sven Altermatt / ch media

Events, um die Energiewende anzukurbeln. Broschüren, um für die Schweizer Luftwaffe zu werben. Aktionspläne, um Herrn und Frau Schweizer das heimische Holz schmackhaft zu machen. Wenn der Bund seine Botschaften unters Volk bringen will, setzt er gerne auf externe Profis.

Solche Agenturen sind kostspielig. Wie kostspielig, zeigt eine neue Liste: Kampagnen im Umfang von rund 20 Millionen Franken lassen die Behörden der Eidgenossenschaft allein dieses Jahr von Privaten umsetzen – eingerechnet sind allerdings nur die 25 teuersten Mandate.

Gehören zum Portfolio des Bundes: Kampagnen, die für sexuell übertragbare Krankheiten sensibilisieren. Bild: KEYSTONE

Das enthüllt eine Übersicht, die der Bundesrat nach einem Vorstoss des Aargauer SVP-Nationalrats Hansjörg Knecht erstmals veröffentlicht hat. Zu den Gesamtausgaben für extern vergebene Kampagnen im Jahr 2018 macht die Regierung keine Angaben, und auch interne Kosten sind nicht eingerechnet. Die neue Liste bringt aber Licht in den Agentur-Dschungel der Verwaltung.

Um sein Image zu pflegen und die Bevölkerung über seine Arbeit zu informieren, lässt der Bund gerne die Kasse klingeln. Für Öffentlichkeitsarbeit haben die Behörden im Jahr 2017 insgesamt 78.6 Millionen Franken ausgegeben, wie der Staatsrechnung zu entnehmen ist. Die Personalkosten machen dabei rund zwei Drittel der Gesamtkosten aus.

307 Vollzeitstellen sind mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut. Nicht publik gemacht wird, auf wie viele Personen sich diese verteilen. Die staatlichen Öffentlichkeitsarbeiter lancieren einerseits Kampagnen, andererseits schreiben sie etwa Medienmitteilungen, beantworten Anfragen oder bewirtschaften Websites.

30 Jahre Aids-Prävention

1987 – Im Februar startet das Bundesamt für Gesundheit in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe Schweiz die erste STOP AIDS-Kampagne. Erkennungslogo: ein rosarotes Präservativ. BAG
1988 – Der rosa Präservativmond wacht über den Schweizer Städten. BAG
1989 – Wertevermittlung als Botschaft: Treue.
1990 – Aufklärung: Küssen ist kein Risiko.
«Anna hat Aids. Wer wirft den ersten Stein?» Menschen mit Aids werden zunehmend diskriminiert. Der Bund tritt den Moralaposteln entgegen. Die Bundesräte Flavio Cotti und Elisabeth Kopp treten in Fernsehspots auf und appellieren an die Solidarität mit Menschen mit Aids und HIV.
1991 – Solidarität wird zum zentralen Thema der STOP-AIDS-Kampagne von 1990 und 1991.
1992 – «Ohne? Ohne mich.»
1993 – «Ich war keiner Frau ewig treu. Aber dem Präservativ schon.» Setzte die Kampagne von 1989 noch auf die Treue, rückt anfangs der 90er Jahre der Seitensprung in den Fokus. Längst ist Aids und HIV auch bei heterosexuellen Paaren ein Thema.
1994 – Tabubruch: Erstmals ein schwules Paar in einer schweizweiten Kampagne. Der Bundesrat wird aufgefordert, unverzüglich eine Ethikkommission einzusetzen, welche die Themen und Slogans der «Stop Aids»-Kampagnen prüft. Der Bundesrat lehnt die Motion ab.
1994 – Wenn schon, denn schon. Die Kampagnen passen sich der Realität an.
1995 – Ohne Worte.
1996 – «Das Präservativ immer dabei.»
1997 – Ohne Dings kein Bums wurde zum geflügelten Satz. Hat bis heute seine Gültigkeit.
1998 – Die Botschaft muss immer wieder an den Mann und die Frau kommen. Mit Humor geht es leichter.
1999 – Die meisten Kondompannen sind auf unsachgemässe Anwendung zurückzuführen. Zu gross, zu klein, falsche Seite, kein Platz für das Reservoir etc.
2000 – «Zum Glück kommt sich die Menschheit immer näher.»
2001 – «Falls Sie auch bei diesem Liebesspiel ganz sicher sein wollen.» Vaginal-, Oral-, Analsex. Das Vokabular des Durchschnittbürgers wird erweitert.
2002 – Landesausstellung: Die Plakatkampagne nimmt ein Thema an der Expo.02 auf: Verführung und Prävention.
2003 – Die Schweiz: ein Land, viele Nationalitäten.
2003 – Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) reagiert auf den Protest der Schweizer Bischöfe und zieht dieses Plakatsujet zurück. Diese hatten kritisiert, das Plakat mache die Haltung der katholischen Kirche lächerlich.
2005 – STOP AIDS wird zu LOVE LIFE STOP AIDS. Die Kampagne für mündige Bürgerinnen und Bürger. Sex haben ist gesund und tut gut. Sex kann unbeschwert geniessen, wer das Präservativ konsequent und richtig anwendet.
2006 – «Hier schützt man sich ja auch.» Sich im Alltag schützen ist eine Selbstverständlichkeit. Das gilt auch beim Sex.
2007 – Das eigene Risiko testen: www.check-your-lovelife.ch. Wir haben alle eine Vergangenheit, auch eine sexuelle.
2008 – «Auch auf Geschäftsreisen immer mit.» Umstrittenes Plakat. Leserbriefe, Protestschreiben, besorgte Eltern.
2010 – One Night Stands, gekaufter Sex, schneller Sex. Ging es zu schnell, um an Gummis zu denken? Risikocheck auf www.check-your-lovelife.ch.
2011 – «Juckt es?» HIV ist eine chronische behandelbare Krankheit. Und was ist mit Tripper, Syphilis und CO.? Wenn es juckt, wenn es beisst, wenn es kratzt – ab zum Arzt.
2012/2013 – «Mein Dings hat Dingsbums.» Alle Aufgeklärtheit zum Trotz – über Geschlechtskrankheiten zu sprechen ist nicht einfach, aber notwendig.
2014 – «LOVE LIFE – und bereue nichts». Jetzt es geht es direkt zur Sache.
2015 – LOVE LIFE-Kampagne: Wenn hinter grippeähnlichen Symptomen mehr steckt.
2015 – LOVE LIFE-Kampagne: Wenn hinter grippeähnlichen Symptomen mehr steckt.
Love Life-Kampagne 2017: «Partner wechselt. Safer Sex bleibt.»
Love Life-Kampagne 2018: «Machs mit und gewinne!» zvg
Love Life-Kampagne 2019: «Auf gehts» pd
Love Life-Kampagne 2019: «Auf gehts» pd
Love Life-Kampagne 2019: «Auf gehts» pd
Love Life-Kampagne 2019: «Auf gehts» pd

Energieamt ist Umsatztreiber

Am meisten Geld für PR und Information gibt das Innendepartement von Bundesrat Alain Berset aus, 15.3 Millionen Franken waren es 2017. Mit Ausgaben von jeweils rund 10 Millionen Franken folgen das Verteidigungsdepartement, das Finanzdepartement sowie das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

Dass das Innendepartement an der Spitze steht, überrascht nicht. In seinen Wirkungsbereich fallen die Kampagnen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), das 5 der 25 teuersten Kommunikationsaufträge unterhält. Das Auftragsvolumen dafür beträgt total 6.5 Millionen Franken.

Im laufenden Jahr überweist das BAG unter anderem 2 Millionen Franken für die bekannte «Love Life»-Kampagne gegen sexuell übertragbare Krankheiten an die Agentur Rod, wie der Liste des Bundesrats zu entnehmen ist. Für die Organspende-Kampagne fliessen 1.4 Millionen Franken an die Agentur YJOO. Den gleichen Betrag bekommt die Havas AG, um eine Kampagne gegen Antibiotika-Resistenzen umzusetzen.

Love Life! Wie die Anti-Aids-Kampagnen mit den Jahren immer heisser wurden

bag / bag
So brav begann das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 1988: Diese Anzeige musste reichen, um vor Aids zu warnen.
Genützt hat das kaum. Denn ab 1990 nahm die Zahl der Neuansteckungen mit HIV stetig zu. Das BAG versuchte es mit Romantik.
Es half ein bisschen. Die Zahl der Neuansteckungen begann abzunehmen, war aber immer noch sehr hoch. Das BAG wurde expliziter: «Ohne Dings kein Bums!»
1999 erklärte man das Ganze dann nochmals ausführlich.
2002 begann das BAG vorsichtig, primäre Geschlechtsmerkmale anzudeuten. bag / bag
Und ab 2005 wurde blank gezogen: «Eindringen immer mit Gummi.» bag / bag
Auch früher war man nackig! bag / bag
2006 gab man der Nacktheit einen neuen Twist: «Hier schützt man sich ja auch!» bag / bag
Hier auch. bag / bag
2007: Wilde Vergangenheiten am Familientisch. bag / bag
2008 brachte das BAG die Anti-Aids-Werbung dann auf den nächsten Level: Jetzt gibt's Sex – auf dem Mond! bag / bag
Und bei Tarzan und Jane – who else! ;) bag / bag
2009 gab es dann wieder was zu lesen. bag / bag
Und 2011 weitete das BAG seine Kampagne auf andere Geschlechtskrankheiten aus. Hier steht nicht mehr nur Aids im Vordergrund. bag / bag
Diese Linie fuhr das BAG 2012 weiter. bag / bag
Mein Dings hat Dingsbums. bag / bag
2014 wurde das BAG dann explizit wie nie. Gleichzeitig sind die HIV-Neuansteckungen so tief wie nie. bag / bag
Doch nicht allen gefällt's: 35 Kinder und Jugendliche aus christlich-evangelischen Kreisen forderten das BAG dazu auf, die Kampagne zu stoppen. bag / bag
Das BAG dachte nicht daran. Später entschied auch das Bundesverwaltungsgericht, dass es fraglich sei, ob die sexuellen Darstellungen Kinder und Jugendliche gefährden könnten. bag / bag
Dafür haben die Menschen beim neusten Coup wieder etwas mehr an: Die am Montag lancierte Kampagne macht auf Grippe nach Geschlechtsverkehr aufmerksam. bag / bag
Kurz nach der Ansteckung mit HIV treten nämlich grippeähnliche Symptome auf. bag / bag
GUT ZU WISSEN! bag / bag

Ein noch grösserer Umsatztreiber für private Agenturen ist das Bundesamt für Energie (BFE). Es zeichnet sich für sieben grosse Kampagnen im Umfang von total 6.9 Millionen Franken verantwortlich. Eine Aktion des BFE veranlasste SVP-Nationalrat Knecht überhaupt erst dazu, sich mit einem Vorstoss an den Bundesrat zu wenden: die Energy Challenge.

Frühere Recherchen dieser Zeitung offenbarten Ungereimtheiten rund um die Energiesparkampagne. Es geht um fragwürdige Subventionen und rechtliche Tricks, mit denen die Verantwortlichen eine öffentliche Ausschreibung umgehen konnten (siehe Box am Ende des Artikels).

Damit die Menschen landauf und landab lernen, wie sie Energie sparen können, lässt sich das BFE einiges einfallen. 925'926 Franken gehen für die Aktion «CO2-Tieferlegen» an Quade & Zurfluh, damit die Agentur energieeffiziente Fahrzeuge promotet. 600'000 Franken bekommt Burson-Marsteller für die Gemeinde-Kampagne von «Energie Schweiz» und 550'000 Franken werden an Wirz Brand Relation überwiesen, um das Gebäudeprogramm 2018 zu bewerben.

Auch eine Kampagne mit dem Ziel, leerstehende Ferienwohnungen weniger zu beheizen, gehört zum Portfolio des BFE – die Agentur Franz & René kassiert dafür 400'000 Franken. 

Staats-PR unter Beschuss

Parlamentarier kritisieren die Ausgaben für PR und Information regelmässig. «Kommunikation in der Bundesverwaltung – ein Fass ohne Boden?», lautete vor zwei Jahren der sinnbildliche Titel eines Vorstosses von FDP-Präsidentin Petra Gössi.

Manche bezeichnen die Kampagnen des Bundes als überflüssige Staatspropaganda, andere erachten sie als unabdingbar, um die Bevölkerung für dies oder jenes zu sensibilisieren. Die SVP verlangt in fast jeder Budgetdebatte eine Kürzung der entsprechenden Ausgaben. Ihr Nationalrat Hansjörg Knecht sagt: «Ich werde die neue Liste nun ganz genau anschauen und prüfen, ob die Mittel sinnvoll eingesetzt werden.»

So oder so bleibt die Öffentlichkeitsarbeit auf der politischen Agenda. Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats hat dazu eine vertiefte Untersuchung angeordnet. Man prüfe, ob die Kommunikation der Bundesverwaltung «zweckmässig und wirtschaftlich organisiert ist», heisst es bei der zuständigen Verwaltungskontrolle des Parlaments dazu. Die Resultate sollen nächstes Jahr vorgelegt werden. (aargauerzeitung.ch)

Energy Challenge: Fragwürdige Subventionen auf dem Prüfstand

Das Bundesamt für Energie (BFE) wendet viel Geld auf, um für die Energiewende zu werben. Zu der staatlichen Aufklärung gehört auch die Aktion Energy Challenge, die mit aufwendig inszenierten Ständen durchs Land tourt. Frühere Recherchen dieser Zeitung offenbarten einen fragwürdigen Umgang mit Steuergeldern: 2016 orchestrierte die Zürcher Kreativ-Agentur Aroma Productions AG im Auftrag des BFE die Energy Challenge.

Die Energiesparkampagne war ursprünglich auf ein Jahr befristet, ohne Option auf Verlängerung. Das Mandat wurde vorschriftsgemäss in einer öffentlichen Ausschreibung vergeben, das Auftragsvolumen belief sich auf 2.2 Millionen Franken.

Doch die Energy Challenge läuft noch immer. Einem Wettbewerb für den Auftrag musste sich die Agentur nicht mehr stellen. Der Trick: Das BFE überwies ihr die Millionenbeträge – viermal mehr als in der Ausschreibung seinerzeit vorgesehen – 2017 und 2018 in der Form von Subventionen.

Das BFE stützt sich auf den Standpunkt: Die Agentur habe selbst um die Subventionen gebeten. Demnach ist die Energy Challenge nun formell ein Projekt der Firma. Das BFE sagt, die «beschaffungsrechtlichen Vorgaben» seien stets eingehalten worden.

Die SVP-Nationalräte Hansjörg Knecht (AG) und Christian Imark (SO) haben sich wegen der Energiesparkampagne mit Vorstössen an den Bundesrat gewandt. Dessen Antwort ist nun zu entnehmen, dass die Unterstützung für die Energy Challenge «schrittweise zurückgefahren» werde. Für 2020 sei «keine weitere Unterstützung des aktuellen Energy-Challenge-Konzeptes» mehr vorgesehen. (sva)

Immer mehr Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch

Video: srf/SDA SRF

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